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Fed im Bond-Stress: Klartext statt Bazooka

Fed im Bond-Stress: Klartext statt Bazooka
KI-generiert
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Die billigste Waffe heißt Klarheit

Die Aufgabe der Fed besteht nicht darin, Anleger glücklich zu machen oder jeden Ausschlag am Bondmarkt einzufangen. Entscheidend ist ihre Glaubwürdigkeit beim Kampf gegen Inflation. Wenn Warsh in den kommenden Monaten verständlicher erklärt, wie die Zentralbank auf neue Inflations-, Arbeitsmarkt- und Wachstumsdaten reagieren wird, könnte ein Teil der Nervosität verschwinden. Denn die Fed besitzt zwar theoretisch enorme Feuerkraft über ihre Bilanz. Aber bevor sie diese Bazooka aus dem Keller holt, wäre Kommunikation das deutlich sauberere Instrument. Warsh betont regelmäßig, dass die Fed an ihrem Inflationsziel von zwei Prozent festhält. Den Bondmarkt hat das bislang allerdings nicht vollständig überzeugt.

Zwei Prozent reichen als Ansage nicht

Nach Warshs Pressekonferenz im Anschluss an die geldpolitische Sitzung im Juli schossen die langfristigen Anleiherenditen nach oben. Dahinter könnten Zweifel an seiner Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation gesteckt haben. Möglich ist auch, dass sich die Märkte schlicht an einen Fed-Chef gewöhnen müssen, der weniger redet als seine Vorgänger. Eine weitere Erklärung liegt in steigenden Erwartungen künftiger Zinserhöhungen. Was auch immer der konkrete Auslöser war: Die Episode zeigte, wie empfindlich der Markt momentan auf jedes Signal aus der Notenbank reagiert.

Der Markt will Warshs Spielregeln kennen

Was bislang fehlt, ist eine klar erkennbare sogenannte „Reaction Function“. Gemeint ist damit keine mathematische Zauberformel, sondern eine nachvollziehbare Erklärung dafür, welche Daten die Zentralbank besonders beobachtet, wie sie die wirtschaftliche Lage interpretiert, wie sie Inflation und Konjunkturrisiken gegeneinander abwägt und welche Entwicklungen ihre Entscheidungen verändern würden. Genau solche Leitplanken helfen Investoren dabei, mögliche Entscheidungen der Fed selbst einzuschätzen. Warsh hat in Jackson Hole noch keine vollständige Reaktionsfunktion geliefert. Sein Hinweis auf mögliche weitere Schritte gegen die Inflation war jedoch zumindest ein Anfang. Entscheidend wird nun sein, diese Linie konsequent weiterzuentwickeln. Märkte können mit schlechten Nachrichten umgehen. Was sie deutlich weniger mögen, ist Nebel ohne erkennbare Richtung.

Die nächste Zinssitzung wird zum Test

Die Unsicherheit lässt sich bereits an den Erwartungen für die kommende Fed-Sitzung ablesen. Die Märkte sehen derzeit eine Wahrscheinlichkeit von ungefähr 60 Prozent für eine Zinserhöhung. Sollte sie tatsächlich kommen, wäre es die erste Anhebung seit mehr als drei Jahren. Gleichzeitig rechnen Investoren mit mindestens einem weiteren Zinsschritt bis zum Jahresende. Wann dieser erfolgen könnte, ist allerdings offen. Genau diese Mischung aus relativ klarer Erwartung und völlig unklarem Timing hält die Spannung hoch. Für Warsh bedeutet das: Jede Pressekonferenz, jede Rede und jedes einzelne Wort wird auf die Goldwaage gelegt.

Die Renditen bleiben gefährlich hoch

Nach dem kräftigen Anstieg der vergangenen Woche hat sich die Lage am US-Anleihemarkt zuletzt etwas beruhigt. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen lag am Dienstag bei rund 4,79 Prozent und damit weiterhin in der Nähe ihres höchsten Niveaus seit 2025. Gleichzeitig nähert sie sich Regionen, die zuletzt 2023 erreicht wurden. Händler beobachten insbesondere die Ölpreise und warten auf neue Inflationsdaten. Sollten Energiepreise und Teuerungsdaten gleichzeitig nach oben zeigen, dürfte die Diskussion über weitere Zinserhöhungen schnell noch lauter werden.

Die Fed hat eine nukleare Option

Falls Kommunikation nicht reicht, besitzt die Federal Reserve ein wesentlich mächtigeres Instrument: ihre Bilanz. Die Zentralbank könnte langfristige Renditen durch umfangreiche Anleihekäufe direkt beeinflussen. Quantitative Easing, kurz QE, wäre die geldpolitische Abrissbirne im Werkzeugkasten. Praktisch gilt ein solcher Schritt unter den aktuellen Bedingungen allerdings als extrem unwahrscheinlich. Schließlich wurde QE ursprünglich für Situationen entwickelt, in denen normale Zinspolitik an ihre Grenzen stößt und Finanzmärkte oder Wirtschaft außergewöhnliche Unterstützung benötigen. Ein Bondmarkt mit hohen Renditen ist noch lange keine Finanzkrise.

QE ist die Bazooka mit Nebenwirkungen

Während der Großen Rezession blähte die Fed ihre Bilanz massiv auf. Sie kaufte Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere, pumpte dadurch Liquidität ins Finanzsystem und versuchte, die Wirtschaft zu stabilisieren, während die kurzfristigen Zinsen bereits nahe null lagen. Warsh war damals Mitglied des Fed-Gouverneursrats und unterstützte die erste Runde der quantitativen Lockerung als außergewöhnliche Krisenmaßnahme. Doch die Fed legte später weitere QE-Runden nach. Diese Maßnahmen halfen, die Märkte zu stabilisieren und die wirtschaftliche Erholung zu unterstützen – politisch und gesellschaftlich blieben sie jedoch hoch umstritten.

Warsh hat mit der alten Fed noch eine Rechnung offen

Warsh gehörte zu den Kritikern dieser immer expansiveren Linie und trat schließlich zurück. Die groß angelegten Anleihekäufe bezeichnete er sinngemäß als eine Art umgekehrten Robin Hood: Vermögende Besitzer von Finanzanlagen würden profitieren, während normale Haushalte die Nachteile zu tragen hätten. Seit seiner Rückkehr an die Spitze der Federal Reserve betont Warsh, dass die Zentralbank wieder stärker zu ihren Kernaufgaben zurückkehren müsse. Allein diese Haltung macht eine neue große QE-Offensive derzeit ausgesprochen unwahrscheinlich. Wer darauf setzt, dass die Fed einfach Billionen in den Bondmarkt wirft, dürfte also auf eine ziemlich lange Party warten.

Schon einmal hielt die Fed Renditen künstlich unten

Historisch wäre ein direkter Eingriff in langfristige Finanzierungskosten allerdings nichts Neues. Während des Zweiten Weltkriegs unterstützte die Fed die Finanzierung der enormen Staatsausgaben, indem sie die Renditen von US-Staatsanleihen begrenzte. Die Logik war brutal einfach: Der Staat musste gewaltige Summen aufnehmen, und hohe Zinsen hätten die Finanzierung des Krieges erheblich verteuert. Die Zentralbank setzte deshalb niedrige Renditen für kurzfristige Treasury Bills und länger laufende Staatsanleihen durch und kaufte jene Papiere, für die sich am Markt nicht genügend private Käufer fanden. Gleichzeitig blieben die kurzfristigen Zinsen niedrig.

Billiges Staatsgeld hatte einen hohen Preis

Was kurzfristig funktionierte, schuf langfristig ein anderes Problem. Die Fed ordnete ihre Geldpolitik faktisch den Finanzierungsbedürfnissen des Staates unter und verlor damit einen Teil ihrer geldpolitischen Unabhängigkeit. Das erschwerte später den Kampf gegen Inflation. Erst das Treasury-Fed Accord von 1951 beendete diese Konstruktion und stellte die institutionelle Unabhängigkeit der Zentralbank gegenüber dem Finanzministerium wieder her. Genau diese Geschichte ist heute relevant, weil sie zeigt, warum eine Zentralbank nicht einfach jede steigende Staatsrendite mit ihrer Bilanz niederknüppeln sollte.

Unabhängigkeit ist für Bonds bares Geld

Warsh hat wiederholt betont, dass die Unabhängigkeit der Fed unverzichtbar sei. Für den Bondmarkt ist das keine akademische Frage. Anleger, die dem amerikanischen Staat über zehn, zwanzig oder dreißig Jahre Geld leihen, müssen darauf vertrauen können, dass die Zentralbank Inflation bekämpft – selbst wenn höhere Zinsen politisch unbequem werden. Sobald der Eindruck entsteht, die Fed könnte ihre Entscheidungen den Finanzierungswünschen der Regierung unterordnen, steigt das Risiko einer dauerhaft höheren Inflation. Investoren verlangen dafür wiederum höhere Renditen. Aus einem Glaubwürdigkeitsproblem kann so ziemlich schnell ein Finanzierungsproblem werden.

Die stärkste Waffe könnte ein Mikrofon sein

Genau deshalb muss die Fed nicht sofort ihre Bilanz von rund 6,7 Billionen Dollar mobilisieren. Sie muss den Märkten zunächst glaubhaft erklären, unter welchen Bedingungen sie handelt und wie weit sie gehen würde, um die Inflation unter Kontrolle zu halten. Je besser Investoren Warshs Reaktionsfunktion verstehen, desto weniger müssen sie für politische und geldpolitische Unsicherheit einpreisen. Das wird weder Staatsdefizite beseitigen noch den gigantischen Kapitalbedarf des KI-Booms verschwinden lassen. Auch geopolitische Konflikte und steigende Energiepreise kann die Federal Reserve nicht wegmoderieren. Aber sie kann verhindern, selbst Teil des Problems zu werden. In einem Bondmarkt, der gerade auf jede neue Unsicherheit allergisch reagiert, könnte deshalb ausgerechnet das unspektakulärste Werkzeug das wirksamste sein: klare Ansagen statt Billionen-Bazooka.

Günther Suchy

Günther Suchy ist bei Business Punk Head of Digital Editorial. Daneben ist er Professor für Kommunikation und Journalismus an der Duale Hochschule Baden-Württemberg am Campus Ravensburg – also einer, der die Medienwelt nicht nur lehrt, sondern lebt. Der promovierte Volkswirt kennt den Journalismus und die digitalen Medien jenseits des Elfenbeinturms: Er leitet das Hochschulradio „Das kleine U-Boot“, baut crossmediale Ausbildungs- und Produktionsformate auf und hält dabei immer den Finger am Puls der Branche. Bevor er an die Hochschule nach Ravensburg kam, war Suchy unter anderem in der Unternehmenskommunikation von MAN und in leitenden Funktionen digitaler Medienprojekte tätig – sowie als Online-Redaktionsleiter der Automotive-Formate bei Motorvision (DSF). Seine Lehr- und Forschungsprojekte bringen ihn immer wieder in die Welt hinaus: Nach China, Chile, Marokko oder Bhutan, wo er 2024 und 2025 am Royal Thimpu College lehrte und das Nationale Olympische Komitee zum Thema „Nachhaltigkeitskommunikation im Sport“ beriet. An der Universität Durban in Südafrika gibt er Seminare zum Thema "Green Startups". Zwischen Subkultur, Startup-Mindset und System fühlt er sich zu Hause – und genau aus dieser Perspektive schreibt er für Business Punk.