Female & Forward Die klügste Investition hat keine ISIN

Die klügste Investition hat keine ISIN

Artnet-Vizepräsidentin Sophie Neuendorf über vier Tage im SHA — und warum Gesundheit das einzige Asset ist, das man nicht handeln kann.

Sie haben den Kunstmarkt digitalisiert mitgestaltet — Artnet war ein echtes Startup, bevor Startups cool waren. Was hat diese frühe Disruptions-Erfahrung mit Ihrem Verhältnis zu Risiko gemacht?

Sie hat mich gelehrt, dass die größten Risiken oft darin bestehen, sich nicht zu verändern. Als Artnet gegründet wurde, war die Idee, Preisdaten und Marktinformationen digital (oder überhaupt!) zugänglich zu machen, für viele Akteure im Kunstmarkt durchaus radikal. Transparenz wurde nicht von allen als Vorteil gesehen. Dennoch waren wir überzeugt, dass bessere Informationen zu besseren Entscheidungen führen und den Markt langfristig stärken würden.

Diese Erfahrung hat mein Verhältnis zu Risiko geprägt. Ich sehe Risiko nicht als etwas, das man vermeiden sollte, sondern als etwas, das man verstehen und aktiv managen muss. Innovation bedeutet immer, bestehende Strukturen infrage zu stellen. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass erfolgreiche Disruption nicht nur von Technologie abhängt, sondern vor allem davon, Vertrauen aufzubauen und Menschen auf dem Weg der Veränderung mitzunehmen.

Die New Yorker und Berliner Startup-Szene liebt das Narrativ des Hustles. Sie arbeiten in Märkten, in denen Reputation Jahrzehnte braucht. Wo ist das Tempo richtig — und wo ist es eine Lüge?

Tempo ist dort richtig, wo es um Lernen, Experimentieren und technologische Entwicklung geht. In diesen Bereichen kann Geschwindigkeit ein echter Wettbewerbsvorteil sein. Wer schneller testet, schneller aus Fehlern lernt und schneller auf neue Marktbedingungen reagiert, entwickelt oft die besseren Produkte und Dienstleistungen.

Eine Lüge wird das Tempo-Narrativ dort, wo es um Vertrauen, Reputation und Beziehungen geht. Im Kunstmarkt entstehen Glaubwürdigkeit und langfristige Partnerschaften nicht über Nacht. Sie basieren auf Beständigkeit, Expertise und dem Einhalten von Zusagen über viele Jahre hinweg. Technologie kann Prozesse beschleunigen, aber sie kann Vertrauen nicht beliebig skalieren. Die nachhaltigsten Unternehmen sind meist diejenigen, die beides beherrschen: die Geschwindigkeit der Innovation und die Geduld, langfristige Werte und Beziehungen aufzubauen.

Artnet-Vizepräsidentin Sophie Neuendorf
Artnet-Vizepräsidentin Sophie Neuendorf

Das Rebalance & Energise-Programm arbeitet mit östlichen Therapien, Kryotherapie, entzündungshemmender Ernährung auf Basis lokaler Produkte. Was hat etwas in Ihnen wirklich berührt?

Was mich am meisten berührt hat, war weniger eine einzelne Behandlung als die Erkenntnis, wie eng körperliche und mentale Gesundheit miteinander verbunden sind. In einem Umfeld wie New York oder in Führungspositionen gewöhnt man sich daran, permanent zu funktionieren, produktiv zu sein und die eigenen Energiereserven als selbstverständlich anzusehen. SHA hat mich daran erinnert, dass Leistungsfähigkeit nicht nur durch Anstrengung entsteht, sondern auch durch Regeneration.

Besonders beeindruckt hat mich die Kombination aus wissenschaftlicher Medizin und ganzheitlichen Ansätzen. Ob Kryotherapie, Ernährung, IV Drips oder Akupunktur – jede Maßnahme für sich mag begrenzte Wirkung haben, aber gemeinsam schaffen sie ein stärkeres Bewusstsein für den eigenen Körper. Die wichtigste Erkenntnis für mich war letztlich, Gesundheit nicht als Abwesenheit von Krankheit zu betrachten, sondern als aktive Investition in Energie, Resilienz und Lebensqualität.

Vier Tage SHA — kein Handy, kein Newsflow, keine Term Sheets. Wie lange hat es gedauert, bis sich das richtig angefühlt hat?

Wenn man ehrlich ist, dauert es länger, als man denkt. Die ersten ein bis zwei Tage greift man fast reflexartig zum Handy oder denkt darüber nach, was man gerade verpasst. Wir sind so daran gewöhnt, permanent erreichbar zu sein und Informationen zu konsumieren, dass Stille zunächst ungewohnt wirkt.

Der eigentliche Wandel kam für mich etwa am dritten Tag. Da verschwand das Gefühl, etwas zu verpassen, und wurde durch das Gefühl ersetzt, wieder wirklich präsent zu sein. Plötzlich hört man genauer zu, schläft tiefer, denkt klarer und nimmt Dinge wahr, die im normalen Alltag oft untergehen. Interessanterweise hatte ich am Ende nicht das Gefühl, von der Welt abgeschnitten gewesen zu sein, sondern ihr wieder etwas näher gekommen zu sein. Man erkennt, wie viel von dem, was wir für dringend halten, in Wirklichkeit einfach nur laut ist.

Das Rebalance & Energise-Programm setzt auf zelluläre Regeneration, östliche Therapien, entzündungshemmende Ernährung. Was davon hat Sie am meisten überrascht?

Besonders die entzündungshemmende Ernährung hat mich überrascht. Nicht, weil sie radikal oder restriktiv ist, sondern weil sie sehr konsequent auf Balance und Qualität setzt. Innerhalb weniger Tage konnte ich nachvollziehen, welchen Einfluss Ernährung auf Energielevel, Konzentration und Regeneration haben kann. Insgesamt hat mich beeindruckt, dass das Programm nicht auf schnelle Optimierung oder kurzfristige Effekte abzielt, sondern auf nachhaltige Gewohnheiten. Das ist eine Perspektive, die man auch außerhalb eines Wellness- oder Gesundheitskontexts gut auf das Leben und die Arbeit übertragen kann.

Sie haben ESG-Rahmen für Artnet entwickelt. Denken Sie Ihre eigene Gesundheit auch als persönliches ESG — mit Berichtspflicht an sich selbst?

Ich betrachte Gesundheit als ein langfristiges System. Schlaf, Ernährung, Bewegung, mentale Belastbarkeit und soziale Beziehungen sind gewissermaßen die Kennzahlen, die darüber entscheiden, ob man dauerhaft leistungsfähig bleibt. Der Unterschied ist, dass es keinen Quartalsbericht gibt und keine externen Investoren, die nachfragen. Man muss sich selbst gegenüber ehrlich sein.

In diesem Sinne war der Aufenthalt bei SHA auch eine Erinnerung daran, regelmäßig innezuhalten und zu überprüfen, wie es um die eigenen Ressourcen steht. Denn nachhaltiger Erfolg – ob bei einem Unternehmen oder bei einer Person – entsteht nicht durch maximale Auslastung, sondern durch die Fähigkeit, sich kontinuierlich zu regenerieren und weiterzuentwickeln.

Sophie Neuendorf
Sophie Neuendorf

Der Kunstmarkt misst Wert in Seltenheit und Zeit. Longevity-Medizin denkt genauso. Gibt es da für Sie eine echte Verwandtschaft — oder ist das eine zu schöne Analogie?

Ich glaube, da gibt es tatsächlich eine interessante Verwandtschaft. Im Kunstmarkt entsteht Wert oft nicht durch kurzfristige Aufmerksamkeit, sondern durch Beständigkeit über lange Zeiträume. Die Werke, Künstler und Sammlungen, die wirklich relevant werden, beweisen ihre Bedeutung über Jahrzehnte hinweg. Zeit ist gewissermaßen der ultimative Kurator.

Interessanterweise zeigt die Forschung, dass Kunst nicht nur kulturellen oder finanziellen Wert schafft, sondern auch einen messbaren Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden haben kann. Studien haben gezeigt, dass bereits der Aufenthalt in Museen oder das bewusste Betrachten von Kunstwerken Stress- und Angstgefühle reduzieren sowie das allgemeine Wohlbefinden steigern kann. Einige Untersuchungen konnten sogar einen Rückgang des Cortisolspiegels – des wichtigsten Stresshormons – nachweisen.

Longevity-Medizin verfolgt einen ähnlichen Gedanken. Sie fragt nicht, wie man heute maximale Leistung erzielt, sondern wie man Gesundheit, Energie und Lebensqualität über einen langen Zeitraum erhalten kann. Vielleicht verbindet beide Bereiche die Erkenntnis, dass Wert nicht allein in Intensität, sondern auch in Dauer liegt. In diesem Sinne ist Kunst nicht nur ein Objekt der Betrachtung, sondern kann selbst Teil eines gesünderen und ausgeglicheneren Lebens sein.

Die ersten 24 Stunden in einer Klinik wie dieser sind für viele die härtesten. War das bei Ihnen auch so?

Ja, absolut. Die ersten 24 Stunden waren wahrscheinlich die schwierigsten –weil man plötzlich aus einem sehr hohen Takt herausgenommen wird. Im Alltag ist man es gewohnt, ständig erreichbar zu sein, Entscheidungen zu treffen, Nachrichten zu verfolgen und mehrere Dinge gleichzeitig im Blick zu haben. Wenn das von einem Moment auf den anderen wegfällt, merkt man erst, wie sehr man sich daran gewöhnt hat.

Bei mir kam noch hinzu, dass die Umstellung der Ernährung und der vollständige Verzicht auf Koffein zunächst durchaus spürbar waren. In den ersten Tagen hatte ich Kopfschmerzen und musste mich an einen völlig anderen Rhythmus gewöhnen. Gleichzeitig war es interessant zu beobachten, wie schnell der Körper reagiert. Nach kurzer Zeit verschwanden die Kopfschmerzen, mein Schlaf wurde deutlich tiefer und erholsamer, und ich fühlte mich insgesamt ruhiger und ausgeglichener.

Nach etwa zwei Tagen begann sich die innere Unruhe zu legen, die Gedanken wurden klarer und die permanente Anspannung, die man im Alltag oft gar nicht mehr wahrnimmt, verschwand zunehmend. Am Ende war die größte Erkenntnis für mich, dass Entschleunigung nicht bedeutet, weniger produktiv zu sein. Oft ist sie die Voraussetzung dafür, wieder klarer zu denken, bessere Entscheidungen zu treffen und langfristig leistungsfähig zu bleiben. Das gilt für die Gesundheit genauso wie für die Führung eines Unternehmens oder den Aufbau einer Sammlung – manchmal entsteht der größte Fortschritt gerade dann, wenn man bewusst kurzzeitig einen Schritt zurücktritt.

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