Female & Forward Interview „Du bekommst die Chance nicht auf dem Silbertablett“ 

Interview „Du bekommst die Chance nicht auf dem Silbertablett“ 

LEGO-Chefin Julia Goldhammer spricht im Interview über ihren ungewöhnlichen Karriereweg und warum Erfolg selten zufällig entsteht. Sie erklärt, weshalb Chancen selten „auf dem Silbertablett“ serviert werden und warum Mut zu Herausforderungen entscheidend für den beruflichen Aufstieg ist. Außerdem verrät sie, wie LEGO Tradition, Kreativität und neue Technologien verbindet, um auch in einer digitalen Welt relevant zu bleiben.

Das Gespräch führte Franca Lehfeldt.  

Freitagmorgen, München wacht gerade auf. Julia Goldhammer (52) betritt den Frühstücksraum eines Hotels. Während andere den Koffeingehalt in ihren Kaffeetassen erhöhen, strahlt die LEGO-Chefin bereits vor Tatendrang. Dann nimmt sie Platz, und obwohl ich erahnen kann, wie Goldhammer ihren Weg an die Spitze fand, soll es in der kommenden Stunde genau darum gehen: ein Gespräch über Bausteine und Karrieresprossen. 

Business Punk: Kosmetik bei Henkel und Procter & Gamble, Kaffee bei Nespresso, dann einige Jahre bei Philip Morris und Imperial Brands. Heute Spielzeug. Strategie oder Findungsphase Ihrer Karriere?  

Ich wollte unbedingt in der Kosmetik anfangen, weil ich strategische Produktentwicklung spannend fand. Da lernt man klassisch: Wie geht Portfolio-Strategie, wie geht Brandpositionierung, wie entwickelt man Produkte? Ich habe mir gezielt amerikanische, französische und deutsche Konzerne angeschaut und mich für den deutschen entschieden, weil dort in der Zentrale der Einstieg in das globale Brand Building möglich war. Die nächsten Schritte haben sich eigentlich immer so ergeben, dass ich mich anhand der Aufgabe entschieden habe. Führung ist das, was mich am meisten fasziniert – Führung von Menschen und Führung vom Geschäft.  

Business Punk: Gibt es eine Formel für eine C-Level-Karriere und muss man ein bestimmter Typ von Mensch sein, um im Konzern nach oben zu kommen?  

Ich weiß nicht, ob man das so schwarz-weiß sagen kann. Ja, ich habe immer in Konzernen gearbeitet, aber jetzt bin ich in einem Familienunternehmen und das funktioniert in ein paar Punkten nochmal anders. Die Eigentümerfamilie achtet mehr auf die langfristige Strategie für den Erfolg und auf die Werte, für die das Unternehmen und die Marke stehen. Es wird weniger kurzfristig profitorientiert zulasten der Strategie entschieden. Man kann sich daher sehr gut auf die Erfolgsstrategien konzentrieren. Gibt es ein Patentrezept? Nein. Aber ich finde: Beförderung kommt nie mit der Zeit. Das ist nicht wie auf dem Amt. Wenn man sich sichtbar machen möchte, ist es ratsam, sich Aufgaben zu suchen, die das demonstrieren, was auf dem Level drüber gefragt wird.  

Business Punk: Die Formel könnte also heißen: Arbeite härter und suche Dir Herausforderungen?  

Auf dem Silbertablett wird dir selten im Leben eine Chance serviert. Man darf nicht darauf warten und muss schon selbst schauen: Was würde ich gern machen, was interessiert mich, und was traue ich mir zu? Da gibt es oft Frauen, die sagen: „Ah nee, das kann ich nicht, von den zehn Sachen kann ich nur acht.“ Und dann gibt es Männer, die sagen: „Wow, von den zehn kann ich fünf, also bin ich ein super Kandidat für den Job.“ Ich wurde einmal gefragt, ob ich nicht generell einfach viel Glück gehabt hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Erfolg ist kein Zufall. Weder in der Karriere noch im Business. Sondern es steckt immer viel Leistung dahinter. Glück muss man sich erarbeiten. 

Business Punk: Gab es in Ihrer Karriere einen Moment, in dem Sie dachten: „Ich muss mich zwischen der Beförderung und meiner Familie entscheiden“?  

Es ist nicht einfach, und es hilft dir auch keiner. Da helfen kein System und kein Staat. Das ist eine individuelle Entscheidung, wie man das als Familie vereinbart. Man darf sich nicht darauf verlassen, dass das Unternehmen oder der Staat das für einen hievt; das muss man sich selbst organisieren. Ich hatte schon früh entschieden: Ich möchte arbeiten. Mir ist das wichtig, mir macht das Spaß, und ich bin gut in dem, was ich tue. Also habe ich das entsprechend organisiert und umgesetzt. 

Business Punk: LEGO ist eine Love-Brand. Der Stein oder die Figur ist in nahezu allen Kinderzimmern zu Hause. Doch Spielen verändert sich, wird schneller, digitaler. Für welche Art des Spielens steht LEGO heute?  

Einmal ist es die Heritage der Marke – es geht ums Bauen und Gestalten. Du hast ein Set Steine, du erschaffst was, nimmst es auseinander und baust es neu. Die LEGO-Marke ist inzwischen mehr als nur Spielzeug; sie ist zu einem Lifestyle-Brand geworden. Ich habe selten so viele Emotionen ausgelöst, wenn ich erzähle, welches Unternehmen ich führe. Alle finden die Marke cool, innovativ und kreativ. Und das ist sie ja auch. Sie hat es über Jahre geschafft, relevant zu bleiben und neue Zielgruppen zu gewinnen. Es ist eine Marke für Jung und Alt. Sie hat diesen edukativen Ansatz, aber für Erwachsene ist es auch Me-Time, Wellness, Zen. Man kann durch das kreative Gestalten abschalten. Ich höre ganz oft: „Zum Feierabend baue ich an meinen LEGO Botanicals oder an meinem Harry-Potter-Schloss weiter.“  

Business Punk: 2021 kündigte LEGO an, das Spiel künftig „so inklusiv wie möglich“ zu gestalten, Schluss mit Geschlechterstereotypen. Sollte man als Spielzeughersteller einen erzieherischen Ansatz verfolgen? 

Wir versuchen keinen zu erziehen. Ich finde am wichtigsten, dass der Konsument selbst entscheiden kann. Ich würde nicht sagen: „Mädchen sollen mit diesem spielen und Jungs mit jedem.“ Wenn ein Mädchen mit dem Prinzessinnenschloss spielen möchte, dann soll es das tun. Und wenn es die Piratenburg haben will, dann soll es die Piratenburg auch bekommen. Ich würde beides anbieten. Das habe ich mit meinen Töchtern auch so gehandhabt. 

Business Punk: Zum Thema Spielen und Zukunft: Ihre jüngste große Innovation ist der sogenannte „Smart Brick“. Kommen selbst Bausteine nicht am technologischen Fortschritt vorbei?  

Ich finde diesen kleinen schlauen Baustein tatsächlich beeindruckend. Da steckt mit über 20 Patenten unglaublich viel Technologie dahinter. Das ist krass, wenn man sieht, wie klein der ist. Wenn man den neuen LEGO-Stein dann in Interaktion erlebt, ist es schön zu sehen, was das auslöst: Wenn zwei Kinder nebeneinanderstehen, mit ihrem Spielzeug interagieren, und diese dann dank der smarten Steine Töne machen und auf Bewegungen reagieren. Das ist noch mal ein neues Level, und ich finde die Interaktion unheimlich schön. Das Spielzeug spielt erstmals zurück. Die Technologie spielt eine sehr schöne, emotionale Rolle. Das entspricht, glaube ich, ganz gut unserer Zeit. 

Business Punk: Kinder verbringen heute mehrere Stunden täglich vor Bildschirmen. Was macht es mit einem Menschen – mit einem Kind, aber auch mit einem Erwachsenen – eine Stunde lang physisch mit Steinen zu bauen, verglichen mit einer Stunde auf Social Media?  

Bei Kindern sehen wir stark, wie das LEGO-Spiel ihre Entwicklung durch das Ausprobieren und ihre Kreativität fördert. Erwachsene profitieren vom haptischen Abschalten der manchmal digitalen Hektik. Es ist ein Stückchen Me-Time und Wellness. Die Mischung aus dem Erlebnis beim LEGO Bauen und der Freude am Ergebnis, wenn das fertige Modell im Wohnzimmer steht, begeistert die Menschen. 

Business Punk: Ihre Karriere ist durch konsequente Wechsel an die Spitze geführt worden. Wo wollen Sie selbst in zehn Jahren stehen? Bleibt LEGO Ihr Zuhause oder suchen Sie die nächste große Aufgabe schon irgendwo am Horizont?  

Ich finde den Job, den ich jetzt habe, großartig und spannend. Höre ich in ein paar Jahren auf zu arbeiten? Nein, um Gottes Willen. Ich brauche permanent eine Challenge und dieses Ziel, dass man zusammen was bewegen kann. Das macht mich glücklich.  

Business Punk: Gibt es einen Wert, der Sie leitet? 

Tatsächlich: „Einfach kann jeder.“ Das leitet mich. Ich habe mir nie den einfachen Weg ausgesucht, bin oft ins kalte Wasser gesprungen, weil mich das weiterentwickelt hat. Der schwierigere Weg ist meistens der richtige. Und: Stehenbleiben ist kurzsichtig. Je mehr du dein Gehirn forderst, umso besser funktioniert es. Wenn du was Neues ausprobierst und merkst: „Ha, kann ich auch“, dann ist das ein umwerfendes Gefühl. 

Vielen Dank für das Gespräch!

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