Female & Forward Interview mit Franca Lehfeldt und Nena Brockhaus: „Wir sind Männer“

Interview mit Franca Lehfeldt und Nena Brockhaus: „Wir sind Männer“

In unserem neuen Printheft „Invest in Innovation“ (seit 28. März im Handel) sprechen wir mit Franca Lehfeldt und Nena Brockhaus über ihr Erfolgsrezept. Das ist radikal und ehrlich: Leistung, Loyalität – und manchmal rote Rosen nach einem Streit. Einen exklusiven Einblick in unser neues Heft geben wir Ihnen hier vorab. Im Gespräch erklären die Gründerinnen von Women on Top, warum Deutschland seinen Leistungswillen verloren hat und weshalb sie sich selbst „wie Männer“ sehen.

Franca Lehfeldt und Nena Brockhaus kennen sich seit neun Jahren. Mit WoMen on Top führen sie eine Medienplattform für Frauen und Männer, die gemeinsam mehr erreichen wollen. Wir sitzen bei Italiener in Berlin-Charlottenburg. Der Kellner hat Mühe, die Bestellungen aufzunehmen, weil das Gespräch von der ersten Minute an hin und her wogt. Es geht um politisches, um unternehmerisches. Nach der Pasta wird es persönlich und Franca erklärt, das Geheimnis ihrer Zusammenarbeit: Manchmal sind rote Rosen nötig.

Business Punk: Franca und Nena, ihr kommt ständig mit Unternehmern und Politikern zusammen. Was ist euer Eindruck: Ist Deutschland gerade ein innovatives Land?

Nena: Solange wir in Deutschland nicht endlich wieder unsere Hausaufgaben machen und alte Tugenden wie Kundenservice wiederbeleben, müssen wir uns gar nicht erst mit Innovation beschäftigen. Deutschland war immer dann innovativ, wenn Fleiß, Qualität und Pragmatismus zusammenkamen.

Business Punk: Was meinst Du damit?

Nena: Nehmen wir als Beispiel einmal den Dienstleistungsbereich. Taxifahren zum Beispiel. 90 Prozent der Taxifahrer telefonieren während der Fahrten. Kaum einer steigt mehr aus, um den Kofferraum zu öffnen. Diese Null-Bock-Haltung zieht sich durch alle Branchen. Ich würde die These aufstellen: Du kannst heute Pfeffermühlen herstellen, was kein sonderlich innovatives Produkt ist, aber wenn du pünktlich Qualität lieferst und dein Kundenservice erreichbar ist, wirst du Multimillionär. Wir müssen die Prozesse in unserem Land wieder auf die Reihe bekommen, und das bedeutet: Zurück zum Qualitätsbewusstsein!

Franca: Das stimmt. Hinzukommt, dass wir hierzulande im Dienstleistungsbereich leider nie so atemberaubend waren. „Auf der Terrasse nur Kännchen“, war schon ein Running Gag meiner Eltern. Deutschland hat generell an Leistungswillen verloren. Wir waren mal Technologieführer in vielen Branchen. Wir sind es nicht mehr. Das hat leider nicht nur mit falschen politischen Rahmenbedingungen zu tun, die Produktion in unserem Land teuer gemacht haben. Wir haben auch nicht mehr den Technologievorteil wie früher, erzählen mir Leute aus der Praxis. Nebenbei, auch die Schweiz ist teuer. Im Unterschied zu uns hat sie aber Produktivitätszuwachs. Made in Germany leuchtet nicht mehr.

Business Punk: Schade?

Franca: Mehr als das. Das ist ein Desaster für uns. Denn unser Lebensstandard sinkt, unser Lebensstil ist gefährdet.

Nena: Deutschland hatte nie ein Google. Auch kein McDonald’s oder Starbucks. Klar, wir haben SAP, aber unser Standortvorteil lag immer in unseren industriellen Prozessen. Unsere Stärke liegt in Präzision, Ingenieurskunst und hochkomplexenProduktionsprozessen. Vom Maschinenbau bis hin zur Automatisierung. Wenn es um generative KI geht, liegen die USA vorne. Aber der eigentliche Hebel für Deutschland liegt woanders: Was die industriellen Prozesse betrifft, müssen wir uns jetzt mit KI an die Spitze setzen. Das ist nachhaltiger als die Jagd nach dem nächsten Unicorn.

Franca: Im Fahrzeugbau oder der Chemie hatten wir schon mal mehr als nur Prozesse. Da hatten wir die Nase vorn. Aber Nena hat insofern Recht, dass wir nach vorne schauen müssen. Da finde ich eine Zukunft in Abhängigkeit von chinesischen oder amerikanischen KI-Modellen allerdings auch nicht verheißungsvoll. Da muss mehr kommen.

Business Punk: Ich kann dieses Gerede vom Vorbild USA nicht mehr hören . . . wo sind eigentlich unsere Kraftquellen?

Nena: Die Mittelständler sind unsere Kraftquellen. Kein Land hat so viele Hidden Champions wie wir. Unser Problem liegt im politischen Führungspersonal. Anstatt vernünftige Rahmenbedingungen für unsere Wirtschaft zu schaffen, geht es zu vielen Spitzenpolitikern bloß um ihren nächsten Karriereschritt. Die meisten Politiker heutzutage wollen Stars sein. Ihre eigene Personal Brand aufbauen. Zu wenige von ihnen begreifen sich noch als Dienstleister des Volkes. Der Fisch stinkt in Deutschland vom Kopf.

Business Punk: Das ist eine Folge der Mediendemokratie. Da müssten wir uns wohl an die eigene Nase fassen.

Nena: Stimmt. Medien müssen nicht jedes Urlaubsfoto von Politikern verbreiten. Politik sollte über Inhalte sichtbar werden, nicht über Inszenierung. Spätestens seit Gerhard Schröder als erster Politiker das Titelbild von BUNTE zierte, hat sich die Grenze zwischen Politik und Boulevardisierung spürbar verschoben. Nahezu jeder Bundestagsabgeordnete hat heute ein eigenes Social-Media-Team, bezahlt vom Steuerzahler. Da stellt sich schon die Frage: Dient das der demokratischen Information oder der Selbstvermarktung?

Franca: Ich glaube, dass schon Ludwig Erhard alle Elemente einer Personal Brand in der Politik hatte. Spätestens aber Willy Brandt. Und wo ist das Problem mit Social Media? Politiker gehen dahin, wo das Volk ist. Denn die Parteien wirken an der Willensbildung des Volkes mit. Das ist ihr Verfassungsauftrag. Ich teile gar nichts von den Meinungen von Heidi Reichinek, aber sie erreicht Menschen.

Business Punk: Seid ihr Unternehmerinnen?

Nena: Nein, ich bin Journalistin mit unternehmerischem Anspruch.

Franca: Ja, ich bin Journalistin und Unternehmerin. Ich habe meine eigene Produktionsfirma LEHFELDT& Team gegründet oder gemeinsam mit Nena Women on top.

Nena: Stimmt, WOT gehört mir zur Hälfte, aber deswegen würde ich mich selbst nicht als Unternehmerin bezeichnen. Es gehört mehr dazu, Unternehmerin zu sein. Ich bin mit einem Familienunternehmer verheiratet. Wir sind seit 16 Jahren zusammen. Durch ihn weiß ich, was es bedeutet, morgens aufzuwachen und die Gehälter für 180 Mitarbeiter zu zahlen. Menschen, die noch nie einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz für jemand anderen geschaffen haben, aber sich in ihrer Instagram-Biografie als Unternehmer bezeichnen, kann ich nicht ernst nehmen. Ich habe mir dementsprechend eine eigene Regel auferlegt: Sobald ich selbst fünf sozialversicherungspflichtige Jobs geschaffen habe, werde ich mich voller Stolz als Unternehmerin bezeichnen. Vorher nicht.

Franca: Mein Bild von Unternehmertum ist tatsächlich breiter.  Es ist vor allem eine Haltung. Leistung, Ehrgeiz, Fleiß und Mut gehören dazu, aber auch Verantwortung gegenüber dem Team, unabhängig von der Art des Beschäftigungsverhältnisses. Der Selbständige, der das Familienerbe verwaltet, kann viel weniger Unternehmergeist haben als die Rektorin einer Grundschule, die zwar Beamtin ist, aber mit viel Tatkraft Widerstände überwindet und Probleme löst. Für mich ist Unternehmertum wie ein Gen, das hast du in Dir oder nicht, so wie es besonders musikalische oder handwerklich geschickte Menschen gibt. Und dieses besondere Talent wird oft zu wenig gefördert und unterstützt.

Nena: Ob es dieses Gen gibt, wage ich zu bezweifeln. Aber es gibt definitiv eine familiäre Prägung. Mein Vater hatte seine eigene Firma, meine Mama ist selbstständig mit ihrer eigenen Hausverwaltung. Mir war schon mit achtzehn Jahren klar, dass ich später einmal selbstständig sein möchte. Das Versprechen an mich selbst habe ich dann im Juli 2023 mit 30 Jahren eingelöst. Mein Sohn war damals erst fünf Monate alt. Manche haben mich für verrückt gehalten, die sichere unbefristete Vollzeitstelle als Wirtschaftsjournalistin und Fernsehmoderatorin beim Axel Springer Verlag aufzugeben, aber ich habe meine Entscheidung nie bereut und kann es mir nicht mehr vorstellen, angestellt zu sein.

Business Punk: Lohnt es sich fleißig zu arbeiten?

Franca: Absolut. Ich kenne die Erfahrung, die Nena gemacht hat. Das teilen wir. Ich habe meine Festanstellung als Fernsehjournalistin und Moderatorin, für die Existenzgründung aufgeben. Das war eine Prägung. Mein Vater war in den siebziger Jahren in einem Musikkonzern beschäftigt, hat die Rolling Stones und andere produziert. Aber er stieß an Grenzen. Also hat er sich mit Plattenländen selbständig gemacht. Alle haben ihn für verrückt gehalten. Am Anfang. Der Erfolg kam – ein Ergebnis von Risikobereitschaft und Fleiß.

Nena: Allerdings muss sich Arbeit finanziell lohnen. Es muss sich für einen Industriearbeiter rentieren, länger zu arbeiten. Das ist ein Thema, das mich sehr bewegt. Viele Firmen haben für ihre gewerblichen Mitarbeiter mittlerweile Zeitkonten eingeführt. Dadurch kann man seine Überstunden nur noch abfeiern. Wie sollen sich die Mitarbeiter so ihren Urlaub dazuverdienen? Oder für ihre Kinder die Nachhilfestunden bezahlen? Arbeit muss sich in unserem Land endlich wieder lohnen. Dafür ist eine wirtschaftliche Erholung die Grundvoraussetzung.

Business Punk: Wie arbeitet ihr zusammen?

Franca: Wir geben uns gegenseitig Raum – nicht im Sinne von Distanz, sondern zur individuellen Entfaltung. Niemand kontrolliert, wann oder wie die andere arbeitet. Uns verbindet zudem, dass wir beide ein Boomer-Mindset in Bezug auf unsere Arbeitseinstellung teilen.

Business Punk: Wo ergänzt ihr Euch?

Franca: Kaltakquise und Sales – da macht Nena niemand etwas vor.  Das ist ihre Superpower! Das kreative Weiterdenken, da bin ich gefordert. Wir sind ein top Team. Und bevor du jetzt fragst: Natürlich kommen wir uns auch in die Quere. Manchmal läuft es auch genau umgekehrt.

Nena: Wir sind gleichstark. Mit jemanden ein Geschäft zu führen, der nicht gleich stark ist das geht auf Dauer nicht. Für unsere Zusammenarbeit ist auch entscheidend, dass bei uns beiden die Qualität stimmt. In der Praxis bedeutet das: Es ist egal wer von uns auf eine E-Mail antwortet. Wir müssen uns da auch nicht abstimmen. Das bedeutet nicht, dass wir uns nie streiten. Aber dann schicken wir uns eben Rosen.

Business Punk: Wirklich Rosen?

Franca: Ja, rote Rosen.

Business Punk: Wofür waren die letzten Rosen?

Franca: Für Freundinnenschmerz. Da schickte ich ihr Rosen mit einem Mick-Jagger-Zitat.

Business Punk: Gibt es ein Motto, das euch verbindet?

Nena: Ja, Kritik ist Liebe. Vermutlich gibt es deswegen auch wenige Menschen, mit denen ich mich so krass streite wie mit Franca. Wir sagen uns immer die Meinung. Ich kann nicht mit Duckmäusern und Low-Performern zusammenarbeiten. Franca ist für mich der Inbegriff des Leistungsprinzips. Und das brauche ich an meiner Seite.

Franca: Ich kenne nur meine Mutter, die mich so hart kritisieren darf wie Nena (lacht). Das hat auch seinen Grund, denn ich weiß bei beiden, dass sie gnadenlos sind, aber dabei immer ehrlich. Von diesen Menschen trifft man nicht viele im Leben, sie sind Unikate, die man gut festhalten sollte. Nena und ich haben keinen internen Wettbewerb. Eine Großzügigkeit in der täglichen Arbeit und auch das Gönnen von Erfolg sind unheimlich wichtig.

Nena: Ja!

Franca: Wir haben ein gemeinsames Postfach und Konto. Wir neiden einander nicht.

Nena: Nein!

Franca: Neid ist etwas, was bei vielen Verhältnissen dazu führt, dass etwas kippt. Am Ende geht es um die Sache – wer das Tor schießt, ist egal.

Business Punk: Falls ihr mal sauer aufeinander seid – dauert das Stunden, Tage, Wochen?

Franca: Seit wir älter geworden sind höchstens Stunden!

Nena: Wenn ein anderes Thema kommt, das wichtiger ist, schreiben wir uns manchmal: Wir müssen jetzt Streitpause machen.

Business Punk: Wie kommt es, dass es offenbar so gut läuft zwischen euch?

Franca: Wir sind beide im selben Beruf groß geworden – und das prägt. Journalismus ist sehr kompetitiv. Nicht jeder sieht gerne zu, wie man wächst. Das war bei Nena vom ersten Tag an anders. Es hat sofort gefunkt! Es macht mich superstolz, wenn ich an die Momente denke, in denen wir als Journalistenschülerin über TV-Formate und einen eigenen Verlag philosophiert haben – vom Mindset waren wir stets oberhalb unserer Gehaltsklasse unterwegs – und dann sehe, wo wir beide heute stehen. Nena hat ihre eigene TV-Sendung, managt dafür ihr Arbeits- und Privatleben mit der gesamten Familie zwischen Düsseldorf und Berlin. Das ist dieser Nena-Vibe, vergleichbar mit Überschall.  Nie beschwert sie sich, sieht alles als Chance und gibt dabei immer 110 Prozent. Parallel wächst unser Medien-Startup WOT – wir sind unserem Traum dicht auf den Fersen.

Business Punk: Hat das was Weibliches?

Nena: Bei uns hat es wie bei der ersten großen Liebe Klick gemacht. Wir waren beide Journalistenschülerinnen. Noch ganz am Anfang. Niemand kannte uns in der Branche. Ich habe dieses braunhaarige Mädchen in der Lobby bei RTL gesehen und fand sie unheimlich cool. Es gab ein gegenseitiges Erkennen. Meine Mama hat mir von klein auf beigebracht, dass man stolz auf seine Freundinnen sein muss. Ich bin sehr stolz auf Franca. Vor allem wie sie es aktuell schafft ihre Karriere und ihre kleine Tochter zu verbinden. Wie sie in beiden Rollen brilliert, macht mich sehr stolz zu sehen. Und wir haben uns von Anfang an in unseren Karrieren unterstützt. Es ist kein Zufall, dass unsere Karrieren sehr parallel verlaufen sind.

Franca: Überhaupt nicht. Wir sind wie Männer. Wir bauen uns die Räuberleiter. Das machen Frauen leider zu selten. Frauen sehen sich häufig erst als Konkurrentinnen, statt als Verbündete. Daran kranken wir Frauen.

Nena: Ich würde auch sagen, dass wir beide Männer sind. Auch was Selbstzweifel betrifft. Diese haben Franca und ich nicht. Andere Frauen mögen das nicht, wenn man das über sich selbst sagt. Sie finden das zweifelhaft, was mich überrascht. Würde man einen erfolgreichen Mann nach seinen Selbstzweifeln fragen? Wohl eher nicht. Wir Frauen sind es gewohnt, für Stärke nicht gelobt, sondern gerügt zu werden. Ich möchte das Gegenteil. Ich möchte, dass wir Frauen gemeinsam stark sind.

Franca: Männer gucken mehr auf das Ergebnis. Sie gründen einen Boys-Club und protegieren sich gegenseitig. Frauen sperren sich oftmals gegenseitig aus.

Business Punk: Einen Girls-Club gibt es nicht?

Franca: Doch, aber die sind häufig abschreckend, weil sie nach außen behaupten, etwas anderes zu sein, und nach innen läuft es genauso ab, wie ich das gerade beschrieben habe.

Business Punk: Was ist euer Ziel?

Nena: Bis 2027 wollen wir mit WOT die eine Million Euro Umsatz Marke geknackt haben. Und für unser Leben? Dass wir für immer Freunde bleiben.

Business Punk: Wie die Kessler-Zwillinge?

Franca: Eher wie Tom und Bill Kaulitz. Du kannst raten, wer, wer ist.

Dieses Interview sowie viele weitere spannende Beiträge finden Sie in unserem neuen Printheft „Invest in Innovation“.

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