Female & Forward Million Dollar Baby: She’s Punk Interview

Million Dollar Baby: She’s Punk Interview

Unternehmensnachfolge statt Neugründung: Lisa Stuhler erklärt, warum Search Funds eine spannende Chance für den deutschen Mittelstand sein können. Aus unserem aktuellen Heft 2.2026.

Lisa Stuhler will einen Mittelständler kaufen und selbst führen. In den USA funktioniert dieses Modell seit Jahrzehnten erfolgreich – könnte es auch in Deutschland funktionieren?

Das Interview führte Sina Hoffmann

Verantwortung übernehmen, Arbeitsplätze sichern, ins Risiko gehen: Allen Untergangsszenarien zum Trotz scheint der Unternehmergeist Deutschland noch nicht verlassen zu haben. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung kann sich fast jede:r zweite junge Mensch in Deutschland zumindest vorstellen, eine Firma zu führen. Doch wer weder aus einer Unternehmerfamilie kommt noch über Millionen auf dem Konto verfügt, dann bleibt dieser Weg meist versperrt. Gleichzeitig suchen tausende mittelständische Firmen händeringend nach einer Nachfolge. Eine Lösung für dieses Problem hat sich Lisa Stuhler nun selbst gebaut. Mit „Tilia Nachfolgekapital‘‘ hat die 34-Jährige aus München als erste Frau in Deutschland einen eigenen Search Fund aufgelegt – und sucht nun gezielt branchenübergreifend nach einem mittelständischen Unternehmen, das sie übernehmen kann. Im Interview erklärt die ehemalige Strategieberaterin und frühere Chief Strategy Officer einer PE-geführten Agentur, warum sie nicht gründen, sondern übernehmen will – und weshalb darin eine der unterschätztesten Chancen für den deutschen Mittelstand liegt.

She’sPunk: Lisa, du suchst aktuell nach einem mittelständischen Unternehmen mit einem Firmenwert zwischen fünf und 50 Millionen Euro, das Sie kaufen und künftig selbst führen möchten. Wie kommt man auf so eine bolde Idee?

Lisa Stuhler: Reiner Zufall. Meine Eltern haben beide kein Abitur, Unternehmertum wurde mir also nicht in die Wiege gelegt. Ich habe aber lange als Strategieberaterin gearbeitet und dabei gesehen, wie unterschiedlich Unternehmen wachsen und geführt werden. Irgendwann bin ich über eine LinkedIn-Anzeige auf das Thema Search Funds gestoßen. Rein aus Interesse habe ich einen kurzen Calendly-Call gebucht, ohne wirklich zu wissen, worum es dabei geht. Danach hat mich das Konzept nicht mehr losgelassen.

She’sPunk: In den USA sind Search Funds seit Jahrzehnten ein etabliertes Modell der Unternehmensnachfolge. In Deutschland sind sie noch weitgehend unbekannt. Was genau steckt dahinter?

Lisa Stuhler: Bei einem solchen Fund sucht eine Person, oder auch ein kleines Team, gezielt nach einem gesunden, profitablen mittelständischen Unternehmen. Im Hintergrund stehen Investor:innen – in meinem Fall ein Family Office – die sowohl die Suche als auch die spätere Akquisition finanzieren. Nach dem Kauf übernimmt die suchende Person, also ich, operativ die Geschäftsführung.

She’sPunk: Das klingt riskant. Wie findet und überzeugt man die Geldgeber:innen?

Lisa Stuhler: In Deutschland ist die Search-Fund-Community noch klein, aber es gibt bereits einige Netzwerke, Events und WhatsApp-Gruppen. Ich habe meine Investor:innen letztlich mit meinem Profil, meinem Hintergrund und meinem strategischen Konzept überzeugt. Sie vertrauen darauf, dass ich ein passendes Unternehmen finden und erfolgreich weiterführen kann. Gleichzeitig weiß ich durch den frühen Austausch auch sehr genau, welche Art von Unternehmen sie grundsätzlich interessant finden und unterstützen würden. Die Suche ist also kein Blindflug.

She’sPunk: Wie läuft die konkret ab?

Lisa Stuhler: Der klassische Weg führt über Berater oder Vermittler, die potenzielle Käufer mit Unternehmen zusammenbringen. Zunächst erhält man anonymisierte Unternehmenszahlen, kann sich ein erstes Bild machen und bei Interesse wird anschließend der Kontakt hergestellt, ähnlich wie bei Maklern im Immobilienbereich. Der zweite Weg ist deutlich proaktiver. Dabei recherchiert man selbst über Datenbanken, Netzwerke und Marktanalysen nach passenden Unternehmen und spricht diese direkt an, etwa per E Mail oder Cold Call.

„Für mich persönlich hat sich im Laufe der Zeit auch gezeigt, dass meine Stärken weniger darin liegen, ein Unternehmen von null auf eins aufzubauen, sondern eher darin, es von eins auf zehn weiterzuentwickeln”, so Lisa Stuhler

Bild: Lisa Stuhler

She’sPunk: Viele Eigentümer:innen haben ihre Firma über Jahrzehnte aufgebaut. Ein Verkauf ist meist keine nüchterne Businessentscheidung, sondern hochemotional. Wie reagieren Menschen darauf, wenn sich plötzlich eine junge Frau meldet und ihr Lebenswerk übernehmen möchte?

Lisa Stuhler:  Sehr unterschiedlich. Ich argumentiere dann immer, dass ein Search Fund vor allem eine persönliche Lösung ist. Anders als bei klassischem Private Equity wissen Eigentümer:innen genau, wer ihr Unternehmen künftig führt. Gleichzeitig geht es auch nicht darum, die Firma einfach in einen größeren Konzern zu integrieren oder schnell weiterzuverkaufen. In der Übergangsphase arbeitet man oft eng mit dem/der bisherigen Eigentümer:in zusammen, besucht gemeinsam Kund:innen, lernt Prozesse kennen und übernimmt Schritt für Schritt Verantwortung.

…und vermutlich auch Strukturen, die lange niemand hinterfragt hat.

Gerade da sehe ich viel Potenzial. Viele Geschäftsführer:innen führen ihre Unternehmen seit Jahrzehnten erfolgreich und hatten nie den Druck, sich ständig neu zu erfinden. Deshalb blieben bestimmte Themen wie Digitalisierung und AI bewusst liegen, insbesondere kurz vor dem Ruhestand. Gerade Menschen mit digitalem Verständnis, Beratungs- oder Transformationserfahrung können hier viel bewegen.

She’sPunk: Warum wird dieses Modell nicht viel mehr in Deutschland beworben?

Lisa Stuhler:  Ich glaube, das liegt unter anderem daran, dass Unternehmensnachfolge lange Zeit klassisch innerhalb der Familie geregelt wurde. Gleichzeitig fehlt hierzulande schlicht die Sichtbarkeit. Als ich meinen MBA gemacht habe, wurde darüber überhaupt nicht gesprochen. In den USA hingegen wird das Thema direkt an Universitäten gelehrt.

She’sPunk: Was schlägst du vor?

Lisa Stuhler: Wenn wir es schaffen, Unternehmensnachfolge stärker in die Curricula zu integrieren, ist schon viel gewonnen. Aktuell denken viele nach dem Studium vor allem ans Gründen. Dabei kann die Übernahme genauso spannend sein. Gerade für Menschen mit fachlichem Hintergrund, etwa aus der Chemie oder dem Engineering-Bereich, die vielleicht viel besser zu einem bestehenden Unternehmen passen als zur nächsten Startup-Idee

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