Finance & Freedom Altersvorsorgedepot: Die Kostenfalle hinter der Riester-Reform

Altersvorsorgedepot: Die Kostenfalle hinter der Riester-Reform

Ab 2027 startet das Altersvorsorgedepot – mit besserer Förderung und Aktien-ETFs statt Garantiezwang. Doch die Finanzbranche lauert schon: Gebühren bis 2,5 Prozent fressen Zehntausende Euro auf.

Bundestag und Bundesrat haben die Riester-Reform durchgewunken. Ab Januar 2027 tritt das Altersvorsorgedepot in Kraft – mit bis zu 540 Euro staatlicher Förderung pro Jahr, ohne Beitragsgarantie und erstmals offen für Selbstständige. Auf dem Papier klingt das nach einem Neustart für die private Altersvorsorge. Die Realität wird brutaler: Während die Politik von Renditechancen schwärmt, bereitet sich die Finanzbranche auf eine Verkaufswelle vor. Und die hat es in sich.

Warum Riester gescheitert ist

Die alte Riester-Rente zwang Anbieter zur Beitragsgarantie. Resultat: Das Geld floss in mickrig verzinste Anleihen, Aktien blieben außen vor. Parallel fraßen Kosten von zwei bis drei Prozent jährlich die ohnehin magere Rendite auf.

Mehr als jeder vierte Vertrag wurde gekündigt oder stillgelegt, laut Wmn. Viele Sparer hätten mit einem simplen Tagesgeldkonto mehr erreicht. Das Finanzministerium räumt ein, das System sei zu kompliziert und werde zu wenig genutzt.

Das neue Depot: Mehr Chancen, neue Risiken

Das Altersvorsorgedepot erlaubt vollständige Investitionen in Aktien-ETFs. Die Garantiepflicht entfällt, dafür trägt man das Kursrisiko selbst. Die Förderung funktioniert gestaffelt: Für jeden eingezahlten Euro gibt es zunächst 50 Cent vom Staat, bis zu 360 Euro Förderung. Darüber hinaus zahlt der Staat 25 Cent pro Euro dazu, maximal 540 Euro jährlich.

Familien profitieren zusätzlich: Pro eingezahltem Euro gibt es einen Euro Kinderzulage, maximal 300 Euro pro Jahr. Schon bei 25 Euro monatlich ist die Förderung ausgeschöpft.

Die Kostenobergrenze ist eine Mogelpackung

Der Gesetzgeber hat eine Kostenobergrenze von einem Prozent jährlich festgelegt – aber nur für Standarddepots. Das klingt moderat, ist es aber nicht. Wer selbst einen ETF kauft, zahlt 0,1 bis 0,2 Prozent pro Jahr.

Die Differenz von 0,8 Prozentpunkten summiert sich über 40 Jahre auf mehrere Zehntausend Euro, wie Stiftung Warentest vorrechnet. Bei sechs Prozent Rendite und 0,2 Prozent Kosten bleiben nach 40 Jahren rund 269.000 Euro übrig. Bei einem Prozent Kosten schrumpft das Endvermögen auf 219.000 Euro – ein Verlust von 50.000 Euro.

Premium-Produkte ohne Deckel

Neben Standarddepots dürfen Banken und Versicherungen Premium-Varianten verkaufen – mit mehr Fondsauswahl, Garantien oder persönlicher Betreuung. Für diese Produkte gilt die Kostenobergrenze nicht. Gesamtkosten von 1,5 bis 2,5 Prozent oder mehr sind möglich.

Verbraucherschützer warnen: Diese angeblichen Mehrwerte verursachen oft nur höhere Kosten, ohne echten Nutzen zu liefern. Der Kosten-Kosten-Effekt wirkt exponentiell – ähnlich dem Zinseszins frisst er über Jahrzehnte ein Drittel aller Kapitalmarkterträge auf.

Verkaufswelle mit Provisionsinteressen

Die Verbraucherzentrale erwartet eine noch nie dagewesene Verkaufswelle. Wer ein Beratungsgespräch auf Provisionsbasis führt, sollte skeptisch bleiben – der Berater verdient am Verkauf bestimmter Produkte.

Auch Vergleichsportale im Netz sind nicht neutral, viele kassieren Vermittlungsprovisionen. Das beeinflusst, welche Angebote oben in den Ergebnissen landen, so Focus. Manche Anbieter locken mit niedrigen Einstiegskosten und behalten sich vor, Gebühren später anzuheben.

Steuerliche Fallstricke beachten

In der Ansparphase wächst das Kapital steuerfrei. Doch die spätere Rente wird mit dem persönlichen Einkommensteuersatz voll besteuert. Bei einem normalen ETF-Depot greift die günstigere Abgeltungssteuer. Je nach Situation kann ein gefördertes Depot also die schlechtere Wahl sein.

Wer vor dem 65. Lebensjahr auf das Geld zugreift, muss Förderung und steuerliche Vorteile zurückzahlen. Die Auszahlung erfolgt ab dem 70. Lebensjahr in monatlichen Raten.

Alte Riester-Verträge nicht vorschnell kündigen

Für Altverträge ist der Mindestbeitrag für die volle Förderung deutlich geringer als im neuen System. Ob ein Wechsel lohnt, hängt vom Einzelfall ab und sollte individuell geprüft werden.

Haushalte mit geringem Einkommen und mehreren Kindern fahren mit einem Riester-Vertrag möglicherweise besser. Das staatliche Standardprodukt startet erst 2027 – es bleibt Zeit, Konditionen abzuwarten und mit privaten Angeboten zu vergleichen.

Business Punk Check

Die Riester-Reform ist wirtschaftspolitisch überfällig – aber sie bleibt eine halbe Sache. Die Kostenobergrenze von einem Prozent für Standarddepots ist ein Witz, wenn selbst verwaltete ETFs nur 0,1 bis 0,2 Prozent kosten. Dass Premium-Produkte komplett vom Deckel ausgenommen sind, öffnet der Finanzbranche Tür und Tor für Abzocke. Die Verbraucherzentrale hat recht: Eine Verkaufswelle rollt an, und Provisionsberater werden Premium-Varianten mit 2,5 Prozent Kosten als Premiumlösung verkaufen. Wer darauf reinfällt, verliert über 40 Jahre locker 50.000 Euro oder mehr – Geld, das direkt in die Taschen der Anbieter fließt statt in die Altersvorsorge.

Die steuerliche Behandlung ist ebenfalls fragwürdig: Während normale ETF-Depots mit der Abgeltungssteuer davonkommen, wird die Rente aus dem Altersvorsorgedepot voll besteuert. Für Gutverdiener kann das ein Minusgeschäft sein. Die Politik hat zwar die Renditechancen erhöht, aber gleichzeitig neue Kostenfallen geschaffen. Wer jetzt handelt, sollte das staatliche Standardprodukt abwarten und sich unabhängig beraten lassen – nicht von Provisionsverkäufern, die an teuren Produkten verdienen. Manchmal ist ein schlichtes ETF-Depot ohne Förderung die klügere Wahl. Die Wirtschaftspolitik hat hier eine Chance verpasst, echte Transparenz und niedrige Kosten durchzusetzen. Stattdessen dürfen Banken und Versicherer weiter abkassieren.

Häufig gestellte Fragen

Für wen lohnt sich das Altersvorsorgedepot wirklich?

Das Depot lohnt sich für alle Förderberechtigten – Angestellte, Selbstständige, Auszubildende und Beamte. Auch Menschen in Elternzeit oder mit Krankengeld profitieren. Haushalte mit geringem Einkommen und mehreren Kindern sollten jedoch die neue Förderung mit einem Riester-Vertrag vergleichen, da dieser finanziell vorteilhafter sein kann.

Wie stark wirken sich Kosten langfristig auf die Rendite aus?

Selbst scheinbar niedrige Gebühren fressen über Jahrzehnte enorme Summen auf. Bei einem Prozent jährlichen Kosten und sechs Prozent Rendite schrumpft das Endvermögen nach 40 Jahren um 50.000 Euro im Vergleich zu 0,2 Prozent Kosten. Der Kosten-Kosten-Effekt wirkt exponentiell und vernichtet rund ein Drittel aller Kapitalmarkterträge.

Welche Steuerfallen lauern beim Altersvorsorgedepot?

In der Ansparphase bleibt das Kapital steuerfrei, doch die spätere Rente wird mit dem persönlichen Einkommensteuersatz voll besteuert. Bei einem normalen ETF-Depot greift die günstigere Abgeltungssteuer. Je nach individueller Situation kann ein gefördertes Depot also steuerlich ungünstiger sein als ein selbst verwaltetes ETF-Depot.

Sollte man alte Riester-Verträge jetzt kündigen?

Nicht vorschnell handeln. Für Altverträge ist der Mindestbeitrag für die volle Förderung deutlich geringer als im neuen System. Ob ein Wechsel lohnt, hängt vom Einzelfall ab und sollte individuell geprüft werden. Das staatliche Standardprodukt startet erst 2027 – es bleibt Zeit für einen fundierten Vergleich.

Wie erkennt man teure Premium-Produkte?

Premium-Varianten mit Garantien, erweiterter Fondsauswahl oder persönlicher Betreuung unterliegen nicht der Kostenobergrenze von einem Prozent. Gesamtkosten von 1,5 bis 2,5 Prozent oder mehr sind möglich. Verbraucherschützer warnen: Diese angeblichen Mehrwerte verursachen oft nur höhere Kosten ohne echten Nutzen. Das Kleingedruckte genau prüfen und Gebührenanpassungsklauseln beachten.

Quellen: Wmn, Stiftung Warentest, Focus

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