Finance & Freedom Börsen-Boom: Chips lassen Big Tech stehen

Börsen-Boom: Chips lassen Big Tech stehen

Big Tech war gestern der unangefochtene Börsenstar – jetzt kassieren die Schaufelverkäufer des KI-Booms. Nvidia, Micron, Intel und Co. ziehen davon, während Microsoft, Meta und andere Tech-Schwergewichte Milliarden in genau jene Infrastruktur pumpen, an der die Chipindustrie verdient.

Nvidia sprang am Donnerstag nach starken Quartalszahlen um fast neun Prozent nach oben, nachdem der Konzern seinen Umsatz binnen eines Jahres verdoppelt und weiteres kräftiges Wachstum in Aussicht gestellt hatte. Die Euphorie zog den gesamten Markt mit: Der Nasdaq gewann 1,57 Prozent, der S&P 500 legte 0,72 Prozent zu.

Machtwechsel: Chips schlagen Big Tech

Der KI-Boom bekommt damit neue Hauptdarsteller. Während Halbleiterkonzerne wie Intel von ihrer Schlüsselrolle beim Aufbau der gigantischen KI-Infrastruktur profitieren, geraten einige der bisherigen Börsenlieblinge unter Druck. Unternehmen wie Meta investieren Milliarden in Rechenzentren, Server und KI-Technik – und finanzieren damit indirekt den Boom ihrer Zulieferer. Das zeigt sich inzwischen deutlich in den Indizes: Der S&P 500 liegt seit Jahresbeginn rund 13 Prozent im Plus. Ganze 37 Prozent dieses Wertzuwachses gehen nach Berechnungen von JonesTrading allein auf das Konto von Chipaktien.

Börse am Chip-Tropf

Die Dimension wird noch deutlicher, wenn man die großen Indizes auseinanderbaut. Halbleiter und Hardware stehen mittlerweile für fast 30 Prozent des Börsenwerts im S&P 500 – und damit deutlich über dem Dotcom-Peak von 24 Prozent. Im Nasdaq 100 bringen es Chip- und Hardware-Aktien sogar auf fast 45 Prozent. Das macht die Branche zum Motor der Rally – aber gleichzeitig zum möglichen Problemfall. Denn wenn die neuen Marktführer ins Straucheln geraten, fehlt plötzlich der wichtigste Antrieb. James Reilly von Capital Economics warnt entsprechend: Sollten auch die Halbleiterkonzerne schwächeln, könnte der gesamte Aktienmarkt ernsthafte Schwierigkeiten bekommen.

Goldrausch: Die Schaufelverkäufer kassieren

Die großen Gewinner produzieren genau das, was für den KI-Ausbau gerade überall gebraucht wird: Chips, Speicher, Hardware und andere Komponenten für neue Rechenzentren. Es ist die klassische Goldrausch-Logik – wer Schaufeln verkauft, muss nicht wissen, welcher Goldgräber am Ende gewinnt. Micron Technology liegt seit Jahresbeginn rund 220 Prozent im Plus und übersprang im Mai die Marke von einer Billion Dollar Börsenwert. Marvell Technology kommt auf rund 185 Prozent Kursplus, Intel auf etwa 150 Prozent. Auch Asien feiert seine Chip-Champions: SK Hynix und Samsung haben entscheidend dazu beigetragen, dass der südkoreanische Kospi in diesem Jahr um mehr als 60 Prozent gestiegen ist.

Big Tech: Milliarden rein, Rendite raus

Während die Chipindustrie durchstartet, sieht die Bilanz der klassischen Tech-Giganten deutlich weniger spektakulär aus. Microsoft wartet seit rund zehn Monaten auf ein neues Rekordhoch und kommt seit Jahresbeginn lediglich auf etwa vier Prozent Kursplus. Alphabet liegt ungefähr acht Prozent vorne, Amazon rund elf Prozent. Gleichzeitig notieren beide Aktien rund 15 beziehungsweise zehn Prozent unter ihren jüngsten Höchstständen. Apple schlägt sich mit etwa 16 Prozent Plus besser, bleibt aber ebenfalls weit hinter den heißesten Chipwerten zurück. Selbst Nvidia wirkt mit einem Jahresplus von rund 22 Prozent plötzlich fast konservativ, wenn man die Performance anderer Halbleiterunternehmen danebenstellt.

70 zu 4: Die neue Börsenordnung

Wie drastisch sich die Gewichte verschoben haben, zeigt der Blick auf zwei ETFs. Ein populärer Fonds auf Halbleiteraktien liegt seit Jahresbeginn rund 70 Prozent im Plus. Ein ETF auf die „Magnificent Seven“ – Alphabet, Amazon, Apple, Microsoft, Meta, Nvidia und Tesla – kommt dagegen gerade einmal auf rund vier Prozent. Jahrelang galten diese sieben Konzerne als nahezu automatische Gewinner jeder Tech-Rally. Jetzt läuft ihnen ausgerechnet jene Industrie davon, die die Hardware für ihre KI-Ambitionen liefert.

KI-Euphorie: Die Latte hängt immer höher

Doch die gigantischen Kursgewinne haben ihren Preis. Mit jedem Rekord steigen auch die Erwartungen der Anleger. Unternehmen müssen nicht mehr nur wachsen – sie müssen die ohnehin schon extrem optimistischen Prognosen regelmäßig übertreffen. Genau darin liegt die Gefahr: Je höher die Latte hängt, desto kleiner wird die Fehlertoleranz. Stifel-Stratege Thomas Carroll sieht bereits Parallelen zur Börseneuphorie der späten 1990er-Jahre. Er bleibt zwar bei Chipaktien optimistisch, beobachtet aber vor allem eine mögliche Schwachstelle: Sollten die großen Tech-Konzerne ihre gewaltigen KI-Investitionen irgendwann zurückfahren, könnte das direkt auf die künftigen Gewinne ihrer Chipzulieferer durchschlagen.

Broadcom: 20 Prozent für eine kleine Enttäuschung

Wie nervös der Markt inzwischen ist, zeigte Broadcom bereits Anfang Juni. Der Halbleiterriese legte Quartalszahlen vor, doch die Prognose für die Chipumsätze im dritten Quartal blieb leicht hinter den Erwartungen zurück. Das reichte: Innerhalb von zwei Handelstagen verlor die Aktie fast 20 Prozent. Ein kleiner Riss in der KI-Story kann bei entsprechend hoch bewerteten Unternehmen also schnell Milliarden an Börsenwert vernichten.

KI-Blase: Noch hält die Party

Von einem unmittelbar bevorstehenden Platzen der KI-Blase zu sprechen, wäre dennoch voreilig. Marktstratege Matt Maley von Miller Tabak verweist darauf, dass es im vergangenen Jahr bereits mehrere solcher Warnsignale gegeben habe, ohne dass sie die Rally dauerhaft stoppen konnten. Ignorieren sollte man sie trotzdem nicht. Denn der Markt hängt inzwischen stärker denn je an wenigen Unternehmen und einer zentralen Wette: dass die Milliardeninvestitionen in KI-Infrastruktur weitergehen. Noch verkaufen die Chipkonzerne die Schaufeln für den größten Tech-Goldrausch seit Jahren – und die Börse feiert sie dafür. Doch je stärker Nvidia, Micron, Intel und Co. den Markt nach oben ziehen, desto größer wird auch das Risiko, falls ausgerechnet diese neuen Börsenstars irgendwann den Takt verlieren.

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