Finance & Freedom Rentenpflicht für Selbstständige: Merz-Reform droht Gründer-Exodus

Rentenpflicht für Selbstständige: Merz-Reform droht Gründer-Exodus

Die Merz-Regierung will Selbstständige zur Altersvorsorge zwingen. Der Verband der Gründer warnt: Ohne Mitsprache der Betroffenen droht wirtschaftlicher Schaden. Die Zahlen zeigen ein komplexeres Bild als gedacht.

Die schwarz-rote Koalition prescht vor: Eine Rentenkommission entwickelt Konzepte, um Selbstständige in die Altersvorsorge zu zwingen. Das Problem: Die Betroffenen sitzen nicht am Tisch. Andreas Lutz vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) warnt laut Merkur vor einer Reform, die ohne Sachverstand zu erheblichem wirtschaftlichem Schaden führen könne. Die Gefahr ist real – denn ähnliche Pläne scheiterten bereits unter Arbeitsminister Hubertus Heil.

Altersarmut als Argument – aber stimmt die Rechnung?

Die Deutsche Rentenversicherung liefert die Begründung: Von 3,5 Millionen hauptberuflich Selbstständigen haben 71 Prozent keine Pflichtversicherung. Das Ergebnis: 4 Prozent der ehemaligen Selbstständigen landen in der Grundsicherung – doppelt so viele wie bei Angestellten mit 2 Prozent. Die DRV argumentiert, eine Pflichtversicherung würde Lücken schließen und verlässlichen Schutz bieten.

Der VGSD kontert mit einer Studie des Arbeitsministeriums: Die meisten Selbstständigen sorgen durchaus angemessen vor. Trotzdem unterstützt der Verband eine Altersvorsorgepflicht – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Der entscheidende Unterschied: Altersvorsorgepflicht statt Zwang zur gesetzlichen Rentenversicherung.

Was der Koalitionsvertrag verspricht – und was droht

Die ursprünglichen Pläne sahen Flexibilität vor: Bestandsschutz für bestehende Selbstständige, ein Opt-out in private Basisrenten, drei Jahre Befreiung für Neugründer. Die Regelung sollte nicht nur Solo-Selbstständige treffen, sondern auch Arbeitgeber erfassen.

Diese Punkte hatte der VGSD bereits 2019 mit Arbeitgeberverbänden und Ministerien ausgehandelt. Doch Heil setzte die Pläne nie um. Jetzt startet Arbeitsministerin Bärbel Bas einen neuen Anlauf – ohne die Selbstständigen einzubinden. Der Verband befürchtet, dass eine schlecht konstruierte Pflicht Gründungen ausbremst und die ohnehin schwache deutsche Wirtschaft weiter belastet.

Die wirtschaftspolitische Dimension

Hier zeigt sich ein klassisches Problem deutscher Wirtschaftspolitik: Gut gemeinte Sozialreformen ohne Praxischeck. Während andere Länder Gründer entlasten, droht Deutschland zusätzliche Bürokratie und finanzielle Belastung. Die Folge: Weniger Unternehmensgründungen, weniger Innovation, weniger Wachstum.

Die Frage ist nicht, ob Selbstständige für das Alter vorsorgen sollen – sondern wie. Eine starre Rentenversicherungspflicht ignoriert die Realität: Viele Selbstständige haben bereits private Vorsorge aufgebaut, investieren in Immobilien oder Betriebsvermögen. Sie in ein System zu zwingen, das für Angestellte konzipiert wurde, schafft mehr Probleme als Lösungen.

Business Punk Check

Die Merz-Regierung wiederholt einen klassischen Politikfehler: Reform ohne Realitätscheck. Die Zahlen der Deutschen Rentenversicherung klingen dramatisch – 4 Prozent Grundsicherung bei Selbstständigen. Aber: Das sind immer noch 96 Prozent, die nicht in Altersarmut landen. Die Frage ist nicht, ob eine Altersvorsorgepflicht kommt, sondern wie brutal sie ausgestaltet wird. Das eigentliche Problem: Eine Rentenkommission ohne Betroffene am Tisch entwickelt Konzepte für Menschen, deren Arbeitsrealität sie nicht kennt.

Selbstständige sind keine Angestellten ohne Chef – sie haben andere Einkommensstrukturen, andere Risiken, andere Vorsorgestrategien. Wer sie in ein starres System presst, riskiert einen Gründer-Exodus. Die Lösung liegt auf dem Tisch: Altersvorsorgepflicht mit Wahlfreiheit, Bestandsschutz, Karenzzeit für Neugründer. Aber das erfordert Differenzierung statt politischer Symbolik. Die deutsche Wirtschaft braucht mehr Gründer, nicht weniger. Eine Reform, die das ignoriert, ist wirtschaftspolitischer Selbstmord.

Häufig gestellte Fragen

Warum warnt der VGSD vor der geplanten Rentenpflicht?

Der Verband befürchtet eine Reform ohne Sachverstand, die Selbstständige finanziell belastet und Gründungen ausbremst. Das Hauptproblem: Die Rentenkommission entwickelt Konzepte ohne Beteiligung der Betroffenen. Eine schlecht konstruierte Pflicht könnte die ohnehin schwache deutsche Wirtschaft zusätzlich belasten und zu weniger Unternehmensgründungen führen.

Wie viele Selbstständige sind tatsächlich von Altersarmut betroffen?

Laut Deutscher Rentenversicherung landen 4 Prozent der ehemaligen Selbstständigen in der Grundsicherung – doppelt so viele wie bei Angestellten mit 2 Prozent. Von 3,5 Millionen hauptberuflich Selbstständigen haben 71 Prozent keine Pflichtversicherung. Der VGSD verweist jedoch auf eine Studie des Arbeitsministeriums, wonach die meisten Selbstständigen angemessen vorsorgen.

Was ist der Unterschied zwischen Altersvorsorgepflicht und Rentenversicherungspflicht?

Eine Altersvorsorgepflicht gibt Selbstständigen Wahlfreiheit: Sie können zwischen gesetzlicher Rentenversicherung und privaten Alternativen wählen. Eine Rentenversicherungspflicht zwingt alle in ein System. Der VGSD unterstützt ersteres mit Bestandsschutz für bestehende Selbstständige, Opt-out-Möglichkeit und drei Jahren Befreiung für Neugründer.

Welche Branchen trifft die Reform besonders hart?

Besonders betroffen sind Solo-Selbstständige und Gründer in der Aufbauphase, die noch keine stabilen Einnahmen haben. Aber auch etablierte Selbstständige mit bestehender privater Vorsorge müssten umstrukturieren. Die Reform erfasst nicht nur Solo-Selbstständige, sondern auch Arbeitgeber – was die Belastung für den Mittelstand erhöht.

Wie können sich Selbstständige auf die Reform vorbereiten?

Abwarten ist keine Option. Selbstständige sollten ihre bestehende Altersvorsorge dokumentieren und prüfen, ob sie den künftigen Anforderungen entspricht. Wer noch keine Vorsorge hat, sollte jetzt handeln – private Basisrenten könnten als Opt-out-Möglichkeit dienen. Parallel lohnt sich politisches Engagement über Verbände wie den VGSD, um die Reform mitzugestalten.

Quellen: Merkur

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