Finance & Freedom Warum Deutschlands Altersvorsorge kein Produktproblem hat, sondern ein Denkproblem

Warum Deutschlands Altersvorsorge kein Produktproblem hat, sondern ein Denkproblem

Altersvorsorge ist eines der politischsten, emotionalsten und zugleich wirtschaftlich relevantesten Themen unserer Zeit. Deutschland diskutiert Altersvorsorge wie ein Versicherungsprodukt und wundert sich über schlechte Ergebnisse.

Wir reden über Garantien, Renditen und Vertragsmodelle, als ginge es um die nächste Police. Tatsächlich geht es um Versorgung. Um Planungssicherheit. Und um eine der größten wirtschaftlichen Zukunftsfragen dieses Landes. Das Problem der Altersvorsorge ist kein Produktproblem. Es ist ein Denkproblem.

Ein starkes System, das kaum genutzt wird

Objektiv betrachtet ist die betriebliche Altersversorgung das stabilste Vorsorgesystem in Deutschland. Sie ist insolvenzgeschützt, steuerlich sinnvoll, flexibel gestaltbar und bietet Vorteile für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Und trotzdem ist sie, vor allem im Mittelstand, schwach verbreitet.

Das liegt nicht daran, dass kleine und mittlere Unternehmen keine Verantwortung übernehmen wollen. Es liegt daran, dass die bAV über Jahre hinweg auf ein Versicherungsprodukt reduziert wurde.
Wer Altersvorsorge ausschließlich über Versicherungsverträge denkt, bekommt zwangsläufig komplexe, teure und schwer verständliche Lösungen. Für viele Unternehmen wird die bAV dadurch weniger strategisches Instrument als wahrgenommenes Haftungsrisiko.

Historisch war das anders. Die bAV war arbeitgebernah gedacht: als Versorgungszusage, als Teil der Unternehmenslogik. Nicht als ausgelagertes Finanzprodukt. Mit der zunehmenden Versicherungszentrierung hat sich dieser Charakter verschoben und mit ihm die Akzeptanz.

Warum Versicherungslogik keine Versorgung garantiert

Hier liegt der Kern des Denkfehlers: Versicherungen erfüllen eine wichtige Funktion. Ihr Geschäftsmodell basiert auf Absicherung gegen Extremrisiken. In der Altersvorsorge führt genau das zu einer Schieflage: Kalkuliert wird häufig bis zum 120. oder sogar 130. Lebensjahr. Sicher klingt gut. Ist aber teuer.

Das Ergebnis sind hohe Sicherheitszuschläge, enormer Kapitalbedarf und am Ende Renten, die in keinem Verhältnis zum Aufwand stehen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wollen wir Altersvorsorge als Absicherung statistischer Ausnahmen organisieren oder als realistische Versorgung für die Mehrheit?

Aus wirtschaftlicher Sicht ist es wenig sinnvoll, Versorgungssysteme ausschließlich auf Worst-Case-Szenarien aufzubauen. Sicherheit wird hier mit Ineffizienz erkauft. Und genau das macht Altersvorsorge für viele Unternehmen unattraktiv.

Mit dem Leben rechnen, nicht mit dem Tod

Aus dieser Überlegung heraus ist smart pension entstanden. Nicht als weiteres Produkt im Markt, sondern als bewusster Gegenentwurf zur vorherrschenden Denkweise.

Das Prinzip ist einfach: Wir planen Altersversorgung auf Basis realistischer Lebenserwartungen. Wer mit plausiblen Annahmen rechnet, braucht deutlich weniger Kapital für die gleiche Zielrente.

Ein Beispiel: Klassische versicherungsförmige bAV-Lösungen kalkulieren die Lebenserwartung häufig bis zum Alter von 126 bis 130 Jahren. Für eine lebenslange Zielrente von 1.000 Euro pro Monat muss deshalb ein Kapital von rund 450.000 Euro aufgebaut werden.

Wir kalkulieren realistisch bis zu einem Alter von 93,7 Jahren. Für dieselbe Zielrente genügt ein Kapitalstock von rund 240.000 Euro.

Der Unterschied entsteht nicht durch höhere Risiken oder geringere Leistungen. Sondern allein durch realitätsnahe Annahmen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen nahezu nur die Hälfte des Kapitals aufbringen, bei identischer Rentenzahlung.

Ein weiterer Punkt wird oft ausgeblendet: In klassischen Versicherungsmodellen ist Kapital häufig verloren, wenn ein Mitarbeitender vor Rentenbeginn verstirbt. In arbeitgebernahen Versorgungskonzepten bleibt dieses Kapital im System und kommt der Belegschaft zugute.
Das ist effizienter. Und fairer.

Gerade für KMU ist dieser Ansatz entscheidend. Sie brauchen keine hochkomplexen Speziallösungen, sondern verständliche, rechtssichere und kalkulierbare Konzepte. Altersvorsorge muss für sie so planbar sein wie jede andere unternehmerische Entscheidung.

Wir nutzen ein funktionierendes System falsch

Ich bin kein Missionar. Aber ich habe wenig Geduld für Systeme, die offensichtlich nicht funktionieren und trotzdem verteidigt werden, weil sie „schon immer so waren“. Altersvorsorge ist keine ideologische Frage. Sie ist eine ökonomische und gesellschaftliche.

Wenn Unternehmen über Fachkräftemangel, Arbeitgeberattraktivität und langfristige Stabilität sprechen, gehört die betriebliche Altersversorgung ins Zentrum dieser Diskussion. Nicht an den Rand.

Solange wir Altersvorsorge wie ein Produkt behandeln, bekommen wir genau das: Verträge, aber keine Versorgung. Dabei ist das System längst da. Es funktioniert. Wir nutzen es nur falsch.

Über den Autor:

Alexander Siegmund ist ausgewiesener Experte für betriebliche Altersversorgung. Er ist Gründer und Geschäftsführer der KPM Pensions & Benefits GmbH und gestaltet seit über 25 Jahren die Branche aktiv mit – als Rentenberater, Betriebswirt bAV und Master of Pension Management. Seine Kombination aus Ausbildung, Studium und Zulassung ist am Markt einmalig.

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