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Der Milliarden Reset: Factorial als KI-System

Der Milliarden Reset: Factorial als KI-System
Business Punk
Erschienen
Lesezeit11 Min · 2.145 Wörter

Factorial war einmal HR- Software. Jetzt wollen die Gründer Jordi Romero (r.) und Bernat Farrero (l.) daraus das Betriebssystem für KI im Unternehmen bauen. 150 Mio. US-Dollar frisches Kapital, 2,5 Mrd. US-Dollar Bewertung – und Deutschland als nächste große Wette. Sie haben die spannendste europäische SaaS-Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre geschrieben. Das AnlagePunk-Interview im neuen Business Punk-Heft 3/2026.

Interview: Deborah Landshut & Christa Catharina Müller

Jordi Romero hat Factorial mit einer klaren Mission gegründet: die Art und Weise zu verändern, wie Menschen arbeiten. Zehn Jahre später reicht ihm das nicht mehr. Die Technologie hat sich so stark verändert, dass Romero sein eigenes Unternehmen noch einmal neu baut. Aus der klassischen HR-Software soll ein KI-System werden, das nicht nur dokumentiert, was im Unternehmen passiert, sondern Arbeit tatsächlich erledigt. Dafür nimmt Romero viel Geld in die Hand – und setzt gleichzeitig auf eine ungewöhnlich fokussierte Produktstrategie. Zwei Agents sollen künftig die Schnittstelle zwischen Unternehmen und Mitarbeitenden bilden. Im Interview spricht Romero mit uns über die 2,5-Mrd.-US Dollar-Bewertung, mehr als 700 Mio. US-Dollar zugesagtes Wachstumskapital, Unit Economics und die Frage, ob hinter der AI-Story auch ein belastbares Geschäftsmodell steckt.

BUSINESS PUNK: Vor zehn Jahren habt ihr Factorial als SaaS-Unternehmen gegründet. Heute bezeichnet ihr euch als „AI-first“. Was hat sich unter der Haube tatsächlich verändert?

Jordi Romero: Wir haben Factorial mit einer Mission gegründet: die Art und Weise zu verändern, wie Menschen arbeiten. Insbesondere die operativen Abläufe, Compliance-Themen und die Komplexität, die Unternehmen aller Art gemeinsam haben. Diese Mission ist heute exakt dieselbe wie vor zehn Jahren. Verändert hat sich die Technologie, die uns zur Verfügung steht. Früher haben wir diese Mission über Workflows sowie Web- und Mobile-Anwendungen umgesetzt und haben Menschen dabei unterstützt, ihre Arbeit zu erledigen. Sobald KI weit genug war, um die Arbeit tatsächlich selbst zu übernehmen, haben wir angefangen, unseren Nutzer diese Aufgaben abzunehmen. Also haben wir das Unternehmen gewissermaßen neu gegründet und das Produkt von Grund auf neu aufgebaut. Das Ganze auf Basis unseres bestehenden System of Record, der fest implementierten Compliance-Anforderungen und Best Practices, die wir in zehn Jahren und mit 17.000 Kund aufgebaut hatten.

BUSINESS PUNK: Anfang dieses Jahres gerieten Software-Aktien wie Salesforce und SAP unter Druck, weil Investor sich zunehmend fragten, ob KI künftig einfach praktisch jedes SaaS-Produkt von Grund auf neu bauen würde. Wie hast du diesen Moment erlebt?

Jordi Romero: Für mich war dieser Moment bereits im vergangenen Sommer, also vor genau einem Jahr, als Claude Code und die neuen Harnesses aufkamen, die autonom und kontinuierlich auf ein Ziel hinarbeiten konnten. Tool Calling, der Zugriff auf unterschiedliche Datenquellen, das Arbeiten über mehrere Systeme hinweg. Echte Arbeit, die im Hintergrund erledigt wird, statt nur Frage und Antwort. Das hat sich zwischen Ende 2025 und An fang 2026 extrem schnell entwickelt und die Welt hat erkannt, dass sich hier etwas Grundlegendes verändert. Ein Grund, weswegen die Aktienkurse gefallen sind. Wir haben das natürlich auch sehr genau beobachtet und daher beschlossen, Factorial von Grund auf neu aufzubauen. Auf dem Boden der Mitarbeiterdatenplattform, des Know-hows und der Distribution, die wir bereits hatten, aber mit vollkommen neuer Technologie. Software zu entwickeln ist heutzutage einfacher und das ist gut so, wenn man diese Entwicklung für sich nutzt. Problematisch wird es, wenn man zu langsam ist, sie zu übernehmen und sich selbst zu disruptieren. Wir gehören zu den Gewinnern dieser Entwicklung. Die Series D, die wir vor einigen Monaten bekannt gegeben haben, ist der Beweis dafür, dass uns der Wandel von einem klassischen SaaS-Unternehmen zu einem AI-first Unternehmen gelungen ist.

Bild: Jordi Romero, CEO Factorial. Er ist überzeugt, dass HR ein enormwichtiger Teil der Entwicklung war.

BUSINESS PUNK: Du führst Factorial seit zehn Jahren. Welche Überzeugung darüber, wie Software entwickelt werden sollte, musstest du in den vergangenen zwölf Monaten am stärksten überdenken?

Jordi Romero: Die größte Veränderung ist für mich der Iterationszyklus. Die Erwartungen an die Geschwindigkeit der Entwicklung haben sich verzehnfacht. Früher haben wir in Quartalszyklen gedacht, mittlerweile denken wir in Wochen. Von der Idee über das MVP bis zum produkti- ven Code kann heute alles innerhalb von
sechs oder 24 Stunden passieren. Vor ein paar Jahren wäre das praktisch unmöglich gewesen und so steigt natürlich auch der Anspruch, den wir an uns selbst stellen. Aber der schwierigste Teil war nie das Schreiben des Codes. Es geht darum, das richtige Problem zu definieren und einen wirklich anderen Weg zu finden, es zu lösen. Das hat sich nicht verändert. Verändert hat sich, wie schnell wir herausfinden, ob wir tatsächlich richtig liegen: Wir veröffentlichen in Tagen oder Wochen statt in Monaten oder Quartalen.

BUSINESS PUNK: Factorial One basiert auf nur zwei Agents: Einer repräsentiert das Unternehmen, der andere den Mitarbeiter. Gleichzeitig bringen einige Wettbewerber Hunderte spezialisierte Agents auf den Markt. Warum seid ihr überzeugt davon, dass „weniger, dafür klar definierte Agents“ der richtige Ansatz ist?

Jordi Romero: Eigentlich ist es ganz einfach. Menschen wollen nicht mit hundert verschiedenen Personen sprechen müssen, um etwas erledigt zu bekommen. Sie würden lieber mit einer einzigen, sehr intelligenten Person sprechen. Wir glauben, dass dasselbe für Agents gilt. One kennt die Unternehmensrichtlinien und ist gegenüber der Organisation verantwortlich. Der „Klon“ handelt innerhalb dieser Richtlinien und ist gegenüber der Person verantwortlich, für die er arbeitet. Weniger Agents, klarere Verantwortlichkeiten, eine einzige Quelle für Fakten. Zusätzlich ist es so auch einfacher, Vertrauen aufzubauen.

BUSINESS PUNK: Was musstet ihr tun, damit ein System mit so sensiblen HR-Daten tatsächlich vertrauenswürdig wird?

Jordi Romero: Wir waren sehr vorsichtig damit, Dinge produktiv einzusetzen, die auf Modellen basieren, denen wir noch nicht vollständig vertrauen oder die wir noch nicht ausreichend verstehen. 2026 haben wir einen wichtigen Schritt bei Infrastruktur, Berechtigungen und Sicherheit gemacht: Ein Agent hat ausschließlich Zugriff auf die Daten, die auch sein Nutzer sehen kann. Durch die Architektur unseres Systems ist es physisch unmöglich, auf darüber hinausgehende Daten zuzugreifen. Und alles, was sensibel ist, durchläuft zunächst einen menschlichen Plausibilitätscheck. Die KI trifft niemals allein die Entscheidung. Sie agiert als eine Erweiterung des Menschen und Verantwortung und Entscheidung bleiben ganz bei ihm.

BUSINESS PUNK: Deutschland ist euer wichtigster internationaler Markt. Warum?

Jordi Romero: Compliance und die Einbindung des Betriebsrats sind für die Kaufentscheidung selbst zentral. Genau deshalb entwickeln wir Factorial von Anfang an als reguliertes Produkt für Europa: DSGVO, Transparenzanforderungen aus dem AI Act und die Information von Betriebsräten sind in die Funktionsweise der Agents integriert und werden nicht nachträglich ergänzt. Auch ein Grund, warum wir ein neues Büro in München eröffnen. Compliance-Kompetenz muss sichtbar und lokal vorhanden sein und darf nicht nur im Produkt stecken. Deutsche Kund sind ausgesprochen rational, anspruchsvoll und schwer zu gewinnen, solange man nicht bewiesen hat, dass man liefern kann. Sobald man ihr Problem aber tatsächlich löst, sind sie unglaublich wertvoll. Diesen Punkt haben wir mittlerweile offensichtlich erreicht und wachsen dort jetzt schnell.

BUSINESS PUNK: Wie groß ist die Wette auf Deutschland?

Jordi Romero: Deutschland ist unser wichtigster internationaler Markt, weil hier die Nachfrage vorhanden ist und in München sind die Menschen, die wir erreichen wollen. Wir verdoppeln unseren Einsatz: Rund 300 Mio. US-Dollar fließen in das dortige Wachstum. Das ist eine Wette auf diesen Markt.

BUSINESS PUNK: Ihr hattet vor Kurzem eine Kapitalrunde über 150 Mio. US-Dollar und habt zusätzlich 540 Mio. US-Dollar eingesammelt, die General Catalyst über seinen Customer Value Fund bereitstellt. Was ermöglicht euch diese Kombination ganz konkret?

Jordi Romero: Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Die 150 Mio. US-Dollar Eigenkapital bei einer Bewertung von 2,5 Mrd. US-Dollar sind Kapital für Produkt und Architektur, also für den Reset der Company selbst und den Wechsel von festen Benutzeroberflächen hin zu Agents. Die 540 Mio. US Dollar über den Customer Value Fund von General Catalyst funktionieren anders: Das ist kein Fremdkapital und ist weder an unsere Unternehmensanteile noch an unsere Vermögenswerte gekoppelt. General Catalyst finanziert unsere Vertriebs- und Marketingausgaben vor. Ihre Rendite ist gedeckelt und ausschließlich an den Kundenwert gekoppelt, den diese Ausgaben erzeugen. Dafür geben wir keine neuen Anteile aus. Diese 540 Mio. US-Dollar kommen zu den rund 200 Mio. US-Dollar, die General Catalyst bereits vor dieser Runde über denselben Fonds zugesagt hatte. Zusammen mit dem Eigenkapital und beiden Zusagen aus dem Fonds sind damit mehr als 700 Mio. US-Dollar für das Wachstum von Factorial zugesagt. Der Großteil davon ohne Verwässerung. Das ermöglicht es uns, in einem Markt wie Deutschland aggressiv zu investieren: in Einstellungen, ein lokales Team und ein lokales Produkt.

„MITTLERWEILE DENKEN WIR NICHT MEHR IN QUARTALSZYKLEN, SONDERN IN WOCHEN. VOR EIN PAAR JAHREN WÄRE DAS PRAKTISCH UNMÖGLICH GEWESEN.“

Jordi Romero, CEO Factorial

BUSINESS PUNK: KI-Bewertungen werden derzeit europaweit sehr genau beobachtet und es gibt viel Skepsis. Was ist für dich der klarste Beleg dafür, dass Factorials Bewertung von 2,5 Mrd. US-Dollar auf echtem und nachhaltigem Wert basiert?

Jordi Romero: Dass General Catalyst durch den Customer Value Fund bereits Einblick in unsere Unit Economics hatte, bevor sie überhaupt Eigenkapital investiert haben. Dazu kommen zehn Jahre, in denen wir eines der größten europäischen Systems of Record für HR, Finance und IT aufgebaut haben, mehr als 17.000 Kund in 90 Ländern und ein ARR von mehr als 100 Mrd. US-Dollar bereits im vergangenen September. Das sind die fundamentalen Kennzahlen hinter der KI-Story.

BUSINESS PUNK: Einige Investor sagen, dass Tech-Unternehmen heutzutage eine „AI Story“ brauchen, um an die Börse gehen zu können. Denkst du bei Factorial an einen möglichen Börsengang?

Jordi Romero: Es ist natürlich ein Thema, das wir am Horizont sehen, so wie bei jedem Unternehmen in unserer Phase, aber nicht für heute. Unsere Entscheidungen werden davon bestimmt, die Grundlagen zu schaffen, die einen Börsengang zu einer echten Option machen, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen ist, statt einer Story hinterherzujagen, um schneller dorthin zu gelangen. Wir sind geradezu besessen davon, Probleme für unsere Kund zu lösen. Unsere Energie stecken wir darin, weitere Probleme zu finden, die wir lösen können, die richtigen Talente dafür zu finden und die Kund ausfindig zu machen, für die wir diese Probleme lösen können. Ein Börsengang ist lediglich eines der Instrumente, die uns dafür zur Verfügung stehen. Wir jagen ihm nicht hinterher.

BUSINESS PUNK: Wie verändert KI den wirtschaftlichen Wert von HR-Software?

Jordi Romero: Der Wert verschiebt sich vom Dokumentieren von Arbeit hin zum tatsächlichen Erledigen der Arbeit. Ein System, das lediglich speichert, was im HR-Bereich passiert ist, ist ein Backoffice Tool. Ein System, das Arbeit tatsächlich ausführen kann – sprich: Freigaben, Compliance, Koordination – adressiert dasselbe Budget wie die Arbeit selbst und nicht mehr nur den Software-Posten daneben. Das ist eine fundamental größere Kategorie. Und eigentlich ist es damit gar keine reine HR-Kategorie mehr.

BUSINESS PUNK: Welche konkreten finanziellen Vorteile können Unternehmen über die Optimierung von HR-Prozessen hinaus durch Factorial erwarten?

Jordi Romero: Factorial ist geradezu besessen davon, all das zu finden, was Unternehmen gemeinsam haben, und dafür eine unglaublich gute Lösung zu entwickeln. Alles, damit sich unsere Kund auf das konzentrieren können, was sie einzigartig macht. Eine FünfTage-Woche liefert dadurch den Output von sechs Tagen, ohne zusätzliches Personal, weil Agents Koordinations und Administrationsaufgaben übernehmen. Aggregierte und anonymisierte Benchmarks werden mit jedem Kunden besser. Etwas, das kein einzelnes Unternehmen allein aufbauen könnte. Und ein einziges verantwortliches System anstelle von drei voneinander getrennten Systemen beseitigt viele versteckte Kosten.

BUSINESS PUNK: Was hat Factorial getan, das sich für ein Enterprise-Software-Unternehmen wirklich mutig oder unkonventionell angefühlt hat?

Jordi Romero: 50 Mio. US-Dollar bei einer Bewertung von 2,5 Mrd. US-Dollar aufzunehmen und das exakt in dem Moment, als die gesamte Software-Branche eingebrochen ist. Und darauf zu setzen, genau die zwei Agents zu bauen, die Teams tatsächlich jeden Tag nutzen, während alle anderen im Markt darum konkurrierten, Hunderte Agents auf den Markt zu bringen.

BUSINESS PUNK: Wird Factorial in fünf Jahren überhaupt noch als HR-Unternehmen betrachtet werden?

Jordi Romero: Nicht nur: Factorial wird der Ort sein, an dem das gesamte Unternehmen auf der KI läuft, die jede Mitarbeiter nutzt. Mit einem Maß an Sicherheit, Berechtigungen, Datenschutz und Datenzugriff, das niemand sonst bieten kann. Dass wir im HR-Bereich gestartet und anschließend in Finance und IT gewachsen sind, hat uns überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, das zu liefern. HR war ein enorm wichtiger Teil unserer Entwicklung. Aber es ist nicht mehr das, was wir heute sind. Unsere Nutzer werden uns als das ChatGPT für Unternehmen sehen, das tatsächlich arbeitet.

„WIR INVESTIEREN AGGRESIV IN DEN DEUTSCHEN MARKT: IN EINSTELLUNGEN, EIN LOKALES TEAM UND EIN LOKALES PRODUKT.“ Jordi Romero, CEO Factorial

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