Finanzbildung junger Menschen laut Studie miserabel: Unternehmen profitieren davon
Nur 44 % der 14- bis 24-Jährigen kennen den Begriff „Inflationsrate“. Während Experten ein Schulfach „Wirtschaft“ fordern, drängen Unternehmen mit eigenen Programmen in die Schulen. Verbraucherschützer warnen vor Eigenwerbung.
Finanzbildung – klingt trocken, ist aber essenziell. Besonders in Zeiten hoher Preissteigerungen. Eine aktuelle Studie des Bankenverbands zeigt: Nur 44 % der 14- bis 24-Jährigen wissen laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), was eine Inflationsrate ist. Das ist alarmierend. Denn ohne grundlegendes Finanzwissen drohen junge Menschen, in die Kostenfalle zu tappen.
Finanzbildung: Fehlanzeige in deutschen Schulen
Die Finanzbildung in deutschen Schulen ist mangelhaft. Lediglich in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen gibt es das Schulfach „Wirtschaft“. Doch was ist mit dem Rest der Republik? Experten fordern seit Jahren ein flächendeckendes Schulfach. Denn ohne dieses Wissen sind junge Menschen anfällig für überteuerte Produkte und schlechte Finanzentscheidungen.
Die Initiative der Ministerien
Angesichts dessen reagiert die Regierung: Das Bildungs- und das Finanzministerium haben eine Initiative zur Stärkung der finanziellen Bildung gestartet. Eine Finanzbildungs-Plattform soll seriöse Bildungsangebote bündeln. Doch wie diese Angebote ausgewählt werden, bleibt unklar. Die OECD wurde beauftragt, Empfehlungen für eine Finanzbildungsstrategie zu erarbeiten, doch auch hier fehlt es an aussagekräftigen Daten.
Schüler wollen mehr über Finanzen lernen
Das Interesse der Schüler ist durchaus vorhanden. Laut OECD-Analyse möchten über 81 % der jungen Menschen mehr über Altersvorsorge erfahren. Doch wer füllt die Bildungslücke? Unternehmen drängen seit einiger Zeit mit eigenen Programmen in die Schulen. Ein Beispiel ist das Inkassounternehmen EOS, das über seine Stiftung „Finlit Foundation“ Finanzbildungsprogramme anbietet.
Unternehmen in Klassenzimmern: Fluch oder Segen?
Verhaltensökonom und Verbraucherschützer Hartmut Walz sieht das kritisch. Er spricht gegenüber dem Handelsblatt von „Reputation-Washing“ – Unternehmen nutzen also Bildungsprogramme, um ihr Image aufzupolieren. EOS verdiene mit überschuldeten Kunden Geld, die Stiftung diene lediglich dazu, in der Öffentlichkeit gut dazustehen. Ein Sprecher von EOS widerspricht: Die Lernmaterialien würden unabhängig erstellt, Überschuldung sei ein gesellschaftliches Problem.
Finanzbildungsprogramme: Wer steckt dahinter?
EOS ist kein Einzelfall. Rund 17 % der kostenlosen Bildungsmaterialien im Internet stammen von Banken, 13 % von Stiftungen. Das zeigt eine Studie von Anja Bonfig, Juniorprofessorin an der Hochschule Schwäbisch Gmünd. Walz warnt daher: Unternehmen könnten Eigenwerbung betreiben und einseitige Informationen vermitteln. Ein Beispiel ist das „Planspiel Börse“ der Sparkassen.
Das „Planspiel Börse“: Ein zweischneidiges Schwert
Beim „Planspiel Börse“ treten Schülerteams gegeneinander an, um mit Spielgeld die besten Renditen zu erzielen. Walz kritisiert: Das Spiel belohnt risikofreudige Strategien und setzt Fehlanreize. „Haben wir erst einmal falsche Informationen und Glaubenssätze erworben, wird es anschließend sehr schwierig, diese wieder aus unseren Denk- und Verhaltensmustern herauszubekommen. „
Ein Sprecher des Sparkassenverbands widerspricht: Das Planspiel biete praxisnahe Einblicke in die Finanzmärkte und fördere auch nachhaltige Investitionen.
Verbraucherschützer schlagen Alarm
Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sieht Unternehmen grundsätzlich nicht in der Verbraucher-Finanzbildung. Die Kultusministerkonferenz habe das bereits 2013 beschlossen. Die Materialien seien oft sachlich korrekt, enthielten aber kaum Verbraucherperspektiven und Reflexion des eigenen Verhaltens, erklärt er gegenüber dem Handelsblatt.
Influencer als neue Finanzberater?
Viele junge Anleger verlassen sich indes auf Influencer. Rund 12 % der Anleger unter 30 folgen Tipps von Influencern wie „Steuerfabi“ oder „Finanzfluss“. Diese haben Hunderttausende Follower und verdienen Geld mit Werbepartnerschaften. Seriöse „Finfluencer“ kennzeichnen diese transparent. Doch es gibt auch schwarze Schafe: Einige werben für Schneeballsysteme oder riskante Finanzprodukte.
Schulfach „Wirtschaft“ muss her
Die Finanzbildung in Deutschland braucht dringend einen Schub. Ein Schulfach „Wirtschaft“ könnte Abhilfe schaffen. Doch bis es so weit ist, bleibt die Verantwortung bei den Eltern, Lehrern und den Jugendlichen selbst. Denn wer die Finanzwelt versteht, kann klügere Entscheidungen treffen und ist weniger anfällig für teure Fehler.