Galerien waren gestern: Wie junge Künstler*innen eine ganze Branche aufmöbeln
Lange galt: Wer berühmt werden will, muss in den großen Galerien ausstellen. Doch junge Player im Kunstmarkt hebeln nach und nach die alten Gesetze aus. Wer sind sie? Und wie gehen sie dabei vor?
Am 30. Januar 2020 steht Paul Schrader vor Paul Schrader. Torstraße, Berlin, keine Gehminute vom Rosenthaler Platz, dem Berlin-Bubble-Zentrum in Mitte. Es ist die Opening-Feier des neuen Event-Space Workwing. Und an der Wand, von außen gut sichtbar, hinter dem großen Schaufenster, hängt ein gigantisches Bild – von Paul Schrader eben. Viel Blau, Rosa, ein bisschen Rot, Gelb, Violett. Drei mal fünf Meter Seitenlänge. Unter dem Bild steht ein Sofa.
Doch die, die dort sitzen, müssen immer wieder zur Seite rücken. Die Gäste wollen Fotos machen – Fotos mit dem Künstler. Er ist aus Hamburg angereist. Alle scheinen an dem Abend einander zu kennen, alle scheinen an diesem Abend Freund*innen zu sein. Immer wieder also stellt sich Schrader vor sein Bild. Mal mit anderen, mal alleine. Mal lacht er ein bisschen, mal nicht. Er wird umarmt, er umarmt selber. Klick. Die Kameras der Smartphones. Später sagt er: „Ich kann das irgendwie.“ Klar, das Malen. Aber eben auch das fast noch Wichtigere dabei: sich selber und seine Kunst zu vermarkten.
Schrader ist ein Künstler neuen Typs. Einer, der nicht möglich wäre, gäbe es das Internet und die sozialen Medien nicht. Sie sind sein direkter Marketingkanal, sein digitales Schaufenster, wenn man so will. Eines, an dem immer wieder Leute stehen bleiben, ein Like da lassen, die teilen, was er macht. Und wenn das im Real Life dann eine Ausstellung ist, sind es genau die, die dorthin kommen, mit ihm feiern, Fotos und Videos machen – und so sein Werk immer wieder teilen.
Die Feier bei Workwing ist eines dieser Multiplikatoren-Events. Die meisten Anwesenden gehören zur Berliner Startup-Bubble. Vermögende, in der Regel junge, bestens vernetzte Menschen, die digital wie auch offline jede Menge Einfluss haben.

Reichweite fürs Werk
Am Ende des Abends wird fast jeder der Gäste ein Bild mit Schrader oder eines von seinem Kunstwerk auf dem Handy haben, von der Party sowieso – viele werden sie teilen. Es sind Freund*innen und Bekannte mit Reichweite, die Trennlinie zwischen privat und Business ist fein, manchmal gar nicht sichtbar, und eigentlich ist beides beides. Privates Business – und Schrader, der Künstler, nutzt genau das, um seine Kunst zu vermarkten.
Er arbeitet in etwas wie einer digitalen Symbiose mit Leuten, die sich – wenn auch manchmal nur entfernt – kennen und gewogen sind. Ein Foto im Feed hier, eine Story da. Am Ende ergibt das eine gigantische akkumulierte Reichweite, die Schrader nutzen kann, um Kunstinteressierte zu erreichen. Das ist aber nur die eine Seite.
Die andere fasst Schrader so zusammen: „Ich liebe es, die Kontrolle darüber zu haben, wo meine Bilder hängen.“ Vielen Galerien fehle die Magie, sagt er. Bilder, die wie leblos an den Wänden hängen, Sammler*innen und potenzielle Käufer*innen und die, die sich einfach für Kunst interessieren. Sie stehen da, sehen sich an, was es zu sehen gibt. Und meistens gehen sie wieder. Ein vergleichsweise lebloser Prozess. Das heiße nicht, dass Galerien keine Berechtigung haben – das heißt aber, dass er seine Ausstellungen lieber selber organisiert.
In kurz: Schrader hat eine andere Idee davon, wie seine Fans Zugang zu seinen Bildern haben dürfen – und wie sie wirken sollen. „Wir haben uns zum Beispiel mal den Kaispeicher in Altona gemietet“, sagt er – darin ein Whitecube. Mittags können die kommen, die einfach nur die Kunst erleben wollen. An den Abenden wird dann aufgelegt, „da spielt dann eben Erkan von Fünf Sterne deluxe“.
Gut für alle. Denn auch die, die kein Geld haben, um es für große Bilder auszugeben, können so aktuelle zeitgenössische Kunst sehen. „Und die 20 Sammler*innen, die auch da sind, gehen in der Menge unter. Es stürzt sich keiner auf sie“, sagt Schrader. Nach zwei Tagen ist alles wieder vorbei. Es wird abgebaut. „Das startet ruhig, und dann feiert man eben doch bis vier Uhr in der Nacht, und es ist richtig, richtig gut.“
Erfolg mal anders definiert
Es ist ein gigantischer Markt, auf dem der Hamburger agiert. Und es ist ein Markt, auf dem seit jeher eine Regel gilt: Erfolgreich wird, wer es schafft, von einer der großen Galerien aufgegriffen zu werden. Denn dann gibt es anschließend die Chance, in einem der großen Museen ausgestellt zu werden. Dem Museum of Modern Art oder der Tate Modern. Doch dann kam das Internet, das den Markt nuanciert und diversifiziert hat. Und damit eben doch für viele Underdogs ein Weg, Erfolg zu haben. Nur drückt der sich anders definiert aus als in der vordigitalen Ära.
Klar, die Geschichte ist arg verkürzt – doch Experten, wie etwa die in New York lebende Kuratorin Roya Sachs, erklären das so: „Das Internet ist ein Tool zur Demokratisierung des Kunstmarkts. Es gibt den Menschen Zugang, die sonst keinen haben.“ Das gilt zuvorderst für die Konsumenten, die sich Kunst ansehen können, ohne dazu ins Museum zu gehen. „Jetzt kann ich eben auch Ausstellungen sehen, die in China oder in Brasilien sind“, sagt sie.

Sachs lebt in New York, aber „die Kunstwelt war immer mein Zuhause“. Sie kommt aus einer Familie großer Namen. Ihr Großvater ist Gunter Sachs, ihr Vater Rolf Sachs. Ein paar Generationen vor ihr taucht auch noch der Name Opel in ihrer Ahnenreihe auf. Vielleicht ist diese Familiengeschichte auch ein Teil ihres Zugangs zur Kunstwelt, in der sie selbst viele Stationen durchlaufen hat. MoMA, natürlich. Auch bei Sotheby’s hat sie gearbeitet.
Ihr Ziel war es, Museumskuratorin zu werden. „Die arbeiten aber sehr oldfashioned“, sagt sie. „Ich wollte schnell eigene Projekte machen.“ Jetzt vermischt sie bei ihren Aktionen die Gattungen miteinander – Musik mit Malerei oder Performancekunst. „Es muss immer neu sein“, sagt sie.
Das Internet hat nicht nur den Zugang der Menschen da draußen zur Kunstwelt verändert.
Das gilt mindestens im gleichen Maße für diejenigen, die Kunst machen. Das ist keine Entwicklung, die vom einen auf den anderen Tag stattgefunden hat, erklärt Sachs, „die Entwicklung läuft über die vergangenen 20 Jahre – und Museen und Künstler*innen haben darauf reagiert“. Neue Räume sind entstanden. Sachs nennt es ein Werkzeug zum Empowerment von Künstler*innenn, denen der Zugang über die Galerien und Museen verwehrt geblieben ist.
„Jetzt hat jeder die Möglichkeit, Entrepreneur zu sein“, sagt Sachs. Nicht nur Menschen, die schreiben, haben nun die Möglichkeit, ihre Texte online zu veröffentlichen. Menschen, die malen, können ihre Werke auf einer eigenen Website zeigen oder über die sozialen Medien. Perfomancekünstler*innen können live in die ganze Welt senden. Menschen können digital durch Installationen gehen – „das ist sehr wirkmächtig“, wie Sachs sagt. Doch das Museum oder die Liveperformance wird das Internet ihrer Ansicht nach nie ersetzen. Vieles, was Kunst ausmacht, gehe im Netz verloren.
Aber es hat sich ein komplementärer Kanal etabliert. Und der erlaubt es, dass Besucher*innen einer Website oder Follower auf Social Media mit den Künstlern*innen und Werken interagieren können. Dass Künstler*innen, die es schaffen, sich eine Follower*innenbasis aufzubauen, große Reichweite erlangen können, versteht sich von selbst. „Es gibt jetzt Künstler*innen, die sehr erfolgreich darin sind, ihre Kunst zu verkaufen, ohne einen Proof aus der klassischen Kunstwelt zu haben“, sagt Sachs. Ein Beispiel dafür ist KAWS.
Dessen Karriere begann als Graffiti-Artist. Er hat in den 90er-Jahren angefangen, Figuren zu zeichnen, damals noch in 2D. Jetzt ist er in den wichtigsten und bekanntesten Museen der Welt zu sehen – etwa im Modern Art Museum of Fort Worth oder im Brooklyn Museum. Auch Banksy ist einer der Künstler*innen, die es geschafft haben, sich am klassischen Kunstmarkt vorbei einen Namen zu machen. Um dann irgendwann eine Anerkennung aus der gediegenen Szene zu bekommen und als etabliert zu gelten.
Andere Wege gehen

Einen ähnlichen Weg, wenn auch (noch) in kleinerem Stil, geht Joséphine Sagna. Sie sagt, dass Erfolg in dieser Welt eben eine Frage der Definition sei – „davon leben können, ohne sich zu verbiegen“. Seit anderthalb Jahren lebt die Wahlhamburgerin von ihrer Malerei, ihr Kundenkreis setze sich aus Privatpersonen oder etwa aus Firmen, die ihre Büros ausstatten wollen, zusammen. Auch ein Hotel hat sie gestaltet. Was sie langfristig auf diesem Markt zu erwarten habe, sei „eine Frage, die ich mir jeden Tag stelle“.
Wenn es im Augenblick gut laufe, sei immer noch die Ungewissheit dabei, ob und wie das so weitergehe: Ganz nach oben kommen, muss und will man das überhaupt? Wenn man doch selbst an seinem Erfolg arbeiten kann. „Gerade erst habe ich wieder Bilder über Instagram verkauft“, sagt Sagna.
Und doch: Kauft ein bekannter Galerist das Werk eine*r Künstler*in, ist das wie ein Qualitätssiegel. Für Schrader kam der erste Proof aber nicht aus der Kunstwelt. Sondern aus der stets an Anschluss interessierten Welt der Mode. Von Luxuslabels wie Dior, Louis Vuitton oder Montblanc. Auch mit Iris von Arnim hat er im vergangenen Herbst einen Pullover rausgebracht. Die Zahl 1989, die vorne auf dem Pulli zu sehen ist, erinnert an den Mauerfall und an Schraders eigene frühe Jahre. Denn in den 90ern begann auch er zu sprayen. Damals war er gerade zwölf Jahre alt. Er sagt auch, dass sich die Kunst, das Malen, durch sein ganzes Leben ziehen würde.
Trotzdem entschied er sich erst für einen völlig anderen Weg: Jurastudium, Promotion in amerikanischem und europäischem Kartellrecht, dann Arbeit in einer angesehenen Kanzlei, auf dem Weg zum Partner. Nach dem Studium dann die ersten Werke. „Am ersten Tag in der Kanzlei habe ich wieder angefangen zu malen“, sagt er. „Nicht, um etwas zu verkaufen. Nur weil ich Lust hatte.“ Trotzdem wird eine Galeristin auf ihn aufmerksam. „Die hat die ersten Bilder gekauft.
Das ist dann einfach so passiert. Nebenher. Ohne Plan.“ Die Arbeitstage in der Kanzlei sind lang – am Ende hat Schrader Urlaub genommen, um Bilder zu malen. „Das waren zwei Fulltime-Jobs“, sagt er. Als er gerade auf dem Weg zur Partnerschaft in der Kanzlei war, gab er seinen Job auf. Um Künstler zu sein. „Ich wusste ja, dass es funktioniert. Die Entscheidung war trotzdem hart“, sagt er.
Ein anderer Termin im Februar. In Schraders Atelier in Hamburg-Ottensen hängen Bilder des Models Stefanie Giesinger. Sie, Schrader und die Fotografin Linda Böse sind eine Kooperation eingegangen. „Instagram ist sehr schnelllebig“, sagt Schrader. „Solche Projekte entschleunigen den Rausch der sozialen Medien“, sagt Giesinger. Es ginge weniger darum, etwas zu verkaufen, als darum, zu dritt etwas zu erschaffen, das über digitales Grundrauschen hinausgeht. Fotografie trifft Kunst trifft Digitalisierung. „Letztlich geht es um die Symbiose mehrerer Welten.“
Drei Leute aus unterschiedlichen Bereichen von sich ähnelnden Branchen bringen unterschiedliche Skills mit. Böse die Fotografie, Schrader die Kunst und Giesinger ihr Gesicht und ihren Fame in den sozialen Medien. Und zusammen gehen sie gleichberechtigt eine Kooperation ein, von der am Ende alle drei profitieren. Manche sagen, dass Künstler*innen wie Damien Hirst Vorbilder waren und Schrader deren Wirken gerade nur perfekt vollendet – Medien nutzen, sich selbst vertreten und vermarkten, in und um den etablierten Kunstmarkt herum zu leben, ohne dessen Konventionen anzuerkennen und anzunehmen.
Zeit der Kunstunternehmer
Und doch ist das Ziel irgendwie immer da: von einem der etablierten Galeristen erkannt und damit im Markt anerkannt zu werden. Denn im Jahr 2020 ist es das, was Schrader noch fehlen könnte. Er sagt: „Wer bestimmt, was Kunst ist, und was ist dieser Kunstkreis eigentlich? Und ist es am Ende vielleicht auch ganz egal?“ Es gäbe da draußen eben viele Meinungen, vor denen man gar nicht so viel Angst haben sollte.
„Am Ende ist mir wichtig, dass ich das machen kann, was mir Spaß macht.“
Schraders Arbeit als Anwalt hat ihm Sicherheit gegeben, karrieremäßig wie auch finanziell. Künstler*innen, die direkt von der Hochschule kommen, starten mit weniger. So oder so ist es schwer genug, auch wenn nicht direkt die Miete und der Kaffee verdient werden müssen. Schrader steht mit seinem Modell jedenfalls zumindest theoretisch in Konkurrenz zu jedem anderen, der in der Aufmerksamkeitsökonomie um Wahrnehmung buhlt.

Einer, der die Bewegungen der letzten Jahre ganz genau verfolgt hat, ist Magnus Resch. Der ist Dozent in Yale und sieht, dass Galerien im Gegensatz zu Leuten, die ihre Kunst selbst vermarkten, sehr hohe Fixkosten haben. Er spricht deswegen auch von einem Galeriensterben. Natürlich treffe das nicht die ganz, ganz großen, die nach wie vor den Markt beherrschten. Schon aber die, die in niedrigpreisigeren Segmenten arbeiteten.
„Ich spreche da von zwei Welten“, sagt Resch. „Siegerkunst auf der einen Seite“ – und dann die anderen 99,9 Prozent aller Galerist*innen und Künstler*innen. In der einen Welt würden einige wenige Galeristen bestimmen, was Erfolg ist und was nicht, was gekauft wird und was nicht, und damit auch, was im Museum zu sehen ist und was eben nicht. Dieser elitäre Markt ist klein.
Resch spricht von rund 6 000 Sammler*innen, die mehr als 100 000 Dollar pro Jahr ausgeben würden. Andere Stimmen nennen sogar nur 3000 Sammler. Auf der anderen Seite stehe dem ein Überangebot an Künstler*innen entgegen. „Das passt von der Grundstruktur des Marktes gar nicht“, sagt Resch. Das heißt, dass die meisten irgendwann an die gläserne Decke stoßen. Außerdem, sagt Resch, „ist der Markt intransparent“.
Gut, dass gleich auch eine Lösung vorhanden ist – Reschs eigene. Vor einigen Jahren hat er eine App auf den Markt gebracht, die er ganz unbescheiden nach sich selbst benannt hat: Magnus. Der Mann ist ein Vermarktungsgenie, und man versteht, warum Sachs von Kunstunternehmer*innen gesprochen hat. In der Werbung, die Resch bereits 2016 für seine Magnus-App gemacht hat, reitet er am Ende auf einem Esel davon.
Und winkt, den Rücken zur Kamera, dem Zuschauer zu. Bereits ein paar Jahre davor war er mit einem Video bekannt geworden, auf dem er ein paar Sekunden lang auf Skiern einen Hang hinabgleitet und dabei in die Kamera erzählt, dass er bezweifelt, dass andere gerade genauso viel Spaß haben wie er – genau, der „I daut it“-Mann. Resch jedenfalls kann man nicht absprechen, die Wichtigkeit von Haftenbleiben und Viralität verstanden zu haben.
Seine App sollte so etwas sein wie Shazam für Kunst. Man konnte sie kostenlos runterladen, auf einer Karte hat sie die angesagtesten Galerien der wichtigen Kunststädte angezeigt. In den Galerien selbst konnte man ein Bild abfotografieren.
Die App sollte einem die wichtigsten Parameter anzeigen, die ein Bild ausmachen: Wer ist die Künstler*in, von wann ist das Bild, wie viel ist es wert – und vor allem: Wie ist die Verkaufshistorie eines Werks? Resch verkauft seine App als nicht weniger als eine Revolution. Traditionalist*innen sind da eher zurückhaltender. Sie zweifeln den Nutzen solcher Apps an. Ein Experte sagt: „Wenn ich in der Galerie bin, brauche ich doch kein Bild machen. Ich kann den Galeristen doch einfach fragen.“
Plattform für die Kleinen
„Daten sind Gold“, sagt hingegen Resch, der über seine App irgendwann eine den gesamten Markt überblickende Datenbank aufbauen will. Der Nutzen, den manche anzweifeln, steht also am Ende der Arbeit. „Der Markt ist undemokratisch“, sagt Resch. Und er zeigt sich überrascht, dass sogar die Künstler, die auf diesem Markt agieren, davon überrascht sind. Doch wie sollte es anders sein, wenn nur wenige über das Wohl und Wehe vieler bestimmen können, wenn im oberen Preissegment die Preise explodierten, während die da unten darben.
Handlungsbedarf sieht er nicht nur bei den Galerist*innen, sondern auch bei den Museen, die oft von öffentlichen Geldern finanziert seien. Und doch immer wieder nur die Künstler*innen ausstellen würden, die sie von den großen Galerien zugespielt bekämen. Er spricht in dem Zusammenhang von einem Netzwerk.

Ähnliches Spiel, doch völlig andere Arena: Lila Nettsträter hat zusammen mit Co-Founderin Lisa Kostenko das Kunst-Startup Kunst/100 gegründet. Dort verkaufen sie Kunstwerke für unter 500 Euro. Auf einem Markt, der sonst in Hunderttausenden oder sogar Millionen rechnet, mag das nichts sein – doch die beiden leisten Pionierarbeit, die andere nicht leisten können oder wollen. „Wenn Galerien anfangen würden, so zu arbeiten wie wir, würden sie ihr höchstes Gut preisgeben“, sagt Nettsträter.
Die Rede ist vom Zugang, von der Exklusivität. Wer Kunde bei einer Galerie sein will, braucht meist ein gut gefülltes Portemonnaie. Was natürlich gewollt sei. Nettsträter will den Flaschenhals – Galerien, Galerist*innen, Sammler und Museen –, durch den bisher jedes Werk durchmuss, massiv erweitern. Dafür nutzt sie eine Metapher: „Es gibt die Akropolis und das Neubaugebiet drumherum. Ein Haus im Neubaugebiet macht keinen Unterschied.“ Klingt nachvollziehbar. Mag die Akropolis auch noch so toll angestrahlt sein: Irgendwann ist im Neubaugebiet einfach mehr Leben, und die besseren Partys finden eben da statt, wo sich das Leben tummelt.
Bis sich der gesamte Markt ins Internet verlagern kann – und es ist fraglich, ob er das je tun wird –, wird es noch mindestens 20 Jahre dauern. Denn nicht nur die Galerien haben Angst davor „zu vertrashen“, wie Nettsträter es nennt, auch die Kund*innen sind schwer im Internet einzufangen. „Im Marketing würde man sagen, das Produkt passt nicht zu den digitalen Kanälen.“
Doch es entsteht eben eine komplette Gegenbewegung – mehr qualitativ hochwertige Ware zu günstigeren Preisen, die von einer Zielgruppe gekauft wird, die online abrufbar ist. Ein wichtiger Kanal auch hier: Instagram. „Ich schätze, dass fast 80 Prozent über Instagram auf unsere Seite kommen“, sagt Nettsträter. Sie und ihre Kollegin geben einen reizvollen Blick auf die Zukunft frei.
Nur erweist sich in diesem Jahr das Internet nicht einmal als der größte Wandlungstreiber. Wie in fast allen anderen Branchen auch ist Corona die Keule, die den bestehenden Kunstmarkt mit Wucht getroffen hat. Messen mussten abgesagt werden, Galerien schlossen die Türen, Auktionen konnten nicht stattfinden. Was das für den Markt bedeuten wird, ist noch längst nicht klar. Sicher ist nur, dass auf absehbare Zeit nichts wie gewohnt passieren wird.

Kunsthändler und Berater Michael Neff hat beobachtet, dass sich hier besonders die Goliaths der Branche schnell an die Situation angepasst haben. Auch sonst liefern sich Sotheby’s und Christie’s ein Rennen um die Top-Position, jetzt eben auf neuem Terrain. Ende Juni streamte Sotheby’s das erste Mal eine Auktion komplett online. An drei Standorten gleichzeitig wurden Kunstwerke versteigert: in New York, in London und in Hongkong.
Als die Auktion startete, war es in Hongkong früh am Morgen, in London war es Mitternacht. Lediglich die New Yorker konnten zur gewohnten Zeit teilnehmen, „cocktail hour“ nennt der „Economist“ das. Und natürlich – wenn nichts anderes geht – machen die Sammler*innen eben mit. Die Granden des Kunstmarkts in Deutschland, sagt Neff, haben zwar mit einigem Misstrauen auf die Aktion geschaut. „Aber das lief besser, als wir alle dachten.“
Die Sorge war da, dass keine guten Werke verkauft werden. Doch die sei unberechtigt gewesen, die Preise haben mehrmals die Millionenmarke geknackt. „Aber schöner ist es trotzdem, wenn man in London gemeinsam rumhängen kann“, sagt Neff. Er sieht einen digitalen Wandel im Kunstmarkt, der „aus der Not geboren war“. Neff sagt:. „Der technische Aufwand, eine Auktion online zu machen, ist hoch.“ Doch es lohnt sich: Die Käufe und Verkäufe hätten sich um zehn bis 30 Prozent erhöht.
Wie sich die Preise verändern, könne hingegen noch niemand sagen. „Reden wir hier jetzt von 10 000 oder 100 000 Euro? Dafür ist es noch zu früh.“ Was sich aber abzeichne, sei, dass am Ende das Beste aus beiden Welten hängen bleiben würde. Seit es die Möglichkeit gibt, kaufen Menschen Kunst online. Bloß bisher eher im unteren Preissegment. „Klar ist aber auch, dass wir uns wieder persönlich treffen werden, wenn es wieder geht“, sagt Neff. Aber eben vielleicht nicht mehr alle.
Denn das einzige Problem, das Neff bei der Entwicklung sieht, ist, dass viele ältere Sammler*innen abgehängt würden – wie bei jeder digitalen Entwicklung. Der Vergleich hinkt vielleicht, aber es erinnert daran, wie vor Jahren der Quelle-Katalog eingestellt worden ist. Wo soll Großmuttern denn nun ihre Waschmaschine kaufen? Da müsse man die Händler*innen und Sammler*innen an die Hand nehmen, dass sie überhaupt mitbekommen, dass Christie’s oder Sotheby’s online Auktionen machen. „Sonst gehen die vor die Hunde.“
Nicht nur Menschen blieben bei der Art des Handels auf der Strecke, auch der Handel an sich leide. Das sagt jedenfalls Johann König, einer der bekanntesten Galeristen Deutschlands. Er hat in Berlin-Kreuzberg die Kirche St. Agnes umgebaut und darin seine Galerie eingerichtet. Die ist mittlerweile ein Anlaufpunkt für alle geworden, die sich für Kunst interessieren. „Es fehlt die persönliche Komponente, wenn ich auf ein Bild biete“, sagt er.
Bei einer Auktion, bei der alle in einem Raum anwesend sind, sieht man, wer alles zwischendurch auf das Bild geboten hat, nicht nur den, der es am Ende ersteigert. Der Prozess soll viel über das Interesse aussagen, das das Bild auslöst. Im Real Life gibt es sogar Leute, die in den Auktionen sitzen, um das Bietergeschehen zu überblicken und später Newsletter mit diesen Informationen zu versenden. „Das gibt es online nicht“, sagt König.
Die Anonymität der Onlineauktion ist wiederum gut für die Unterbieter*innen, denn viele wollen diskret agieren. Insider, die den gesamten Markt überblicken wollen, brauchen hingegen das Live-Event. Klar ist auch, dass die Auktionshäuser an sich zur Diskretion verpflichtet sind. „Es gibt aber auch in dem Bereich spannende Innovationen“, sagt König. Das analoge Bietergefecht in die digitale Welt zu heben könnte der nächste Akt der Digitalisierung des Kunstmarkts sein.
Um dieses Gefecht, die persönliche Komponente im Kleinen austragen zu können, und um die Gunst der Corona-Stunde zu nutzen, hat König im Juni das erste Mal eine eigene Messe in St. Agnes abgehalten. Dass die großen Messen ausgefallen sind, hat er dabei für sich als Chance wahrgenommen. „Wir konnten bei uns in St. Agnes coronakonform eine Messe ausrichten“, sagt er. 4 000 Besucher anstatt Art-Basel-like 95 000 eben. Sogar ein Fotoverbot hat König auferlegt.

Der Kunstmarkt ist eine an Verwirrungen reiche Welt, die Messen machen es nicht einfacher. Geht ein Kunstwerk in die Auktion, sehen es normalerweise alle Interessierten. Der gesamte Kunstbetrieb schaut auf die großen Messen und Auktionen. Das Netz und öffentliche Publikationen werden mit Bildern dieser Events überflutet. „Bei uns gibt es ein Fotografieverbot“, sagt er. Nichts geht raus, was nicht vom Veranstalter, in dem Fall von König, kuratiert und freigegeben worden ist.
Das hat einen praktischen Grund: Für die Verkäufer*innen soll so das Risiko des Wertverlusts gering gehalten werden, wenn ein Bild nicht verkauft wird – wenigstens hat nicht alle Welt zugesehen. „Das ist die Gefahr bei einer großen Auktion, und in diese Nische stechen wir jetzt. Bei uns bleiben die Bilder marktfrisch.“ Der erste Versuch, so König, sei sehr gut gelaufen, die zweite Veranstaltung der Reihe fand im September statt. „Und wir wollen das wieder machen“, sagt der Galerist. Zwar geht er davon aus, dass vieles wieder normal werden wird, sobald es geht. Aber auch hier werden zukünftig zwei Konzepte nebeneinander existieren.
Das Schwert gezückt
Es ist ein Clash of Cultures. Altes trifft auf Neues. Strukturen ändern sich, Player*innen passen sich an – im Kern bleibt vieles, wie es war. Doch ähnlich einer Kalt-, die auf eine Warmfront trifft, entstehen an den Rändern Verwirbelungen, die mal länger, mal kürzer Bestand haben. Die aber immer eine Auswirkung darauf haben, was im Großen und Ganzen geschieht. Es sind diese Konvektionszonen, in denen die Großen und Kleinen des Marktes austesten, was da alles in Zukunft gehen mag.
Für Künstler*innen wie Schrader hat sich der Weg bislang als sehr lohnenswert erwiesen. In einem Post des ehemaligen Fußball-Nationalspielers André Schürrle ist zu sehen, dass dieser ein Bild von Schrader in seinem Wohnzimmer aufgehängt hat. 11 000 Likes, fast 40 bewundernde Kommentare. Hat Schürrle in der Kunstwelt dasselbe Standing wie ein etablierter Sammler? Sicherlich nicht, aber es ist egal – in der Multiplikatorenrealität der Gegenwart mag ein Post vom Ex-Fußballprofi langfristig wertvoller sein als die Möglichkeit, in einem gediegenen Rahmen dann und wann wohlwollend beäugt zu werden.
Für Schrader schließt sich ein Kreis. Denn auch auf beiden Messen in St. Agnes gab es Bilder von ihm zu sehen und zu kaufen. Nach der Mode und vielen, vielen Käufern also ein Beweis aus der König’schen Galerie, dem Inner Circle der Kunstwelt. Er und König, sagt Schrader, kennen sich seit gut einem Jahr. Dass er nun auf einer solchen Messe stattfindet, sei die Anerkennung eines anerkannten Galeristen – und zwar „für eine Arbeit die ich ja normalerweise frei mache“. Ein Ritterschlag. Fragt sich nur, für wie viele andere in Zukunft der Markt ebenfalls das Schwert zückt.

Freundinnen und Freunde, es ist wieder soweit: Unsere neue Ausgabe ist da. Und dieses Mal sogar mit zwei unterschiedlichen Covern. Oh yeah! Über 160 druckfrische Seiten mit den spannendsten Entwürfen zum Gründen und Leben: Wer steckt hinter Berlins ambitioniertester Gründer-WG? Und wie verbreitet die Factory Berlin ihr erfolgreiches Community-Konzept bald deutschlandweit? Außerdem: Wie der Kunstmarkt sich rapide verändert und sich die Modewelt weg von Fast Fashion bewegt. Also ab zum Kiosk oder zum Aboshop.