Green & Generation 1,2 Milliarden Euro versenkt: Wie EnBW mit Offshore-Wind baden geht – und ein grüner Finanzminister zuschaut

1,2 Milliarden Euro versenkt: Wie EnBW mit Offshore-Wind baden geht – und ein grüner Finanzminister zuschaut

Eine trockene Pflichtmitteilung, ein fetter Bilanzknall: EnBW stoppt zwei Offshore-Windparks in Großbritannien. Das angeblich subventionsfreie Zukunftsmodell Windkraft scheitert krachend – ausgerechnet im Wahlkampf.

Manchmal stehen die wichtigsten Sätze nicht auf Titelseiten, sondern dort, wo sie fast überlesen werden: in einer nüchternen Investorenmitteilung zum Beispiel, sachlich, glatt, ohne jedes Alarmsignal. Der baden-württembergische Energieversorger EnBW, mit 30 000 Mitarbeitern und rund 5,5 Millionen Kunden ein Koloss in Deutschland und Europa, hat im vergangenen Monat so eine Mitteilung verschickt. Der Konzern teilt dort mit, er werde die Offshore-Windprojekte Mona und Morgan in Großbritannien nicht weiterverfolgen. Der Preis für diesen Rückzug steht ein paar Zeilen später: eine Wertberichtigung in Höhe von 1,2 Milliarden Euro im Jahresabschluss 2025. „Nicht zahlungswirksam“, betont der Konzern. Das klingt nach nicht so schlimm, ist aber gleichwohl sehr real: Mehr als eine Milliarde Euro verschwindet aus der Bilanz. Und mit ihr das politische Versprechen, Offshore-Windkraft trage sich inzwischen selbst.

Dieses Eingeständnis hat es in sich. Denn in Baden-Württemberg wird im nächsten Monat gewählt. Bisher haben die Grünen über viele Jahre hinweg den Ministerpräsidenten gestellt. Jetzt bewirbt sich mit Cem Özdemir ein prominenter Fürsprecher der Energiewende um die Nachfolge des scheidenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Und da passt es überhaupt nicht in die Wahl-Strategie der Grünen, dass ausgerechnet der für die Landesfinanzen zuständige grüne Minister Danyal Bayaz im Aufsichtsrat der EnBW sitzt. Aufsicht bedeutet Verantwortung. Wer Risiken kontrollieren soll, haftet politisch mit, wenn sie Realität werden. Die Grünen haben also ein Problem.

Wie konnte es dazu kommen? Mona und Morgan waren als große Offshore-Windparks in der Irischen See geplant, mehrere Dutzend Kilometer vor der britischen Küste. Zusammen hätten beide Projekte eine Leistung von rund drei Gigawatt erreichen können, genug Strom für mehr als zwei Millionen Haushalte. EnBW entwickelte die Projekte seit 2021 gemeinsam mit dem Joint Venture JERA Nex bp. Die britischen Behörden hatten die Genehmigungen bereits erteilt. Gebaut wurde dennoch nichts. Kein Fundament, kein Windrad, kein Stromanschluss. Der Rückzug passierte jetzt noch vor Beginn der Bauphase.

Der Grund liegt in einer Auktion, die außerhalb der Energiebranche kaum jemand kennt: In Großbritannien erhalten neue Offshore-Windparks ihre wirtschaftliche Grundlage in staatlichen Ausschreibungen für sogenannte Contracts for Difference. Diese Verträge garantieren über viele Jahre feste Erlöse für den erzeugten Strom, die der Staat im Zweifelsfall subventioniert. Ohne einen solchen Zuschlag fehlt die Planbarkeit, die Banken und Investoren verlangen. Genau das geschah bei Mona und Morgan. Beide Projekte erhielten in der jüngsten Vergaberunde keinen Zuschlag. EnBW nennt dies selbst den zentralen Auslöser für den Ausstieg. Laut Nachrichtenagentur Reuters hat EnBW bis zum Abbruch bereits rund 840 Millionen Pfund in die Entwicklung investiert. Weitere Zahlungen wurden gestoppt.

Der Vorgang zeigt: Ohne staatlich abgesicherte Einnahmen lässt sich so ein Projekt nicht finanzieren. Offshore-Wind rechnet sich nicht ohne politische Rückendeckung. Dieser Befund ist kein Einzelfall. Offshore-Windparks, die tatsächlich gebaut wurden, erhielten ausnahmslos massive staatliche Unterstützung. Der britische Windpark Gwynt y Môr vor der Küste von Wales kostete rund zwei Milliarden Euro und profitierte von langfristigen Vergütungsmodellen. Thanet, einst Vorzeigeprojekt vor der englischen Südküste, wurde mit garantierten Strompreisen realisiert. In Deutschland sieht es nicht anders aus.

Was bedeutet der Milliardenverlust für EnBW und für Baden-Württemberg? Er mindert das Jahresergebnis erheblich. Verluste dieser Größenordnung können den steuerlichen Gewinn senken und damit perspektivisch auch die Steuerzahlungen. Wie stark dieser Effekt ausfällt, lässt sich erst nach Vorlage des vollständigen Jahresabschlusses beurteilen. Klar ist jedoch: Eine schwächere Bilanz bedeutet weniger Spielraum, weniger Ausschüttungen und eine geringere wirtschaftliche Robustheit. Den Schaden tragen die EnBW-Eigentümer, unter ihnen öffentliche Akteure: Kommunen, Sparkassen, Landesbanken, Versicherungen und sogar kirchliche Einrichtungen sind über Beteiligungsmodelle eng mit dem Energiekonzern verbunden. Sinkende Ergebnisse treffen nicht anonyme Kapitalmärkte, sondern Haushalte, die zum Beispiel Kindergärten finanzieren sollen.

Aus dem Stuttgarter Finanzministerium heißt es, der Rückzug sei eine verantwortungsvolle Entscheidung zur Begrenzung weiterer Risiken. Der Satz wirft die Gegenfrage auf: Wenn der Ausstieg verantwortungsvoll war, weshalb galt der Einstieg über Jahre hinweg als alternativlos? Hat Aufsichtsratsmitglied und Finanzminister Danyal Bayaz die Risiken nicht sehen wollen, die für die Kassen der Kommunen in seinem Land daraus jetzt entstanden sind?

Mitten in der heißen Phase des Landtagswahlkampf wird der Vorgang damit zum Symbol. Die Energiewende wurde über Jahre als moralisches Projekt inszeniert, Kritik als rückwärtsgewandt abgetan. Doch auch gut gemeinte Politik entkommt den Gesetzen der Wirtschaft nicht. Die Milliarden-Abschreibung in der EnBW-Bilanz ist kein Betriebsunfall. Sie zeigt, wie teuer politische Versprechen werden können, wenn wirtschaftliche Realitäten zu lange ignoriert werden.

Das könnte dich auch interessieren