Green & Generation Biologisches Alter bremsen: Vier Monate jünger dank Pillen – was die Studie verschweigt

Biologisches Alter bremsen: Vier Monate jünger dank Pillen – was die Studie verschweigt

Eine Studie zeigt: Multivitamine bremsen biologisches Altern um vier Monate. Doch Experten warnen vor falschen Hoffnungen – und die Supplement-Industrie jubelt zu früh.

958 Menschen über 70, zwei Jahre lang täglich Multivitamine – und am Ende vier Monate weniger biologisches Alter. Eine neue Studie in Nature Medicine liefert erstmals harte Daten zum Anti-Aging-Versprechen der Supplement-Branche. Doch was nach Durchbruch klingt, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als komplexer: Die Effekte sind minimal, die Messmethoden umstritten, und für Menschen unter 50 gibt es schlicht keine Belege.

Die Forschung um Howard Sesso von der Harvard Medical School nutzte sogenannte epigenetische Uhren – molekulare Marker, die zeigen sollen, wie schnell Zellen altern. Das Team teilte die Probanden in vier Gruppen: Multivitamine plus Kakaoextrakt, nur Multivitamine, nur Kakao oder Placebo. Nach zwei Jahren zeigten zwei der fünf gemessenen Altersuhren (PCGrimAge und PCPhenoAge) bei der Multivitamin-Gruppe eine Verlangsamung um durchschnittlich 2,6 Monate pro Jahr. Kakao brachte nichts.

Wer profitiert wirklich?

Der Effekt war am stärksten bei Menschen, deren biologisches Alter bereits über dem chronologischen lag – also bei jenen, die ohnehin schneller altern. Das deutet darauf hin, dass Multivitamine vor allem Nährstoffmängel ausgleichen, nicht aber gesunde Alterungsprozesse stoppen. Die meisten Menschen in Industrieländern nehmen laut T Online zu wenig Jod, Vitamin E, Kalzium und Eisen auf – Multivitamine könnten hier eine Lücke schließen.

Doch Daniel Belsky von der Columbia University, der nicht an der Studie beteiligt war, gibt zu bedenken: Epigenetische Uhren reagieren auf viele Faktoren – Operationen, Schwangerschaft, Stress – ohne dass dies zwingend mit tatsächlicher Lebenserwartung korreliert. Die Studie zeige zwar Veränderungen in Biomarkern, aber nicht, ob Menschen dadurch länger oder gesünder leben.

Centrum zahlt, Harvard forscht

Die Studie wurde teilweise von Centrum finanziert, dem Hersteller der verwendeten Multivitamine. Die Forschung selbst lief über unabhängige Universitäten und wurde von den National Institutes of Health gefördert – methodisch gilt sie als solider als viele andere Supplement-Studien. Dennoch bleibt der Interessenkonflikt: Die Supplement-Industrie setzt Milliarden um, und jede positive Studie treibt den Absatz.

Carmen Romero Ferreiro von der Universität Francisco de Vitoria in Spanien ordnet ein: Die Effekte seien begrenzt, Multivitamine könnten allenfalls ergänzend wirken – nicht als Ersatz für Ernährung und Bewegung. Pilar Guallar Castillón von der Autonomen Universität Madrid geht weiter: Sie rät grundsätzlich von Multivitaminen ab und empfiehlt stattdessen Obst, Gemüse und eine ausgewogene Ernährung.

Was die Daten nicht zeigen

Für Menschen unter 50 gibt es praktisch keine Forschung zu Multivitaminen und Alterung. Die vorliegende Studie konzentrierte sich auf über 70-Jährige – eine Altersgruppe, die häufiger Nährstoffmängel aufweist. Ob jüngere, gesunde Menschen profitieren, bleibt unklar. Zudem fehlen Langzeitdaten: Führen die gemessenen Veränderungen tatsächlich zu mehr gesunden Lebensjahren oder nur zu veränderten Biomarkern?

Howard Sesso selbst nimmt seit seinem 50. Geburtstag Multivitamine – überzeugt von einer früheren Studie, die zeigte, dass Männer über 50 ihr Krebsrisiko leicht senken könnten. Doch er warnt: Die Qualität der Supplement-Forschung sei insgesamt schwach, und die Öffentlichkeit schlucke Pillen, ohne deren Nutzen oder Risiken zu kennen.

Business Punk Check

Die unbequeme Wahrheit: Vier Monate biologisches Altern in zwei Jahren zu bremsen klingt nach Durchbruch – ist aber statistisch gesehen marginal. Wer wirklich länger gesund leben will, braucht keine Pillen, sondern Bewegung, soziale Kontakte und eine Ernährung, die nicht aus dem Supermarktregal kommt. Die Studie zeigt vor allem eines: Multivitamine gleichen Defizite aus, die durch schlechte Ernährung entstehen. Wer sich ausgewogen ernährt, wirft sein Geld zum Fenster raus. Was die Industrie verschweigt: Die Supplement-Branche verkauft Hoffnung, nicht Heilung.

Centrum und Co. profitieren von Studien wie dieser, ohne dass klar ist, ob die gemessenen Effekte überhaupt relevant sind. Epigenetische Uhren sind ein spannendes Forschungsfeld, aber kein Beweis für längeres Leben. Wer jetzt zum Multivitamin greift, kauft vor allem eines: ein gutes Gefühl. Die Handlungsempfehlung: Für über 70-Jährige mit nachgewiesenem Nährstoffmangel können Multivitamine sinnvoll sein – nach Rücksprache mit dem Arzt. Für alle anderen gilt: Investiert in Lebensmittel, nicht in Pillen. Und wenn schon Supplements, dann gezielt: Vitamin D im Winter, B12 für Veganer, Jod bei Bedarf. Aber bitte keine Wunderpillen, die versprechen, was sie nicht halten können.

Häufig gestellte Fragen

Sollten Menschen unter 50 Jahren Multivitamine nehmen?

Für Menschen unter 50 gibt es kaum wissenschaftliche Belege, dass Multivitamine das biologische Altern beeinflussen. Die aktuelle Studie konzentrierte sich auf über 70-Jährige, die häufiger Nährstoffmängel aufweisen. Wer sich ausgewogen ernährt, braucht in der Regel keine Supplements. Gezielte Ergänzungen wie Vitamin D im Winter oder B12 für Veganer können sinnvoll sein – aber nur nach ärztlicher Rücksprache.

Was sagen epigenetische Uhren wirklich über die Lebenserwartung aus?

Epigenetische Uhren messen chemische Veränderungen an der DNA, die mit dem Alter korrelieren. Sie zeigen, wie schnell Zellen altern – aber nicht zwingend, wie lange ein Mensch lebt. Faktoren wie Operationen, Schwangerschaft oder Stress können diese Marker beeinflussen, ohne dass dies die tatsächliche Lebenserwartung verändert. Die Forschung steht noch am Anfang, und es fehlen Langzeitdaten, die einen direkten Zusammenhang zwischen epigenetischen Uhren und Gesundheitsspanne belegen.

Welche Nährstoffe fehlen den meisten Menschen wirklich?

Laut Studien nehmen die meisten Menschen in Industrieländern zu wenig Jod, Vitamin E, Kalzium und Eisen auf. Besonders ältere Menschen haben häufiger Defizite, weil die Nährstoffaufnahme im Alter abnimmt. Statt pauschal Multivitamine zu schlucken, sollte man gezielt testen lassen, welche Nährstoffe fehlen – und diese dann über Ernährung oder spezifische Supplements ausgleichen.

Wie stark ist der Einfluss der Supplement-Industrie auf solche Studien?

Die vorliegende Studie wurde teilweise von Centrum finanziert, dem Hersteller der verwendeten Multivitamine. Zwar lief die Forschung über unabhängige Universitäten und wurde von staatlichen Mitteln unterstützt, doch der Interessenkonflikt bleibt. Die Supplement-Industrie setzt Milliarden um, und positive Studien treiben den Absatz. Kritische Wissenschaftler fordern mehr unabhängige Forschung, um kommerzielle Interessen von echten Gesundheitsnutzen zu trennen.

Was bringt mehr: Multivitamine oder gesunde Ernährung?

Gesunde Ernährung schlägt Multivitamine in jeder Hinsicht. Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und gesunde Fette liefern nicht nur Vitamine, sondern auch sekundäre Pflanzenstoffe, Ballaststoffe und Antioxidantien, die in Pillen fehlen. Multivitamine können Defizite ausgleichen, aber sie ersetzen keine ausgewogene Ernährung. Wer wirklich länger gesund leben will, investiert in Lebensmittel – nicht in Pillen.

Quellen: Business Insider, T Online, Bild, euronews

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