Green & Generation Fracking-Fantasien: Warum Deutschlands Gas-Plan ziemlich overrated ist

Fracking-Fantasien: Warum Deutschlands Gas-Plan ziemlich overrated ist

 „Dann holen wir’s halt selbst aus dem Boden“ – klingt nach Energie-Rebellion. Ist aber eher ein Reality-Check mit Ansage: Deutschland hat Gas. Nur leider viel zu wenig.

Es ist dieser eine Satz, der gerade einige umtreibt: „Langfristig müssen wir das Energieangebot ausweiten, um die Abhängigkeit im Energiebereich zu reduzieren. Dazu gehört auch die Nutzung heimischer Energiequellen, zum Beispiel die Erschließung ausgewählter heimischer Gasvorkommen.“ So steht es in der Erklärung der Bundesregierung nach ihrem Verhandlungsmarathon vom Wochenende. Klingt nach neuem Selbstbewusstsein. Nach: Wir machen das jetzt einfach selbst.

Die Idee dahinter ist simpel und verführerisch. Wenn Energie von außen unsicher wird, drehen wir eben im eigenen Land auf. Mehr Gas aus Deutschland, weniger Abhängigkeit, mehr Kontrolle. Klingt wie ein Plan. Nur: Wer genauer hinschaut, merkt schnell, dass das eher politisches Wunschdenken ist als ein echter Gamechanger.

Denn ja, Deutschland hat Gas. Aber die Musik spielt nur in einer Region: im Norddeutschen Becken. Das zieht sich von Niedersachsen über Schleswig-Holstein bis nach Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Hier liegt fast alles, was geologisch interessant ist. Und hier wurde auch jahrzehntelang gefördert.

Vor allem Niedersachsen ist der Kern. Rund 90 Prozent der deutschen Erdgasförderung kamen von dort. Regionen wie das Emsland oder rund um Oldenburg waren lange echte Produktionszentren. Aber: Das meiste ist längst rausgeholt. Was übrig ist, sind vergleichsweise kleine Restmengen. Heute deckt die heimische Förderung gerade einmal rund fünf bis sechs Prozent des deutschen Gasbedarfs. Der Rest kommt von außen.

Und jetzt kommt der Punkt, an dem die Debatte regelmäßig eskaliert: Fracking. Die große Hoffnung: Tief im Gestein schlummern noch deutlich größere Mengen Gas vor allem in sogenannten Schieferformationen. Schätzungen sprechen von mehreren hundert Milliarden Kubikmetern. Klingt nach Jackpot. Ist es aber nicht. Denn dieses Gas liegt nicht einfach in klassischen Lagerstätten, sondern sitzt fest im Gestein. Um es rauszuholen, braucht es Fracking, also Bohrungen, hohen Druck, Chemikalien. Technisch machbar, klar. Aber politisch und gesellschaftlich hoch umstritten.

Und selbst wenn man das alles ausblendet: Es dauert lange. Bis erste relevante Mengen gefördert würden, vergehen Jahre, eher ein Jahrzehnt. Und dann kommt die nächste Ernüchterung: Selbst optimistische Szenarien gehen davon aus, dass Fracking vielleicht einen einstelligen Anteil am deutschen Gasbedarf decken könnte. Also kein Befreiungsschlag, sondern ein bisschen Entlastung – mehr nicht.

Der logische Startpunkt wäre wieder Niedersachsen. Da gibt es Daten, Infrastruktur, Erfahrung. Danach könnten Regionen wie das Münsterland oder Teile von Schleswig-Holstein folgen. Aber genau dort ist die Akzeptanz gering. Viele Menschen wollen keine Bohrtürme vor der Haustür und schon gar keine Fracking-Experimente im Boden darunter. Das ist kein Detail, das ist ein echtes Hindernis.

Und genau deshalb ist die Fracking-Debatte auch kein Neuland. Schon 2020 wurde das Thema systematisch untersucht. Eine Expertenkommission hat Studien begleitet, Risiken bewertet, Potenziale analysiert. Das Ergebnis war ziemlich eindeutig: Die Umweltfragen sind ernst, die Datenlage begrenzt und vor allem ist der Beitrag zur Energieversorgung überschaubar. Kurz gesagt: viel Aufwand, wenig Wirkung.

Deshalb bleibt auch die Kritik laut. Die Linken-Abgeordnete Ines Schwerdtner spricht von „Politik für fossile Konzerne“ und lehnt Fracking komplett ab. Für sie ist klar: Wer jetzt noch neue fossile Quellen erschließt, verlängert nur ein Modell, das ohnehin ausläuft.

Und während sich die Debatte am Gas festbeißt, wird ein anderer Punkt oft vergessen: Öl und Kohle. Beim Öl ist die Lage fast schon brutal eindeutig. Die größte deutsche Lagerstätte liegt in der Nordsee, das Feld Mittelplate. Dort werden rund 1,4 Millionen Tonnen pro Jahr gefördert. Klingt erstmal ordentlich – ist aber ein Witz im Vergleich zum Verbrauch von 80 bis 90 Millionen Tonnen jährlich. Selbst wenn man alle bekannten Reserven hebt, wäre nach wenigen Monaten Schluss.

Und Kohle? Ja, davon hat Deutschland viel. Vor allem Braunkohle. Jahrzehntelang war sie der sichere, heimische Energieträger. Genau das, was jetzt wieder gesucht wird. Aber: politisch ist der Ausstieg beschlossen, wirtschaftlich wird es durch CO₂-Preise immer teurer, gesellschaftlich ist die Akzeptanz im Keller. Kohle kann kurzfristig helfen, langfristig ist sie raus. Trotzdem fordern Politiker wie Michael Kretschmer, man müsse „alles in die Waagschale werfen, was wir an Ressourcen in unserem Land haben“. Der Impuls ist verständlich. Energie ist Macht, und Abhängigkeit fühlt sich schlecht an.

Aber genau hier liegt der Denkfehler. Denn selbst wenn Deutschland alles nutzt – Gas, Fracking, Öl, Kohle – bleibt das Ergebnis dasselbe: Es reicht nicht. Nicht mal annähernd. Die Mengen sind zu klein, die Förderung zu aufwendig, die Konflikte zu groß. Am Ende ist das Ganze wie ein Blick in einen halb gefüllten Kühlschrank: Da ist schon noch was drin. Aber für die große Party reicht es definitiv nicht.

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