Green & Generation Fusionskraftwerk: Vier deutsche Start-ups liefern sich einen Milliarden-Wettlauf

Fusionskraftwerk: Vier deutsche Start-ups liefern sich einen Milliarden-Wettlauf

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Vier deutsche Fusions-Start-ups kämpfen mit unterschiedlichen Technologien um Milliarden-Investoren, während Umweltverbände den Förderkurs infrage stellen.

Über 411 Mio. Euro in nur drei Monaten eingesammelt, eine Bewertung von mehr als 2,4 Mrd. Euro und trotzdem existiert bislang kein einziges funktionierendes Fusionskraftwerk.

Diese Diskrepanz zwischen Kapitalflut und technischer Realität prägt derzeit den deutschen Fusionssektor, in dem mindestens vier Start-ups mit grundverschiedenen Strategien um die Führungsrolle konkurrieren. Kernfusion gilt seit Jahrzehnten als Versprechen einer nahezu unerschöpflichen Energiequelle, wie t3n berichtet. Nun wollen Gründende aus dieser Grundlagenforschung ein Geschäftsmodell machen, obwohl noch niemand belegt hat, dass sich Fusionsstrom wirtschaftlich betreiben lässt.

Stellarator gegen Laser: Zwei Lager, ein Ziel

Proxima Fusion aus München verfolgt den Stellarator-Ansatz, ein Magnetfusionskonzept mit besonders stabilem Plasmabetrieb. Das Unternehmen plant ein Kraftwerk im bayerischen Gundremmingen und arbeitet laut eigenen Angaben an einem Alpha-Demonstrator bis 2031. Gauss Fusion verfolgt als paneuropäisches Industriekonsortium einen ähnlichen technologischen Weg und setzt ebenfalls auf Magnetfusion statt auf Laser. Dem gegenüber steht die Laserfusion: Marvel Fusion und Focused Energy setzen auf hochenergetische Laserimpulse, um Fusionsreaktionen in winzigen Brennstoffkapseln auszulösen.

Nach Angaben zum Biblis‑Pilotprojekt zielt Focused Energy auf eine Pilotanlage um 2035 und Netzeinspeisung um 2037; Aussagen zu einem kommerziellen Kraftwerk Anfang der 2040er Jahre sind eher eine Interpretation als eine explizite Unternehmensangabe. Die Kosten für ein erstes Pilotkraftwerk beziffert das Unternehmen auf mehrere Milliarden Euro, was zeigt, dass der Wettbewerb nicht nur technologisch, sondern vor allem kapitalintensiv ausgetragen wird. Zwischen den beiden Lagern gibt es bislang keinen technologischen Konsens darüber, welcher Ansatz schneller zur Marktreife führt.

Wer zahlt: Konzerne, Staat und Tech-Investoren im selben Boot

Die Investorenliste von Proxima Fusion liest sich wie ein Who’s who der Deep-Tech-Szene: XTX Ventures, Google, RWE, KfW Capital, SPRIND, Balderton, Cherry Ventures, DST Global Partners, Lightspeed und der European Innovation Council Fund gehören dazu. RWE engagiert sich parallel bei Focused Energy und stellte dem Unternehmen im Mai 2026 weitere 60 Mio. Euro bereit, was zeigt, wie stark etablierte Energiekonzerne inzwischen auf mehrere Pferde gleichzeitig setzen.

Auch der Staat mischt mit: Das Bundesforschungsministerium kündigte für 2026 neue Fusionshubs mit einer Anschubfinanzierung von 125 Mio. Euro an, aufgeteilt auf einen Laserfusions-Hub mit Marvel Fusion und Focused Energy sowie einen Magnetfusions-Hub mit Proxima Fusion, Gauss Fusion und dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik. Diese Aufteilung zeigt, dass die Bundesregierung keine einzelne Technologie bevorzugt, sondern beide Ansätze parallel absichert.

Kritiker fordern Förderstopp für unbewiesene Technologie

Nicht alle sehen den Kapitalzufluss positiv. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland fordert einen Stopp der staatlichen Fusionsförderung und verweist darauf, dass die Technologie weder kurz- noch mittelfristig zur Klimalösung tauge, zudem falle laut BUND Sachsen selbst bei Fusionsreaktoren radioaktives Material an.

Der BUND Hessen nennt die Förderung „kostspielig, strahlend und überflüssig“, da bereits verfügbare erneuerbare Energien schneller einsatzbereit seien und ihre Förderung günstiger sei als Milliardensummen für eine ungewisse Zukunftstechnologie. Greenpeace ordnet Kernfusion als interessante Grundlagenforschung ein, sieht darin aber keine tragfähige Lösung für die Energiewende. Diese Positionen stehen im Widerspruch zur Erzählung der Investoren, die laut High-Tech-Gründerfonds von einem „neuen Wirtschaftswunder“ sprechen, das durch bahnbrechende Deep-Tech aus Deutschland und Europa entstehen könne.

Business Punk Check

Fakt ist: Proxima Fusion hat binnen drei Monaten 411 Mio. Euro eingesammelt, der Staat fördert parallel mit 125 Mio. Fakt ist auch: Kein Start-up hat bislang ein funktionierendes Kraftwerk vorzuweisen, die ambitioniertesten Zeitpläne reichen bis in die frühen 2040er Jahre. Die Bewertung von Proxima Fusion mit über 2,4 Mrd.

Euro beruht auf einem Versprechen, nicht auf einem Produkt. Ob sich das Kapital rechtfertigt oder ob die Kritik von BUND und Greenpeace zutrifft, wonach erneuerbare Energien schneller skalieren, bleibt offen. Klar ist nur: Der Wettbewerb ist auch ein Wettlauf um Vertrauen.

Auf einen Blick

  • Proxima Fusion sammelte 411 Mio. Euro in drei Monaten ein und erreichte eine Bewertung von über 2,4 Mrd. Euro.
  • Vier deutsche Start-ups verfolgen zwei konkurrierende Technologien: Stellarator-Magnetfusion und Laserfusion.
  • Das Bundesforschungsministerium fördert 2026 neue Fusionshubs mit zunächst 125 Mio. Euro.
  • Focused Energy plant einen Prototypen bis 2037, ein kommerzielles Kraftwerk frühestens Anfang der 2040er Jahre.
  • Umweltverbände wie BUND und Greenpeace fordern einen Stopp oder zumindest eine kritische Prüfung der staatlichen Fusionsförderung.

Quellen: t3n, Zeit, Bund, Fr, Greenpeace

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