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Tabea Mewes: “Menschen mit Behinderung werden vom Staat bevormundet“

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Aktualisiert
Lesezeit6 Min · 1.211 Wörter

Ihre Geschichten teilt Tabea Mewes im Blog und via Instagram – und erreicht damit viel mehr Menschen als andere Blogs, die es zu dem Thema bereits gibt. Seit Kurzem vertreiben die beiden T-Shirts – von Marian designt. Anfang des Jahres haben sie den Goldenen Blogger Award in der Kategorie „Newcomer“ gewonnen. Wir haben mit Tabea über den Blog, aber auch über ihre Forderungen an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gesprochen, damit Inklusion im Alltag gelingen kann.

Auf der Bestellseite für eure T-Shirts steht, dass ihr gerade etwas überarbeitet seid und sich deshalb die Lieferzeiten verzögern können. Seid ihr Opfer eures eigenen Erfolges geworden?

Auf jeden Fall hat er uns ein wenig erschlagen. Wenn man so etwas startet, kann man nie wissen, wie es ankommt. Wir haben den Shop im November gestartet und jetzt an die 700 T-Shirts verkauft. Und da wir alles selbst machen – beziehungsweise das meiste davon ich alleine – ist das alles ein bisschen viel. Also wollte ich etwas Druck rausnehmen.

Du betreibst den Blog gar nicht als Hauptberuf, sondern nur als Nebenprojekt.

Das sollte man meinen. Der Zeit-Einsatz spricht leider eine andere Sprache. Eigentlich habe ich eine Stelle an der Universität Bielefeld, das ist mein Hauptjob. Das Projekt mit den T-Shirts ist für mich komplett non-profit. Alles, was wir einnehmen, kommt auf ein Konto für Marian. Der verdient nämlich nur 80 Euro im Monat.

Wie kamst du überhaupt auf die Idee für den Blog?

Ich habe Medienwissenschaft studiert, und das Projekt ist im Rahmen meiner Masterarbeit entstanden. Da habe ich mich mit der Frage auseinandergesetzt, wie man Social-Marketing betreiben kann. Also die Frage, wie man für Einstellungsveränderungen „werben“ und welche Plattformen man dafür nutzen kann. Da ich Instagram einfach mag, habe ich überlegt, wie man das nutzen kann – für die Themen Inklusion und Rechte von Menschen mit Behinderung.

Aber gibt es nicht schon viele Menschen, die Blogs über ihr Leben mit Angehörigen mit Behinderung führen?

Ja, es gibt viele Eltern-Initiativen, aber wenig von Geschwistern. Und ich glaube, mit meiner Art der Kommunikation kann ich eine andere Zielgruppe erreichen. Als junger und moderner Mensch mit einem gewissen Tonus. Unsere Analyse zeigt, dass unsere Follower mehrheitlich unter 30 sind, und ich finde es sehr cool, genau solche Leute mit einer Botschaft zu erreichen, über die sich sonst eher Eltern, beziehungsweise werdende Eltern Gedanken machen.

Im Zentrum des Projekts steht die Frage: Wie gestaltet sich das Leben, der Alltag, wenn man einen Bruder mit Down-Syndrom hat. Wie ist es denn?

Total normal. Niemand muss glauben, dass das Leben ganz andere Richtungen einschlägt, wenn man ein Kind mit Down-Syndrom bekommt. Unsere Beziehung ist genauso lustig, humorvoll und cool wie die anderer Geschwister. Da muss man keine Angst vor haben. Diese Selbstverständlichkeit überrascht die Leute. Und ich glaube, darin liegt das Potential von sozialen Medien.

Was genau meinst du damit?

In sozialen Medien kann man Einblicke in Lebenswelten gewähren, zu denen du eigentlich gar keine Verbindung hast. Du trittst plötzlich in Kontakt, und zwar auf einem sehr niedrigschwelligen Niveau. Bei Fragerunden können uns Leute direkt Fragen stellen, da sind die Barrieren im Alltag viel höher.

Und was sagt Marian dazu?

Mari ist von vornherein integriert gewesen. Nichts wurde bisher ohne ihn beschlossen. Er weiß über alles Bescheid, was ich poste. Und es ist ganz spannend zu beobachten, was diese Öffentlichkeit mit ihm gemacht hat in den letzten Monaten. Mari hat einen riesigen Schub an Selbstbewusstsein bekommen durch das Projekt.

Inwiefern?

Mari wurde schon immer von Leuten gemocht. Aber dadurch, dass er nicht so sprechen kann wie du und ich, würde er eben nie von sich aus eine Geschichte erzählen, sondern ist eher im Hintergrund. Und plötzlich bekommen Leute mit, was in seinem Leben passiert, und fragen ihn aktiv. Er fühlt sich total wahrgenommen dadurch. Er ist wirklich ein anderer Mensch geworden in den letzten Monaten, weil er plötzlich eine Relevanz gewonnen hat.

Marian hat ja mal in einem Interview gesagt, er möchte Maler oder Pizzabäcker werden. Jetzt ist er ja gerade mit der Schule fertig geworden. Steht der Plan noch? Weiß er inzwischen, wie es weitergeht?

Leider gar nicht. Diese Etappe ist gerade sehr schwierig. Mari ist in einer Qualifikationsphase. Das geht über zwei Jahre, und man kann verschiedene Bereiche ausprobieren. Er versauert im Prinzip 40 Stunden in der Woche in einer Werkstatt und bekommt dafür 80 Euro im Monat. Die Betreuer sind zwar nett und wollen nur das Beste, aber meine Familie fragt sich, wo das hinführen soll. Wir kämpfen gerade dafür, dass er nur Teilzeit dort arbeiten muss, damit er noch ein bisschen Energie für andere Sachen hat, als nur Schrauben zu sortieren. Inklusion ist in Richtung Arbeitsmarkt einfach nicht zu spüren. Menschen mit Behinderung werden vom Staat total bevormundet.

Also du hast das Gefühl, es ist eher ein staatliches Problem und weniger eins der Unternehmen?

Das geht Hand in Hand. Gerade wenn du über größere Firmen sprichst, kannst du das nicht ohne Richtlinien vom Staat hinkriegen. Eigentlich hat jedes Unternehmen die Auflage, fünf Prozent ihrer Arbeitnehmer mit Behinderung einzustellen. Aber die meisten kaufen sich davon frei und zahlen die Strafe von 320 Euro im Monat pro unbesetzten Pflichtarbeitsplatz. Das ist einfach viel zu wenig, weil sie sich damit aus einer gesellschaftlichen Verantwortung freikaufen können. Das ist ein Armutszeugnis für Deutschland, obwohl es sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention vor zehn Jahren zur Inklusion verpflichtet hat.

Was könnte man konkret ändern?

Tatsächlich einfach die Strafe erhöhen. So, dass Unternehmen sich aufgrund der finanziellen Hürde mal aufraffen und was ausprobieren. Aber das Allerwichtigste ist, dass man nicht schon im Kindergarten separiert. Gerade in diesen ersten Jahren, in denen wir die ersten Freundschaften knüpfen, kann man ganz viel in diesen kleinen Köpfen verändern. Wenn du da schon Vielfalt lebst und da schon klar machst, nicht jeder kann laufen oder sehen oder im ersten Schuljahr von A bis Z schreiben, dann würde Inklusion auch später besser funktionieren.

Viele Menschen haben ja wenig Kontakt zu Menschen mit Down-Syndrom, da kann es verunsichern, auf jemanden wie Marian zu treffen. Was würdest du dir wünschen, wie andere reagieren, wenn sie ihn treffen?

Ich würde mir wünschen, dass es nicht mehr irritiert. Diese Irritation zeigt die Nicht-Sichtbarkeit von Andersartigkeit in unserer Gesellschaft. Ich würde mir einfach wünschen, dass die Gesellschaft mal versteht, dass wir keine homogene Masse sind. Dass wir verschieden sind und dass die Verschiedenheit uns gut tut. Und dass es jedem gut tut, Kontakt zu Menschen zu haben, die in irgendeiner Art und Weise anders sind – äußerlich, innerlich, whatever. Das Feedback auf unser kleines Mikro-Projekt zeigt mir, dass Hopfen und Malz vielleicht nicht völlig verloren sind.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Ich habe auf jeden Fall Lust, das Ganze etwas mehr offline zu machen. Ich möchte mehr Menschen in echt kennenlernen. Aber ansonsten ist auch der Shop noch in den Kinderschuhen. Deswegen bin ich erst einmal froh, wenn das in einigermaßen geregelten Formen weiterläuft und ich meinen normalen Job weitermachen kann.

Portrait Nele Spandick

Nele Spandick

Nele hat nichts mit Medien studiert und versucht es trotzdem. Verheddert sich häufig in philosophischen Gedankenspielen und politischen Diskussionen. Entheddert sich dann mit wirtschaftlichem Pragmatismus, down-to-earth Trashkultur-Konsum und gutem Essen.