style & design · Avantgarde

Sind wir wirklich alle gelangweilt vom Leben?

Post-Future Hangover
Foto: Anja Horn Play Hard Newsletter
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Aktualisiert
Lesezeit5 Min · 930 Wörter

Post-Future Hangover also. Die Diagnose klingt wie bei einem Klinikaufenthalt, wenn der Professor zur Chefarztvisite vorbeikommt, um die Dringlichkeit der gleich folgenden OP zu vermitteln. Aber es geht gar nicht um eine Krankheit, sondern um das, was wir Leben nennen. Wir alle haben offenbar einen Kater. Und zwar nicht von unserem Urlaubs-Aperol oder Rosé, sondern von der Zukunft. Wir haben uns auf den Fortschritt gefreut, die Technik, New Work, die Chance auf Homeoffice, neue Werte und neue Wertschätzung, endlich Purpose im Leben und im Business. Wir haben die Digitalisierung brav umarmt wie gute Gastgeber. Und jetzt? Jetzt ist all das da – und wir spüren, dass es unsere Lebensqualität und unser Wohlbefinden gar nicht besser macht. Die Folge: Wir sind gelangweilt vom Leben, sagen Trendforscher. 

Machen wir doch mal schnell den Selbsttest – egal auf welcher Strandmatte wir heute liegen oder welche Aussicht wir unbedingt noch für Instagram filmen wollen. Urlaubszeit ist schließlich Zeit zur Selbstreflexion. Die Frage, die wir uns stellen sollten: Bin ich wirklich, wirklich glücklich? 

Was sagt unsere innere Stimme? Und was sagt Avantgarde Voices? Die Avantgarde Group ist eine der weltweit führende Experience Agenturen mit Offices in München, London, Dubai bis Shanghai. Ihr Job ist es, im Auftrag von Marken Erlebnisse zu schaffen, die Menschen begeistern. Jetzt halten uns die Avantgardians mit ihren Zukunftsforschern den Spiegel vor. Was wir sehen: Wir haben den Post-Future Hangover. Zu wenig Excitement. Social Media Schmerz. Unsere Gehirne sind zu kleinen TikTok-Brains verkommen.

Post-Future Hangover ist der Business-Kater unserer Zeit. Wie nach einer schlechten Party. Wenn der Optimismus und die Zuversicht auf tolle Erfolge oder Gewinne der Realität weicht und in Ernüchterung und Enttäuschung umschlägt. Doch nicht alles so geil wie erwartet… 

„Wir sind plötzlich mit den Folgen unseres ständigen Strebens nach Fortschritt konfrontiert und sehen, dass es nur minimale Verbesserungen unserer Lebensqualität, unserer sozialen Beziehungen und unseres Wohlbefindens gebracht hat“, analysiert Sabine Rogg, Director Trends & Strategy in ihrer Keynote beim Leadership Event Avantgarde Voices. Sie spricht von sozialen Wachstumsschmerzen. Es sei für viele doch schwerer als angenommen, sich an neue Strukturen und Werte anzupassen. Da sei immer irgendwie die Angst des Scheiterns, den Anforderungen am Ende doch nicht gerecht werden zu können. 

Ist das die Welt, die wir uns alle gewünscht haben? Millionen Jahre haben Menschen für Menschen alles kreiert und kuratiert. Heute kreieren und kuratieren nur noch Algorithmen für Algorithmen. 

Let’s face it: Wir leben im Remix unseren eigenen Remixes! Die meisten Filme, die wir schauen, sind nur Prequels, Sequels, Spin-offs oder Remakes und Reboots. Ob die Marvel Avengers mit mittlerweile 19 Teilen oder „Fast & Furious“ mit elf Kino- und Kurzfilm-Fortführungen, alles in der Endlosschleife unserer eigenen Erwartungen. 

Wir nehmen alle möglichen Brain-Booster zu uns und scrollen trotzdem stundenlang auf den immer gleichen Social Media Feeds. Wir sprechen von Haltung und bekommen eine Überdosis an Meinungen.

Uns verwirrt das, was „Fakification“ genannt wird: Was ist denn nun echt und was ist fake? Wer weiß denn das noch?

Wir trauen nicht mal mehr unserem eigenen Körper. Full-Body-Scans sind das neueste Statussymbol.

Wir wollen Wellbeing und haben plötzlich Toxic Care! Die Verantwortung für Gesundheit, Fitness und Work-Life-Balance wird auf den Einzelnen abgewälzt und verursacht immer höhere Kosten.

Wir wollen uns ständig empowern und gleichzeitig verwöhnen. Wir wollen einen Donut essen, aber ohne das Gefühl zu haben, dass du hast, wenn du einen Donut gegessen hast.

Die angebliche Body Positivity: Endlich Schluss mit Bodyshaming! Du bist perfekt so wie du bist? Von wegen! Jetzt, wo sich alle die Abnehmspritzen kaufen und es ein Milliarden-Business wird.

Die durchschnittliche Zeit, die wir uns auf Tätigkeiten konzentrieren können, ist von zweieinhalb Minuten auf 45 Sekunden gefallen. Wir haben längst TikTok-Brains, die nach ständiger Belohnung suchen. 

Wir haben Tausende Social Media Friends, aber keine echten Freunde mehr. Wir brauchen sie auch nicht. 99 % aller Tätigkeiten können wir mittlerweile erledigen, ohne Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen.

Durch Homeoffice verbringen wir im Schnitt 66 Minuten am Tag mehr Zuhause. 61 Prozent fühlen sich ernsthaft einsam.

Die größte Sehnsucht heute: Zugehörigkeit.

Avantgarde CEO Marc Schumacher spricht in seiner Keynote von zwei Lacks: Lack of Attention! Und: Lack of Excitement. Es fehlt uns an Aufmerksamkeit und an Begeisterung. Trotz all der Neuerungen um uns herum seien wir gelangweilt. So würden inzwischen 75 Prozent der Menschen sagen, dass sie gern mal wieder etwas fühlen möchten, um sich endlich mal wieder lebendig zu fühlen. 61 Prozent würden das nicht mehr allein schaffen. Um Emotionen zu spüren, brauchen sie die Hilfe von Unternehmen und Marken.

Tech-Milliardäre haben sich aus lauter Langeweile schon ihre eigene Insel vor Honduras gekauft. Próspera heißt sie und soll allen Wohlstands-Gelangweilten eine Möglichkeit geben, nach eigenen Regeln und Gesetzen zu leben. In dieser Welt finden sie keinen Kick mehr.

Was sagt es über unsere Zeit, wenn das Londoner Luxuskaufhaus Selfridges ein XXL-Pfurzkissen ins Schaufenster legen muss, um Aufmerksamkeit zu schaffen? 

Der Post-Future Hangover: Was können wir dagegen tun? Einige empfehlen Spaziergänge ohne Handy. Es gibt neue Light Phones: Designt, um wenig genutzt zu werden. Oder sogenannte „Wise Phones“, um deine Lebensstunden zurückzubekommen. Aber hilft das wirklich?

Work hard, play hard ist unser Motto bei Business Punk. Wir dürfen den Spaß eben nicht vergessen. Also fragen wir uns heute: Was macht uns wirklich, wirklich happy? Und tun es dann einfach. Time to play hard! 

Portrait Tom Junkersdorf

Tom Junkersdorf