Startup & Scaling EU Inc: Brüssel liefert – aber Startups sind stinksauer

EU Inc: Brüssel liefert – aber Startups sind stinksauer

Die EU-Kommission präsentiert diese Woche die neue Rechtsform EU Inc. Doch statt Jubel gibt’s Kritik: Der Entwurf sei verwässert, technisch veraltet und schaffe 27 verschiedene Varianten statt Einheitlichkeit.

Am 18. März will Brüssel lauf Brutkasten Nägel mit Köpfen machen: Die EU-Kommission legt den Entwurf für die neue Startup-Rechtsform EU Inc vor. Hinter dem Projekt steckt eine Petition mit 16.000 Unterschriften, getrieben von der Initiative EU-INC. Das Versprechen: Gründungen innerhalb von 48 Stunden, ein Euro Mindeststammkapital, grenzüberschreitende Mitarbeiterbeteiligungen. Die Realität sieht anders aus – und die Startup-Szene ist alles andere als begeistert.

Von der Leyen verspricht, Brüssel liefert halbherzig

Ursula von der Leyen höchstpersönlich hatte das Vorhaben im Januar in Davos bekräftigt und erstmals den Begriff EU Inc verwendet. Das EU-Parlament legte nach und definierte ambitionierte Eckpfeiler: 48-Stunden-Gründung, symbolisches Stammkapital, ESOP-Regelungen für Mitarbeiterbeteiligungen.

Doch zwischen politischer Rhetorik und juristischer Umsetzung klafft eine Lücke. Der geleakte Entwurf zeigt, dass Brüssel zwar liefert – aber nicht das, was die Szene forderte.

Verordnung statt Richtlinie – ein Fortschritt mit Haken

Immerhin: Die EU-Kommission plant eine Verordnung, keine bloße Richtlinie. Das bedeutet direkte Umsetzung in allen Mitgliedstaaten, ohne nationale Umwege. Artikel 114 des EU-Vertrags soll sogar eine Verabschiedung ohne Einstimmigkeit ermöglichen – ein Schachzug, der nationale Blockaden umgeht.

Doch die Form allein macht noch keine Revolution. Die Startup-Vertreter EU-INC, Allied for Startups und European Startup Network kritisieren den Entwurf scharf: Er schaffe kein echtes einheitliches Regime, sondern überlasse die Auslegung weiterhin nationalen Gerichten und Registern.

27 Geschmacksrichtungen statt Standardisierung

Die Kritik trifft ins Mark: Statt einer zentralen EU-Lösung entstünden 27 verschiedene Varianten der EU Inc – eine für jedes Mitgliedsland. Die angestrebte Standardisierung werde damit konterkariert, so die Interessensvertretungen in einem offenen Brief. Besonders heftig fällt die Kritik an der technischen Infrastruktur aus.

Brüssel setzt auf das bestehende BRIS-System – laut Brutkasten eine veraltete Software, die 27 nationale Systeme notdürftig zusammenflickt. Die Forderung: ein zentrales EU-Register, ein eigener Gerichtshof, eine unabhängige Jurisdiktion.

Der Delaware-Test entscheidet über Erfolg oder Flop

Ob die EU Inc funktioniert, wird sich am Delaware-Test zeigen: Schaffen es europäische Gründer, mit der neuen Rechtsform genauso attraktiv für internationale Investoren zu werden wie mit einer Delaware Inc?

Die US-Rechtsform gilt als globaler Standard, weil sie Rechtssicherheit, Geschwindigkeit und Investor-Vertrauen bietet. Wenn die EU Inc diesen Benchmark nicht erreicht, bleibt alles beim Alten – Gründer werden weiterhin ihre Sitze in die USA verlegen, um Kapital anzuziehen.

Das Gesetzgebungsverfahren läuft erst an

Die Präsentation am Mittwoch ist erst der Anfang. Am Donnerstag und Freitag diskutiert der Europäische Rat das Vorhaben, danach folgt das ordentliche Gesetzgebungsverfahren durch EU-Parlament und Rat. Hier entscheidet sich, ob Lobbying noch Nachbesserungen bringt – oder weitere Verwässerungen.

Die Startup-Szene wird kämpfen müssen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Denn zwischen politischem Willen und juristischer Realität liegen Welten.

Business Punk Check

Brüssel verkauft die EU Inc als großen Wurf für die Startup-Szene – doch die Realität entlarvt das Vorhaben als halbherzigen Kompromiss. Statt einer echten Einheitslösung entstehen 27 nationale Varianten, die genau die Fragmentierung zementieren, die sie eigentlich beseitigen sollten. Die technische Infrastruktur basiert auf einem veralteten System, das nationale Register notdürftig zusammenklebt – statt auf einer modernen zentralen Plattform. Das ist keine Revolution, sondern Verwaltungsdigitalisierung auf EU-Niveau: gut gemeint, schlecht gemacht. Der Delaware-Test wird diese Mogelpackung entlarven. Solange die EU Inc keine echte Rechtssicherheit über nationale Grenzen hinweg bietet, bleibt sie für internationale Investoren unattraktiv. Gründer werden weiterhin den Umweg über die USA nehmen, weil dort Klarheit herrscht – nicht 27 verschiedene Auslegungen derselben Regel.

Ursula von der Leyens Davos-Versprechen klingt gut, aber juristische Details entscheiden über Erfolg oder Flop. Die Startup-Szene muss jetzt Druck machen. Das Gesetzgebungsverfahren bietet noch Chancen für Nachbesserungen – aber nur, wenn EU-INC, Allied for Startups und European Startup Network ihre Forderungen knallhart durchsetzen. Ein zentrales Register, ein eigener EU-Gerichtshof und eine unabhängige Jurisdiktion sind keine Nice-to-haves, sondern Mindestanforderungen. Alles andere ist politisches Theater ohne Business-Relevanz.

Häufig gestellte Fragen

Was ist die EU Inc und warum ist sie wichtig für Startups?

Die EU Inc ist eine geplante einheitliche Rechtsform für Startups in der Europäischen Union. Sie soll Gründungen innerhalb von 48 Stunden ermöglichen, mit nur einem Euro Mindeststammkapital auskommen und grenzüberschreitende Mitarbeiterbeteiligungen vereinfachen. Ziel ist es, europäischen Gründern eine Alternative zur US-amerikanischen Delaware Inc zu bieten und den Standort Europa attraktiver zu machen.

Warum kritisiert die Startup-Szene den EU Inc-Entwurf so scharf?

Der geleakte Entwurf schafft laut Kritikern kein echtes einheitliches Regime, sondern überlässt die rechtliche Auslegung weiterhin nationalen Gerichten und Registern. Dadurch entstehen 27 verschiedene Varianten der EU Inc – eine für jedes Mitgliedsland. Die technische Infrastruktur basiert auf dem veralteten BRIS-System statt auf einem modernen zentralen EU-Register. Das konterkariert die angestrebte Standardisierung.

Was ist der Delaware-Test und warum ist er entscheidend?

Der Delaware-Test prüft, ob die EU Inc für internationale Investoren genauso attraktiv wird wie die US-Rechtsform Delaware Inc. Diese gilt als globaler Standard, weil sie Rechtssicherheit, Geschwindigkeit und Investor-Vertrauen bietet. Wenn die EU Inc diesen Benchmark nicht erreicht, werden europäische Gründer weiterhin ihre Sitze in die USA verlegen, um Kapital anzuziehen – und das Projekt wäre gescheitert.

Wie geht es nach der Präsentation am 18. März weiter?

Nach der Präsentation diskutiert der Europäische Rat das Vorhaben am 19. und 20. März. Danach folgt das ordentliche Gesetzgebungsverfahren durch EU-Parlament und Rat, in dem eine finale Einigung erzielt werden muss. Die Startup-Szene wird in dieser Phase intensiv lobbyieren, um Nachbesserungen zu erreichen – oder zumindest weitere Verwässerungen zu verhindern.

Welche konkreten Vorteile soll die EU Inc Gründern bringen?

Die EU Inc soll Gründungen auf 48 Stunden verkürzen, statt wochenlanger bürokratischer Prozesse. Das Mindeststammkapital von einem Euro senkt die Eintrittsbarriere drastisch. Grenzüberschreitende Mitarbeiterbeteiligungen via ESOP werden vereinfacht, was für internationale Teams entscheidend ist. Außerdem soll eine Verordnung statt Richtlinie direkte Umsetzung in allen EU-Staaten garantieren – ohne nationale Umwege und Verzögerungen.

Quellen: Brutkasten

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