Startup & Scaling Odyssee zum Weltraum: „Spectrum“ hebt (noch nicht) ab

Odyssee zum Weltraum: „Spectrum“ hebt (noch nicht) ab

Während die USA und China den Orbit besetzen, ringt Europa um Anschluss. Deutsche Start-ups wollen das ändern. Doch Geduld ist gefragt, denn auch der nächsten Start seiner Trägerrakete „Spectrum“ musste aufgrund von technischen Problemen abgesagt werden.

Von Oliver Stock

Der Start sollte vom Andøya Spaceport zwischen 21 und 22 Uhr MESZ erfolgen. Es handelt sich um einen wichtigen Testflug, nachdem frühere Versuche abgebrochen werden mussten oder nur kurz verliefen. Doch der geplante Testflug des deutschen Raumfahrt-Start-ups Isar Aerospace ist erneut gestoppt worden. Grund dafür war diesmal ein technisches Problem.

Nach Angaben des Unternehmens musste der Start abgebrochen werden, nachdem ein Leck in einem Druckbehälter festgestellt worden war. Trotz des Rückschlags zeigt sich das Unternehmen zuversichtlich. „Es steht außer Frage, dass wir die Erdumlaufbahn erreichen und einen zuverlässigen Zugang zum Weltraum beweisen werden“, erklärte Firmenchef Daniel Metzler. Startabbrüche gehören zur Raketenindustrie, jedes erfolgreiche Raumfahrtunternehmen hat das schon erlebt. Jeder Versuch liefert uns auf unserem Weg in den Orbit wertvolle Erfahrungen und Erkenntnisse.“ Zudem kündigte er an: „Wir werden bald wieder startbereit auf der Startrampe stehen.“

Die zweistufige Rakete wurde in Deutschland entwickelt und soll künftig kleine Satelliten in den Orbit bringen. Mit dem Projekt verfolgt Europa das Ziel, unabhängiger von internationalen Anbietern wie SpaceX zu werden. Beobachter werten den Start als wichtigen Schritt für die europäische Raumfahrtindustrie, ein Livestream ist rund eine Stunde vor dem geplanten Abheben angekündigt. Was auf den ersten Blick wie ein einzelner Testflug wirkt, steht jedoch für mehr als nur Technik: Es geht um Europas Rolle im All – und um die Frage, ob der Kontinent den Anschluss an die Raumfahrtmächte noch schaffen kann.

Raumfahrt als Infrastruktur,

Auf den Aufnahmen vom 30. März 2025 dominiert eine Farbe: weiß. Schnee liegt über der Anlage, darüber ein grau-weißer Himmel, dann diese schlanke Rakete, die in der kargen Landschaft Nordnorwegens die Nase nach oben reckt. Ein Test für Europas Selbstvertrauen. Andøya Spaceport, 12:30 Uhr Ortszeit. „Spectrum“ hebt ab, sauber, gerade, der Feuerstrahl grell im Dämmerlicht. Nach rund 30 Sekunden ist Schluss: Abbruch, unpowered descent, ins Meer – kontrolliert, ohne Nutzlast. Diese 30 Sekunden lassen sich als Scheitern lesen. Isar Aerospace versteht sie als Anfang. In dieser ernüchternden Szene steckt politische Schärfe, die Europa lange verdrängt hat: Raumfahrt ist kein romantisches Abenteuer mehr, sondern Infrastruktur. Wer den Orbit erreicht, kontrolliert Kommunikationswege, Lagebilder und Abhängigkeiten. ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher beschreibt „access to space“ längst als strategische Fähigkeit – neben Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung als Kern moderner Handlungsfähigkeit. Europa muss hier liefern. Und deutsche Start-ups stehen Schlange, aber sie stehen hinten.

190 Startups aus den USA, 90 aus Chinas, 8 aus Europa

Während Europa koordiniert, hat Amerika industrialisiert. Elon Musks SpaceX steigerte 2025 erneut seine Startfrequenz: mehr als 160 Orbitalflüge machten Raketenstarts vom Ereignis zum Prozess. Der Orbit wird zur Lieferkette. In europäischen Ministerien wächst daraus eine Sorge, die inzwischen offen ausgesprochen wird: Abhängigkeit. 2025 gab es weltweit rund 300 Orbitalstarts – etwa 190 aus den USA, rund 90 aus China und acht aus Europa. Deutschland tritt in dieses Rennen nicht mit großen Gesten ein, sondern mit Fertigung. Unternehmen wie Isar Aerospace aus Ottobrunn folgen weniger dem Mythos des genialen Einzelkämpfers als der deutschen Stärke der Werkbank: Prozess, Wiederholung, Skalierung. Nach dem Testflug sagt Chef Daniel Metzler: „Unser erster Testflug hat all unsere Erwartungen erfüllt.“ Der Erfolg steckt hier nicht im Bild, sondern in den Messwerten. Genau darin liegt das deutsche Problem – und vielleicht auch die Chance. Ingenieure gibt es genug. Was fehlt, ist industrielle Geschwindigkeit. Isar verfolgt genau dieses Ziel: Raumfahrt soll Routine werden. An diesem Versprechen hängt inzwischen mehr als ein Geschäftsmodell. Startkapazität verändert geopolitische Macht – bei Verteidigung, Krisenkommunikation und digitaler Infrastruktur.

Daten aus dem All werden zur Macht

Starten ist nur der erste Schritt. Der größte Teil der Wertschöpfung entsteht danach – im Geschäft mit Daten. Ein paar hundert Kilometer südlich von Andøya, im hessischen Usingen, sitzt einer, der den Wettlauf längst als Geschäftsmodell versteht. Sven Sünberg, einer der Eigentümer und Geschäftsführer der MBS, erzählt seine Geschichte gern wie einen Neustart: „Wir waren ein Zombie – und haben den Turnaround geschafft.“ Früher stand hier eine Erdfunkstelle der Post, später der Telekom, dann übernahmen Finanzinvestoren. 2019 kaufte Sünberg den Betrieb mit zwei Partnern zurück. Aus dem Teleportbetreiber – Antennen, die Daten zwischen Erde und Satelliten schicken – soll ein Space-Unternehmen werden. „Ich denke in Ökosystemen“, sagt er. Bodenstation, Transport und Service müssten zusammen gedacht werden. In dreieinhalb Jahren ließ sein Team eigene Satelliten entwickeln und in den Orbit bringen. Sie hören dort oben in das elektromagnetische Spektrum der Erde hinein, beobachten Frequenzbereiche, orten Störsignale und liefern Daten an Telekommunikationsanbieter oder Streitkräfte. Gefährliche Störsender lassen sich so sichtbar machen. Für Sünberg ist das keine Science-Fiction, sondern eine Frage europäischer Souveränität. Europa müsse kommerzieller denken – und sicherheitspolitisch zugleich. Die MBS-Gruppe ist in kurzer Zeit stark gewachsen; heute arbeiten rund 300 Mitarbeiter in Europa für das Unternehmen. Raketen baut Sünberg nicht selbst. „Ich brauche große, fette Träger“, sagt er trocken. Seine Wette für Europa heißt Isar Aerospace. Auch andere deutsche Unternehmen besetzen diese Datenökonomie. OroraTech entwickelt satellitengestützte Früherkennung von Waldbränden. Constellr liefert thermische Erdbeobachtung, aus der sich Produktionszustände, Infrastrukturstress und Risiken ableiten lassen. Rund 300 Unternehmen sind in der deutschen Raumfahrt aktiv, etwa 100 davon New-Space-Start-ups. Der Sektor beschäftigt mehr als 10.000 Menschen – klein, aber wachsend.

Privatgrundstück auf dem Mars

Der Engpass bleibt Kapital. In den USA fließt Geld schnell, in Europa langsam. Daraus entsteht eine ideologische Debatte über Staat, Markt und Tempo. Wirtschaftshistoriker Rainer Zitelmann formuliert seine These zugespitzt: „Privat schlägt Staat.“ Die Kosten, ein Kilogramm ins All zu bringen, hätten Jahrzehnte stagniert, bis Elon Musk sie drastisch senkte. Auch die verbreitete Vorstellung, SpaceX sei stark staatlich abhängig, weist er zurück. Weniger als zehn Prozent des Auftragsvolumens stammten von der NASA, dazu etwa zehn bis 15 Prozent aus militärischen Programmen. Drei Viertel der Kunden seien privat. Raumfahrt erscheint hier als Cashflow-Geschäft, nicht als Prestigeprojekt. Noch weiter geht Zitelmann bei Eigentumsfragen im All. Der Weltraumvertrag von 1967 verbietet Staaten die Aneignung von Land auf Himmelskörpern; für Private sei die Lage unklar. „Wie soll eine Mond- oder Marssiedlung ohne Privateigentum funktionieren?“ Sein Vorschlag: entwickelbare Flächen privaten Akteuren zuweisen, die Infrastruktur über Beteiligungen refinanzieren.

Geschwindigkeit schlägt Perfektion

Statistiken zeigen den Druck. Die globale Startökonomie ist industrieller Massenbetrieb geworden. Europa versucht, mit kleineren Akteuren mitzuhalten. Rocket Factory Augsburg ist einer davon. In einer ehemaligen Industriehalle riecht es nach Metallstaub, Werkbänke stehen auf dem Boden statt Visionen an der Wand. Das 2018 gegründete Start-up gehört zu den wenigen europäischen Firmen, die eigene Orbitalraketen entwickeln. Mit „RFA One“ will es kleine Satelliten in den niedrigen Erdorbit bringen, zu Preisen, die den Markt aufmischen sollen. Die Gründer kommen aus der klassischen Raumfahrt, viele Ingenieure aus dem Umfeld des Bremer Konzerns OHB. Inzwischen arbeiten mehrere hundert Menschen aus Dutzenden Nationen an dem Projekt. „Wir wollen Zugang zum Markt für Launch-Services schaffen und datenbasierte Geschäftsmodelle im All ermöglichen“, sagt CEO Indulis Kalnins und macht klar, dass es nicht nur um Raketen geht, sondern um die Ökonomie dahinter. Der Weg dorthin ist holprig: Explosionen bei Triebwerkstests, verschobene Starts, all das gehört zur neuen Logik. Der Spectrum-Testflug beschreibt deshalb weniger ein technisches Ereignis als vielmehr eine geopolitische Szene. Eine helle Spur im Himmel, danach Stille und Daten. Der Wettlauf ins All entscheidet sich nicht in einzelnen Starts. Sondern darin, ob Europa lernt, Raumfahrt wie eine Industrie zu behandeln.

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