Startup & Scaling Purpose oder Patriotismus: Start-ups liefern für die Bundeswehr

Purpose oder Patriotismus: Start-ups liefern für die Bundeswehr

Warme Mahlzeiten statt Waffen: Circus baut Küchenroboter – und wächst plötzlich im Defence-Markt. CEO Nikolas Bullwinkel über Wachstum, Mitarbeiterzweifel und den Moment, in dem Start-ups erkennen, dass Aufrüstung auch ein Geschäftsmodell ist.

Deutschland rüstet auf. Und mit ihm Teile der Gründerszene. Was lange wie eine politische Floskel klang, wird gerade zur industriellen Realität. Hundert Milliarden Euro fließen zusätzlich in Verteidigung. Neue Aufträge, neue Wertschöpfungsketten, neue Moralfragen entstehen. Und plötzlich stehen Unternehmen vor Entscheidungen, die sie nie treffen wollten.

Circus ist eines davon. „Defence ist ein unfassbar starker Wachstumsmarkt“, sagt Nikolas Bullwinkel, CEO des Food-Tech-Unternehmens.  Bullwinkel ist keiner, der vom Krieg träumt. Sein Unternehmen baut autonome Food-Robotics-Systeme, die warme Mahlzeiten automatisiert produzieren. Für Krankenhäuser, Unternehmens-Kantinen, Flughäfen. Oder eben jetzt auch: für Armeen.

Die neue industrielle Realität

Die Zeiten haben sich verändert. Die Bundesregierung setzt auf massive Verteidigungsausgaben. Bundeskanzler Friedrich Merz begründet das mit der neuen sicherheitspolitischen Lage in Europa. Deutschland müsse „seine Verteidigungsfähigkeit schnell und dauerhaft stärken“ und die Industrie dabei eine zentrale Rolle spielen lassen. Verteidigungsminister Boris Pistorius fordert, Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden. Das bleibt nicht ohne Folgen. Maschinenbauer, Softwarefirmen, Mittelständler – viele entdecken die Rüstung als neuen Markt. Der Sensorik-Spezialist Hensoldt expandiert, der Drohnenhersteller Quantum Systems wächst rasant. Traditionsreiche Industriegruppen wie Diehl bauen ihre Kapazitäten aus.

Neu ist, dass auch klassische zivile Mittelständler einsteigen. Der Technologiekonzern Voith liefert Komponenten für militärische Fahrzeuge und arbeitet enger mit Rüstungsherstellern zusammen. Automobilzulieferer prüfen militärische Elektronik, Software oder Logistiklösungen. Ökonomen sehen darin eine strukturelle Verschiebung. Der Münchner Wirtschaftsforscher Clemens Fuest spricht davon, dass Verteidigungsausgaben „Wachstum generieren können, wenn sie technologische Spillover erzeugen“. Gleichzeitig warnt der Kieler Ökonom Moritz Schularick: Eine Aufrüstung könne kurzfristig die Konjunktur stabilisieren, langfristig aber Ressourcen aus anderen Zukunftsbereichen abziehen.

Firmen aus der Robotik, aus der KI, aus der Sensorik kommen dazu. „Vor anderthalb Jahren haben sich die ersten Militärs bei uns gemeldet“, berichtet Bullwinkel. „Das Defence-Geschäft hat sich aus der Nachfrage heraus entwickelt. Wir haben es gar nicht aktiv angeboten.“ Heute ist daraus eine eigene Gesellschaft geworden. O-Ton vom Cheg: „Mittlerweile ist es eine eigene Legal Entity. Eigenes Team, hundertprozentige Tochter. Um Regulatorik zu erfüllen. Nicht jeder Mitarbeiter aus jedem Land darf an dem Produkt arbeiten. Die russischen Mitarbeiter zum Beispiel gerade nicht.“

Vom Food-Tech zum Infrastrukturplayer

Der Wandel beginnt nicht im Produkt, sondern in der Organisation. Zugangsbeschränkungen, Sicherheitsüberprüfungen, Cyber-Security. Neue Partner, neue Verträge, neue Risiken. Aber Circus baut keine Waffen. „Wir entwickeln keine Waffensysteme, das wollen wir nicht“, sagt Bullwinkel. „Im Kern sind viele militärischen Zulieferer Logistikunternehmen. Weit über 50 Prozent der Militärausgaben sind Personal. Davon 70 bis 80 Prozent Logistiker.“ Und das ist dann der Moment, in dem ein Food-Startup plötzlich systemrelevant wird. „Die Produkte müssen flexibel, robust, mobil sein – da setzen wir an.“ Was nach Küchenrobotern klingt, ist in Wahrheit Infrastruktur.

Purpose statt Panzer

Bullwinkel sieht vor allem Skalierung. „Die Bundeswehr kauft keine Technologie, die nicht ausgereift ist. Das befeuert auch das kommerzielle Geschäft.“ Der entscheidende Konflikt liegt im Inneren des Unternehmens. „Kurzfristig gab es Unsicherheit“, sagt Bullwinkel. „Mitarbeiter fragten sich, ob sie mitmachen können.“ Circus reagiert mit Transparenz. All-Hands-Meetings, offene Diskussionen, klare Leitplanken. Die Ansage: „Ein Leitstern steht darüber: Wir versorgen Menschen, die keine Alternative zu warmem Essen haben. Das vermittelt Stolz.“ Purpose statt Panzer sozusagen.

Die Realität im Militär ist nüchtern. „Militärs schauen nicht auf Kulinarik und Marketing. Influencer, Markenpartnerschaften – völlig egal. Da geht es um einfach, schnell, effizient und gut“, berichtet Bullwinkel über seine Auftraggeber. Herauskommt etwas sehr konkretes: 40 Gramm Fleisch erhielten ukrainische Soldaten pro Tag. Für mehr sei kein Geld da. „Mit unserer Kostenstruktur können wir dafür sorgen, dass die Fleischportionen vervielfacht werden.“

Schlank, schnell, global

Circus bleibt trotzdem ein Tech-Startup. „Wir produzieren nicht inhouse. Auftragsfertiger in Asien, künftig Rumänien. Wir wollen schlank bleiben.“ Aktuell arbeiten rund hundert Menschen für das Unternehmen. Das Defence-Geschäft betreut ein kleines Team. Der Markt habe den Effekt noch nicht verstanden, glaubt Bullwinkel. „Investoren schauen auf Panzer und Drohnen. Wir stehen in der Küche. Das ist klassische Infrastruktur.“

Doch genau darin liegt die strategische Chance. Deutschland baut gerade ein neues industrielles Ökosystem auf. Nicht nur Waffen, sondern Sensorik, Software, Logistik, Daten, Robotik. Unternehmen, die vorher nichts mit Verteidigung zu tun hatten, werden Teil davon. Circus zeigt, wie dieser Wandel aussieht: nicht als moralischer Bruch, sondern als Erweiterung. „Defence ist ein Markt, der on top kommt“, sagt Bullwinkel. „Unser Ziel bleibt: Du hast das Recht auf ein gutes Essen.“ Es geht also nicht Kriegswirtschaft im klassischen Sinne. Sondern eine Verteidigungsökonomie, in der selbst Küchenrobotik zur strategischen Ressource wird.

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