Startup & Scaling Startup Tozero vs. China: Kampf um Europas Batterie-Zukunft

Startup Tozero vs. China: Kampf um Europas Batterie-Zukunft

Das Münchner Start-up Tozero eröffnet Bayerns erste industrielle Batterie-Recyclinganlage. 1.500 Tonnen Elektroschrott werden jährlich zu Lithium und Graphit – ohne Säure, ohne Importe, ohne China.

Europa produziert Millionen Elektroautos, verschrottet deren Batterien aber wie Sondermüll. China kontrolliert 99 Prozent der Graphit-Lieferungen, Lithium kommt zu 99 Prozent aus dem Ausland. Ab 2035 klafft eine globale Versorgungslücke von 33 Prozent. Das Münchner Start-up Tozero will diesen Irrsinn beenden – mit einer Recyclinganlage, die Batterieschrott in Rohstoffe für 6.000 neue E-Autos verwandelt.

Sechs Monate Bauzeit, 1.500 Tonnen Kapazität

Im bayerischen Chemiepark Gendorf steht seit kurzem Europas Antwort auf die Rohstoffkrise. Tozero verarbeitet dort jährlich über 1.500 Tonnen Batterieabfälle zu hochreinem Lithiumcarbonat, Graphit und einer Nickel-Kobalt-Mischung. Die Anlage entstand in nur einem halben Jahr – für Industriemaßstäbe ein Sprint, laut Trendingtopics. Das Besondere: Ein säurefreies hydrometallurgisches Verfahren gewinnt alle Materialien in einem einzigen Kreislauf zurück. Keine mehrstufigen Prozesse, keine Qualitätsverluste.

Die Reinheit reicht für den direkten Wiedereinsatz in neuen Batteriezellen. CEO Sarah Fleischer formuliert die Mission klar: „Europa verfügt bislang nicht über die kritischen Rohstoffe, die es braucht, um seine Energiewende und Batterieindustrie aus eigener Kraft aufzubauen und zu skalieren. Unsere Technologie ermöglicht es uns, Altbatterien zu recyceln und daraus erstmals im industriellen Maßstab hochreine Rohstoffe zurückzugewinnen.“

Oberirdische Minen statt Importabhängigkeit

Die Zahlen der EU-Kommission sind eindeutig: Die Lithium-Nachfrage vervierfacht sich bis 2030, der Graphit-Bedarf steigt bis 2040 um das 25-Fache. Gleichzeitig liegt Europas Importquote bei nahezu 100 Prozent. China dominiert den Graphit-Markt vollständig. Das EU-Gesetz über kritische Rohstoffe fordert deshalb, dass ab 2031 mindestens 25 Prozent der Versorgung aus Recycling stammen müssen.

Tozero erreicht diese Quote bereits heute – mit einer Rückgewinnungsrate von 80 Prozent. Die Münchner sprechen von „oberirdischen Minen“: Altbatterien, die bisher auf Deponien landeten oder verbrannt wurden, werden zur strategischen Ressource. Das recycelte Lithium und Graphit geht bereits an Abnehmer aus Bauwesen, Keramik und Schmierstoffindustrie. Parallel laufen Qualifizierungen mit Kathoden- und Anodenherstellern für Lithium-Ionen-Batterien.

Vom Labor zur Lizenzierung

Tozero wurde 2022 von Serienunternehmerin Sarah Fleischer und Metallurgie-Expertin Dr. Ksenija Milicevic Neumann gegründet. Nur neun Monate nach der Pilotanlage lieferte das Start-up im April 2024 als erstes europäisches Unternehmen recyceltes Lithium an kommerzielle Kunden. Im Februar 2025 folgte die erste Qualifizierung von 100 Prozent recyceltem Graphit für die industrielle Batteriezellproduktion – erneut eine europäische Premiere, berichtet Starting Up.

Pilotprojekte mit BMW, MAN und weiteren Automobilherstellern bestätigten die stabile Lithiumrückgewinnung von über 80 Prozent. Mittlerweile ist Tozero in zehn europäischen Ländern aktiv. CTO Dr. Ksenija Milicevic Neumann sieht die Demonstrationsanlage als Blaupause für eine großskalige Recyclingfabrik, die ab 2030 tausende Tonnen Lithiumcarbonat und Graphit pro Jahr produzieren soll.

Grüner Preisvorteil statt grüner Aufpreis

Das Geschäftsmodell verspricht eine zirkuläre, lokale Lieferkette – ohne Kostennachteile. Tozero spricht bewusst nicht von einem „grünen Aufpreis“, sondern von einem „grünen Preisvorteil“. Recycelte Rohstoffe sollen günstiger sein als Importe aus Übersee.

Ob diese Rechnung aufgeht, hängt von der Skalierung ab. Die geplante Großanlage für 2030 wird zeigen, ob sich Europas Batterieindustrie tatsächlich aus eigener Kraft versorgen kann – oder ob Tozero nur ein weiteres Pilotprojekt bleibt, das an der industriellen Realität scheitert.

Business Punk Check

Tozero liefert, was Europas Batteriepolitik seit Jahren verspricht: echte Rohstoffautonomie. Die Technologie funktioniert, die Qualifizierungen laufen, die EU-Quote wird bereits erfüllt. Doch die entscheidende Frage bleibt: Kann ein Münchner Start-up mit 1.500 Tonnen Jahreskapazität wirklich Chinas Rohstoffmonopol brechen? Die Antwort lautet nein – zumindest nicht allein. Tozeros Stärke liegt nicht in der Masse, sondern im Modell.

Die säurefreie Technologie ist patentiert, die Demonstrationsanlage dient als Blaupause für Lizenznehmer. Wenn das Start-up seine Technologie skaliert und europaweit lizenziert, könnte aus der bayerischen Anlage tatsächlich ein Systemwechsel werden. Bis dahin bleibt Tozero ein Hoffnungsträger – mit funktionierender Technik, aber ohne Garantie, dass Europas Industrie schnell genug folgt. Die Großanlage für 2030 wird zeigen, ob aus dem Pilotprojekt eine industrielle Revolution wird oder nur ein weiteres Beispiel für europäische Innovationskraft ohne Skalierungswillen.

Häufig gestellte Fragen

Warum ist Batterie-Recycling für Europas Wirtschaft so wichtig?

Europa importiert 99 Prozent seines Lithiums und ist bei Graphit vollständig von China abhängig. Ohne eigene Recyclingkapazitäten bleibt die Elektromobilität ein geopolitisches Risiko. Das EU-Rohstoffgesetz fordert deshalb ab 2031 eine Recyclingquote von 25 Prozent. Unternehmen wie Tozero schließen diese Lücke und machen Altbatterien zur strategischen Ressource. Wer jetzt in Kreislaufwirtschaft investiert, sichert sich Rohstoffzugang – unabhängig von globalen Lieferketten.

Welche Branchen profitieren von recyceltem Lithium und Graphit?

Neben der Automobilindustrie nutzen Bauwesen, Keramik- und Schmierstoffindustrie bereits recycelte Materialien von Tozero. Langfristig profitieren alle Sektoren, die auf Lithium-Ionen-Batterien angewiesen sind: Energiespeicher, Elektronik, E-Bikes. Die Qualität der recycelten Rohstoffe erreicht Batteriezellenstandard – ohne Qualitätsverlust gegenüber Primärmaterial. Für Hersteller bedeutet das: kürzere Lieferketten, planbare Kosten, weniger Abhängigkeit von Rohstoffbörsen.

Kann ein Start-up Chinas Rohstoffmonopol wirklich brechen?

Allein nicht. Tozeros Stärke liegt im skalierbaren Modell: Die säurefreie Technologie ist patentiert, die Demonstrationsanlage dient als Blaupause für Lizenznehmer. Wenn das Start-up seine Technologie europaweit lizenziert und die geplante Großanlage für 2030 realisiert, könnte aus dem bayerischen Pilotprojekt ein Systemwechsel werden. Entscheidend ist, ob Europas Industrie schnell genug folgt – oder ob Tozero ein weiteres Beispiel für Innovationskraft ohne Skalierungswillen bleibt.

Wie bereiten sich Mittelständler auf die EU-Recyclingpflicht vor?

Ab 2031 müssen 25 Prozent der kritischen Rohstoffe aus Recycling stammen. Mittelständler sollten jetzt Partnerschaften mit Recyclingunternehmen prüfen und ihre Lieferketten diversifizieren. Tozero bietet bereits kommerzielle Mengen an recyceltem Lithium und Graphit – mit Qualifizierungen für die industrielle Batteriezellenproduktion. Wer früh einsteigt, sichert sich Zugang zu lokalen Rohstoffen und erfüllt regulatorische Vorgaben, bevor die Konkurrenz aufwacht.

Quellen: Trendingtopics, Starting Up

Das könnte dich auch interessieren