Startup & Scaling Wir leben längst in Wahlfamilien – der Wohnungsmarkt denkt noch in Einzelkämpfern

Wir leben längst in Wahlfamilien – der Wohnungsmarkt denkt noch in Einzelkämpfern

Wir reden in Deutschland ständig über Wohnraummangel. Über Quadratmeterpreise. Über Neubauquoten. Was wir kaum hinterfragen, ist die Grundannahme dahinter: dass Wohnen vor allem ein individuelles Projekt ist. Genau diese Annahme ist das eigentliche Problem.

Wer sich heute durch den Wohnungsmarkt bewegt, merkt schnell: Alles ist auf Einzelpersonen zugeschnitten. Bewerbung, Bonitätsprüfung, Besichtigung – jede und jeder kämpft für sich.

Dabei leben wir gesellschaftlich längst anders.

Die WG ist kein studentisches Übergangsmodell mehr. Sie ist für viele Menschen eine bewusste Lebensform:

22-Jährige, die Gemeinschaft suchen.
30-Jährige Berufseinsteiger:innen, die in einer neuen Stadt nicht isoliert wohnen wollen.
45-Jährige Berufstätige, die sich ganz bewusst gegen das Alleinleben entscheiden.

Die Motive sind unterschiedlich. Das Grundbedürfnis ist gleich: nicht allein sein müssen.

Die WG ist erwachsen geworden – der Markt nicht

Wer heute in einer WG lebt, tut das nicht automatisch aus finanzieller Not. Viele entscheiden sich aktiv dafür. Gemeinschaft. Austausch im Alltag. Verlässlichkeit. Geteilte Verantwortung. Und ja, natürlich auch ökonomische Vernunft.

Gleichzeitig boomt der Markt für 20-Quadratmeter-Apartments. Nicht, weil das der große Traum ist – sondern weil das System kaum Alternativen zulässt.

1- und 2-Zimmer-Wohnungen sind überlaufen und teuer.
3- bis 5-Zimmer-Wohnungen wären für Gruppen realistisch finanzierbar – für Einzelpersonen aber unerschwinglich.

Trotzdem treten fast alle allein auf. Warum? Weil sich Gruppen meist erst finden, wenn es schon eine Wohnung gibt. Und nicht umgekehrt.

Wir produzieren künstliche Einzelkämpfer

Drei Menschen mit stabilem Einkommen haben gemeinsam bessere Chancen als eine Person allein. Aber unser Markt zwingt sie, zuerst als Einzelkämpfer anzutreten. Das ist ineffizient, es ist sozial fragwürdig und es verschärft die Knappheit.

Während politisch darüber diskutiert wird, ob WGs Familien Wohnraum wegnehmen, wird das eigentliche Problem übersehen: Wir denken Wohnraum in Einzelbiografien – obwohl unser Alltag längst vernetzt ist.

Gemeinschaftliches Wohnen reduziert Flächenverbrauch pro Kopf. Es verteilt Kosten fairer.
Und es wirkt gegen die wachsende Einsamkeit in unseren Städten. Trotzdem behandeln wir WGs oft wie eine vorübergehende Zweckgemeinschaft. Für viele sind sie längst etwas anderes: moderne Wahlfamilien.

Wohnen ist soziale Infrastruktur – kein Einzelprodukt

Wenn wir Wohnen ausschließlich als individuelles Konsumgut verstehen, werden wir die Krise nicht lösen. Es gibt genügend Menschen, die gemeinsam leben wollen. Die sich verstehen würden. Die finanziell stabil genug wären. Was fehlt, ist die strukturelle Möglichkeit, sich zuerst als Gruppe zu organisieren – und dann als Gemeinschaft aufzutreten. Der Markt ist darauf nicht ausgelegt. Und genau das müssen wir ändern.

Die WG der Zukunft ist keine nostalgische Studentenfantasie. Sie ist eine logische Antwort auf steigende Mieten, auf wachsende Isolation und auf eine Stadt, die immer dichter, aber nicht automatisch sozialer wird.

Vielleicht sollten wir aufhören zu fragen, warum so viele Menschen in WGs leben.

Und anfangen zu fragen, warum unser Wohnungsmarkt immer noch so tut, als müssten wir alle allein klarkommen.

Über den Autor:

Johannes Bader (34) ist Gründer von heyroom, einer Plattform für gemeinschaftliches Wohnen. Aufgewachsen im Allgäu, begann er seine berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung zum Elektroniker. Anschließend studierte er Mechatronik und arbeitete mehrere Jahre im Bereich industrieller Automatisierung, digitaler Produktentwicklung und Unternehmensberatung in verschiedenen europäischen Märkten.

2021 gründete er heyroom aus seiner WG in München heraus, um das Finden der passenden Mitbewohner*innen so einfach zu machen, wie es sein sollte. Heute arbeitet er mit dem Unternehmen in Berlin und entwickelt digitale Infrastruktur für Wohngemeinschaften. heyroom kooperiert unter anderem mit Studierendenwerken, Wohnheimen und weiteren Partnerorganisationen, um gemeinschaftliches Wohnen sichtbarer und gesellschaftlich anerkannter zu machen.

Bader beschäftigt sich mit der Frage, wie soziale Systeme – von Wohngemeinschaften bis zu Hausgemeinschaften – so gestaltet werden können, dass sie Verbindung heilen sowie Stabilität und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

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