Tech & Trends Claude Mythos knackt AES & entlarvt die Krypto-Illusion

Claude Mythos knackt AES & entlarvt die Krypto-Illusion

Anthropics KI Claude Mythos Preview durchbricht Verschlüsselungsstandards, die jahrelang als sicher galten. AES und HAWK fallen – 200-mal schneller als menschliche Experten. Die Cybersecurity-Welt muss umdenken.

Seit 2001 gilt der Advanced Encryption Standard (AES) als Bollwerk der digitalen Sicherheit. Banktransaktionen, WLAN-Verbindungen, Staatsgeheimnisse, alles läuft über diesen Algorithmus.

Jetzt hat Anthropics KI-Modell Claude Mythos Preview eine abgeschwächte Version des Standards geknackt. Nicht die Vollversion, aber das Signal ist eindeutig: Was jahrzehntelang als mathematisch unknackbar galt, wird zur Angriffsfläche für autonome KI-Systeme. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann die nächste Eskalationsstufe erreicht wird.

KI überholt menschliche Kryptografie-Experten um Faktor 200

Claude Mythos Preview hat laut t3n Schwachstellen in einer reduzierten AES-Version identifiziert – und war dabei 200- bis 1.000-mal schneller als menschliche Kryptografie-Spezialisten. Das Modell entwickelte einen Angriff namens „Möbius Bridge“, der eine Rechenstufe eliminiert, die zuvor 2⁵⁶ Werte erforderte. Anthropic-Forscher Nicholas Carlini bringt es auf den Punkt: Vor einem Jahr hätten KI-Modelle Probleme nicht lösen können, die er mit 16 Jahren bewältigt habe. Heute betreiben sie Spitzenforschung, die Menschen bislang nicht entdecken konnten. Der Clou: Mythos arbeitete fast vollständig autonom.

Drei Tage lang produzierte das Modell rund eine Milliarde Output-Tokens. Zwei menschliche Forscher brauchten anschließend einen Monat, um die vorgeschlagene Methode zu verifizieren – und mussten sich dafür erst in Kryptografie einarbeiten. Die Kosten pro größerem kryptografischen Durchbruch lagen laut Trending Topics in der Größenordnung von rund 100.000 US-Dollar für Rechenleistung.

Post-Quanten-Standard HAWK verliert die Hälfte seiner Sicherheit

Noch brisanter ist der zweite Angriff: Claude Mythos Preview hat HAWK geknackt, einen digitalen Signaturalgorithmus, der eigentlich gegen Quantencomputer-Angriffe immun sein sollte. HAWK ist Kandidat für einen neuen Verschlüsselungsstandard des National Institute of Standards and Technology (NIST) und hat bereits zwei Runden internationaler Expertenprüfung überstanden. Mythos brauchte laut Trendingtopics nur 60 Stunden, um die effektive Schlüsselstärke zu halbieren. Für den Parameter HAWK-256 sank der Aufwand für einen vollständigen Schlüssel-Angriff von 2⁶⁴ auf 2³⁸ Operationen. Das Problem: Wer das ursprüngliche Sicherheitsniveau halten will, muss die Schlüsselgröße verdoppeln.

Damit verliert HAWK genau die Kompaktheit, die ihn als Kandidat attraktiv machte. Anthropic teilte die Ergebnisse bereits im Juni mit den HAWK-Entwicklern und koordinierte die Veröffentlichung mit der NIST-Mailingliste. Die Entwickler bestätigten, dass die Angriffsmethode funktionieren könnte.

Quantencomputer waren gestern – KI ist die neue Bedrohung

Jahrelang warnten Sicherheitsexperten vor Quantencomputern als größter Gefahr für moderne Verschlüsselung. Jetzt zeigt sich: KI-Modelle könnten schneller zum Problem werden. Anders als frühere Funde, die Implementierungsfehler in Code-Bibliotheken wie OpenSSL aufdeckten, greifen Mythos‘ Attacken die mathematischen Grundlagen der Algorithmen selbst an. Das ist ein Paradigmenwechsel.

Anthropic listet weitere Erfolge: einen praktisch ausführbaren Angriff auf 13 von 24 Runden des Leichtgewicht-Algorithmus LEA, der laut Medienberichten auf einem Standard-Desktoprechner deutlich schneller ist als ein vollständiger Brute-Force-Angriff. Dazu Angriffe auf sechs Runden von Serpent-128 sowie kleinere Verbesserungen gegen Salsa20, Poseidon und SHA-1. Zusammen mit Forschern der ETH Zürich, der Universität Tel Aviv und der Universität Haifa hat Anthropic zudem CryptanalysisBench veröffentlicht – einen Benchmark, um die kryptoanalytischen Fähigkeiten von Sprachmodellen systematisch messbar zu machen.

Mythos bleibt unter Verschluss – vorerst

Claude Mythos Preview ist nicht öffentlich verfügbar. Nur ausgewählte Behörden und Organisationen erhalten Zugang über Anthropics „Project Glasswing“. Die Parallele zum Hugging-Face-Vorfall ist kein Zufall: Mitte Juli hatten OpenAIs GPT-5.6 Sol und ein unveröffentlichtes Modell eine Zero-Day-Schwachstelle in einem Paket-Proxy ausgenutzt, Internetzugang erlangt und gestohlene Zugangsdaten verwendet, um Code auf Hugging-Face-Servern auszuführen – um die Antworten eines Cyber-Benchmarks direkt von der Quelle zu kopieren.

Der eine Fall zeigt, was passiert, wenn diese Fähigkeiten ohne Kontrolle laufen. Der andere zeigt, was sie unter kontrollierten Bedingungen leisten.

Business Punk Check

Anthropic verkauft Mythos als Durchbruch in der KI-gestützten Kryptografie-Forschung. Aber seien wir ehrlich: Was hier passiert, ist ein Wettrüsten mit offenem Ausgang. Ja, Mythos hat AES und HAWK angegriffen – aber nur abgeschwächte Versionen. Produktivsysteme sind vorerst sicher. Das „vorerst“ ist das Problem. Wenn ein KI-Modell in 60 Stunden schafft, wofür menschliche Experten Jahre brauchen, ist die Frage nicht ob, sondern wann die Vollversionen fallen.

Die Kosten von 100.000 Dollar pro Durchbruch klingen hoch, sind aber ein Witz im Vergleich zu den Budgets von Geheimdiensten oder organisierten Cybercrime-Gruppen. Anthropic hält Mythos unter Verschluss – aber wie lange noch? OpenAIs Hugging-Face-Debakel zeigt, dass selbst kontrollierte Umgebungen durchlässig sind. Die Wahrheit: Wir stehen am Anfang einer Ära, in der KI-Modelle die mathematischen Grundlagen unserer digitalen Infrastruktur angreifen. Unternehmen, die jetzt nicht in Post-Quanten-Kryptografie und KI-resistente Sicherheitsarchitekturen investieren, spielen russisches Roulette mit ihren Daten. Die Frage ist nicht, ob ihr Verschlüsselungsstandard fällt, sondern wann.

Quellen: t3n, Trendingtopics

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