Tech & Trends Claude schlägt ChatGPT: Pentagon-Streit sprengt KI-Charts

Claude schlägt ChatGPT: Pentagon-Streit sprengt KI-Charts

Vor ein paar Wochen kannte außerhalb der Tech-Bubble kaum jemand Anthropic. Jetzt steht die KI-App Claude plötzlich ganz oben im iPhone-App-Store. Ausgerechnet ein politischer Streit mit dem Pentagon hat den Hype ausgelöst. Und Europa wittert eine Chance.

Vom Underdog zur Nummer eins

Noch Anfang Februar hing Claude irgendwo im Mittelfeld der App-Store-Rangliste herum – ungefähr auf Platz 40 der beliebtesten kostenlosen iPhone-Apps. Dann ging alles rasend schnell. Innerhalb weniger Tage schoss die App an die Spitze und verdrängte sogar ChatGPT vom ersten Platz. Der Auslöser war kein klassisches Tech-Update, sondern politischer Sprengstoff. Das Pentagon erklärte Anthropic plötzlich zum „Supply-Chain-Risiko“. Kurz darauf ordnete Präsident Donald Trump an, dass US-Behörden die Produkte des Unternehmens nicht mehr nutzen sollen. Was für Anthropic zunächst wie ein Rückschlag aussah, entwickelte sich schnell zum perfekten Aufmerksamkeitsturbo.

Wenn Politik Marketing macht

Mit dem Streit explodierte auch das Interesse an Claude. Laut Unternehmensangaben verzeichnete der Dienst in dieser Phase einen neuen Rekord bei den Anmeldungen. Vor den Büros von Anthropic in San Francisco tauchten sogar spontane Unterstützungsbotschaften auf. Auf den Gehwegen standen handgeschriebene Nachrichten wie „Thank you“. Gleichzeitig bekam der Konkurrent OpenAI Gegenwind, nachdem das Unternehmen eine Zusammenarbeit mit dem Pentagon angekündigt hatte. Auch im Netz ging die Kurve steil nach oben: Suchanfragen nach „Anthropic“ erreichten laut Google Trends ihren bisherigen Höchststand.

Europa wittert eine Chance

Der politische Streit um Anthropic sorgt inzwischen auch in Europa für Aufmerksamkeit. Der deutsche SPD-Digitalpolitiker Matthias Mieves sieht in der Situation sogar eine strategische Chance für die EU. In einem Brief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Bundeskanzler Friedrich Merz schlägt er vor, das KI-Unternehmen nach Europa zu holen. cSein Argument: Wenn ein führendes KI-Unternehmen wegen politischer Konflikte in den USA unter Druck gerät, könnte Europa davon profitieren. Mieves spricht von einer „einmaligen Chance“, Europas technologische Souveränität im KI-Bereich zu stärken. Als mögliche Standorte nennt er mehrere europäische Tech-Hubs – darunter Berlin, Paris oder München. Die Idee dahinter: Wenn Anthropic in Europa stärker präsent wäre, würde auch das KI-System Claude Teil eines europäischen KI-Ökosystems werden.

Anthropic nutzt den Moment

Das Unternehmen reagierte schnell und versuchte, die plötzliche Aufmerksamkeit direkt in neue Nutzer umzuwandeln. Kurz nach dem Medienrummel stellte Anthropic mehrere neue Funktionen für Claude vor. Nutzer können jetzt Chatverläufe aus anderen KI-Chatbots importieren – ein ziemlich offensiver Versuch, Menschen von konkurrierenden Tools rüberzuziehen. Außerdem kann Claude nun auch in der kostenlosen Version Kontext über mehrere Gespräche hinweg behalten. Der Hype wurde zeitweise so groß, dass der Dienst kurzzeitig zusammenbrach. Anthropic sprach von „beispielloser Nachfrage“.

ChatGPT bleibt der Gigant

Trotz des spektakulären Aufstiegs bleibt der Abstand zur Konkurrenz gewaltig. ChatGPT ist nach wie vor das dominante KI-Tool im Alltag vieler Menschen. Während die ChatGPT-Website regelmäßig über 30 Millionen Besucher pro Woche erreicht, liegt Claude bei rund drei Millionen. Auch bei den Apps zeigt sich ein ähnliches Bild: ChatGPT kommt auf mehr als 20 Millionen tägliche Nutzer, Claude auf weniger als zwei Millionen. Der aktuelle App-Store-Sieg ist also eher ein symbolischer Erfolg als ein echter Machtwechsel.

Der Anfang eines neuen KI-Duells?

Trotzdem könnte dieser Moment für Anthropic ein Wendepunkt sein. Das Unternehmen, gegründet von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern, galt in Silicon Valley schon länger als ernstzunehmender Herausforderer – vor allem wegen seiner starken Tools für Programmierer. Jetzt bekommt Claude erstmals auch außerhalb der Tech-Szene massive Aufmerksamkeit. Wenn Anthropic diesen Hype klug nutzt, könnte aus dem kurzen App-Store-Moment tatsächlich ein langfristiger Konkurrenzkampf entstehen. Der KI-Wettlauf wird jedenfalls gerade ein gutes Stück spannender.

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