Tech & Trends Drohnenabwehr: Europa erkennt die Gefahr – aber keine Zuständigkeit

Drohnenabwehr: Europa erkennt die Gefahr – aber keine Zuständigkeit

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Eine IISS-Studie attestiert Europa fragmentierte Drohnenabwehr, während Dobrindt aufrüstet und Brüssel einen Plan vorlegt; Zuständigkeiten bleiben ungeklärt.

144 Drohnenvorfälle in zwölf NATO-Staaten und Irland zwischen August 2024 und Februar 2026, aber keine gemeinsame Antwort: Diese Diskrepanz beschreibt eine Studie des Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS) und der Hanns-Seidel-Stiftung. Die Autoren attestieren Europa eine Anti-Drohnen-Architektur, die „noch nicht auf der Höhe der Bedrohung“ ist, wie es in dem Papier heißt, über das zuerst der Tagesspiegel berichtete und das laut heise nun erneut Aufmerksamkeit findet. Für die Wissenschaftler ist es „sehr wahrscheinlich“, dass Russland eine gezielte Kampagne gegen europäische Flughäfen und Militäreinrichtungen fährt.

Beweisen lässt sich das bislang kaum, weil die Zuordnung einzelner Vorfälle zu langsam gelingt. Genau diese Lücke zwischen Verdacht und belastbarem Nachweis macht die Debatte politisch heikel: Wer öffentlich von russischer Aggression spricht, ohne den Beweis liefern zu können, riskiert Glaubwürdigkeit. Wer schweigt, riskiert Handlungsunfähigkeit.

Nationale Alleingänge blockieren europäische Antworten

Der zentrale Befund der Studie ist weniger die Bedrohung selbst als die Reaktion darauf. Die Behörden in den Mitgliedstaaten agierten gespalten, die verfügbaren Gegenmaßnahmen seien unzureichend, kritisieren die Autoren laut heise. Statt gesamteuropäisch zu denken, verfolge jedes Land seine eigene Strategie.

Klaus Holetschek, Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung und CSU-Fraktionschef im bayerischen Landtag, nennt die Lage „alarmierend“: Europa sei auf diese Form hybrider Bedrohung bislang nicht ausreichend vorbereitet. Verschärft wird das Problem durch einen rechtlichen Leerraum: Bereits die EU-Drohnenstrategie von 2023 hielt fest, dass es auf EU-Ebene keine spezifischen Vorschriften zur Drohnenabwehr gibt, die einen harmonisierten Rahmen für Behörden, Betreiber und Hersteller schaffen. Diese Lücke betrifft nicht nur die militärische Abwehr, sondern auch zivile Infrastruktur wie Flughäfen, an denen Zuständigkeiten zwischen Bundespolizei, Landesbehörden und Betreibern ohnehin schon unübersichtlich verteilt sind.

Brüssels Plan kommt, aber ohne Biss gegen die Quelle

Die Europäische Kommission reagierte mit einem neuen Plan, der Erkennung, industrielle Produktion und koordinierte Reaktionen stärken soll. Parallel ist eine European Drone Defence Initiative (EDDI) vorgesehen, die eine EU-weite 360-Grad-Architektur aufbauen und laut Berichten bis Ende 2026 eine erste Einsatzfähigkeit erreichen soll.

Die Studie weist jedoch auf eine strukturelle Schwäche hin: Selbst eine voll funktionsfähige EDDI könnte Drohnen erst nach dem Eindringen in den europäischen Luftraum bekämpfen und habe kein Mandat, gegen das startende Schiff oder die Startplattform selbst vorzugehen. Das Europäische Parlament kam laut einem Bericht der Finanznachrichten im Januar 2026 zu einem ähnlichen Schluss: Der EDDI fehle die nötige Agilität und doktrinäre Geschlossenheit. Damit bleibt eine Initiative, die als europäische Antwort auf nationale Zersplitterung gedacht war, selbst an der entscheidenden Stelle wirkungslos: dort, wo Drohnen ihren Ursprung nehmen, nicht erst dort, wo sie auftauchen.

Deutschland rüstet auf, während die EU noch plant

Während Brüssel an Strukturen feilt, zieht Berlin vor. Nach dem mutmaßlichen Anschlagsversuch mit einer Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig/Halle baut Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) die deutsche Drohnenabwehr aus, wie das Handelsblatt unter Verweis auf einen Bericht der „Bild“-Zeitung berichtet.

Das Gemeinsame Drohnenabwehrzentrum (GDAZ) von Bund und Ländern soll personell deutlich verstärkt werden: Statt bislang rund 150 sollen künftig 300 hochspezialisierte Einsatzkräfte zur Verfügung stehen, die Zahl der operativen Stützpunkte soll sich von vier auf acht verdoppeln. Eine offizielle Stellungnahme des Bundesinnenministeriums lag zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht vor. Der Zeitpunkt der Ankündigung, unmittelbar nach dem Vorfall in Leipzig, verweist auf ein Muster, das die IISS-Studie selbst kritisiert: Reaktion nach Ereignis statt vorausschauender europäischer Koordination.

Business Punk Check

Fakt: Die IISS-Studie belegt mit 144 dokumentierten Vorfällen ein reales, wachsendes Problem, die Zuordnung zu Russland bleibt aber Wahrscheinlichkeit, keine belegte Gewissheit.

Interpretation: Dass Deutschland national aufrüstet, während die EU noch an Zuständigkeiten feilt, zeigt ein strukturelles Zeitfenster-Problem europäischer Sicherheitspolitik. Offene Frage: Ob die EDDI bis Ende 2026 tatsächlich einsatzfähig wird und ob nationale Kapazitäten wie das GDAZ dann kompatibel sind, bleibt unklar.

Auf einen Blick

  • Eine IISS-Studie dokumentiert 144 Drohnenvorfälle in zwölf NATO-Staaten und Irland zwischen August 2024 und Februar 2026 und hält eine russische Kampagne für sehr wahrscheinlich, ohne dies eindeutig zu belegen.
  • Die EU-Kommission hat einen Plan zur Drohnenabwehr vorgelegt, doch selbst eine künftige EDDI könnte Drohnen laut Studie erst nach dem Eindringen in den Luftraum abfangen, nicht an der Startquelle.
  • Bundesinnenminister Alexander Dobrindt baut nach dem Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle die deutsche Drohnenabwehr aus und verdoppelt die Zahl der operativen Stützpunkte auf acht.

Quellen: heise, Handelsblatt, Finanznachrichten, Zeit, Commission, Eur-lex

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