Tech & Trends Frankreich kickt Palantir raus: 655 Millionen für KI-Autonomie

Frankreich kickt Palantir raus: 655 Millionen für KI-Autonomie

Frankreichs Geheimdienst beendet die Zusammenarbeit mit Palantir. Verteidigungsminister Lecornu investiert 655 Millionen Euro in eigene KI-Infrastruktur. Der Auslöser: US-Behörden sperrten KI-Modelle für Europa.

Paris zieht die Notbremse. Der französische Inlandsgeheimdienst DGSI trennt sich von Palantir – jenem US-Datenriesen, der Regierungen weltweit mit KI-gestützter Analysesoftware beliefert.

Verteidigungsminister Sébastien Lecornu macht die Ansage unmissverständlich: Keine neuen digitalen Abhängigkeiten mehr. Stattdessen fließen 655 Millionen Euro in den Aufbau einer eigenen KI-Infrastruktur. Die Botschaft dahinter ist klar: Europa muss technologisch erwachsen werden, bevor Washington den Stecker zieht.

Warum Frankreich jetzt handelt

Der Auslöser für Lecornus Entscheidung kam aus den USA selbst. Das KI-Unternehmen Anthropic blockierte auf Anweisung amerikanischer Behörden den Zugang zu seinen leistungsstarken Modellen Fable 5 und Mythos 5 für Nutzer außerhalb der Vereinigten Staaten.

Was wie ein technischer Verwaltungsakt klingt, entpuppte sich als Weckruf für Paris. Frankreich dürfe nicht vom guten Willen einzelner Partner abhängen, die jederzeit KI-Anwendungen sperren könnten, so Lecornu laut Zeit. Die Forderung: echte Autonomie statt digitaler Vasallentreue.

Palantir – zwischen Datenanalyse und Überwachung

Palantir, mitgegründet vom deutschen Tech-Milliardär Peter Thiel, vereinheitlicht Daten und macht sie durch KI sofort analysierbar. Klingt technisch, ist aber hochpolitisch. Das Unternehmen arbeitet seit Jahren eng mit der US-Regierung zusammen – über verschiedene Administrationen hinweg.

Die Software kommt nicht nur im militärischen Kontext zum Einsatz, sondern auch zur Identifikation vermeintlicher Gefährder – darunter Migranten und Demonstrierende. Datenschützer warnen seit Jahren: Wer Palantir nutzt, riskiert, dass vertrauliche Informationen in die Hände amerikanischer Geheimdienste gelangen. In Deutschland setzen Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen trotzdem auf die Software. Die Bundeswehr nutzt die Software bislang nicht.

Chapsvision als europäische Alternative

Frankreich setzt künftig auf das heimische Unternehmen Chapsvision. Das 2019 gegründete Unternehmen entwickelt KI-Anwendungen speziell für europäische Unternehmen und Behörden. 2024 erwirtschaftete die Firma einen Umsatz von 200 Millionen Euro – ein Bruchteil dessen, was US-Konzerne umsetzen.

Der französische Arbeitgeberverband äußerte sich skeptisch: Die angekündigten 655 Millionen Euro seien zu gering und spiegelten die begrenzten finanziellen Möglichkeiten Frankreichs wider, so Deutschlandfunk. Tatsächlich investieren die USA Milliarden in KI-Infrastruktur, während die EU-Kommission warnt, dass Europa bei großen Rechenzentren und Cloud-Infrastruktur für KI weiterhin deutlich hinter führenden Anbietern zurückliegt.

Europas Dilemma: Abhängigkeit ohne Alternativen

Die großen KI-Modelle kommen aus den USA. Dort fließen Milliardeninvestitionen in die Branche, während Europa technologisch hinterherhinkt. Die EU will unabhängiger werden, doch die Infrastruktur fehlt. NRW-Innenminister Herbert Reul hatte zuletzt eine europäische Alternative zur umstrittenen Überwachungssoftware gefordert. Die Technik könne helfen, Kriminalität vorherzusagen und zu verhindern. „Insofern wäre es Wahnsinn, das Rad zurückzudrehen und darauf zu verzichten“, sagte er laut Zeit weiter. „Allerdings wäre jedem eine europäische Alternative lieber.“ Die entsprechende Ausschreibung läuft bereits. In Nordrhein-Westfalen wird schon heute eine auf Palantir basierende Plattform eingesetzt, mit der Datenbanken übergreifend analysiert und durchsucht werden können. Der Vertrag dafür läuft im Oktober 2026 aus.

Frankreichs Alleingang zeigt das Dilemma: Nationale Lösungen kosten Geld, das viele Mitgliedstaaten nicht haben. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass digitale Souveränität keine Verhandlungsmasse mehr sein darf. Wer heute auf amerikanische KI-Systeme setzt, liefert sich morgen deren geopolitischen Interessen aus.

Business Punk Check

Frankreichs Palantir-Ausstieg ist kein Akt digitaler Selbstbestimmung – sondern ein überfälliges Eingeständnis europäischer Naivität. Jahrelang haben Regierungen auf beiden Seiten des Rheins US-Tech-Konzerne hofiert, während die eigene KI-Entwicklung verkümmerte. Jetzt, wo Washington den Zugang zu kritischen Systemen einfach kappt, kommt die Panik. 655 Millionen Euro klingen nach viel Geld, sind aber ein Witz im Vergleich zu den Milliarden, die Silicon Valley verschlingt.

Chapsvision mag ein solides Startup sein, doch ein Umsatz von 200 Millionen Euro macht noch keine geopolitische Alternative. Die unbequeme Wahrheit: Europa hat den KI-Zug verpasst und versucht jetzt, mit einem Fahrrad hinterherzufahren. Wer heute noch auf nationale Alleingänge setzt, statt endlich eine koordinierte EU-Strategie zu fahren, verschwendet Steuergelder. Frankreichs Schritt ist richtig – aber viel zu spät und viel zu klein.

Quellen: Zeit, Deutschlandfunk, Spiegel

Das könnte dich auch interessieren