Tech & Trends KI-Überwachung ausgetrickst: 58.000 Studenten müssen Prüfung wiederholen

KI-Überwachung ausgetrickst: 58.000 Studenten müssen Prüfung wiederholen

Digitale Aufnahmeprüfung, KI-Kamera-Überwachung, Spezial-Browser: Trotzdem sollen fast 60.000 Studierende in Mexiko geschummelt haben. Jetzt müssen alle nochmal ran.

KI-unterstützt · redaktionell geprüft

Ein Multiple-Choice-Test mit 120 Fragen sollte die Zukunft von 160.000 jungen Mexikanern entscheiden. Stattdessen gilt er vielen Beobachtern als Beleg dafür, wie löchrig KI-gestützte Prüfungsüberwachung im Ernstfall sein kann. Die Nationale Autonome Universität von Mexiko (UNAM), mit fast 370.000 Studierenden eine der größten Hochschulen des amerikanischen Kontinents, hat ihre Aufnahmeprüfung 2026 erstmals komplett digital durchgeführt, im zeitlichen Zusammenhang damit steht einer der größten Betrugsskandale ihrer über 500-jährigen Geschichte.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zwischen 2021 und 2025 erreichten durchschnittlich 3,5 Prozent der Teilnehmenden 100 Punkte oder mehr. Bei der Online-Prüfung 2026, an der knapp 160.000 Studierende zwischen Ende Mai und Anfang Juni teilnahmen, waren es plötzlich 16,3 Prozent.

Bei der Elite-Marke von 110 Punkten stieg der Anteil von 0,9 auf 5,5 Prozent, wie Heise berichtet. Eine eigens eingesetzte Untersuchungskommission geht inzwischen davon aus, dass bei etwa der Hälfte der Prüfungen betrogen wurde, umgerechnet rund 75.000 Fälle. Rund 2 Prozent der Prüfungen seien bereits offiziell wegen Regelverstößen annulliert worden.

Warum die Überwachung an ihre Grenzen stieß

Die UNAM setzte auf den LockDown Browser und eine KI-gestützte Webcam-Überwachung. Laut t3n verhindert der Spezialbrowser unter anderem das Kopieren von Texten, das Minimieren des Prüfungsfensters sowie den Aufruf anderer Webseiten und Anwendungen. Zusätzlich überwachte menschliches Aufsichtspersonal KI-gestützt die Videobilder der Kandidaten, um verdächtiges Verhalten in Echtzeit zu erkennen. Trotzdem kursierten laut t3n schon vor Prüfungsbeginn detaillierte Anleitungen, wie sich das System umgehen lässt. Empfohlen wurden etwa zweite Bildschirme außerhalb des Kamerawinkels für KI-Anwendungen oder versteckte In-Ear-Kopfhörer unter den Haaren. Das Prüfungsfenster wird laut t3n mit 17 beziehungsweise 19 Tagen laut Heise unter Berufung auf die New York Times angegeben, in dem die Tests zugänglich waren, was reichlich Zeit bot, Testfragen samt Antworten online zu verkaufen oder an Bekannte weiterzugeben.

Der KI-Experte Raul Rojas von der FU Berlin erklärt gegenüber NRP, es sei technisch sehr einfach gewesen, das System zu betrügen, zumal die Überwachung per Browser und Kamera keineswegs lückenlos gewesen sei. Er habe zudem keine Hinweise darauf gefunden, dass die Prüfung 2026 einfacher oder die Studierenden leistungsstärker gewesen seien als in den Vorjahren. Erschwerend kommt hinzu, dass gängige KI-Detektoren bei Multiple-Choice-Antworten grundsätzlich nicht anschlagen. Ein technischer Beweis für individuellen Betrug bleibt dadurch kaum zu erbringen, selbst wenn die statistische Auffälligkeit auf der Gesamtebene eindeutig ist. Genau diese Kombination aus mangelnder Nachweisbarkeit und offensichtlicher Ergebnisverzerrung gilt als möglicher Grund dafür, dass sich die Universitätsleitung letztlich für den radikalen Schritt einer kompletten Wiederholung entschied, statt einzelne Betrugsfälle herauszufiltern.

Fast 60.000 müssen zurück ins Prüfungszentrum

Die Konsequenz: Rund 58.000 Studienanwärter müssen die Prüfung wiederholen, direkt vor Ort und unter menschlicher Aufsicht statt per KI-Kamera. Betroffen sind sowohl die Kandidaten aus 2026 als auch jene aus den Vergleichsjahren 2021 bis 2025, die vergleichbare Punktzahlen erreichten, wegen der verzerrten Statistik aber zunächst keinen Studienplatz erhielten. Damit trägt die Universität dem Umstand Rechnung, dass die Vergleichsgruppe aus den Vorjahren ebenso von der Neubewertung betroffen ist wie die aktuellen Prüflinge. Rektor Leonardo Lomelí Vanegas entschuldigte sich laut Heise bei den betroffenen Kandidaten für den entstehenden Mehraufwand, nannte den Schritt aber notwendig, um Chancengleichheit wiederherzustellen.

Der Semesterstart verschiebt sich deshalb vom 10. auf den 31. August 2026, um die logistisch aufwendigen Präsenzprüfungen für zehntausende Studierende überhaupt organisieren zu können. Die Universität hat wegen möglicher kommerzieller Betrugsangebote bereits Strafanzeige erstattet, noch bevor die Untersuchungsergebnisse offiziell veröffentlicht wurden. Für die betroffenen Studierenden bedeutet das zunächst vor allem Unsicherheit: Wer bereits mit einem Studienplatz geplant hatte, muss nun erneut durch ein Auswahlverfahren, das diesmal ohne Bildschirm und Webcam auskommt. Die Rückkehr zur klassischen Präsenzprüfung mit menschlicher Aufsicht markiert damit auch ein Eingeständnis, dass die erhoffte Effizienz der Digitalisierung dem Ziel eines fälschungssicheren Auswahlverfahrens vorerst untergeordnet werden muss.

Business Punk Check

KI-Überwachung als Betrugsschutz ist Marketingversprechen, kein Sicherheitsstandard. Die UNAM kaufte Software, die Kopieren und Fenster-Minimieren blockiert, aber menschliche Kreativität komplett unterschätzt. Zweitbildschirme außerhalb des Kamerawinkels, versteckte Kopfhörer, verkaufte Antworten: Das sind keine Hightech-Hacks, sondern Basics. Der eigentliche Skandal ist die Zeitachse. Ein je nach Quelle 17- bis 19-tägiges Prüfungsfenster bei gleichzeitiger KI-Überwachung ist ein Widerspruch in sich. Wer Wochen Zeit lässt, öffnet automatisch den Schwarzmarkt für Testfragen. Für Entscheider in Bildung und HR heißt das: KI-Proctoring taugt bestenfalls als Ergänzung, nicht als Ersatz für Präsenzkontrolle bei hochkompetitiven Auswahlverfahren. Wer online prüft, braucht enge Zeitfenster und echte Redundanz-Systeme, keine Einzellösung mit Marketing-Glanz.

Auf einen Blick

  • Die UNAM verlangt von rund 58.000 Studienanwärtern eine erneute Aufnahmeprüfung in Präsenz, nachdem die erste komplett digitale Prüfung 2026 auffällig gute Ergebnisse lieferte.
  • Der Anteil der Teilnehmenden mit 100 oder mehr Punkten stieg von durchschnittlich 3,5 Prozent auf 16,3 Prozent, bei über 110 Punkten von 0,9 auf 5,5 Prozent.
  • Trotz Spezial-Browser und KI-gestützter Webcam-Überwachung kursierten vorab Betrugsanleitungen und Testfragen wurden während des mehrwöchigen Prüfungsfensters online gehandelt.
  • Der Semesterbeginn verschiebt sich wegen der Wiederholungsprüfungen vom 10. auf den 31. August 2026, die Universität hat zudem Strafanzeige erstattet.

Quellen: Zeit

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