Tech & Trends Metas Ray-Ban-Brille: Sexvideos landen bei Clickworkern in Nairobi

Metas Ray-Ban-Brille: Sexvideos landen bei Clickworkern in Nairobi

Metas smarte Brillen versprechen Privatsphäre – doch Videos von Toilettengängen, Sex und Bankkarten landen bei Datenarbeitern in Kenia. Was Tech-Konzerne als KI-Revolution verkaufen, entpuppt sich als Überwachungsapparat.

Wer sich Metas Ray-Ban- oder Oakley-Brille aufsetzt, filmt nicht nur für sich selbst. Die Videos wandern direkt auf die Bildschirme von Clickworkern in Nairobi – inklusive Nacktszenen, Toilettengängen und Kreditkartendaten.

Mehr als 30 Datenarbeiter haben laut The Decoder gegenüber schwedischen Journalisten ausgepackt: Sie sehen alles, was Brillenträger aufnehmen, während sie glauben, ihre Privatsphäre zu schützen. Meta bewirbt das Gadget als stylischen Alltagshelfer, entwickelt „mit Blick auf Privatsphäre“. Die Realität sieht anders aus.

Wie private Videos bei Sama in Kenia landen

Die Aufnahmen fließen laut Netzpolitik zum Dienstleister Sama, der für Meta KI-Modelle trainiert. Dort markieren Menschen in 10-Stunden-Schichten Objekte in Videos: Straßenschilder, Autos, Blumen. Doch zwischen Alltagsszenen tauchen intime Momente auf. Ein anonymer Sama-Mitarbeiter beschreibt die Situation: Man verstehe, dass man das Privatleben von jemandem betrachte, aber wer Fragen stelle, sei weg. Die Arbeiter haben umfassende Geheimhaltungsvereinbarungen unterschrieben. Kameras überwachen die Büros, eigene Handys sind verboten.

Die Datenarbeiter berichten von Aufnahmen, die Menschen beim Sex zeigen, beim Umziehen oder beim Gang zur Toilette. Brillen liegen auf Nachttischen, während sich jemand auszieht. Nutzer tragen sie, wenn nackte Personen aus dem Bad kommen. Auch Bankkarten, private Chats und Pornografie-Konsum landen in den Datenbanken. Was Tech-Konzerne als digitale Revolution verkaufen, basiert auf mühevoller Arbeit in Niedriglohnländern – für 1,32 bis 2 Dollar pro Stunde, wie frühere Recherchen zeigen.

Datenweitergabe lässt sich nicht abschalten

Meta räumt in den Nutzungsbedingungen weitreichende Rechte ein. Damit der KI-Assistent funktioniert, werden Sprache, Text, Bilder und Videos automatisch verarbeitet und weitergegeben. Diese Datenverarbeitung lässt sich nicht deaktivieren. Wer die Brille nutzen will, muss zustimmen, dass Menschen die aufgezeichneten Inhalte überprüfen. Ohne Internetverbindung funktioniert die KI-Funktion nicht – das Smartphone kontaktiert ständig Meta-Server in Schweden und Dänemark, wie technische Tests von Heise zeigen.

Sprachaufnahmen werden laut Datenschutzrichtlinie nur mit aktiver Zustimmung gespeichert. Meta scheint aus früheren Skandalen um Amazons Alexa und Apples Siri gelernt zu haben. Doch Videoaufnahmen können jederzeit an Meta und Subunternehmen weitergereicht werden. Die Anonymisierung funktioniert nicht zuverlässig: Gesichter, die verpixelt sein sollten, bleiben sichtbar. Besonders bei schwierigen Lichtverhältnissen versagen die Algorithmen, berichten ehemalige Meta-Mitarbeiter.

Datenschützer sehen klaren Rechtsbruch

Kleanthi Sardeli von der Wiener Datenschutz-Organisation NOYB kritisiert das Vorgehen scharf: Wenn dies in Europa geschehe, fehlten sowohl Transparenz als auch Rechtsgrundlage für die Verarbeitung. Für KI-Training sei eine ausdrückliche Einwilligung erforderlich. Sobald das Material in die Modelle eingespeist wurde, verliere der Nutzer praktisch die Kontrolle darüber, wie es verwendet wird. Die schwedische Datenschutzbehörde IMY bestätigt das Problem.

IT-Spezialist Petter Flink stellt fest: Der Nutzer habe wirklich keine Ahnung, was hinter den Kulissen vor sich gehe. Für Kenia existiert bisher kein Angemessenheitsbeschluss der EU. Meta schreibt in seiner Datenschutzrichtlinie, dass Nutzerdaten global übertragen werden, da Meta ein global operierendes Unternehmen sei. Juristin Petra Wierup von der IMY stellt klar: Wenn Meta Verantwortlicher im Sinne der DSGVO ist, muss der Schutz auch bei Subunternehmern in Drittländern gewährleistet sein.

Sama: Traumatisierung als Geschäftsmodell

Der Dienstleister Sama hat eine belastete Vorgeschichte. Bereits 2021 labelten Mitarbeiter im Auftrag von OpenAI Zehntausende Textpassagen mit Darstellungen von sexuellem Missbrauch, Gewalt und Hassrede. Ein Arbeiter beschrieb die Erfahrung als Folter. Nachdem Berichte über Traumatisierung und mutmaßliches Union-Busting auftauchten, beendete Sama 2023 die Content-Moderation für Meta. Stattdessen konzentriert sich das Unternehmen nun auf Computer-Vision-Datenannotation – genau die Tätigkeit, die für Metas KI-Brille relevant ist.

Meta entwickelte für das Training seines Computer-Vision-Modells SAM 3 eine Data Engine, bei der KI-Modelle zunächst Segmentierungsvorschläge erzeugen. Diese werden anschließend von menschlichen und KI-Annotatoren überprüft und korrigiert. Der Prozess soll die Annotation beschleunigen. Auch chinesische KI-Unternehmen setzen auf externe Datenarbeiter in Kenia. Die technischen Specs der Oakley Meta Vanguard klingen beeindruckend: 3K-Video bei 30 FPS, 12-MP-Kamera mit 122° Sichtfeld, IP67-Zertifizierung, 32 GB lokaler Speicher für über 100 Videos à 30 Sekunden. Doch die Hardware-Features lenken vom eigentlichen Problem ab: der systematischen Verletzung der Privatsphäre.

Business Punk Check

Metas Ray-Ban-Brille entlarvt die Lüge vom datenschutzfreundlichen KI-Assistenten. Was als stylisches Tech-Gadget vermarktet wird, ist ein Überwachungsinstrument, das intime Momente direkt in die Hände unterbezahlter Clickworker spielt. Die Anonymisierung versagt, die Datenweitergabe lässt sich nicht abschalten, und Nutzer haben keine Ahnung, was mit ihren Aufnahmen passiert. Datenschützer sehen klare Rechtsverstöße gegen die DSGVO – doch Meta verweist auf Nutzungsbedingungen, die niemand liest.

Die unbequeme Wahrheit: KI-Revolution basiert auf Ausbeutung in Niedriglohnländern. Für 1,32 bis 2 Dollar pro Stunde sichten Menschen traumatisierende Inhalte, während Tech-Konzerne Milliarden verdienen. Wer Fragen stellt, fliegt raus. Die technischen Specs der Brille sind beeindruckend – doch sie lenken vom systematischen Datenmissbrauch ab. Early Adopters sollten sich fragen: Ist der KI-Assistent es wert, dass Fremde in Nairobi meine Nacktvideos sehen? Die Antwort dürfte klar sein.

Häufig gestellte Fragen

Kann man die Datenweitergabe bei Metas Ray-Ban-Brille abschalten?

Nein, die Datenweitergabe lässt sich nicht deaktivieren. Damit der KI-Assistent funktioniert, werden Videos, Bilder und Sprache automatisch an Meta-Server übertragen und können an Subunternehmen weitergegeben werden. Ohne Internetverbindung funktioniert die KI-Funktion nicht. Wer die Brille nutzen will, muss in den Nutzungsbedingungen zustimmen, dass Menschen die aufgezeichneten Inhalte überprüfen.

Wo landen die Videos von Metas smarter Brille?

Die Videos werden laut Recherchen von *Netzpolitik* an den Dienstleister Sama in Nairobi, Kenia, weitergeleitet. Dort trainieren Datenarbeiter Metas KI-Modelle, indem sie Objekte in Videos markieren und beschriften. Mehr als 30 Beschäftigte berichten, dass sie dabei auch intime Aufnahmen sehen: Nacktszenen, Toilettengänge, Sexvideos und Bankkarten. Die Anonymisierung funktioniert nicht zuverlässig, Gesichter bleiben oft sichtbar.

Ist Metas Ray-Ban-Brille DSGVO-konform?

Datenschutzexperten bezweifeln das stark. Kleanthi Sardeli von NOYB stellt fest, dass sowohl Transparenz als auch Rechtsgrundlage für die Verarbeitung fehlen. Für KI-Training sei eine ausdrückliche Einwilligung erforderlich. Die schwedische Datenschutzbehörde IMY kritisiert, dass Nutzer keine Ahnung haben, was hinter den Kulissen passiert. Für Kenia existiert bisher kein Angemessenheitsbeschluss der EU, was die Datenübertragung zusätzlich problematisch macht.

Wie viel verdienen die Datenarbeiter, die Metas KI trainieren?

Laut früheren Recherchen liegt der Stundenlohn bei Sama zwischen 1,32 und 2 Dollar. Die Arbeiter haben umfassende Geheimhaltungsvereinbarungen unterschrieben und arbeiten in 10-Stunden-Schichten. In den Büros hängen Kameras, eigene Handys sind verboten. Wer Fragen stellt, riskiert seinen Job und damit oft den Rückfall in die Armut. Ein Mitarbeiter beschrieb die Arbeit als Folter, besonders beim Labeln von Gewalt- und Missbrauchsdarstellungen.

Welche Alternativen gibt es zu Metas smarter Brille?

Wer KI-Assistenten nutzen will, ohne Videos an Dritte weiterzugeben, sollte auf lokale Lösungen setzen. Smartphone-Apps mit On-Device-KI verarbeiten Daten direkt auf dem Gerät, ohne sie an Server zu senden. Allerdings sind diese Funktionen eingeschränkter als Cloud-basierte Dienste. Die beste Alternative bleibt vorerst: keine smarte Brille tragen und auf konventionelle Smartphones setzen, bei denen man die Kontrolle über Kamera und Mikrofon behält.

Quellen: Heise, Netzpolitik, The Decoder

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