Tech & Trends Mind over Machine: Martin Moszkowicz über KI, Kreativität und den Mut zum Moonshot

Mind over Machine: Martin Moszkowicz über KI, Kreativität und den Mut zum Moonshot

In dieser Ausgabe sprechen wir mit Martin Moszkowicz, einem der profiliertesten deutschen Filmproduzenten mit über 300 nationalen und internationalen Kino- und TV-Produktionen. Er hat maßgeblich an Filmklassikern und kommerziellen Erfolgen mitgewirkt und ist vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Carl Laemmle Produzentenpreis für sein Lebenswerk und achtfacher Aufnahme in die Variety500 – ein Index der einflussreichsten Führungspersönlichkeiten der globalen Medienbranche.

Im Zentrum des Gesprächs steht eine unbequeme Frage:
Was passiert, wenn KI nicht nur beschleunigt, sondern früh im kreativen Prozess mitdenkt? Moszkowicz beschreibt KI nicht als Ersatz, sondern als Sparringspartner. Als Werkzeug, das Denkfehler sichtbar macht, Muster offenlegt und Entscheidungsräume vergrößern kann – solange Haltung, Mut und Verantwortung beim Menschen bleiben.

Business Punk: Woran erkennen Sie, dass KI im Film mehr ist als nur Effizienz?
Martin Moszkowicz:
„Ich merke es daran, ob KI mir hilft, klarer zu denken – nicht nur schneller zu produzieren. Effizienz ist austauschbar. Qualität nicht. Die echte Chance liegt dort, wo KI früh im Prozess mitläuft: als Sparringspartner, der mir Varianten zeigt, Widersprüche offenlegt, Denkfehler sichtbar macht. Aber der entscheidende Schritt – zu sagen „Das ist es“ – bleibt menschlich. Große Filme, echte Moonshots, entstehen nie aus Daten oder Wahrscheinlichkeiten, sondern aus Überzeugung.“

Business Punk: Entlastet KI Autor:innen – oder macht sie den Druck größer?
Martin Moszkowicz: „Beides ist möglich. KI kann enorm entlasten, wenn sie das Mechanische übernimmt und Raum schafft für Denken, Zweifel, Neuanfang. Sie wird problematisch, wenn sie als Taktgeber missbraucht wird: schneller, mehr, billiger. Kreativität braucht Reibung und Zeit. Wenn KI diesen Raum vergrößert, ist sie ein Geschenk. Wenn sie ihn verkleinert, ist sie Gift.

Business Punk: Kann KI zu mutigeren Stoffen führen?
Martin Moszkowicz:
„Ja – aber nicht aus sich selbst heraus. KI kann Mut ermöglichen, nicht erzeugen. Sie kann helfen, Risiken zu reduzieren: Ideen durchzuspielen, Alternativen zu testen, falsche Wege schneller zu verwerfen. Das schafft Spielraum. Aber der eigentliche Sprung – der Moonshot – passiert dort, wo jemand bewusst gegen Daten, Tests und Wahrscheinlichkeiten entscheidet. Das ist immer ein menschlicher Akt.“

Business Punk: Verschiebt KI unser kulturelles Gedächtnis?
Martin Moszkowicz:
„Das kann passieren – sehr leise. KI ist hervorragend darin, Muster zu erkennen und zu reproduzieren. Kultur entsteht aber oft genau dort, wo Muster gebrochen werden. Wenn wir KI unkritisch einsetzen, verstärken wir das Bekannte und nennen es Innovation. Wenn wir sie als Spiegel nutzen, kann sie uns helfen zu erkennen, wie oft wir uns selbst wiederholen. Aber das Neue entsteht nicht aus Statistik, sondern aus kreativer Intuition.“

Business Punk: Europa reguliert, Hollywood experimentiert – wer liegt näher an der Zukunft?
Martin Moszkowicz:
Beide Seiten haben Recht – und beide irren sich teilweise. Regulierung ist wichtig, gerade wenn es um Rechte und Fairness geht. Aber sie ersetzt keine Gestaltung. Europa darf sich nicht damit zufriedengeben, Risiken zu verwalten, während andere Dinge ausprobieren. Wir brauchen Regeln und eigene Modelle. Sonst beruhigen wir uns moralisch, während andere Realität schaffen.“

Business Punk: Kann KI Inhalte vertiefen statt verflachen?
Martin Moszkowicz:
„Absolut. KI kann ein sehr präzises Werkzeug sein: Sie kann Redundanzen sichtbar machen, Figurenlogik prüfen, tonale Brüche aufzeigen. Verflachung entsteht nicht durch KI, sondern durch Angst. Durch den Wunsch nach maximaler Absicherung. Wenn KI dazu beiträgt, genauer, ehrlicher, präziser zu erzählen, kann sie Texte sogar mutiger machen.

Business Punk: Warum wirkt die KI-Debatte im deutschen Film so defensiv?
Martin Moszkowicz:
„Weil uns oft eine positive Haltung fehlt. Technologie macht Angst, wenn man nicht weiß, wofür man sie nutzen will. Wir reden viel über Risiken, aber wenig über Ziele. Die entscheidende Frage ist nicht: Dürfen wir KI einsetzen? Sondern: Wo hilft sie uns, bessere Geschichten zu erzählen – und wo lassen wir sie bewusst draußen?

Business Punk: Welche neuen Rollen entstehen durch KI?
Martin Moszkowicz
: „Ich sehe weniger neue Jobtitel als neue Profile. Menschen, die Kreativität und Technologie verbinden. Produzent:innen, die früher im Prozess Verantwortung übernehmen. Autor:innen, die KI als Sparringspartner nutzen, nicht als Ersatz. KI verschiebt Entscheidungen nach vorne – und macht sie sichtbarer.

Business Punk: Seelenlose Perfektion – ein KI-Problem?
Martin Moszkowicz:
„Nein. Das ist ein Haltungsproblem. Seelenlosigkeit entsteht, wenn Verwertbarkeit wichtiger wird als Notwendigkeit und intuitive Emotion. KI verstärkt nur, was da ist. Wenn eine Branche Mittelmaß belohnt, liefert KI Mittelmaß auf Hochglanz. Wenn sie Mut und Eigenwilligkeit zulässt, kann KI helfen, diese klarer herauszuarbeiten.“

Business Punk: Werkzeug, Sparringspartner oder Störfaktor?
Martin Moszkowicz:
„Für mich ist KI ein Werkzeug und ein Sparringspartner. Ein Störfaktor wird sie nur dann, wenn wir ihr Entscheidungen überlassen, die etwas mit Haltung zu tun haben. Moonshots entstehen nicht aus Daten. Sie entstehen aus Intuition, Widerspruch, manchmal auch aus Sturheit. KI kann uns vorbereiten – springen müssen wir selbst.“

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