Tech & Trends Österreich will Anthropic nach Europa holen: Europas KI-Abhängigkeit wird zum Problem

Österreich will Anthropic nach Europa holen: Europas KI-Abhängigkeit wird zum Problem

Österreichs Staatssekretär will den KI-Konzern Anthropic aus den USA abwerben. Nach der US-Exportsperre ein verzweifelter Weckruf – mit kaum messbaren Erfolgsaussichten.

Über Nacht war Europa abgeschnitten. Keine Vorwarnung, kein Verhandlungsspielraum – die US-Regierung sperrte den Zugang zu Anthropics fortschrittlichsten KI-Modellen Fable 5 und Mythos 5 für ausländische Staatsangehörige.

Die Begründung: Exportkontrolle. Das Ergebnis: 450 Millionen EU-Bürger wurden zur digitalen Geisel amerikanischer Regulierungswillkür. Jetzt schlägt Österreich zurück – mit einem Vorschlag, der zwischen mutig und naiv changiert.

Offizielle Werbetour für Anthropic

Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll (ÖVP) richtete ein offizielles Schreiben an EU-Technologiekommissarin Henna Virkkunen. Sein Vorschlag: Die EU solle die „strategische Ansiedlung und Beteiligung“ von Anthropic prüfen, wie The Decoder berichtet. Das Hauptquartier des KI-Konzerns soll von Kalifornien nach Europa ziehen. Als Lockmittel nennt Pröll Rechtssicherheit, Marktzugang, Kapital und europäische Werte.

„Eine Technologie, die man nicht selbst herstellt und nur mit Erlaubnis nutzen darf, ist kein Werkzeug. Sie ist eine Abhängigkeit“, formulierte Pröll laut The Decoder die Grundlogik seines Vorstoßes auf LinkedIn. Anthropic passe ideal zur EU, weil das Unternehmen ethischen KI-Einsatz als Grundüberzeugung verstehe, nicht als Marketing. „In Europa würde das Unternehmen nicht eingeengt, es würde freigesetzt“, so Pröll.

Warum der Plan nicht aufgehen wird

Die Realisierungschancen? Mikroskopisch klein. Anthropic bereitet gerade einen US-Börsengang vor und hat dafür bereits einen vertraulichen Antrag eingereicht, wie t3n meldet. Das Unternehmen ist trotz Reibereien mit dem Pentagon tief in die amerikanische Sicherheitsarchitektur eingebunden – Anthropics Modelle kommen vermutlich bei der NSA zum Einsatz. Beim Pentagon-Streit ging es nicht um Massenüberwachung generell, sondern darum, US-Bürger zu schützen.

Für den Rest der Welt war Überwachung kein Problem. Europa kann beim entscheidenden Faktor nicht mithalten: frisches Kapital. Die Milliardeninvestitionen in Infrastruktur und Rechenleistung lassen sich nur in den USA stemmen. Zudem würde ein Umzug nach Europa den Zugang zum wichtigsten Markt riskieren – und Trump dürfte einen solchen Schritt politisch torpedieren, wie t3n einschätzt.

China als lauernde Alternative

KI-Investorin Xiaoyin Qu skizziert ein Alternativszenario: Europäische Unternehmen könnten auf chinesische Open-Source-Modelle ausweichen, diese auf eigenen GPUs hosten und mit eigenen Daten trainieren. Das Worst-Case-Szenario für die USA: China dominiert sowohl Modell- als auch Chip-Ebene, wenn DeepSeek und Co. auf Huawei-Hardware statt auf Nvidia optimiert werden. Für Europa bedeutet das nur: Statt Washington-Abhängigkeit droht Peking-Abhängigkeit.

Chinesische KI mag heute großzügig geteilt werden – solange es den USA schadet. Mittelfristig wird auch Peking keine Geschenke verteilen.

Business Punk Check

Prölls Vorstoß ist weniger Strategie als Hilfeschrei. Die EU hat in 20 Jahren Digitalpolitik jede Führungsposition verspielt – jetzt soll ein Brief richten, was systematisches Versagen angerichtet hat. Anthropic wird nicht kommen. Das Unternehmen ist amerikanisch bis ins Mark, seine wertebasierte Rhetorik endet dort, wo US-Interessen beginnen.

Europa braucht keine gescheiterten Werbetour für ausländische Konzerne, sondern eigene KI-Infrastruktur und eigene Spitzenmodelle. Mistral aus Frankreich zeigt: Es geht. Aber nur mit massiven Investitionen, regulatorischem Mut und der Bereitschaft, 20 Jahre Rückstand brutal aufzuholen. Prölls Brief wird in Brüssel versanden. Die Frage ist: Wann fängt Europa an, nicht mehr zu betteln, sondern zu bauen?

Quellen: The Decoder, Trending Topics, Trending Topics, t3n

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