Tech & Trends Vom Bildschirm in den Mittelkreis: Das Startup, das Live-Events neu denkt

Vom Bildschirm in den Mittelkreis: Das Startup, das Live-Events neu denkt

Live-Events ohne Distanz: Das Berliner Startup L1VE bringt Zuschauer direkt ins Stadion, auf die Bühne oder an die Rennstrecke. Mit 360-Grad-Technologie, neuen Erlösmodellen – und Jürgen Klopp im Beirat.

Fernsehen war mal das Fenster zur Welt. Heute ist es eher ein Kellerfenster. Milchglas. Zu klein für das, was Menschen eigentlich wollen: nicht zugucken, sondern drin sein. Mittendrin. Puls fühlen. Schweiß riechen. Genau hier dockt L1VE an – ein Berliner Startup mit einer ziemlich großen Ansage: Teleportation statt Television.

Was das Team baut, klingt nach Sci-Fi, ist aber schon verdammt real. Live-Events in echter 360-Grad-Perspektive. So nah, dass dein Gehirn irgendwann aufhört zu diskutieren, ob das hier noch ein Bild ist – oder schon Wirklichkeit. Fußball vom Mittelkreis. Konzert von der Bühne. Motorsport vom Vorderreifen. Kein Zoom. Kein Schnitt. Kein Sicherheitsabstand.

„Bisher gucken alle Fernsehen, um etwas in der Ferne in Echtzeit zu sehen. Alles nur zweidimensional, alles verzerrt. Wir wollen das direkt vor die Augen holen“, sagt Mitgründer Stefan Kiwit.

Technisch ist das ein Kraftakt. L1VE hat eine eigene Kamera entwickelt, die pro Minute rund 1,8 Terabyte Daten produziert. 12.000 Pixel Auflösung. 360 Grad. Nahezu in Echtzeit. Gemeinsam mit Partnern des Fraunhofer-Instituts wurde ein Algorithmus gebaut, der diese Datenmengen komprimiert und live überträgt. „Das Gehirn glaubt erst ab einem bestimmten Qualitätsstandard, dass es wirklich passiert. Jetzt sind wir da“, sagt Kiwit.

Der Unterschied zu früheren VR-Experimenten: Die Hardware ist inzwischen gut genug. Und vor allem bezahlbar. Die Brillen kosten keine 4.000 Euro mehr wie bei Apples Erstversion, sondern bewegen sich zunehmend in Richtung 700 bis 1.000 Euro. Für die Nutzung von L1VE kommt ein klassisches Ticketmodell hinzu. Kein Abo. Kein Lock-in. Der Kunde kauft ein konkretes Event – ähnlich wie beim Konzert- oder Stadionbesuch. Nur günstiger. „Das Ticket wird preiswerter als das reale Live-Event – bei gleichzeitig besserer Bild- und Tonqualität“, sagt Kiwit. Für ein virtuelles Fußballspiel oder Konzert dürften je nach Rechtepaket zweistellige Beträge realistisch sein.

Der Vertrieb läuft nicht über Elektronikmärkte oder Mobilfunkanbieter, sondern über Eventrechte und Plattformpartnerschaften. Wer die Brille besitzt, kauft sein Ticket online, loggt sich ein – und sitzt virtuell im Stadion, in der Arena oder auf der Bühne. L1VE versteht sich nicht als Hardwareanbieter, sondern als Medienhaus für immersive Inhalte. Die Brillen kommen von Drittanbietern. Die Inhalte von L1VE.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Konkurrenz gibt es längst. Apple, Meta und Sony experimentieren seit Jahren mit VR und Mixed Reality. Doch sie liefern vor allem Plattformen und Hardware – keine exklusiven Live-Rechte in Stadionqualität. Genau dort setzt L1VE an. „Du scheiterst am System, wenn du die Rechte nicht bekommst“, sagt Kiwit. China fällt als Markt weitgehend aus, weil internationale Sportrechte dort kaum zugänglich sind. Europa und die USA sind das Spielfeld.

Fußballverbände zeigen Interesse an neuen Erlösmodellen. Internationale Fußball-Events stehen auf dem Plan. 120 bis 180 Events pro Jahr. Kampfsport, Motorsport und Musik gehören zur Strategie.

Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgt ein prominenter Name: Jürgen Klopp sitzt im Beirat und soll bei Markenaufbau, Sportstrategie und internationaler Expansion helfen. Kiwit betont, dass es sich dabei nicht um einen Werbegag handelt. Dafür sei das Setup zu groß, die Investorenseite zu seriös, die Pläne zu konkret. Große deutsche Family Offices sind beteiligt, eine Series-A-Runde ist angekündigt.

In Berlin arbeiten 45 Entwickler an der Technologie, in New York sitzt das Entertainment-Team. Pro Live-Event sind bis zu 270 Menschen im Einsatz. Alles läuft in Echtzeit in einen zentralen Kontrollraum.

Was L1VE vom klassischen Streaming unterscheidet, ist nicht nur die Perspektive, sondern das soziale Moment. Zuschauer können sich virtuell verabreden, gemeinsam ins Stadion gehen, sich treffen, reden, reagieren. Auf Wunsch holt ein Host den Nutzer in die Welt hinein. Dazu kommt eine KI, die Fragen in Echtzeit beantwortet – vom Spielstand bis zur Technik.

Ob daraus der große Umbruch wird, ist offen. Der Markt ist brutal, die Konkurrenz global, die Erwartungen hoch. Noch ist nicht bewiesen, dass Millionen Menschen regelmäßig mit Brille statt mit Bier vor dem Bildschirm sitzen wollen. Aber klar ist: Die alte Fernsehwelt wirkt plötzlich klein.Was hier entsteht, ist mehr als ein neues Gadget. Es ist der Versuch, das Live-Erlebnis neu zu definieren – nicht als Übertragung, sondern als Teilnahme.

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