Tech & Trends Vom OP-Tisch ins Startup: Wie ein Chirurg das Gesundheitswesen neu verdrahtet

Vom OP-Tisch ins Startup: Wie ein Chirurg das Gesundheitswesen neu verdrahtet

Er operierte Menschen, jetzt Systeme. Dr. Thomas Kelly war Gefäßchirurg, bevor er Heidi Health gründete – ein australisches KI-Unternehmen, das wöchentlich über 2,5 Millionen Patientenkonsultationen begleitet. 190 Länder, 110 Sprachen, bewertet mit 465 Millionen Dollar. Seit Kurzem auch im DACH-Raum.

Der Anfang war kein Geistesblitz, sondern Frust. „Ich habe gesehen, wie Kolleg:innen mehr Zeit mit Dokumentation als mit Patient:innen verbringen“, sagt Kelly. Viele verließen die Medizin – nicht aus fehlendem Willen zu helfen, sondern weil das System sie daran hinderte. Kelly zog eine andere Konsequenz: Statt Kündigung schrieb er Code.

Mathematik trifft Medizin

Mathematikstudium, chirurgische Ausbildung – Kelly vereint beide Welten. Kein Silicon-Valley-Träumen, sondern pragmatisches Werkzeugdenken. Heidi übernimmt, was keine ärztliche Entscheidung erfordert: Dokumentation, Follow-ups, Kommunikation. Diagnostik und Therapie bleiben beim Arzt. „Wir ersetzen nicht das medizinische Urteil, wir entlasten nur drumherum.“ Diese klare Abgrenzung ist Kern und Verkaufsargument.

Reichweite statt Skalpell

Den Wechsel vom OP in den Boardroom beschreibt Kelly so: „Manchmal sage ich, ich hätte gern einen OP-Tisch im Büro.“ Die Chirurgie vermisst er wegen ihrer Klarheit: Problem erkennen, lösen, fertig. Ein Unternehmen sei komplexer, weniger vorhersehbar. Doch die Reichweite ist unvergleichlich: „Als Chirurg half ich einem Patienten nach dem anderen. Heute unterstützen unsere Systeme über 2,5 Millionen Patientenkontakte pro Woche.“

Deutschland: Skepsis als Kalibrierung

Heidi Health erfüllt nach eigenen Aussagen alle relevanten Datenschutzverordnungen. Die Daten liegen auf deutschen Servern. „Gesetze und Normen sind nur die Basis“, sagt Kelly. „Jede Notiz ist nachvollziehbar, jede Ausgabe überprüfbar. Die Ärzt:innen bleiben verantwortlich.“ Zum Ziel der Gesundheitsministerin – 70 Prozent KI-Dokumentation bis 2028 – winkt Kelly ab: „Das schaffen wir locker vor 2028.“ Der Engpass sei nicht die Technologie, sondern das Tempo. Jede Verzögerung bedeute mehr Burnout-Fälle und längere Wartezeiten.

Der Arzt der Zukunft, so Kelly, ist voll präsent – nicht am Bildschirm. Dokumentation läuft im Hintergrund, Nachsorge organisiert sich automatisch. „Man verlässt den Raum nicht mit einer Liste administrativer Aufgaben, sondern mit Klarheit.“ Kein Hype. Nur ein Ex-Chirurg, der sich weigerte, in einem System zu arbeiten, das gegen ihn kämpft.

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