Person
Interview icon Interview Gast:
Mario Aichlseder
Unternehmer:

- Mario Aichlseder

- Co-Founder & CEO von Hello Inside

- Background: Ex-Profi-Kletterer und VP Growth bei Runtastic

- Heute: Unternehmer und Mitgründer von Hello Inside

- Ziel: Die führende Plattform für metabolische Gesundheit von Frauen aufzubauen


Unternehmen:

- Name: Hello Inside

- Gründung: 2021

- Sitz: Wien, Österreich

- Branche: Digital Health & FemTech


www.helloinside.de
16. Juli 2026

Mario Aichlseder

Vom Kletter-Profi zum Startup Gründer – Mario Aichlseder über seine “steile” Karriere.

Mario Aichlseder kommt aus einer Welt, in der jeder Griff zählt. Als Profi-Kletterer lernte er früh, auf seinen Körper zu hören – später half er bei Runtastic mit, Fitness-Tracking groß zu machen. Heute baut er mit Hello Inside ein Healthtech-Unternehmen, das Glukosedaten aus der Biohacker-Ecke holt und für mehr Körperverständnis nutzbar macht. Ein Gespräch über Leistung, Selbstvermessung, Big Tech – und die unbequeme Frage, ob wir uns durch Daten wirklich freier machen oder nur noch genauer kontrollieren.

[André Patrzek]: Mario, wenn man deine Stationen anschaut – Profi-Kletterer, Runtastic, Hello Inside – wirkt es erstmal wie drei verschiedene Leben. Fühlt sich das für dich auch so an oder gibt es da eine klare Verbindung?

[Mario Aichlseder]: Von außen sieht das nach drei Leben aus, für mich ist es eines. Der rote Faden ist eigentlich simpel: Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, den Körper besser zu verstehen. Beim Klettern war das ganz unmittelbar, da hängst du an einer Wand und dein Körper gibt dir sofort Rückmeldung, ob du gut regeneriert bist oder nicht. Bei Runtastic haben wir das für Millionen Menschen digital gemacht, mit Laufen und Bewegung. Und bei Hello Inside gehen wir eine Ebene tiefer, in den Stoffwechsel, dorthin wo Energie, Schlaf, Hormone und Ernährung zusammenkommen. Die Sportart wechselt, die Werkzeuge wechseln, aber die Frage bleibt dieselbe: Wie kann ich meinen Körper wirklich verstehen, statt ihn nur zu bekämpfen.

[AP]: Wie bist du eigentlich aufgewachsen? Welchen Stellenwert hatten Bewegung und Sport in deiner Familie?

[MA]: Ich bin ziemlich bodenständig aufgewachsen, in einem Umfeld, in dem Bewegung einfach dazugehört hat, ohne dass jemand ein großes Konzept daraus gemacht hätte. In meiner Heimat Oberösterreich bzw. am Land einfach draußen sein, sich bewegen, das war normal und nicht Leistung. Rückblickend war das ein Geschenk, weil ich Bewegung nie als Pflicht erlebt habe, sondern als etwas, das mir gutgetan hat. Diese Grundhaltung, dass der Körper etwas ist, das man pflegt und dem man zuhört, und nicht etwas, das man bis zum Umfallen optimiert, habe ich aber von meinem ersten Coach in den Jugendgruppen bei diversen Sportvereinen (Ski Club, Alpenverein, Naturfreunde) mitgenommen. Das prägt bis heute, wie ich über Gesundheit denke.

[AP]: Wie bist du beim Klettern gelandet? Was hat dir dieser Sport gegeben, was du anderswo nicht gefunden hast?

[MA]: Klettern hat mich früh gepackt, weil es diese seltene Kombination hat: Es ist extrem körperlich und gleichzeitig ein Kopfspiel. Du kannst nicht mit reiner Kraft durch eine Route brechen, du musst lesen, planen, im richtigen Moment ruhig bleiben, auch wenn dir die Unterarme zumachen. Was mir das gegeben hat, was ich woanders nicht gefunden habe, ist diese totale Präsenz. An der Wand gibt es kein Handy, keine To-do-Liste, nur den nächsten Griff. Diese Klarheit, dieses vollständige Bei-einer-Sache-Sein, das hat mich geprägt und fehlt mir manchmal bis heute. Zusätzlich hat Klettern dieses spannende Wechselspiel zwischen individueller Leistung an der Wand, und einem sozialen Miteinander unter Seilpartnern und Trainingspartnern.

[AP]: Lernt man beim Klettern etwas über sich selbst, was sich auf das Leben als Unternehmer übertragen lässt?

[MA]: Sehr viel sogar. Zwei konkrete Learnings: Erstens, du lernst, mit Angst zu arbeiten statt gegen sie. An einer schweren Route ist Angst dein ständiger Begleiter, und du lernst zu unterscheiden, wann sie berechtigt ist und wann sie nur Lärm ist. Genau das brauche ich als Gründer täglich. Man trifft Entscheidungen mit unvollständiger Information, und die Kunst ist, ruhig zu bleiben und trotzdem den nächsten Griff zu machen. Klettern hat mir auch beigebracht, dass man vorbereitet sein kann und trotzdem stürzt, und dass der Sturz meistens nicht das Ende ist, sondern nur ein Versuch.

Und Zweitens, eine brutale Ehrlichkeit mit sich selbst. Die Wand lügt nicht. Wenn du unvorbereitet bist, merkst du es sofort, es gibt keine Ausreden. Diese Ehrlichkeit versuche ich ins Unternehmertum mitzunehmen. Gerade als CEO ist die größte Gefahr, dass man sich selbst etwas vormacht, über die Zahlen, über den Markt, über das eigene Team. Klettern hat mir antrainiert, den echten Zustand zu sehen und nicht den, den ich gern hätte.

[AP]: Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: Sport bleibt wichtig, aber mein Leben wird nicht nur aus Klettern bestehen?

[MA]: Ja, den gab es, und er hatte zwei Seiten. Die eine: Ich habe mich schon sehr jung als einer der jüngsten Trainer im Sportklettern ausbilden lassen und Wettkampfgruppen geleitet und trainiert. Ich bin also ein Stück weit vom Athleten in die Coaching-Rolle gewechselt, habe Wissen weitergegeben und gemerkt, dass mich das Verstehen und Vermitteln, wie Training und Körper funktionieren, mindestens so fasziniert wie der eigene Wettkampf. Die andere Seite war ehrlicher und härter: Bei Europacups und Weltmeisterschaften musste ich einsehen, dass mir schlichtweg die Gene fehlen, um ganz vorne mit dabei zu sein. Man kann vieles ertrainieren, aber irgendwo setzt der Körper Grenzen. Diese Einsicht war damals unangenehm, im Rückblick aber wertvoll. Sie hat den Weg für alles freigemacht, was danach kam.

[AP]: Wie kam dann der Schritt von der Kletterwand in die digitale Fitnesswelt?

[MA]: Das war weniger ein Sprung als eine Kette von Interessen, die sich verbunden haben. Wir haben schon als Kletterer unsere Trainingspläne und Aufzeichnungen sehr methodisch geführt, und ich habe früh versucht, das zu digitalisieren. Richtig tief eingetaucht bin ich dann über mein Studium Kommunikation, Wissen, Medien an der FH Hagenberg, die in Österreich sicher zu den Top-Tech-Hochschulen zählt. Dort bin ich zum ersten Mal enger mit Unternehmertum in Berührung gekommen. Nebenbei habe ich im Betrieb meines Stiefvaters die IT-Infrastruktur betreut und als Freelancer Webseiten und Digitalprojekte umgesetzt. An der FH habe ich außerdem ein Startup Weekend mitorganisiert, damals übrigens gemeinsam mit der allerersten Firma von Jürgen Furian, meinem heutigen Co-Founder, die später auch das Pioneers Festival und einen guten Teil der österreichischen Startup-Szene mit aufgebaut hat. Und Hagenberg war eben auch die Hochschule von drei der vier Runtastic-Gründer. Über die Startup-Szene habe ich Florian Gschwandtner kennengelernt, und das eine hat das andere ergeben. Nach dem Studium war ich noch ein Jahr in Shanghai im E-Commerce. Als ich zurückkam und wieder in Oberösterreich andocken wollte, gab es ein Gespräch mit Runtastic, das ich ehrlich gesagt nicht einmal Bewerbungsgespräch nennen würde. Es hat einfach gepasst.

[AP]: Du bist bei Runtastic eingestiegen, als Fitness-Apps noch Nischenprodukte waren. Was hast du damals darin gesehen, was andere noch nicht gesehen haben?

[MA]: Ich habe die Produkte selbst genutzt und diese Aufbruchsstimmung rund um Mobile hautnah gespürt. Für mich war klar: Über diese neue Technologie können wir Menschen tatsächlich gesünder machen. Lustigerweise gab es bei adidas später das Mantra Through sport we have the power to change lives. Das war uns damals gar nicht bewusst, aber genau diese Überzeugung hatten wir mit unserer technologischen Brille von Anfang an. Dazu kam der Team Spirit. Viele motivierte ehemalige Uni-Kollegen aus Hagenberg haben bei Runtastic angefangen, das war eine riesige gemeinsame Aufbruchsstimmung, und der Product-Market-Fit war spürbar da. Und uns war früh klar, dass es beim Handy als Sensor am Körper nicht aufhört. Wir haben rund um die Apps ein ganzes Hardware-Ökosystem aufgebaut, mit smarten Waagen, dem Runtastic Orbit als Step Tracker und Herzfrequenzmessern, inklusive eigenem Online-Shop und E-Commerce-Geschäft.

[AP]: Was hast du bei Runtastic über Wachstum gelernt, das du heute noch automatisch mitdenkst?

[MA]: In meiner Zeit als VP Growth habe ich vor allem drei Dinge mitgenommen. Erstens: Wachstum ohne Bindung ist wertlos. Millionen Downloads bringen nichts, wenn die Menschen nach drei Tagen wieder weg sind. Zweitens: Der Funnel ist ein Ganzes. Von Awareness bis zur Conversion und danach weiter zur Aktivierung und Churn Prevention muss jeder Schritt zusammenhängen, sonst verlierst du die Menschen an den Übergängen. Und drittens, für mich das mit Abstand wichtigste Learning: So ein Produkt macht kein kleines Team erfolgreich, sondern das gesamte Unternehmen. Das ist wahnsinnig interdisziplinär, vom Produktmarketing über Kommunikation, Design und Lokalisierung bis zur Entwicklerin. Marketing muss von der ersten Zeile Code an mitgedacht werden und endet nicht bei der Person, die am Schluss die Kampagne live schaltet.

[AP]: Runtastic wurde groß skaliert und später an adidas verkauft. Wie fühlt sich so ein Exit wirklich an, wenn man so lange dabei war?

[MA]: Für mich war es ein anderes Gefühl als für die Gründer. Ich war Teil des Management-Teams, aber eben nicht Gründer, da bleibt eine gewisse Distanz. Beim allerersten Announcement dachte ich mir: Ob das jetzt gut oder schlecht ist, weiß ich nicht, aber ganz schlecht kann es nicht sein, wenn ein so großes, renommiertes Unternehmen wie adidas Interesse an einem motivierten kleinen Startup aus Oberösterreich hat. Zwei Dinge habe ich aus dieser Situation fürs Leben mitgenommen. Erstens: Es sind immer die Menschen, mit denen man arbeitet, die zählen. Und zweitens: Wenn so ein Umbruch kommt, geh selbst aktiv hinein und sei Teil der Lösung, nicht Teil des Problems. Genau das wurde dann auch meine Rolle. Ich durfte die Konzernintegration und die strategische Zusammenarbeit zwischen den zwei Welten mitgestalten, dem großen Tanker und dem kleinen Speedboot, mit dem Ziel, das Beste aus beiden zusammenzuführen. Das war eine extrem motivierende Zeit.

[AP]: Wenn du heute auf diese Zeit schaust: Was würdest du wieder genauso machen – und was eher nicht?

[MA]: Wieder genauso: mit voller Energie hineingehen und die Rolle annehmen, die gerade gebraucht wird. Summa summarum war es eine richtig geniale Zeit, gerade auch weil ich die Leadership- und Managementqualitäten eines Weltkonzerns und seines Führungsteams aus nächster Nähe erleben und mitnehmen durfte. Anders machen würde ich Details im Ablauf und im Timing, wie bei jedem intensiven Kapitel. Und persönlich würde ich früher lernen, die eigene Gesundheit nicht hinten anzustellen. In der intensivsten Phase habe ich genau das vernachlässigt, womit ich mich heute jeden Tag beschäftige.

[AP]: Was verändert sich, wenn ein Startup Teil eines Weltkonzerns wird?

[MA]: Vieles wird professioneller und stabiler, das ist die gute Seite. Plötzlich hast du Ressourcen, Reichweite, Sicherheit. Die andere Seite ist, dass Geschwindigkeit und Nähe verloren gehen. Im Startup entscheidest du am Gang in zwei Minuten, im Konzern gibt es Prozesse, Abstimmungen, Ebenen. Beides hat seine Berechtigung. Ich habe vor allem gelernt, ein paar Klischees zu hinterfragen. Man glaubt ja gern, Konzerne seien ausschließlich träge und performen nicht. Tatsächlich habe ich bei adidas, damals mit 60.000 Mitarbeitenden weltweit, eine sehr positive Kultur erlebt, voll mit hochmotivierten Menschen, die Gas geben, vorankommen und echte Businessziele erreichen wollen. Eine Kultur von Werten, Zielen und Impact nicht im Kleinen mit 260 Leuten zu erleben, sondern in dieser Größenordnung, das hat mich geprägt. Und umgekehrt durften wir als Runtastic innerhalb von adidas ein Showcase sein, eine Art Inkubationsteam für neue Denk- und Arbeitsweisen und andere Managementprozesse. OKRs als Zielsystem haben wir zum Beispiel innerhalb der adidas-Organisation vorangetrieben. Darauf können wir bis heute stolz sein. Was sich natürlich verändert: Geschwindigkeit und Nähe muss man in großen Strukturen aktiv schützen, sonst verschwinden sie von selbst.

[AP]: Du warst auch an Innovationsprojekten mit Apple, Google und Facebook dabei. Was hast du bei der Zusammenarbeit mit den US-Big-Techs gelernt?

[MA]: Ich durfte in meiner Rolle sehr eng mit den großen strategischen Partnern arbeiten, von klassischen App-Store-Featurings über Quarterly Business Reviews und Early-Access-Programme bis zur Präsenz auf den großen Developer-Konferenzen. Neben Apple, Google und Facebook übrigens auch mit NTT Docomo, dem mit Abstand größten Telekom-Anbieter Japans, ein wahnsinnig wichtiger Partner für uns. Zwei Dinge sind mir geblieben. Das erste ist die Abhängigkeit: Als App-Entwickler lebst du mit den Regeln und Qualitätsrichtlinien von Apple und Google, die zum Teil aus gutem Grund existieren, aber deine Wachstumsstrategie muss sich immer daran ausrichten. Bei Themen wie Attribution, Rankings und Tracking hat uns das mehrmals hart getroffen. Das zweite und größere Learning ist die Denkweise. Ich durfte viel Zeit im Silicon Valley und in San Francisco verbringen und eng mit unserem dortigen Satellite Office arbeiten. Diese Exposure würde ich jedem jungen Menschen empfehlen, und sei es nur für einen Monat. Diese Unternehmen denken in Plattformen: eine Grundlage schaffen, auf der andere aufbauen können, weil das eine enorme Verteilungskraft hat. Und sie denken konsequent in Win-win-win. Kein hartes Verhandeln auf Druck im Stil der Neunziger, wo am Ende einer verlieren muss, sondern die Frage: Wie bauen wir gemeinsam etwas Neues, Großes? Genau diese Haltung fehlt vielen etablierten Systemen bis heute, gerade im Gesundheitswesen. Und bei metabolischer Gesundheit, wo Zucker, verarbeitete Lebensmittel und ein historisch hohes Medikationsniveau weltweit gegen uns arbeiten, wird es nicht reichen, Schritt für Schritt zu verbessern. Da braucht es die Bereitschaft, etwas grundlegend neu zu bauen. Das ist für mich der Schlüssel-Insight aus der Zusammenarbeit mit Big Tech.

[AP]: Nach Fitness-Tracking kam mit Hello Inside der Blick auf metabolische Gesundheit. Wann hat dich das Thema so fasziniert?

[MA]: Der Auslöser war persönlich. Da sind zwei Dinge zusammengekommen. Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit Behavioral Science und Verhaltensänderung, und ein Satz daraus hat mich nie losgelassen: Energy follows attention. Veränderung passiert nur dort, wo die Aufmerksamkeit ist. Gleichzeitig hatte ich in all den Jahren nie ein Werkzeug gefunden, das echte Gesundheitsergebnisse für die Menschen erzeugt, die es wirklich brauchen. Also eines, das über das Gesundhalten der ohnehin Gesunden hinausgeht und auch jene weiterbringt, denen Motivation schwerfällt. Der Funke kam dann über einen Umweg. Über die Sports-Science-Teams bei adidas habe ich von einem neuen Sensor erfahren, und weil zwei meiner Tanten Typ-1-Diabetes haben, kannte ich die Technologie bereits. Ich habe mir so einen Sensor ausgeborgt und ihn einfach an mir selbst getestet. Und meine Aufmerksamkeit für das Thema, mit dem ich mich seit zehn Jahren beschäftigt hatte, ist auf einmal hoch zehn gestiegen. Auf dieser einen Kurve habe ich die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress und Hormonen gesehen. Dabei ist der Blutzucker gar nicht die einzig wahre Metrik, das wissen wir. Aber er öffnet ein Fenster ins Innere des Körpers. Jeder kann mir erzählen, dass Cola am Abend keine gute Idee ist. Wenn ich aber schwarz auf weiß sehe, was die Cola um 20 Uhr mit meiner Nacht macht und mich bis in den nächsten Morgen verfolgt, dann glaube ich es. Seeing is believing. Das macht am Ende den Unterschied.

„Die Sportart wechselt, die Werkzeuge wechseln, aber die Frage bleibt dieselbe: Wie kann ich meinen Körper wirklich verstehen, statt ihn nur zu bekämpfen.“
Mario Aichlseder
Mario Aichlseder

[AP]: War Hello Inside am Anfang eher eine persönliche Neugier, eine Healthtech-Idee oder schon eine klare Mission?

[MA]: Es hat als sehr konkretes Produkt begonnen: ein Feedback Loop auf Ernährung. Das war der erste Schritt. Sobald das Team stand, mit unserer medizinischen Co-Founderin und einem Medical Advisory Board, wurde uns sehr schnell klar, dass das Thema viel größer ist. Es geht um Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress und Hormone zusammen, in Summe also um Stoffwechselgesundheit, mit wesentlich mehr kritischen Zusammenhängen, als man anfangs glaubt. Ab da war klar: Wir bauen keine weitere Fitness Tracking-App, wir arbeiten an medizinischen Zusammenhängen und Abhängigkeiten im Körper, die sauber verortet werden müssen. Und dabei sind wir auf etwas gestoßen, das uns bis heute antreibt: Die Datengrundlage für den Stoffwechsel existiert schlicht nicht, und für Frauen existiert sie erst recht nicht. Spätestens in dem Moment war es eine Mission.

[AP]: Heute seid ihr stark im Bereich Frauengesundheit unterwegs. Wie kam dieser Fokus zustande?

[MA]: Ich will ehrlich sein: Als Mann baut man nicht selbstverständlich ein Unternehmen für Frauengesundheit. Der Fokus ist entstanden, als wir die ersten 1.000 Menschen auf der Plattform hatten. Rund 80 Prozent davon Frauen. Und die Begründungen haben sich stark geähnelt: Energieschwankungen, Gewichtsthemen, Menopause. Dazu ein Satz, der bei mir hängen geblieben ist: Meine Ärztinnen und Coaches können mir nicht weiterhelfen, ich möchte mich selbst mit meinem Körper beschäftigen, und euer Tool gibt mir genau die Auflösung und die Insights, mit denen ich mir selbst helfen und meinen Körper wieder besser kennenlernen kann. Als Produktmensch gilt für mich Regel Nummer eins: Bau dorthin, wo das stärkste Kundenfeedback herkommt. Also haben wir uns relativ rasch klar als Plattform für Women’s Metabolic Health positioniert. Und es gibt einen strukturellen Grund, der das noch verstärkt: Genau in diesem Bereich liegt der größte ungehobene Datenschatz. Die Signale und Datensätze, die es für den weiblichen Stoffwechsel braucht, gibt es sonst schlicht nicht. Und genau sie sind die Grundlage, um mit Unterstützung von KI die richtigen Insights und Empfehlungen herauszuarbeiten.

[AP]: Warum wurde deren Gesundheit jahrzehntelang vernachlässigt? Wo versagt das traditionelle Gesundheitssystem bei Frauen?

[MA]: An zwei Stellen. Die erste ist historisch und fast unglaublich: Bis 1993 wurden Frauen aus medizinischen Studien weitgehend herausgehalten, mit der Begründung, ihre Hormonschwankungen würden die Ergebnisse verfälschen, wenn man Medikamente testet oder Referenzwerte für Ernährungsempfehlungen festlegt. Das ist ungefähr die schlechteste Ausrede, die ich je gehört habe. Denn genau diese Schwankungen sind ja die Realität, die man verstehen muss, statt sie aus den Daten zu werfen. Die Folge ist, dass ein Großteil unseres medizinischen Wissens auf männlichen Körpern basiert und einfach auf Frauen übertragen wurde. Die zweite Stelle betrifft uns alle: Unser Gesundheitssystem ist darauf gebaut, chronische Krankheiten zu behandeln, wenn sie schon da sind. Das ist aus meiner Sicht Irrsinn, weil es enorme Kosten verursacht, das System überlastet und die Menschen trotzdem nicht gesünder oder glücklicher macht. Bevor wir über chronische Krankheiten reden, müssten wir über das reden, was ihnen vorausgeht, und das sind metabolische Dysfunktionen. Das ist präventiv, das ist nicht-medizinisch, und das haben wir im täglichen Alltag selbst in der Hand. Nur lenken uns Werbung, Convenience Food und Wunderdiäten permanent davon ab, und dazu kommt, dass wir uns immer weniger bewegen und immer mehr sitzen. Der Körper schreit förmlich danach, dass wir besser schlafen, mehr in die Natur kommen und uns nährstoffreicher ernähren. Unsere Aufgabe ist, genau diese Literacy zurückzubringen. We want to get you back in touch with your inner voice. Und ehrlich gesagt: Auch das große Modethema Longevity ist im Kern nichts anderes als Prävention und Stoffwechselgesundheit. Fixing the basics, nicht mehr und nicht weniger.

[AP]: Gab es Gespräche mit Nutzerinnen, die eure Sicht auf das Produkt komplett verändert haben?

[MA]: Ja, und zwei davon haben unser Produktdenken nachhaltig geprägt. Das erste: Unsere Kundinnen haben uns sehr deutlich gesagt, wir brauchen keinen weiteren Tracker und keine Matrix für Leistungssportler. Wir brauchen wirklich einfache Beschreibungen, warum und wieso Dinge zusammenhängen, den Rest machen wir dann schon selbst. Diese Zusammenhänge sauber herzuleiten und verständlich zu erklären war übrigens mit das Schwierigste am ganzen Produkt. Das zweite war unsere erste Symptomliste. Wir hatten erwartet, dass Themen wie Zyklusschmerzen oder Cravings ganz oben stehen. Stattdessen haben die Frauen an erster Stelle Energie genannt und an zweiter Stelle Gewicht. Sehr hoch aggregierte Problembereiche, die aber im Kern alle auf den Stoffwechsel zurückgehen. Das hat unsere Kommunikation und unser Marketing bis heute geprägt. Und aus derselben Haltung heraus veröffentlichen wir einmal im Quartal öffentlich einen Medical Efficacy Report, in dem wir berichten, wie schnell und wie gut unsere Kundinnen ihre Symptome verbessern konnten. Diese Transparenz verdanken wir letztlich genau diesen Gesprächen.

[AP]: Viele Menschen wollen ihren Körper besser verstehen. Aber wo ziehst du die Grenze zwischen hilfreichem Tracking und zu viel Selbstkontrolle?

[MA]: Ich will nicht so tun, als gäbe es diese Gefahr nicht. Permanente Selbstvermessung kann Menschen unter Druck setzen, das ist real, und wer in diesem Bereich arbeitet und das leugnet, ist unehrlich. Genau deshalb ist Design für uns eine Verantwortung und keine Nebensache. Wir fragen uns bei jeder Funktion, ob sie beruhigt oder aufwühlt. Für Menschen, die zu zwanghaftem Verhalten neigen, kann ständiges Tracking schädlich sein, und darauf muss ein seriöses Produkt Rücksicht nehmen. Die Grenze ist nicht technisch, sie ist menschlich, und sie muss ins Produkt eingebaut sein.

Für mich ist die Grenze klar: Gutes Tracking soll Angst reduzieren, nicht erzeugen. Wenn dich eine Zahl gestresster macht als vorher, läuft etwas falsch. Deshalb ist unser Leitsatz weniger Rauschen, mehr Signal. Wir wollen nicht, dass Menschen auf jede Nachkommastelle starren, sondern dass sie die zwei, drei Muster verstehen, die für ihr Leben wirklich zählen. Das Ziel ist nicht Kontrolle, sondern Vertrauen in den eigenen Körper. Wenn Tracking dazu führt, dass du deinem Körper wieder mehr vertraust und nicht weniger, dann ist die Grenze richtig gezogen.

[AP]: Was passiert mit Menschen, wenn sie plötzlich permanent Daten über ihren eigenen Körper sehen? Denkst du, die Tracking-Kultur kann auch zu Stress führen?

[MA]: Menschen reagieren sehr unterschiedlich, und das muss man ernst nehmen. Grundsätzlich glaube ich, dass nicht die Daten selbst Stress machen, sondern wie sie präsentiert werden. Wenn du jemandem nur eine rote Zahl zeigst, ohne zu erklären, was sie bedeutet und was er tun kann, dann erzeugst du Ohnmacht. Setzt du dieselbe Information in einen ruhigen, verständlichen Zusammenhang, entsteht das Gegenteil. Unsere ganze Arbeit dreht sich eigentlich darum, aus Zahlen Verständnis zu machen und aus Verständnis Ruhe. Tracking, das dich nervöser macht, ist einfach schlecht gemachtes Tracking.

[AP]: Besteht die Gefahr, dass Gesundheit zunehmend kommerzialisiert wird?

[MA]: Kommerzialisierung ist nicht per se schlecht, ohne funktionierende Unternehmen gäbe es keine Innovation. Die Gefahr entsteht, wenn der Verkauf wichtiger wird als der Nutzen, wenn man Menschen Ängste einredet, um Produkte loszuwerden. Dagegen schützt man sich nur, indem man ehrlich bleibt und den echten Nutzen ins Zentrum stellt. Für uns heißt das konkret, dass wir über Krankenkassen wie beispielsweise BARMER und Apotheken gehen, also über Partner, die selbst ein Interesse an echten Ergebnissen haben und nicht an schnellen Verkäufen. Dabei übernehmen wir Verantwortung für Qualität und für tatsächliche Förderung von Gesundheit. Das diszipliniert von ganz allein.

[AP]: Welche Rolle kann KI spielen, damit aus Körperdaten nicht nur Zahlen werden, sondern wirklich hilfreiche Empfehlungen?

[MA]: Eine zentrale, aber die Art der KI entscheidet alles. Wir haben mit unseren eigenen Daten viel experimentiert und dabei zwei Dinge festgestellt. Erstens: Der menschliche Stoffwechsel ist irrsinnig komplex und verändert sich irrsinnig schnell, mit der Biologie, mit dem Umfeld, mit dem Alltag. Darauf wurde der Körper über Jahrtausende trainiert. Ein statischer PDF-Plan oder eine pauschale Empfehlung kann dem schlicht nicht folgen. Mit KI können wir dieses System nachbilden und quasi Stunde für Stunde die nächstbeste Aktion für jede einzelne Person berechnen, auf Basis unserer Bibliothek von über 250 validierten Signalen. Die zweite Feststellung war die unangenehme: Die allgemein verfügbaren Sprachmodelle liefern, egal von welchem Anbieter, dokumentiert schlechte Gesundheitsantworten, bei Frauengesundheit im Schnitt über 60 Prozent fehlerhafte Rückmeldungen. Das ist auch logisch. Diese Modelle sind mit dem Internet trainiert, mit Foren und Reddit und Co. Und wenn Frauen erst seit 1993 überhaupt systematisch in medizinischen Studien vorkommen, kann das Wissen dort gar nicht drinstecken. Trotzdem geben diese Modelle selbstbewusst Antworten, und genau darin liegt ein riesiges Problem. Unsere Antwort darauf heißt Controlled-by-Design Health AI. Das ist eine eigene Architektur, eine neue Ontologie dafür, wie KI im Gesundheitsbereich verantwortungsvoll gebaut werden muss: Jede Empfehlung ist nachvollziehbar, kontrollierbar und wissenschaftlich abgesichert. Wie das im Detail funktioniert, haben wir in einem Whitepaper beschrieben, das wir öffentlich zugänglich machen, weil uns das Thema am Herzen liegt. Und diese Architektur war letztlich auch einer der Schlüsselgründe, warum die BARMER, die zweitgrößte gesetzliche Krankenkasse Deutschlands, die Partnerschaft mit uns eingegangen ist und wir dort als einziger Ernährungs- und Stoffwechselpartner auf der Plattform vertreten sind.

[AP]: Was war dein bisher schwierigster Moment bei Hello Inside?

[MA]: Am schwersten sind für mich immer die Momente, in denen es nicht um mich geht, sondern um die Menschen, die mir vertraut haben. Es gab Phasen, in denen die Wege lang und die Entscheidungen groß waren und ich als CEO Ruhe ausstrahlen musste, obwohl in mir vieles gearbeitet hat. Diese doppelte Rolle, gleichzeitig ehrlich mit sich selbst und ein stabiler Anker für das Team zu sein, hat mich am meisten gefordert. Nicht die einzelne Krise, sondern das Ruhigbleiben über lange, unsichere Strecken.

Ein sehr konkreter harter Moment war der Weg zu unserem ersten großen Vertrag mit einer Krankenkasse. So eine Partnerschaft mit einem großen Versicherer entsteht nicht über Nacht, das ist ein Prozess über viele Monate, mit hohen Anforderungen an Datenschutz, Zertifizierung und Nachweise. In dieser Zeit investierst du enorm, ohne zu wissen, ob am Ende die Unterschrift wirklich kommt. Als sie dann kam, war die Erleichterung riesig. Aber die Monate davor, dieses Aushalten von Unsicherheit, waren eine echte Prüfung, für mich und für das ganze Team.

[AP]: Du arbeitest jeden Tag mit Gesundheitsthemen. Wie gut bist du selbst darin, auf deinen Körper und Kopf zu hören?

[MA]: Ehrlich? Besser als früher, aber ich bin auch nur ein Mensch. Es gehört zur Ironie meines Jobs, dass ich anderen helfe, auf ihren Körper zu hören, und mich in stressigen Phasen selbst genauso verliere wie alle anderen. Der Unterschied ist, dass ich es heute schneller merke. Ich habe über die Jahre gelernt, dass Schlaf und Bewegung keine Belohnung für gute Arbeit sind, sondern die Grundlage dafür. Als Ausdauersportler habe ich da einen natürlichen Anker: Wenn das Training leidet, weiß ich, dass ich woanders über meine Verhältnisse lebe. Perfekt bin ich weit davon entfernt, aufmerksamer bin ich aber schon. Und darum geht es ja schließlich: „Energy follows Attention“.

[AP]: Und wenn du heute deinen Körper besser verstehst als früher: Was hast du dadurch über dich selbst gelernt?

[Mario Aichlseder]: Das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist, dass mein Körper in Rhythmen funktioniert und nicht über Willenskraft. Früher dachte ich, mehr Disziplin sei immer die Antwort. Heute weiß ich, dass mir mein Körper ziemlich genau sagt, wann ich Gas geben kann und wann ich zurückstecken muss. Wenn ich diese Signale ernst nehme, bin ich am Ende leistungsfähiger und nicht weniger. Das hat auch verändert, wie ich das Unternehmen führe. Nachhaltigkeit schlägt kurzfristige Höchstleistung, beim Körper wie in der Firma.

[André Patrzek]: Danke, Mario, für das ehrliche Gespräch. Was du über Klettern, Zahlen und das Zuhören auf den eigenen Körper erzählst, geht weit über Healthtech hinaus. Ich bin gespannt, wohin ihr Hello Inside als Nächstes führt.

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Unternehmer:

- Mario Aichlseder

- Co-Founder & CEO von Hello Inside

- Background: Ex-Profi-Kletterer und VP Growth bei Runtastic

- Heute: Unternehmer und Mitgründer von Hello Inside

- Ziel: Die führende Plattform für metabolische Gesundheit von Frauen aufzubauen


Unternehmen:

- Name: Hello Inside

- Gründung: 2021

- Sitz: Wien, Österreich

- Branche: Digital Health & FemTech


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16. Juli 2026

Mario Aichlseder

Vom Kletter-Profi zum Startup Gründer – Mario Aichlseder über seine “steile” Karriere.

Mario Aichlseder kommt aus einer Welt, in der jeder Griff zählt. Als Profi-Kletterer lernte er früh, auf seinen Körper zu hören – später half er bei Runtastic mit, Fitness-Tracking groß zu machen. Heute baut er mit Hello Inside ein Healthtech-Unternehmen, das Glukosedaten aus der Biohacker-Ecke holt und für mehr Körperverständnis nutzbar macht. Ein Gespräch über Leistung, Selbstvermessung, Big Tech – und die unbequeme Frage, ob wir uns durch Daten wirklich freier machen oder nur noch genauer kontrollieren.

[André Patrzek]: Mario, wenn man deine Stationen anschaut – Profi-Kletterer, Runtastic, Hello Inside – wirkt es erstmal wie drei verschiedene Leben. Fühlt sich das für dich auch so an oder gibt es da eine klare Verbindung?

[Mario Aichlseder]: Von außen sieht das nach drei Leben aus, für mich ist es eines. Der rote Faden ist eigentlich simpel: Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, den Körper besser zu verstehen. Beim Klettern war das ganz unmittelbar, da hängst du an einer Wand und dein Körper gibt dir sofort Rückmeldung, ob du gut regeneriert bist oder nicht. Bei Runtastic haben wir das für Millionen Menschen digital gemacht, mit Laufen und Bewegung. Und bei Hello Inside gehen wir eine Ebene tiefer, in den Stoffwechsel, dorthin wo Energie, Schlaf, Hormone und Ernährung zusammenkommen. Die Sportart wechselt, die Werkzeuge wechseln, aber die Frage bleibt dieselbe: Wie kann ich meinen Körper wirklich verstehen, statt ihn nur zu bekämpfen.

[AP]: Wie bist du eigentlich aufgewachsen? Welchen Stellenwert hatten Bewegung und Sport in deiner Familie?

[MA]: Ich bin ziemlich bodenständig aufgewachsen, in einem Umfeld, in dem Bewegung einfach dazugehört hat, ohne dass jemand ein großes Konzept daraus gemacht hätte. In meiner Heimat Oberösterreich bzw. am Land einfach draußen sein, sich bewegen, das war normal und nicht Leistung. Rückblickend war das ein Geschenk, weil ich Bewegung nie als Pflicht erlebt habe, sondern als etwas, das mir gutgetan hat. Diese Grundhaltung, dass der Körper etwas ist, das man pflegt und dem man zuhört, und nicht etwas, das man bis zum Umfallen optimiert, habe ich aber von meinem ersten Coach in den Jugendgruppen bei diversen Sportvereinen (Ski Club, Alpenverein, Naturfreunde) mitgenommen. Das prägt bis heute, wie ich über Gesundheit denke.

[AP]: Wie bist du beim Klettern gelandet? Was hat dir dieser Sport gegeben, was du anderswo nicht gefunden hast?

[MA]: Klettern hat mich früh gepackt, weil es diese seltene Kombination hat: Es ist extrem körperlich und gleichzeitig ein Kopfspiel. Du kannst nicht mit reiner Kraft durch eine Route brechen, du musst lesen, planen, im richtigen Moment ruhig bleiben, auch wenn dir die Unterarme zumachen. Was mir das gegeben hat, was ich woanders nicht gefunden habe, ist diese totale Präsenz. An der Wand gibt es kein Handy, keine To-do-Liste, nur den nächsten Griff. Diese Klarheit, dieses vollständige Bei-einer-Sache-Sein, das hat mich geprägt und fehlt mir manchmal bis heute. Zusätzlich hat Klettern dieses spannende Wechselspiel zwischen individueller Leistung an der Wand, und einem sozialen Miteinander unter Seilpartnern und Trainingspartnern.

[AP]: Lernt man beim Klettern etwas über sich selbst, was sich auf das Leben als Unternehmer übertragen lässt?

[MA]: Sehr viel sogar. Zwei konkrete Learnings: Erstens, du lernst, mit Angst zu arbeiten statt gegen sie. An einer schweren Route ist Angst dein ständiger Begleiter, und du lernst zu unterscheiden, wann sie berechtigt ist und wann sie nur Lärm ist. Genau das brauche ich als Gründer täglich. Man trifft Entscheidungen mit unvollständiger Information, und die Kunst ist, ruhig zu bleiben und trotzdem den nächsten Griff zu machen. Klettern hat mir auch beigebracht, dass man vorbereitet sein kann und trotzdem stürzt, und dass der Sturz meistens nicht das Ende ist, sondern nur ein Versuch.

Und Zweitens, eine brutale Ehrlichkeit mit sich selbst. Die Wand lügt nicht. Wenn du unvorbereitet bist, merkst du es sofort, es gibt keine Ausreden. Diese Ehrlichkeit versuche ich ins Unternehmertum mitzunehmen. Gerade als CEO ist die größte Gefahr, dass man sich selbst etwas vormacht, über die Zahlen, über den Markt, über das eigene Team. Klettern hat mir antrainiert, den echten Zustand zu sehen und nicht den, den ich gern hätte.

[AP]: Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: Sport bleibt wichtig, aber mein Leben wird nicht nur aus Klettern bestehen?

[MA]: Ja, den gab es, und er hatte zwei Seiten. Die eine: Ich habe mich schon sehr jung als einer der jüngsten Trainer im Sportklettern ausbilden lassen und Wettkampfgruppen geleitet und trainiert. Ich bin also ein Stück weit vom Athleten in die Coaching-Rolle gewechselt, habe Wissen weitergegeben und gemerkt, dass mich das Verstehen und Vermitteln, wie Training und Körper funktionieren, mindestens so fasziniert wie der eigene Wettkampf. Die andere Seite war ehrlicher und härter: Bei Europacups und Weltmeisterschaften musste ich einsehen, dass mir schlichtweg die Gene fehlen, um ganz vorne mit dabei zu sein. Man kann vieles ertrainieren, aber irgendwo setzt der Körper Grenzen. Diese Einsicht war damals unangenehm, im Rückblick aber wertvoll. Sie hat den Weg für alles freigemacht, was danach kam.

[AP]: Wie kam dann der Schritt von der Kletterwand in die digitale Fitnesswelt?

[MA]: Das war weniger ein Sprung als eine Kette von Interessen, die sich verbunden haben. Wir haben schon als Kletterer unsere Trainingspläne und Aufzeichnungen sehr methodisch geführt, und ich habe früh versucht, das zu digitalisieren. Richtig tief eingetaucht bin ich dann über mein Studium Kommunikation, Wissen, Medien an der FH Hagenberg, die in Österreich sicher zu den Top-Tech-Hochschulen zählt. Dort bin ich zum ersten Mal enger mit Unternehmertum in Berührung gekommen. Nebenbei habe ich im Betrieb meines Stiefvaters die IT-Infrastruktur betreut und als Freelancer Webseiten und Digitalprojekte umgesetzt. An der FH habe ich außerdem ein Startup Weekend mitorganisiert, damals übrigens gemeinsam mit der allerersten Firma von Jürgen Furian, meinem heutigen Co-Founder, die später auch das Pioneers Festival und einen guten Teil der österreichischen Startup-Szene mit aufgebaut hat. Und Hagenberg war eben auch die Hochschule von drei der vier Runtastic-Gründer. Über die Startup-Szene habe ich Florian Gschwandtner kennengelernt, und das eine hat das andere ergeben. Nach dem Studium war ich noch ein Jahr in Shanghai im E-Commerce. Als ich zurückkam und wieder in Oberösterreich andocken wollte, gab es ein Gespräch mit Runtastic, das ich ehrlich gesagt nicht einmal Bewerbungsgespräch nennen würde. Es hat einfach gepasst.

[AP]: Du bist bei Runtastic eingestiegen, als Fitness-Apps noch Nischenprodukte waren. Was hast du damals darin gesehen, was andere noch nicht gesehen haben?

[MA]: Ich habe die Produkte selbst genutzt und diese Aufbruchsstimmung rund um Mobile hautnah gespürt. Für mich war klar: Über diese neue Technologie können wir Menschen tatsächlich gesünder machen. Lustigerweise gab es bei adidas später das Mantra Through sport we have the power to change lives. Das war uns damals gar nicht bewusst, aber genau diese Überzeugung hatten wir mit unserer technologischen Brille von Anfang an. Dazu kam der Team Spirit. Viele motivierte ehemalige Uni-Kollegen aus Hagenberg haben bei Runtastic angefangen, das war eine riesige gemeinsame Aufbruchsstimmung, und der Product-Market-Fit war spürbar da. Und uns war früh klar, dass es beim Handy als Sensor am Körper nicht aufhört. Wir haben rund um die Apps ein ganzes Hardware-Ökosystem aufgebaut, mit smarten Waagen, dem Runtastic Orbit als Step Tracker und Herzfrequenzmessern, inklusive eigenem Online-Shop und E-Commerce-Geschäft.

[AP]: Was hast du bei Runtastic über Wachstum gelernt, das du heute noch automatisch mitdenkst?

[MA]: In meiner Zeit als VP Growth habe ich vor allem drei Dinge mitgenommen. Erstens: Wachstum ohne Bindung ist wertlos. Millionen Downloads bringen nichts, wenn die Menschen nach drei Tagen wieder weg sind. Zweitens: Der Funnel ist ein Ganzes. Von Awareness bis zur Conversion und danach weiter zur Aktivierung und Churn Prevention muss jeder Schritt zusammenhängen, sonst verlierst du die Menschen an den Übergängen. Und drittens, für mich das mit Abstand wichtigste Learning: So ein Produkt macht kein kleines Team erfolgreich, sondern das gesamte Unternehmen. Das ist wahnsinnig interdisziplinär, vom Produktmarketing über Kommunikation, Design und Lokalisierung bis zur Entwicklerin. Marketing muss von der ersten Zeile Code an mitgedacht werden und endet nicht bei der Person, die am Schluss die Kampagne live schaltet.

[AP]: Runtastic wurde groß skaliert und später an adidas verkauft. Wie fühlt sich so ein Exit wirklich an, wenn man so lange dabei war?

[MA]: Für mich war es ein anderes Gefühl als für die Gründer. Ich war Teil des Management-Teams, aber eben nicht Gründer, da bleibt eine gewisse Distanz. Beim allerersten Announcement dachte ich mir: Ob das jetzt gut oder schlecht ist, weiß ich nicht, aber ganz schlecht kann es nicht sein, wenn ein so großes, renommiertes Unternehmen wie adidas Interesse an einem motivierten kleinen Startup aus Oberösterreich hat. Zwei Dinge habe ich aus dieser Situation fürs Leben mitgenommen. Erstens: Es sind immer die Menschen, mit denen man arbeitet, die zählen. Und zweitens: Wenn so ein Umbruch kommt, geh selbst aktiv hinein und sei Teil der Lösung, nicht Teil des Problems. Genau das wurde dann auch meine Rolle. Ich durfte die Konzernintegration und die strategische Zusammenarbeit zwischen den zwei Welten mitgestalten, dem großen Tanker und dem kleinen Speedboot, mit dem Ziel, das Beste aus beiden zusammenzuführen. Das war eine extrem motivierende Zeit.

[AP]: Wenn du heute auf diese Zeit schaust: Was würdest du wieder genauso machen – und was eher nicht?

[MA]: Wieder genauso: mit voller Energie hineingehen und die Rolle annehmen, die gerade gebraucht wird. Summa summarum war es eine richtig geniale Zeit, gerade auch weil ich die Leadership- und Managementqualitäten eines Weltkonzerns und seines Führungsteams aus nächster Nähe erleben und mitnehmen durfte. Anders machen würde ich Details im Ablauf und im Timing, wie bei jedem intensiven Kapitel. Und persönlich würde ich früher lernen, die eigene Gesundheit nicht hinten anzustellen. In der intensivsten Phase habe ich genau das vernachlässigt, womit ich mich heute jeden Tag beschäftige.

[AP]: Was verändert sich, wenn ein Startup Teil eines Weltkonzerns wird?

[MA]: Vieles wird professioneller und stabiler, das ist die gute Seite. Plötzlich hast du Ressourcen, Reichweite, Sicherheit. Die andere Seite ist, dass Geschwindigkeit und Nähe verloren gehen. Im Startup entscheidest du am Gang in zwei Minuten, im Konzern gibt es Prozesse, Abstimmungen, Ebenen. Beides hat seine Berechtigung. Ich habe vor allem gelernt, ein paar Klischees zu hinterfragen. Man glaubt ja gern, Konzerne seien ausschließlich träge und performen nicht. Tatsächlich habe ich bei adidas, damals mit 60.000 Mitarbeitenden weltweit, eine sehr positive Kultur erlebt, voll mit hochmotivierten Menschen, die Gas geben, vorankommen und echte Businessziele erreichen wollen. Eine Kultur von Werten, Zielen und Impact nicht im Kleinen mit 260 Leuten zu erleben, sondern in dieser Größenordnung, das hat mich geprägt. Und umgekehrt durften wir als Runtastic innerhalb von adidas ein Showcase sein, eine Art Inkubationsteam für neue Denk- und Arbeitsweisen und andere Managementprozesse. OKRs als Zielsystem haben wir zum Beispiel innerhalb der adidas-Organisation vorangetrieben. Darauf können wir bis heute stolz sein. Was sich natürlich verändert: Geschwindigkeit und Nähe muss man in großen Strukturen aktiv schützen, sonst verschwinden sie von selbst.

[AP]: Du warst auch an Innovationsprojekten mit Apple, Google und Facebook dabei. Was hast du bei der Zusammenarbeit mit den US-Big-Techs gelernt?

[MA]: Ich durfte in meiner Rolle sehr eng mit den großen strategischen Partnern arbeiten, von klassischen App-Store-Featurings über Quarterly Business Reviews und Early-Access-Programme bis zur Präsenz auf den großen Developer-Konferenzen. Neben Apple, Google und Facebook übrigens auch mit NTT Docomo, dem mit Abstand größten Telekom-Anbieter Japans, ein wahnsinnig wichtiger Partner für uns. Zwei Dinge sind mir geblieben. Das erste ist die Abhängigkeit: Als App-Entwickler lebst du mit den Regeln und Qualitätsrichtlinien von Apple und Google, die zum Teil aus gutem Grund existieren, aber deine Wachstumsstrategie muss sich immer daran ausrichten. Bei Themen wie Attribution, Rankings und Tracking hat uns das mehrmals hart getroffen. Das zweite und größere Learning ist die Denkweise. Ich durfte viel Zeit im Silicon Valley und in San Francisco verbringen und eng mit unserem dortigen Satellite Office arbeiten. Diese Exposure würde ich jedem jungen Menschen empfehlen, und sei es nur für einen Monat. Diese Unternehmen denken in Plattformen: eine Grundlage schaffen, auf der andere aufbauen können, weil das eine enorme Verteilungskraft hat. Und sie denken konsequent in Win-win-win. Kein hartes Verhandeln auf Druck im Stil der Neunziger, wo am Ende einer verlieren muss, sondern die Frage: Wie bauen wir gemeinsam etwas Neues, Großes? Genau diese Haltung fehlt vielen etablierten Systemen bis heute, gerade im Gesundheitswesen. Und bei metabolischer Gesundheit, wo Zucker, verarbeitete Lebensmittel und ein historisch hohes Medikationsniveau weltweit gegen uns arbeiten, wird es nicht reichen, Schritt für Schritt zu verbessern. Da braucht es die Bereitschaft, etwas grundlegend neu zu bauen. Das ist für mich der Schlüssel-Insight aus der Zusammenarbeit mit Big Tech.

[AP]: Nach Fitness-Tracking kam mit Hello Inside der Blick auf metabolische Gesundheit. Wann hat dich das Thema so fasziniert?

[MA]: Der Auslöser war persönlich. Da sind zwei Dinge zusammengekommen. Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit Behavioral Science und Verhaltensänderung, und ein Satz daraus hat mich nie losgelassen: Energy follows attention. Veränderung passiert nur dort, wo die Aufmerksamkeit ist. Gleichzeitig hatte ich in all den Jahren nie ein Werkzeug gefunden, das echte Gesundheitsergebnisse für die Menschen erzeugt, die es wirklich brauchen. Also eines, das über das Gesundhalten der ohnehin Gesunden hinausgeht und auch jene weiterbringt, denen Motivation schwerfällt. Der Funke kam dann über einen Umweg. Über die Sports-Science-Teams bei adidas habe ich von einem neuen Sensor erfahren, und weil zwei meiner Tanten Typ-1-Diabetes haben, kannte ich die Technologie bereits. Ich habe mir so einen Sensor ausgeborgt und ihn einfach an mir selbst getestet. Und meine Aufmerksamkeit für das Thema, mit dem ich mich seit zehn Jahren beschäftigt hatte, ist auf einmal hoch zehn gestiegen. Auf dieser einen Kurve habe ich die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress und Hormonen gesehen. Dabei ist der Blutzucker gar nicht die einzig wahre Metrik, das wissen wir. Aber er öffnet ein Fenster ins Innere des Körpers. Jeder kann mir erzählen, dass Cola am Abend keine gute Idee ist. Wenn ich aber schwarz auf weiß sehe, was die Cola um 20 Uhr mit meiner Nacht macht und mich bis in den nächsten Morgen verfolgt, dann glaube ich es. Seeing is believing. Das macht am Ende den Unterschied.

„Die Sportart wechselt, die Werkzeuge wechseln, aber die Frage bleibt dieselbe: Wie kann ich meinen Körper wirklich verstehen, statt ihn nur zu bekämpfen.“
Mario Aichlseder
Mario Aichlseder

[AP]: War Hello Inside am Anfang eher eine persönliche Neugier, eine Healthtech-Idee oder schon eine klare Mission?

[MA]: Es hat als sehr konkretes Produkt begonnen: ein Feedback Loop auf Ernährung. Das war der erste Schritt. Sobald das Team stand, mit unserer medizinischen Co-Founderin und einem Medical Advisory Board, wurde uns sehr schnell klar, dass das Thema viel größer ist. Es geht um Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress und Hormone zusammen, in Summe also um Stoffwechselgesundheit, mit wesentlich mehr kritischen Zusammenhängen, als man anfangs glaubt. Ab da war klar: Wir bauen keine weitere Fitness Tracking-App, wir arbeiten an medizinischen Zusammenhängen und Abhängigkeiten im Körper, die sauber verortet werden müssen. Und dabei sind wir auf etwas gestoßen, das uns bis heute antreibt: Die Datengrundlage für den Stoffwechsel existiert schlicht nicht, und für Frauen existiert sie erst recht nicht. Spätestens in dem Moment war es eine Mission.

[AP]: Heute seid ihr stark im Bereich Frauengesundheit unterwegs. Wie kam dieser Fokus zustande?

[MA]: Ich will ehrlich sein: Als Mann baut man nicht selbstverständlich ein Unternehmen für Frauengesundheit. Der Fokus ist entstanden, als wir die ersten 1.000 Menschen auf der Plattform hatten. Rund 80 Prozent davon Frauen. Und die Begründungen haben sich stark geähnelt: Energieschwankungen, Gewichtsthemen, Menopause. Dazu ein Satz, der bei mir hängen geblieben ist: Meine Ärztinnen und Coaches können mir nicht weiterhelfen, ich möchte mich selbst mit meinem Körper beschäftigen, und euer Tool gibt mir genau die Auflösung und die Insights, mit denen ich mir selbst helfen und meinen Körper wieder besser kennenlernen kann. Als Produktmensch gilt für mich Regel Nummer eins: Bau dorthin, wo das stärkste Kundenfeedback herkommt. Also haben wir uns relativ rasch klar als Plattform für Women’s Metabolic Health positioniert. Und es gibt einen strukturellen Grund, der das noch verstärkt: Genau in diesem Bereich liegt der größte ungehobene Datenschatz. Die Signale und Datensätze, die es für den weiblichen Stoffwechsel braucht, gibt es sonst schlicht nicht. Und genau sie sind die Grundlage, um mit Unterstützung von KI die richtigen Insights und Empfehlungen herauszuarbeiten.

[AP]: Warum wurde deren Gesundheit jahrzehntelang vernachlässigt? Wo versagt das traditionelle Gesundheitssystem bei Frauen?

[MA]: An zwei Stellen. Die erste ist historisch und fast unglaublich: Bis 1993 wurden Frauen aus medizinischen Studien weitgehend herausgehalten, mit der Begründung, ihre Hormonschwankungen würden die Ergebnisse verfälschen, wenn man Medikamente testet oder Referenzwerte für Ernährungsempfehlungen festlegt. Das ist ungefähr die schlechteste Ausrede, die ich je gehört habe. Denn genau diese Schwankungen sind ja die Realität, die man verstehen muss, statt sie aus den Daten zu werfen. Die Folge ist, dass ein Großteil unseres medizinischen Wissens auf männlichen Körpern basiert und einfach auf Frauen übertragen wurde. Die zweite Stelle betrifft uns alle: Unser Gesundheitssystem ist darauf gebaut, chronische Krankheiten zu behandeln, wenn sie schon da sind. Das ist aus meiner Sicht Irrsinn, weil es enorme Kosten verursacht, das System überlastet und die Menschen trotzdem nicht gesünder oder glücklicher macht. Bevor wir über chronische Krankheiten reden, müssten wir über das reden, was ihnen vorausgeht, und das sind metabolische Dysfunktionen. Das ist präventiv, das ist nicht-medizinisch, und das haben wir im täglichen Alltag selbst in der Hand. Nur lenken uns Werbung, Convenience Food und Wunderdiäten permanent davon ab, und dazu kommt, dass wir uns immer weniger bewegen und immer mehr sitzen. Der Körper schreit förmlich danach, dass wir besser schlafen, mehr in die Natur kommen und uns nährstoffreicher ernähren. Unsere Aufgabe ist, genau diese Literacy zurückzubringen. We want to get you back in touch with your inner voice. Und ehrlich gesagt: Auch das große Modethema Longevity ist im Kern nichts anderes als Prävention und Stoffwechselgesundheit. Fixing the basics, nicht mehr und nicht weniger.

[AP]: Gab es Gespräche mit Nutzerinnen, die eure Sicht auf das Produkt komplett verändert haben?

[MA]: Ja, und zwei davon haben unser Produktdenken nachhaltig geprägt. Das erste: Unsere Kundinnen haben uns sehr deutlich gesagt, wir brauchen keinen weiteren Tracker und keine Matrix für Leistungssportler. Wir brauchen wirklich einfache Beschreibungen, warum und wieso Dinge zusammenhängen, den Rest machen wir dann schon selbst. Diese Zusammenhänge sauber herzuleiten und verständlich zu erklären war übrigens mit das Schwierigste am ganzen Produkt. Das zweite war unsere erste Symptomliste. Wir hatten erwartet, dass Themen wie Zyklusschmerzen oder Cravings ganz oben stehen. Stattdessen haben die Frauen an erster Stelle Energie genannt und an zweiter Stelle Gewicht. Sehr hoch aggregierte Problembereiche, die aber im Kern alle auf den Stoffwechsel zurückgehen. Das hat unsere Kommunikation und unser Marketing bis heute geprägt. Und aus derselben Haltung heraus veröffentlichen wir einmal im Quartal öffentlich einen Medical Efficacy Report, in dem wir berichten, wie schnell und wie gut unsere Kundinnen ihre Symptome verbessern konnten. Diese Transparenz verdanken wir letztlich genau diesen Gesprächen.

[AP]: Viele Menschen wollen ihren Körper besser verstehen. Aber wo ziehst du die Grenze zwischen hilfreichem Tracking und zu viel Selbstkontrolle?

[MA]: Ich will nicht so tun, als gäbe es diese Gefahr nicht. Permanente Selbstvermessung kann Menschen unter Druck setzen, das ist real, und wer in diesem Bereich arbeitet und das leugnet, ist unehrlich. Genau deshalb ist Design für uns eine Verantwortung und keine Nebensache. Wir fragen uns bei jeder Funktion, ob sie beruhigt oder aufwühlt. Für Menschen, die zu zwanghaftem Verhalten neigen, kann ständiges Tracking schädlich sein, und darauf muss ein seriöses Produkt Rücksicht nehmen. Die Grenze ist nicht technisch, sie ist menschlich, und sie muss ins Produkt eingebaut sein.

Für mich ist die Grenze klar: Gutes Tracking soll Angst reduzieren, nicht erzeugen. Wenn dich eine Zahl gestresster macht als vorher, läuft etwas falsch. Deshalb ist unser Leitsatz weniger Rauschen, mehr Signal. Wir wollen nicht, dass Menschen auf jede Nachkommastelle starren, sondern dass sie die zwei, drei Muster verstehen, die für ihr Leben wirklich zählen. Das Ziel ist nicht Kontrolle, sondern Vertrauen in den eigenen Körper. Wenn Tracking dazu führt, dass du deinem Körper wieder mehr vertraust und nicht weniger, dann ist die Grenze richtig gezogen.

[AP]: Was passiert mit Menschen, wenn sie plötzlich permanent Daten über ihren eigenen Körper sehen? Denkst du, die Tracking-Kultur kann auch zu Stress führen?

[MA]: Menschen reagieren sehr unterschiedlich, und das muss man ernst nehmen. Grundsätzlich glaube ich, dass nicht die Daten selbst Stress machen, sondern wie sie präsentiert werden. Wenn du jemandem nur eine rote Zahl zeigst, ohne zu erklären, was sie bedeutet und was er tun kann, dann erzeugst du Ohnmacht. Setzt du dieselbe Information in einen ruhigen, verständlichen Zusammenhang, entsteht das Gegenteil. Unsere ganze Arbeit dreht sich eigentlich darum, aus Zahlen Verständnis zu machen und aus Verständnis Ruhe. Tracking, das dich nervöser macht, ist einfach schlecht gemachtes Tracking.

[AP]: Besteht die Gefahr, dass Gesundheit zunehmend kommerzialisiert wird?

[MA]: Kommerzialisierung ist nicht per se schlecht, ohne funktionierende Unternehmen gäbe es keine Innovation. Die Gefahr entsteht, wenn der Verkauf wichtiger wird als der Nutzen, wenn man Menschen Ängste einredet, um Produkte loszuwerden. Dagegen schützt man sich nur, indem man ehrlich bleibt und den echten Nutzen ins Zentrum stellt. Für uns heißt das konkret, dass wir über Krankenkassen wie beispielsweise BARMER und Apotheken gehen, also über Partner, die selbst ein Interesse an echten Ergebnissen haben und nicht an schnellen Verkäufen. Dabei übernehmen wir Verantwortung für Qualität und für tatsächliche Förderung von Gesundheit. Das diszipliniert von ganz allein.

[AP]: Welche Rolle kann KI spielen, damit aus Körperdaten nicht nur Zahlen werden, sondern wirklich hilfreiche Empfehlungen?

[MA]: Eine zentrale, aber die Art der KI entscheidet alles. Wir haben mit unseren eigenen Daten viel experimentiert und dabei zwei Dinge festgestellt. Erstens: Der menschliche Stoffwechsel ist irrsinnig komplex und verändert sich irrsinnig schnell, mit der Biologie, mit dem Umfeld, mit dem Alltag. Darauf wurde der Körper über Jahrtausende trainiert. Ein statischer PDF-Plan oder eine pauschale Empfehlung kann dem schlicht nicht folgen. Mit KI können wir dieses System nachbilden und quasi Stunde für Stunde die nächstbeste Aktion für jede einzelne Person berechnen, auf Basis unserer Bibliothek von über 250 validierten Signalen. Die zweite Feststellung war die unangenehme: Die allgemein verfügbaren Sprachmodelle liefern, egal von welchem Anbieter, dokumentiert schlechte Gesundheitsantworten, bei Frauengesundheit im Schnitt über 60 Prozent fehlerhafte Rückmeldungen. Das ist auch logisch. Diese Modelle sind mit dem Internet trainiert, mit Foren und Reddit und Co. Und wenn Frauen erst seit 1993 überhaupt systematisch in medizinischen Studien vorkommen, kann das Wissen dort gar nicht drinstecken. Trotzdem geben diese Modelle selbstbewusst Antworten, und genau darin liegt ein riesiges Problem. Unsere Antwort darauf heißt Controlled-by-Design Health AI. Das ist eine eigene Architektur, eine neue Ontologie dafür, wie KI im Gesundheitsbereich verantwortungsvoll gebaut werden muss: Jede Empfehlung ist nachvollziehbar, kontrollierbar und wissenschaftlich abgesichert. Wie das im Detail funktioniert, haben wir in einem Whitepaper beschrieben, das wir öffentlich zugänglich machen, weil uns das Thema am Herzen liegt. Und diese Architektur war letztlich auch einer der Schlüsselgründe, warum die BARMER, die zweitgrößte gesetzliche Krankenkasse Deutschlands, die Partnerschaft mit uns eingegangen ist und wir dort als einziger Ernährungs- und Stoffwechselpartner auf der Plattform vertreten sind.

[AP]: Was war dein bisher schwierigster Moment bei Hello Inside?

[MA]: Am schwersten sind für mich immer die Momente, in denen es nicht um mich geht, sondern um die Menschen, die mir vertraut haben. Es gab Phasen, in denen die Wege lang und die Entscheidungen groß waren und ich als CEO Ruhe ausstrahlen musste, obwohl in mir vieles gearbeitet hat. Diese doppelte Rolle, gleichzeitig ehrlich mit sich selbst und ein stabiler Anker für das Team zu sein, hat mich am meisten gefordert. Nicht die einzelne Krise, sondern das Ruhigbleiben über lange, unsichere Strecken.

Ein sehr konkreter harter Moment war der Weg zu unserem ersten großen Vertrag mit einer Krankenkasse. So eine Partnerschaft mit einem großen Versicherer entsteht nicht über Nacht, das ist ein Prozess über viele Monate, mit hohen Anforderungen an Datenschutz, Zertifizierung und Nachweise. In dieser Zeit investierst du enorm, ohne zu wissen, ob am Ende die Unterschrift wirklich kommt. Als sie dann kam, war die Erleichterung riesig. Aber die Monate davor, dieses Aushalten von Unsicherheit, waren eine echte Prüfung, für mich und für das ganze Team.

[AP]: Du arbeitest jeden Tag mit Gesundheitsthemen. Wie gut bist du selbst darin, auf deinen Körper und Kopf zu hören?

[MA]: Ehrlich? Besser als früher, aber ich bin auch nur ein Mensch. Es gehört zur Ironie meines Jobs, dass ich anderen helfe, auf ihren Körper zu hören, und mich in stressigen Phasen selbst genauso verliere wie alle anderen. Der Unterschied ist, dass ich es heute schneller merke. Ich habe über die Jahre gelernt, dass Schlaf und Bewegung keine Belohnung für gute Arbeit sind, sondern die Grundlage dafür. Als Ausdauersportler habe ich da einen natürlichen Anker: Wenn das Training leidet, weiß ich, dass ich woanders über meine Verhältnisse lebe. Perfekt bin ich weit davon entfernt, aufmerksamer bin ich aber schon. Und darum geht es ja schließlich: „Energy follows Attention“.

[AP]: Und wenn du heute deinen Körper besser verstehst als früher: Was hast du dadurch über dich selbst gelernt?

[Mario Aichlseder]: Das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist, dass mein Körper in Rhythmen funktioniert und nicht über Willenskraft. Früher dachte ich, mehr Disziplin sei immer die Antwort. Heute weiß ich, dass mir mein Körper ziemlich genau sagt, wann ich Gas geben kann und wann ich zurückstecken muss. Wenn ich diese Signale ernst nehme, bin ich am Ende leistungsfähiger und nicht weniger. Das hat auch verändert, wie ich das Unternehmen führe. Nachhaltigkeit schlägt kurzfristige Höchstleistung, beim Körper wie in der Firma.

[André Patrzek]: Danke, Mario, für das ehrliche Gespräch. Was du über Klettern, Zahlen und das Zuhören auf den eigenen Körper erzählst, geht weit über Healthtech hinaus. Ich bin gespannt, wohin ihr Hello Inside als Nächstes führt.