BusinessPunk Voices Ich habe mich geklont!

Ich habe mich geklont!

Ich habe mich geklont und nein, es ist kein absurder Akt von digitalem Narzissmus, sondern pure Notwendigkeit in einer Welt, in der meine menschlichen Mitarbeiter Nachts schlafen, meine KI Agenten aber rund um die Uhr Entscheidungen treffen müssen.

Denn genau dort liegt eines der größten Missverständnisse über KI in Unternehmen.

Viele reden darüber, dass KI möglicherweise Menschen ersetzt. Wir sehen in der Praxis gerade etwas anderes: Je mehr KI Agenten in einer Organisation arbeiten, desto wichtiger wird der Mensch als Quelle von Richtung, Haltung und Entscheidungskultur.

Bei Leaders of AI experimentieren wir deshalb mit einem digitalen Zwilling meiner Person. Einem KI-CEO.

Abseits der Norm beginnt der Alltag

Das klingt im ersten Moment nach einem bizarren Ego Projekt aus dem Silicon Valley. Für uns ist es aber ein ganz konkretes Organisations Experiment.

Unser Unternehmen arbeitet heute mit über 50 KI Agenten und 10 Menschen. In so einem Setup reicht es nicht, wenn jeder Agent isoliert seine Aufgaben erledigt. Es braucht Orientierung. Und zwar für die Momente, in denen nicht alles eindeutig ist.

Denn echte Arbeit besteht selten aus perfekten Standardsituationen. Echte Arbeit besteht aus Randfällen, widersprüchlichen Zielen und Entscheidungen, für die es keine saubere Anleitung gibt. Das gilt für jede Organisation.

Genau dort soll mein digitaler Zwilling ins Spiel kommen. Er ist kein Chatbot, der ein paar Sätze in meinem Stil nachplappert. Wir haben mein Persönlichkeitsprofil analysiert, meine Positionierungen verdichtet, die Werte von Leaders of AI operationalisiert und meine 6 Prinzipien für den Aufbau von Startups in einen Agenten gegossen.

Wie wir den KI-Twin gebaut haben

Um diesen Agent umzusetzen haben wir zwei Wege kombiniert.

Der erste Weg war sehr menschlich. Wir haben einen KI-Interviewpartner eingerichtet, der telefonisch jederzeit erreichbar ist. Er heißt Cedric. Über mehrere Abende habe ich mit Cedric telefoniert und meine Tage reflektiert.

Cedric hat mich nicht nach abstrakten Führungsphrasen gefragt, sondern nach konkreten Situationen.

  • Warum hast du diese Entscheidung so getroffen?
  • Wie hat sich diese Entscheidung angefühlt?
  • Welche Alternative hast du verworfen?
  • Was war der eigentliche Grund, obwohl er vielleicht nicht in der offiziellen Begründung stand?

Genau diese Fragen sind entscheidend, weil sie an die Erfahrung herankommen, die normalerweise nicht in Slides stehen.

Der zweite Weg war analytischer. Wir haben eine sogenannte “Skill-Inferenz” gemacht. Dafür haben wir meine internen Kommunikationsdaten wie Slack, Mails etc. auf Positionierungen und wiederkehrende Entscheidungssituationen ausgewertet, um zu erkennen, welche Muster sich über ein Jahr hinweg abzeichnen.

Aus meiner Sicht sind genau diese beiden Ansätze extrem wertvoll. Reflexive Interviews zeigen, wie sich Entscheidungen von innen anfühlen. Skill-Inferenz zeigt, welche Muster sich in echten Daten wiederfinden.

Erst durch diese Kombination entsteht ein digitaler Zwilling, der nicht nur nach Dominic klingt, sondern Orientierung nach meinen Prinzipien geben kann.

Wenn Werte aufeinanderprallen

Werte klingen auf Folien immer gut. Praxisnähe. Vertrauen. Selbstbewusstsein. Beziehungsorientierung. Forschergeist.

Das Problem ist: Solange diese Werte friedlich nebeneinanderstehen, sagen sie wenig aus.

Spannend wird es erst, wenn sie kollidieren.

Was passiert, wenn Qualität und Kosteneffizienz gegeneinander laufen? Was gilt, wenn Geschwindigkeit und Vertrauen im Konflikt stehen? Was entscheidet man, wenn ein Thema fachlich richtig, aber kulturell falsch wäre?

In genau diesen Momenten zeigt sich, ob eine Organisation wirklich weiß, wie sie entscheiden will.

Deshalb haben wir nicht nur Werte dokumentiert. Wir haben sie in eine Reihenfolge gebracht. Wir haben beschrieben, welcher Wert im Zweifel wichtiger ist als der andere. Wir haben festgelegt, wie unser Unternehmen denkt, wenn es schwierig wird.

Das ist für mich der eigentliche Kern des Experiments. Und zwar nicht nur für autonom-agierende KI, sondern auch für den menschlichen Teil meiner Belegschaft.

Das Ende des stillen Wissens

In vielen Unternehmen steckt ein großer Teil der Entscheidungslogik im Kopf weniger Menschen.

Der Spezialist weiß, wie eine gute Entscheidung aussieht. Ein Teamleiter spürt, ob ein Vorschlag zur Kultur passt. Erfahrene Mitarbeiter wissen, wann man von der Regel abweichen muss.

Aber dieses Wissen ist oft nicht zugänglich. Es ist verteilt in Bauchgefühl, Erfahrung, Geschmack, Erinnerung und unausgesprochenen Standards.

In der Fachsprache wird das als hayeksches Wissensproblem bezeichnet.

Solange alle im selben Raum sitzen, funktioniert das irgendwie. Sobald ein Unternehmen wächst, altgediente Mitarbeiter es verlassen oder mit KI Agenten skaliert, wird dieses implizite Wissen zum Bottleneck.

Genau deshalb glaube ich, dass eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre darin liegen wird, Wissen und Erfahrung in Unternehmen explizit zu machen.

Wir leben im Zeitalter der Irrationalität

Selbst wenn ich meine Erfahrung bestmöglich übertrage, wird mich der digitale Zwilling nicht ersetzen. Er macht meine Entscheidungslogik für alle anderen zugänglicher. Das ist ein großer Unterschied.

Er kann Muster erkennen, Wissen strukturieren, Entscheidungen vorbereiten und Widersprüche sichtbar machen. Je mehr Dashboards, Daten und Kommunikationskontext wir anbinden, desto besser wird er darin.

Aber sein größter Fehler ist aktuell genau der Punkt, der im Business oft entscheidend ist: Er trifft keine irrationalen Entscheidungen.

Und das meine ich nicht negativ.

Viele wichtige unternehmerische Entscheidungen sind nicht rein logisch. Manchmal hält man an einem Menschen fest, obwohl die Tabelle dagegen spricht. Manchmal geht man ein Risiko ein, weil der Zeitpunkt richtig wirkt, aber in den Daten nicht erkennbar ist. Manchmal entscheidet man sich gegen den Deal, weil Vertrauen langfristig den Unterschied macht.

Genau das kann der digitale Zwilling nicht aus sich heraus.

Er kann Orientierung geben. Er kann Entscheidungen vorbereiten. Er kann transparent machen, welche Prinzipien gerade greifen. Aber Geschmack, Verantwortung und produktive Irrationalität bleiben menschlich.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus unserem Experiment: Aktuell nutzen nicht die Agenten meinen digitalen Zwilling am meisten, sondern die Menschen, die ihre Ideen und Konzepte erst mit ihm schärfen, bevor wir gemeinsam darüber sprechen.

Dominic von Proeck ist Gründer von Leaders of AI, einer Akademie für KI-Transformation, in der ein kleines Team von weniger als zehn Menschen mit über fünfzig KI-Assistenten experimentiert, wie die Organisation von morgen funktioniert. Als Mitglied im KI-Expertenrat von Microsoft beschäftigt er sich täglich mit den strategischen Fragen der digitalen Zukunft in Europa. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „KI mit Köpfchen – Wie man mit ChatGPT & Co die Organisation der Zukunft baut“ (Springer Gabler).

Das könnte dich auch interessieren