BusinessPunk Voices Wie selbstlernende KI unser Marketing prägt

Wie selbstlernende KI unser Marketing prägt

Anfang des Jahres sind unsere LinkedIn-Zahlen eingebrochen. 17 Prozent weniger Engagement. Kein Ausreißer, kein schlechter Monat. Ein systematischer Absturz. Und der Grund hatte nichts mit unseren Inhalten zu tun.

Seit zweieinhalb Jahren schreibt ein KI-Agent namens Hansi alle meine LinkedIn-Beiträge. Jeden einzelnen. Er plant sie ein, erstellt die Bilder, kennt meine Stimme und meinen Stil. Das hat herausragend funktioniert. Umso mehr hat uns der Einbruch überrascht.

LinkedIn hatte seinen Algorithmus geändert

Der neue „360Brew“ bewertet nicht mehr, wie viele Likes ein Post in der ersten Stunde sammelt. Er bewertet, wie kohärent ein Profil ist. Wie gut der neue Post zu den alten passt. Wie lange Menschen wirklich verweilen. Wer früher auf schnelle Interaktionen optimiert hat, verliert jetzt. Systematisch. Wir waren nicht allein. Viele KI-Influencer haben dasselbe erlebt.

Ein Algorithmus, der sich so verhält, ist für Menschen kaum noch zu durchschauen. Wir haben jahrelang Redaktionspläne nach Bauchgefühl befüllt. Manchmal hat’s funktioniert, manchmal nicht. Warum genau? Keine Ahnung. Zu viele Variablen, zu wenig Systematik.

Also haben wir Hansi eine KI-Datenanalystin an die Seite gestellt. Ihr Name: Viktoria.

Hansi bekommt eine Analystin

Viktoria schaut sich an, was nach jedem Post wirklich passiert. Welche Zahlen kommen rein. Wie gut der Beitrag zu unserem Profil und den bisherigen Inhalten passt. Wir nennen das den Alignment-Faktor. Alle zwei Wochen zieht sie Bilanz und gibt Hansi konkrete Empfehlungen: Welche Hooks funktionieren gerade? Welche Struktur kommt an? Was muss sich im Redaktionsplan ändern?

Das Entscheidende: Viktoria schreibt diese Erkenntnisse nicht in eine E-Mail, die wir dann lesen und vielleicht umsetzen. Sie überarbeitet direkt Hansis Skills.

Skills sind die Standardprozesse, die ein KI-Agent kennt und anwendet. Ähnlich wie bei einem Mitarbeiter, der in der Unternehmensdokumentation nachliest, wie eine Reisekostenabrechnung funktioniert, bevor er sie Stück für Stück umsetzt. Genau so arbeiten Agenten mit Skills. Sie suchen danach, bevor sie eine Aufgabe angehen, und arbeiten sie Schritt für Schritt ab. Das Konzept kommt von Anthropic und setzt sich gerade als Marktstandard durch. Aus gutem Grund.

Bisher haben wir als Menschen diese Skills angepasst, in dem wir Feedbackgespräche mit den Agenten geführt haben, wenn uns etwas nicht gepasst hat.

Viktoria macht das jetzt selbst. Auf Basis echter Daten und ohne dass wir eingreifen müssen.

Das Ergebnis: Wir outperformen auf LinkedIn gerade Accounts mit mehr als doppelt so vielen Followern. Weil unser System aus jedem Post lernt und sich selbst verbessert.

Marketing ist dabei kein gelöstes Problem. Kreativität, Tonalität, Positionierung bleiben menschliche Arbeit. Aber die Daten sind sichtbar, die Metriken nutzbar. Das macht es zum naheliegenden Startpunkt.

Selbstlernende Agenten im Unternehmen

Was aber passiert, wenn dieses Prinzip auf Bereiche übertragen wird, in denen die Zusammenhänge weit komplexer sind? Wie Vertrieb, Kundenservice oder Produktentwicklung. Interne Prozesse, die seit Jahren niemand mehr hinterfragt hat.

Agenten, die aus Mustern lernen und sich weiterentwickeln erscheinen gerade nach und nach auf dem Markt. Wir werden das in den nächsten Monaten auf breiter Fläche sehen.

Die Frage wird dann sein, ob die Organisationen dafür bereit sind. Technologie entwickelt sich schneller, als wir mithalten können. Märkte übrigens auch. Wer glaubt, als Führungskraft jeden Lernschritt der KI selbst anstoßen zu können, unterschätzt das Tempo.

Die KI lernt wohl zukünftig immer häufiger allein. Unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass sie in die richtige Richtung lernt.

Dominic von Proeck ist Gründer von Leaders of AI, einer Akademie für KI-Transformation, in der ein kleines Team von weniger als zehn Menschen mit über fünfzig KI-Assistenten experimentiert, wie die Organisation von morgen funktioniert. Als Mitglied im KI-Expertenrat von Microsoft beschäftigt er sich täglich mit den strategischen Fragen der digitalen Zukunft in Europa. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „KI mit Köpfchen – Wie man mit ChatGPT & Co die Organisation der Zukunft baut“ (Springer Gabler).

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