Ablage · work wise

Warten auf die Welle: Lissabon – die nächste Startup-Schmiede

Warten auf die Welle: Lissabon – die nächste Startup-Schmiede
Pedro Guimaras Felix Peterson war in Berlin ein Star der Startup-Szene. Nach Lissabon kam er eigentlich, um eine Auszeit zu nehmen - und landete dann doch wieder in einem Job bei einem Venture-Capital-Geber.
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit9 Min · 1.877 Wörter

Die Tram 28 rumpelt behäbig den Berg hoch, in einer kleinen Bar bestellen Bauarbeiter Tosta Mista und Espresso, Touristen schieben sich über die mosaikbesetzten Gehwege der engen Altstadt. Es ist Winter, aber warm, die Sonne scheint, Lissabon, eine Stadt wie eine Postkarte.

Keine zwei Kilometer nördlich, an der Avenida da Liberdade, stürmt Felix Petersen in ein sehr schmuckloses Büro im obersten Stockwerk eines überhaupt furchtbar schmucklosen Bürogebäudes aus den 70er-Jahren. Teppichboden, tiefe Decken, leere, weiße Räume – weiß im Sinne von leer, nicht im Sinne von stylisch. Petersen trägt Jeans, Jeanshemd und Schnurrbart. In Berlin war der 39-Jährige so etwas wie das Zirkuspferd der Startup-Szene, hatte mit Plazes als Erster überhaupt ein Tool erfunden, mit dem man sich an bestimmten Orten einloggen konnte. 2011 gründete Petersen Amen mit, eine Bewertungsplattform, die dank Promi-Investor Ashton Kutcher einen kurzen Hype erlebte, ehe sie in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Petersen, Urbild des Berliner Hipster-Gründers, zog sich in die zweite Reihe zurück. Und nun also diese hübsche, warme Puppenstubenstadt.

Lissabon, knapp 550 000 Einwohner, Hauptstadt Portugals und beliebtes Reiseziel, klar. Aber Startup-Standort? Zu klein, zu weit weg, zu piefig und bei aller Schönheit ehrlich gesagt auch ein bisschen zu uncool, hieß es lange. Spätestens seit vergangenem September jedoch dürfte klar sein, dass sich am westlichen Rand Europas in Sachen Startups was bewegt: Die europäische Startup-Großkonferenz Web Summit verkündete, 2016 nach Lissabon überzusiedeln.
Petersen ist bereits ein gutes Jahr hier. Erst kam er aus privaten Gründen, für ein Sabbatical, wollte Portugiesisch lernen. Im Februar 2015 ist er schließlich mit seiner Familie umgezogen. „Ich habe als Angel-Investor immer eine Entschuldigung gesucht, etwas in Portugal zu tun zu haben. Aber bis vor drei, vier Jahren gab es einfach gar nichts“ sagt er. Dann öffnet er die Tür zur Feuerleiter an der Rückseite der Büroetage, steigt in schnellen Schritten auf das Flachdach des Gebäudes. Blick über die Avenida da Liberdade. Blick über Stadt und Tejo.

Schneller als Berlin

Der Deutsche ist Partner bei Faber Ventures, einem VC-Unternehmen, das vor allem techlastige, in kleinen Teams arbeitende Startups im Portfolio hat – etwa das Social-Media-Analysetool Get Social, die Mensch-Maschine-Übersetzungssoftware Unbabel oder den Customer-Feedback-Aggregator Nom Nom.
Auf dem Dach erklärt Petersen in groben Linien die Geschichte des Landes, die tausendjährige Allianz mit England, die Relevanz der Ex-Kolonien für die Wirtschaft, die Rolle des Bailefunk in den Clubs der Angolaner, die Rolle der Traditionsverbundenheit der Portugiesen für die Wirtschaft – und die der Euro- und Wirtschaftskrise für die Startupszene. „Die nächsten zehn, 20 Jahre“, sagt Petersen, „werden für das Land große Umbrüche bringen, vielleicht mehr als in den letzten 100 Jahren.“ Was ihn an der Startupszene von Lissabon an meisten beeindruckt? Petersen blinzelt in die Sonne. „Das Tempo. Was in Berlin Jahre gedauert hat, dauert hier Monate.“

Wo allein der Begriff „Startup“ vor drei Jahren noch fragende Blicke verursachte, gibt es heute davon über 300. Sie sorgen für fast 1 000 Arbeitsplätze – deshalb fördert der Staat sie schließlich – und ein Geschäftsvolumen von über 20 Mio. Euro pro Jahr. Dazu noch zwölf Inkubatoren. Und die Zahlen sind nur eine Momentaufnahme. Viel verblüffender ist: Lissabon hat all das nicht mit heißer Luft und Hype erreicht. Sondern mit Substanz.

Vierter Stock eines alten Handelskontors an der Rua da Prata, keine 500 Meter von der über Lissabon thronenden Burg Castelo de São Jorge entfernt, doch fern jeder Touristenromantik. Ein Hund liegt in der Ecke des verwinkelten Maisonette-Büros, an Tischchen drängeln sich Programmierer, konzentrierte Stille, und João Caxaria hat es eilig.
Er ist Gründer und CTO von Codacy, einem der heißesten Startups Portugals. Caxaria und sein Team haben kürzlich 1 Mio. Euro Kapital in einer Post-Seed-Finanzierungsrunde erhalten und bereiten sich auf die erste echte Finanzierungsrunde im Frühjahr vor. Es läuft gut. Caxaria muss keinen Wind um seine Firma machen, der Wind kommt von alleine.
Codacy ist so etwas wie eine Rechtschreibprüfung für Code. Seit März 2013 arbeiten Caxaria und seine knapp 20 Mitarbeiter daran, die Optimierung von komplexem Code zu beschleunigen. Für gewöhnlich gehen 50 Prozent der Arbeitszeit von Programmierern für die Prüfung ihrer Arbeit drauf, erklärt Caxaria. Codacy braucht dagegen für die Analyse neuer Code-Bausteine knapp zwei Minuten. Für die Durchsicht eines kompletten Codes je nach Umfang rund 30 Minuten.
Über 12 000 Entwickler und über 110 Unternehmen arbeiten mittlerweile mit Codacy. Egal ob Java, Javascript, PHP, Ruby oder Python: Codacy findet Bugs und Sicherheitslücken in allen gängigen Programmiersprachen. Die Kunden kommen aus aller Welt. „Code ist eine internationale Sprache“, sagt Caxaria. „Am Ende ist der Markt immer international. Und Portugal ist klein.“ 

Mit seinem klugen, bodenständigen und ein bisschen langweiligen Ansatz ist Codacy typisch für den Startup-Standort Lissabon. In der Hauptstadt wird nicht die nächste digitale Revolution geplant, niemand spricht von Disruption, und keiner arbeitet am nächsten Facebook. Das Credo von Lissabon lautet: Do your job. „Vergesst die Einhörner, wir brauchen funktionierende Geschäftsmodelle“, verkündete João Vasconcelos, Gründer und CEO des mit öffentlichen Geldern finanzierten Inkubators Startup Lisboa. Vasconcelos, der vor wenigen Wochen zum portugiesischen Staatssekretär für Industrie ernannt wurde, muss es wissen: In den drei Jahren seiner Existenz hat Startup Lisboa über 200 Startups hervorgebracht, die mehr als 700 Arbeitsplätze geschaffen haben.

In einem wirklich trostlosen, rostbraunen ehemaligen Postgebäude nahe der Avenida da Liberdade, das mit Pressholzwänden und knallbunten Sitzwürfeln noch sehr rudimentär eingerichtet ist, sitzen junge Menschen an langen Tischen und starren auf Monitore. Die tristen Räumlichkeiten sind das Zuhause des Accelerators Beta-i, der als einer der größten und wichtigsten seiner Art in Europa gilt und fast wöchentlich die hiesige Szene bei Events versammelt: Lisbon Challenge, Seedcamp Lisbon, Silicon Valley Comes to Lisbon, Startup Weekend, TEDx in Portugal und wie sie alle heißen.

PedroGuimaraes_MG_7282_WEB
Maria Almeida tauft ihr Startupblog „Ship“ – weil Seeleute schon immer die besten Geschichtenerzähler waren.

Die Jalousien sind heruntergelassen, es gibt einen Kapselkaffeeautomaten, und Maria Almeida überreicht ihre Visitenkarte. Auf der steht „Almighty Duchess of Content“. Die 26-Jährige vertritt den Accelerator nach außen und schreibt auf Startupship.org den wohl wichtigsten Startupblog Lissabons. Außerdem war Almeida die Initiatorin der Facebook-Gruppe „Bring the Web Summit 2016 to Lisbon“, die nach Aussage des Web-Summit-Gründers Paddy Cosgrave eine derartige Euphorie verbreitete, dass die Entscheidung zum Umzug nicht schwerfiel. Finanzielle Anreize seitens des portugiesischen Staats dürften allerdings auch geholfen haben. So oder so: „Ich sehe Lissabon als Hafen“, sagt Almeida. „Wir versuchen, unsere Produkte in die Welt zu bringen. Aber wir wollen auch, dass Menschen von überall her zu uns kommen.“

Bei Uniplaces ist das längst Realität. Die Firma ist nicht nur eines der bekanntesten und größten Startups der Stadt, sie ist auch das internationalste. Das liegt an der Geschichte des Unternehmens und an seinem Konzept. Uniplaces will eine Art Airbnb für Erasmus-Studenten sein und hat dafür die richtige Story: gegründet in Lissabon von einem Portugiesen, einem Briten und einem Argentinier, die sich beim Studium im englischen Nottingham kennengelernt haben.
Der 25-jährige Francisco Peres, Mitarbeiter Nummer fünf der Wohnungsbörse und seit geraumer Zeit Content-Chef des 100-Mitarbeiter-Startups, brennt für das Konzept: „Es gibt keinen modernen Weg, Studentenunterkünfte im Ausland zu buchen. Schon gar nicht in einer Stadt, die man nicht kennt“, sagt Peres. „Viele leben über Wochen in Hostels oder schlafen auf einer Couch. Und sie kriegen immer nur die schlechten Wohnungen, weil die einheimischen Studenten schneller sind.“
Die internationalen Büros der Universitäten sind meist kaum in der Lage, den Markt zu lenken. Lachend erzählt Peres, dass er beim Termin mit einer Uni in Porto vor einer sechs Meter hohen Straßenlaterne stand und eine Frau ihm erklärte, dies sei der hiesige Wohnungsmarkt.

Die Zielgruppe ist riesig: „Bis 2020 will die Europäische Kommission, dass mindestens 20 Prozent aller Studenten zumindest ein Erasmus-Jahr machen oder gleich einen Master in einem anderen Land“, sagt Peres. Und seine deutsche Kollegin Kerstin Meergans, die für die Expansion nach Deutschland verantwortlich ist, erzählt, dass sie von Unimitarbeitern geradezu angefleht wurde, in die Stadt zu kommen. Der Erfolg von Uniplaces ist beeindruckend, das Geschäftsmodell solide, die Expansion läuft. Eins aber ist auch Uniplaces nicht: sexy. Kein Heilsversprechen oder gar eine Revolution.
Spät am Abend, nach Wein, Bier und dem ersten Gin Tonic springt Felix Petersen in einer Bar auf und ruft: „Es stimmt doch: Startups hier sind verdammt boring.“

In Indien ist coden teurer

Wer verstehen will, warum diese Lissabonner Startup-Szene tickt, wie sie tickt, muss ein paar Sachen wissen: Die Portugiesen, alte Seefahrer- und Händlernation, sind kurzlebigen, riskanten Geschäften wenig zugetan. Das Land ist nicht bekannt für Innovationsfreude. Gleichzeitig ist die Ausbildung an den technischen Hochschulen sehr gut. Und die Preise für Lebenshaltung und die Lohnkosten sind legendär niedrig. „Wir bekommen immer wieder Angebote von Outsourcing-Agenturen aus Indien, die auf der Suche nach Programmieraufträgen sind“, sagt João Caxaria von Codacy amüsiert. „Aber wir stellen immer wieder fest: Die sind teurer als wir selbst.“

"Pam knows best": Die App von Ricardo Cartaxo, Diago Simoes und Jaoe Maia Dias (v.l.) vermittelt Surfer-Insiderwissen.
„Pam knows best“: Die App von Ricardo Cartaxo, Diago Simoes und Jaoe Maia Dias (v.l.) vermittelt Surfer-Insiderwissen.

Billig, schön und gut, aber: Wo sind die Verrückten, die Spinner, die Visionäre der Startupszene von Lissabon? Die stehen vor einem Kiosk auf der Avenida de Liberdade. Ricardo Cartaxo und João Maia Dias haben zwei kleine Biere bestellt und ziehen die Schals und die Lederjacken enger. Es ist Abend geworden und kühl. Beide haben wie ihr Mitgründer Diogo Simões Daytime-Jobs, Cartaxo und Simões als IT-Berater, Maia Dias in einer Werbeagentur. Ihr Startup ist bislang ein Feierabendprojekt. Später wollen sie noch mal ran an ihr Konzept und sich um Fördermittel bewerben.

Ihr Plan ist kühn, aber nicht beknackt: Sie arbeiten an einer Art Siri für Surfer. Nur heißt Siri hier Pam. „Du kannst Pam fragen, wo du an welchem Tag mit welchen Board die besten Wellen hast“, sagt Maia Dias. Bislang ist es so: Vor allem Surftouristen – davon gibt es hier reichlich – tingeln jeden Vormittag die Strände ab, halten kurz, checken die Lage und müssen stets mehrere Boards für verschiedene Wellen mitschleppen. Wer diese Suche abkürzt, hat ein Businessmodell. Surfer geben Hunderte Euro für Anfahrt und Ausrüstungen aus. Darum, glauben die „Pam knows best“-Gründer, dürften sie ein paar Euro für ihren sprechenden Surf-Algorithmus übrig haben, der ihnen den Weg zum idealen Strand weist.

Anders als die großen Startups Lissabons haben die Jungs von „Pam knows best“ weder einen klugen Algorithmus noch ein langweilig solides Konzept vorzuweisen– und stehen gerade damit für den Status der Stadt zurzeit. Die Basis ist da, alle haben Bock. Fehlt nur noch die ganz, ganz große Welle.

 

Diese und weitere Storys gibt es in der aktuellen Ausgabe der Business Punk – jetzt am Kiosk, beim Bahnhofsbuchhandel
oder direkt hier: http://goo.gl/7P8oTm
Mehr Infos und Heftproben: http://goo.gl/RQu6fO

Portrait Daniel Erk

Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.