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Wenn das Auswandern nicht für ewig ist

Auswandern
Foto von Stephan van de Schootbrugge auf Unsplash
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit5 Min · 1.064 Wörter

Die Zahl der Deutschen, die ihrer Heimat den Rücken kehren, nimmt Jahr für Jahr zu. Doch es gibt auch die anderen: Die, die zurückkommen. Oft ernüchtert. Oft mit einem geplatzten Traum im Gepäck. So wie im Fall von Vanessa Schulz.

Traditionell ist Deutschland ein Auswanderungsland. Vor allem im 19. Jahrhundert zog es die Menschen übers Meer in die USA, nach Kanada, Südamerika oder Australien. Das deutsche Wort „Wanderlust” hat es unverändert in die englische Sprache geschafft. War es in der Vergangenheit oft pure Not, die die Leute ihr Glück woanders zu suchen trieb, so steckt heute meist eine Mischung aus Motiven dahinter – von einfacher Abenteuerlust über materielle Anreize bis hin zu Unzufriedenheit im Leben und im Job zuhause. Dazu kommt der Trend problemlos ohne festen Aufenthaltsort arbeiten und leben können. Dank Internet sind neue Jobs auch vom anderen Ende der Welt her machbar. Das reicht vom Callcenter-Mitarbeiter bis hin zum Webdesigner, vom Architekten bis zum Finanzdienstleister. Selbstständige haben es dabei leichter. Oder es lockt eine Gründung oder ein Kauf in der Ferne, der in Deutschland nicht bezahlbar wäre.

So wie bei Vanessa Schulz (Name geändert). Zusammen mit ihrem Ehemann, beide Anfang fünfzig, plante sie akribisch die Übernahme eines Touristenresorts mit Tauchbasis – und sie wählten dafür ihren liebgewordenen Urlaubsort, die Karibikinsel Curaçao, Teil des Königreichs der Niederlande, dabei aber nicht EU-Gebiet. Denn die aktuellen Besitzer – ebenfalls Deutsche – des weitläufigen Areals mit mehreren Gästeapartments waren auf dem Sprung – ironischerweise zurück nach Deutschland. Aus privaten Gründen, wie sie sagten. Das Ehepaar Schulz verkaufte den heimischen Familienbetrieb, behielt aber eine vermietete Immobilie im ländlichen Osten Deutschlands. Die Umsiedelung war mit einigem bürokratischen Aufwand verbunden, aber Investoren sind, wie fast überall, in Curaçao höchst willkommen. Das Ferienresort, erschwinglich, aber renovierungsbedürftig, forderte anschließend alle Kräfte und handwerklichen Fähigkeiten der Neu-Insulaner. Womöglich war es dies, zusammen mit vielen neuen Herausforderungen, die die Eheleute belasteten und es zunehmend knirschen ließen in der Beziehung. 

Im letzten Jahr haben fast 280.000 Deutsche ihre Heimat mit dem Ziel verlassen, woanders neu anzufangen. Zwar meldeten sich im gleichen Zeitraum auch rund 80.000 Bürger amtlich in der Heimat an, aber ob diese nun zuvor ausgewandert, oder zum Beispiel im Ausland geboren waren, ermittelt das Statistische Bundesamt nicht. Ebensowenig tauchen in der Statistik jene Auswanderer auf, die einen Wohnsitz in Deutschland behalten. 

Die Emigranten werden stark von zwei Gruppen geprägt: Zum einen sind es oft jüngere Akademiker, deren Kenntnisse im Ausland gefragt sind und auch entsprechend honoriert werden. In vielen beliebten Ländern sind dazu noch die Steuern und Sozialabgaben erheblich niedriger als in Deutschland – es bleibt mehr des sprichwörtlichen Netto vom Brutto. Eine weitere Gruppe sind Rentner, die ihren gewohnten Lebensstandard im Ruhestand beibehalten wollen, wozu die deutschen Lebenshaltungskosten bei einer vergleichsweise bescheidenen Rente nicht besonders gut geeignet sind. Zielländer sind meist südlichere Gefilde, das bekannte Mallorca-Rentnerparadies oder, besonders erschwinglich, asiatische Länder wie Thailand. Gute Gesundheitsversorgung zählt dabei besonders, ebenso wie Infrastruktur allgemein, das verbindet die beiden Gruppen laut Umfragen am meisten.

Wenige Monate nach dem Umzug entschied sich Vanessa Schulz, ihren Ehemann zu verlassen. Die Beziehung war zerrüttet, und so begannen die Überlegungen: Bleiben oder zurück nach Deutschland? Vorerst blieb sie, auch um die Trennung möglichst einvernehmlich mit zu organisieren. Für die längerfristige Bleibeperspektive sprachen natürlich die ursprünglichen Gründe, überhaupt auf die Insel auszuwandern. Eine Arbeit würde sich schon finden lassen, die amtliche Erlaubnis kein Hexenwerk, falls man gute Gründe hat. Allerdings sprach auch Gewichtiges dagegen:  die Herausforderungen des Alltags in der fremden Umgebung, mit einer fremden Sprache, und dies entgegen der Lebensplanung allein geschultert. Und, als zum Schluss entscheidende Tatsache: Vanessa suchte berufliches Fortkommen. Als Finanzbuchhalterin boten sich dafür in Deutschland doch die besseren Möglichkeiten, Weiterbildungschancen und berufliche Perspektiven. Das ganze bei geregelter Arbeitszeit und eben nicht mit der Perspektive rund um die Uhr im eigenen Betrieb arbeiten zu müssen: mehr Kultur, neue Hobbys, neue Freunde, als das winkte bei einer Rückkehr. Also fiel die Entscheidung für Deutschland, und da für den Südwesten. Neuland im alten. Ebenfalls wieder im ländlichen Raum.

Die Rückkehr nach etlichen Monaten Karibik geschah in der Überzeugung, nun in das gleiche Land zu kommen, das sie zuvor verlassen hatte. Da allerdings wirkte vieles dann doch plötzlich fremd auf die Heimkehrerin: „Corona hatte unglaublich viel verändert”, so Schulz: „Viele Leute sind verschlossener, als ich es in Erinnerung hatte, vorsichtiger geworden – zumindest kommt es mir so vor”. Dazu die Sorgen in Deutschland, die alltäglich durch die Nachrichten auf die Menschen zukommen: „Mir rückten urplötzlich wieder die Berichte über den Ukrainekrieg in den Alltag, dazu das Thema Inflation, Energiekosten, die gestiegenen Preise für eine einfache Urlaubsreise…”. 

Auch angesichts der gar nicht mal so langen Abwesenheit kein Wunder, dass man fremdelt, sagt der Verein „Deutsche im Ausland” (DIA e.V.): „Wenn Sie nach einem Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückkehren, kann es eine Weile dauern, bis Sie sich wieder heimisch fühlen. Die Reintegration in die alte Heimat ist ein Prozess, der genauso viel Zeit und Geduld erfordern kann wie zuvor die Eingewöhnung im Ausland bei der Auswanderung.” 

Vor allem höher Qualifizierte kehrten zurück, sagt der Sachverständigenrat für Integration und Migration: „Bei der Rückkehr nach Deutschland spielen vor allem familiäre Gründe eine Rolle. Auch wenn viele von ihnen finanzielle Einbußen bei einer Rückkehr hinnehmen müssen (eine Ausnahme sind hier Hochqualifizierte), so verbessern sich in Deutschland die sozialen Lebensbedingungen für die meisten merklich, das soziale Umfeld ist also ein starker Standortfaktor.”

Für Vanessa Schulz lief fast alles wie erhofft: Eine Weiterbildung zunächst, viele neue Kontakte, und direkt anschließend wartete bereits der erste Job im neuen alten Leben. Wobei sie für sich ein späteres Leben im Ausland keinesfalls ausschließen möchte: „In meinem Fachgebiet kann man von fast überall aus arbeiten, und wo dann das Home Office angesiedelt ist, spielt keine Rolle”, so Schulz auch angesichts der Tatsache, dass eine neue Kollegin auf den Balearen lebt und für ihren deutschen Arbeitgeber online da ist. Exotisch wirkt derartiges längst nicht mehr.

Reinhard Schlieker

Der langjährige Wirtschaftsjournalist und Autor Reinhard Schlieker bringt einen breiten Fernsehhintergrund mit. 1991 ist Schlieker in die Redaktion des ZDF-Heute-Journals eingetreten. Im Jahr 2000 wechselte er in die Finanzredaktion des ZDF mit Livemoderationen von der Frankfurter Börse in den aktuellen Nachrichtensendungen. Für Millionen Fernsehzuschauer ist Schlieker das seriöse Gesicht der deutschen Börse. 2001 veröffentlichte er das Buch „Zwischen Reibach und Ruin“. Während der Finanzkrise 2008 arbeitete er zeitweise im Team des ZDF-Studios New York und ab 2010 des ZDF-Studios Washington mit. Schlieker war zuvor für den deutsch-britisch-schweizerischen European Business Channel mit Sitz in Zürich tätig, für den er zeitweise auch als Korrespondent aus Paris und London berichtete.