Work & Winning 54 Prozent arbeiten im Urlaub: Warum Erholung immer schwieriger wird

54 Prozent arbeiten im Urlaub: Warum Erholung immer schwieriger wird

Eine US-Umfrage zeigt: Viele Beschäftigte arbeiten auch während ihres Urlaubs, kontrollieren Nachrichten und fühlen sich unwohl, wenn sie nicht erreichbar sind. Die Zahlen sind ein Warnsignal, belegen aber keine medizinischen Diagnosen. Was ständige Erreichbarkeit für die Erholung bedeutet.

Urlaub klingt nach Sonne, Strand und endlich einmal abschalten. Doch für viele Beschäftigte bleibt die vollständige Trennung vom Beruf schwierig. Einer Umfrage der Kommunikations- und Wachstumsagentur Movchan Agency zufolge arbeiteten 54 Prozent der 2.000 Befragten in den USA auch während ihres Urlaubs.

Die Erhebung stammt allerdings aus dem Jahr 2024 und ist damit nicht mehr aktuell. Zudem liegen in den öffentlich zugänglichen Berichten nur wenige Angaben zur Auswahl der Teilnehmenden, zur Feldzeit, zur Gewichtung und zum genauen Fragebogen vor. Die Ergebnisse sind deshalb eher als Stimmungsbild denn als umfassende wissenschaftliche Studie einzuordnen.

Ständige Erreichbarkeit: Urlaub mit dem Chef im Gepäck

Die Zahlen zeichnen dennoch ein deutliches Bild. 54 Prozent der Befragten gaben an, während des Urlaubs zu arbeiten. 59 Prozent hatten Schwierigkeiten, gedanklich vollständig abzuschalten. Ebenfalls 54 Prozent erklärten, sich schuldig zu fühlen, wenn sie während der freien Zeit arbeiteten.

Die Umfrage zeigt außerdem, wie häufig berufliche Kontakte die Erholung unterbrechen. 86 Prozent erhielten im Urlaub Anrufe oder Nachrichten von Kollegen. 63 Prozent fühlten sich unruhig oder ängstlich, wenn sie ihre beruflichen Nachrichten nicht kontrollierten.

Nadya Movchan, Gründerin der Movchan Agency, erklärte, der Anteil der im Urlaub arbeitenden Menschen liege damit niedriger als in früheren veröffentlichten Erhebungen. Dort hätten ungefähr zwei Drittel der Befragten angegeben, während ihrer freien Tage zu arbeiten.

Welche früheren Umfragen damit genau gemeint waren und ob deren Ergebnisse methodisch direkt vergleichbar sind, geht aus den öffentlich zugänglichen Berichten allerdings nicht hervor. Ein sicherer langfristiger Rückgang lässt sich daraus deshalb nicht ableiten.

Die unsichtbare Grenze: Arbeit und Freizeit verschwimmen

Der in mehreren Berichten zitierte Wirtschaftspsychologe Roger Hall führt das Problem unter anderem auf die zunehmende Vermischung von Beruf und Privatleben zurück. Digitale Kommunikation macht Beschäftigte nahezu überall erreichbar, im Homeoffice ebenso wie im Hotel oder am Strand.

Früher schuf der Weg zwischen Arbeitsplatz und Wohnung häufig eine räumliche und zeitliche Grenze. Wer heute mobil arbeitet, trägt das Büro dagegen permanent im Smartphone mit sich. Selbst ein kurzer Blick in das berufliche Postfach kann dazu führen, dass aus wenigen Minuten eine längere Arbeitsphase wird.

Das Problem liegt nicht nur in der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit. Schon die Erwartung, jederzeit reagieren zu müssen, kann verhindern, dass Beschäftigte mental Abstand gewinnen.

In der Arbeitspsychologie wird diese Fähigkeit als psychologisches Abschalten bezeichnet. Gemeint ist, sich in der Freizeit nicht nur räumlich, sondern auch gedanklich von beruflichen Aufgaben zu lösen. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025 zeigt, dass Urlaub das Wohlbefinden deutlich verbessern kann. Besonders hilfreich waren dabei psychologische Distanz zur Arbeit und körperliche Aktivität.

Erschöpfung statt Erholung: Was die Gesundheitszahlen zeigen

Besonders drastisch wirken die Angaben zu den gesundheitlichen Folgen. Laut den verbreiteten Auswertungen berichteten 70 Prozent der Befragten von psychischen Problemen im Zusammenhang mit Überarbeitung, darunter Burnout oder Depressionen. 43 Prozent nannten Angstzustände, etwa jeder Achte gab den Rückgriff auf schädliche Substanzen an.

Diese Angaben müssen jedoch vorsichtig formuliert werden. Sie beruhen auf Selbstauskünften und nicht auf ärztlichen Untersuchungen oder standardisierten Diagnosen. Aus der Umfrage lässt sich deshalb nicht ableiten, dass 70 Prozent der Befragten eine medizinisch festgestellte psychische Erkrankung entwickelt haben.

Ebenso wenig beweist die Erhebung, dass Überarbeitung die genannten Beschwerden unmittelbar verursacht hat. Menschen, die bereits unter Ängsten, depressiven Symptomen oder anderen Belastungen leiden, könnten beispielsweise auch größere Schwierigkeiten haben, sich im Urlaub von der Arbeit zu lösen.

Die Umfrage weist damit auf mögliche Zusammenhänge hin, liefert aber keinen belastbaren Beweis für Ursache und Wirkung. Der Begriff Burnout sollte deshalb nicht als Diagnose verwendet werden, sondern höchstens als von Befragten selbst genannte Erfahrung.

Jobliebe oder Existenzangst: Warum im Urlaub gearbeitet wird

Die Gründe für das Arbeiten während des Urlaubs unterscheiden sich deutlich. 34 Prozent der Befragten erklärten, sie arbeiteten weiter, weil sie ihren Beruf liebten. 29 Prozent nannten dagegen die Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Weitere 26 Prozent arbeiteten nach eigener Aussage, weil der Vorgesetzte es von ihnen verlangte.

Diese Werte zeigen, dass nicht jede Arbeit im Urlaub aus derselben Motivation entsteht. Manche Beschäftigte beschäftigen sich freiwillig mit einem Projekt, weil sie ihre Tätigkeit als erfüllend erleben. Andere reagieren auf direkte Erwartungen, Arbeitsplatzunsicherheit oder fehlende Vertretungen.

Entscheidend ist deshalb, ob die Arbeit tatsächlich freiwillig erfolgt. Wer selbstbestimmt kurz eine Nachricht beantwortet, erlebt die Situation möglicherweise anders als jemand, der trotz genehmigten Urlaubs mit Anrufen, Fristen oder unausgesprochenen Karriereerwartungen konfrontiert wird.

Dass fast ein Drittel aus Sorge vor einem Arbeitsplatzverlust arbeitet, deutet auf ein strukturelles Problem hin. In solchen Fällen lässt sich fehlende Erholung nicht allein durch bessere Selbstdisziplin oder weniger Smartphone-Nutzung lösen.

Die digitale Falle: Warum das Gehirn Abstand braucht

Roger Hall warnt davor, den tatsächlichen Aufwand kurzer Arbeitskontakte zu unterschätzen. Aus dem Vorsatz, nur 20 Minuten lang E-Mails zu prüfen, könne schnell eine mehrstündige Beschäftigung mit einer Tabelle oder einem dringenden Projekt werden.

Auch ohne mehrere Stunden Arbeit kann die mentale Verbindung bestehen bleiben. Wer auf eine Rückmeldung wartet, über ein Problem nachdenkt oder ständig neue Nachrichten erwartet, ist körperlich im Urlaub, gedanklich aber weiterhin im Büro.

Das bedeutet nicht, dass eine einzige beantwortete E-Mail automatisch die Gesundheit gefährdet. Entscheidend sind Häufigkeit, Dauer, empfundener Druck und die Frage, ob daneben noch ausreichend ununterbrochene Erholungsphasen entstehen.

Die wissenschaftliche Forschung spricht dafür, dass psychologisches Abschalten mit stärkerem Wohlbefinden verbunden ist. Eine Metaanalyse zu gezielten Interventionen zeigt außerdem, dass sich diese Fähigkeit verbessern lässt. Maßnahmen gegen belastende Arbeitsbedingungen sowie ein bewussterer Umgang mit beruflichen Gedanken können helfen.

Für Unternehmen bedeutet das: Erholung ist nicht nur Privatsache. Ohne funktionierende Vertretungen, realistische Arbeitsmengen und klare Regeln zur Erreichbarkeit bleibt selbst der beste Digital-Detox-Vorsatz wirkungslos.

Ein Teufelskreis aus Arbeit und Erschöpfung

Die Movchan-Umfrage zeichnet das Bild einer US-Arbeitswelt, in der viele Beschäftigte ihre Arbeit selbst während des Urlaubs nicht vollständig zurücklassen. Ihre Zahlen sind bemerkenswert, aber wegen der begrenzten Methodendokumentation vorsichtig zu interpretieren.

Die Ergebnisse lassen sich zudem nicht automatisch auf Deutschland übertragen. Arbeitsrecht, Urlaubskultur, Zahl der freien Tage und Kündigungsschutz unterscheiden sich zwischen beiden Ländern erheblich. Ohne eine vergleichbare deutsche Befragung wäre die Aussage, dass hierzulande dasselbe Ausmaß herrscht, spekulativ.

Das grundsätzliche Phänomen ist dennoch nicht auf die USA beschränkt. Digitale Erreichbarkeit kann überall dazu führen, dass Beschäftigte zwar offiziell Urlaub haben, praktisch aber weiterarbeiten oder zumindest gedanklich im Job bleiben.

Wissenschaftlich belastbarer als die einzelnen Umfragewerte ist die Erkenntnis, dass Urlaub das Wohlbefinden verbessern kann, wenn Menschen Abstand gewinnen. Eine 2025 veröffentlichte Auswertung von 32 Studien kam zu dem Ergebnis, dass die positiven Auswirkungen von Urlaub größer sind und länger anhalten können, als ältere Forschungsarbeiten angenommen hatten.

Klare Grenzen sind deshalb nicht nur für Beschäftigte wichtig. Unternehmen sollten Vertretungen organisieren, unnötige Urlaubsnachrichten vermeiden und deutlich machen, dass auf Nachrichten während genehmigter Freizeit keine Antwort erwartet wird.

Business Punk Check

54 Prozent arbeiten im Urlaub, 86 Prozent werden kontaktiert, 63 Prozent fürchten das ungelesene Postfach: Die Zahlen eignen sich für eine starke Schlagzeile. Sie stammen aber aus einer Agenturumfrage von 2024, deren vollständige Methodik öffentlich kaum dokumentiert ist.

Noch problematischer wäre es, aus den Selbstauskünften medizinische Tatsachen zu machen. Die Erhebung zeigt nicht, dass Überarbeitung bei 70 Prozent nachweislich psychische Erkrankungen ausgelöst hat. Sie zeigt, dass viele Befragte ihre gesundheitlichen Belastungen selbst mit Überarbeitung in Verbindung bringen.

Der eigentliche Befund ist ohnehin wirtschaftlich genug: Unternehmen schicken Beschäftigte in den Urlaub und lassen sie gleichzeitig weiterarbeiten. Kurzfristig spart das Übergaben und Vertretungen. Langfristig untergräbt es genau den Erholungseffekt, für den bezahlte Freizeit vorgesehen ist.

Wer im Urlaub aus Angst vor einem Jobverlust oder auf Anweisung des Vorgesetzten arbeitet, hat kein Digital-Detox-Problem. Er hat ein Führungs- und Organisationsproblem. Eine Abwesenheitsnotiz ersetzt keine funktionierende Vertretung.

Für Entscheider heißt das: Keine Nachrichten ohne echten Notfall, klare Zuständigkeiten und keine Karrierebelohnung für demonstrative Dauererreichbarkeit. Wer Urlaub als mobilen Bereitschaftsdienst behandelt, produziert keine Leistungskultur, sondern Erschöpfung mit Palmenhintergrund.

Auf einen Blick

  • 54 Prozent der 2.000 Befragten einer US-Umfrage aus dem Jahr 2024 gaben an, während ihres Urlaubs zu arbeiten.
  • 86 Prozent berichteten von Anrufen oder Nachrichten durch Kollegen. 63 Prozent fühlten sich unruhig oder ängstlich, wenn sie ihre beruflichen Nachrichten nicht prüften.
  • 34 Prozent arbeiteten nach eigenen Angaben aus Freude am Beruf, 29 Prozent aus Angst vor einem Arbeitsplatzverlust und 26 Prozent auf Verlangen ihres Vorgesetzten.
  • Die Gesundheitsangaben beruhen auf Selbstauskünften. Sie beweisen weder medizinische Diagnosen noch, dass Überarbeitung die Beschwerden verursacht hat.
  • Eine wissenschaftliche Metaanalyse zeigt, dass Urlaub das Wohlbefinden deutlich verbessern kann, besonders bei psychologischem Abschalten und körperlicher Aktivität.

Quellen

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