Work & Winning Beamtenpensionen: 57 Milliarden Euro Steuergeld für ein Privileg stehen auf dem Prüfstein

Beamtenpensionen: 57 Milliarden Euro Steuergeld für ein Privileg stehen auf dem Prüfstein

Die Rentenkommission will Beamtenpensionen reformieren – doch die wahre Brisanz liegt woanders: 57 Milliarden Euro jährlich für 1,4 Millionen Pensionäre. Was das über Deutschlands Zwei-Klassen-Alterssicherung verrät.

57 Milliarden Euro pro Jahr – so viel kosten Beamtenpensionen den Staat. Tendenz steigend.

Während Angestellte ihr Leben lang einzahlen und sich mit Durchschnittsrenten herumschlagen, kassieren Pensionäre im Schnitt 3.416 Euro brutto monatlich. Die Rentenkommission hat jetzt Reformvorschläge vorgelegt, die das System gerechter machen sollen. Doch Ökonom Peter Bofinger warnt: Eine echte Lösung ist politisch kaum durchsetzbar. Der Rentenexperte und Mitglied der Rentenkommischen warn explizit vor der Einbeziehung von Beamten in die gesetzliche Rentenversicherung: „Das wäre eine massive Doppelbelastung für den öffentlichen Sektor“, sagte er im Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Warum Beamte besser dastehen als der Rest

Das aktuelle System begünstigt Beamte massiv. Für die Pensionshöhe zählt laut Zeit nur die letzte Besoldungsstufe – sofern sie mindestens zwei Jahre lang bezogen wurde. Bei Angestellten fließt dagegen das gesamte Erwerbsleben in die Rentenberechnung ein. Die Folge: Wer kurz vor der Pension noch befördert wird, sichert sich ein deutlich höheres Ruhegehalt. Genau diese Praxis will die Rentenkommission beenden. „Es gibt die Tendenz, dass man die Leute im letzten Jahr noch mal schnell befördert, damit sie eine schöne Pension kriegen“, so Bofinger weiter.

Künftig sollen die letzten fünf bis zehn Jahre vor dem Ruhestand als Berechnungsgrundlage dienen. Bofinger nennt das Problem beim Namen: Gezielte Beförderungen kurz vor der Pension seien gängige Praxis. Die Kommission schlägt deshalb vor, die Wartezeit für die Versorgung aus dem letzten Amt von zwei auf fünf bis zehn Jahre zu verlängern. Der Sozialverband Deutschland unterstützt die Forderung. SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier formuliert es deutlich: Gleiche Arbeit müsse gleiche Absicherung bedeuten.

Das Milliarden-Problem der öffentlichen Haushalte

1,4 Millionen Pensionäre beziehen derzeit Ruhegehälter vom Staat – die Zahl der Empfänger ist im Vergleich zu Mitte der 1990er Jahre um über 80 Prozent gestiegen. Die Kosten explodieren: 56,9 Milliarden Euro im Jahr 2024, vor allem für ehemalige Polizisten und Lehrer. Bund und Länder müssen diese Summen aus Steuermitteln aufbringen, ohne dass Beamte während ihrer aktiven Zeit in die Rentenkasse einzahlen.

Die Rentenkommission hatte ursprünglich eine Erwerbstätigenversicherung als Idealbild bezeichnet – inklusive Beamten. Doch genau hier liegt das Dilemma: Eine Integration von Beamten in die gesetzliche Rentenversicherung würde laut T Online eine jahrzehntelange Doppelbelastung bedeuten. Der Staat müsste als Arbeitgeber Rentenbeiträge für neue Beamte zahlen und gleichzeitig die Pensionen der aktuellen Ruheständler finanzieren. Bofinger spricht von 40 Jahren Übergangsphase – finanziell kaum stemmbar.

Weniger Verbeamtungen, mehr Realismus

Die Kommission empfiehlt deshalb einen anderen Weg: drastisch weniger Verbeamtungen. Nur noch Personen mit hoheitlichen Aufgaben – Polizei, Justiz, Ordnungsbehörden – sollten verbeamtet werden. Für alle anderen Staatsbediensteten müssten ausreichende Rücklagen gebildet werden. Die Bundesregierung will das Gesamtkonzept mit 33 Vorschlägen komplett umsetzen.

Der Bund der Steuerzahler und CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann fordern ebenfalls eine Einschränkung von Verbeamtungen. Die Kommission schließt sich an: Künftige Anpassungen des Rentenrechts – etwa bei der Regelaltersgrenze – müssten wirkungsgleich auf Beamte übertragen werden. Selbstständige und Politiker sollen künftig in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden. Beamte bleiben außen vor – aus verfassungsrechtlichen Gründen und wegen des Länderbeamtenrechts.

Business Punk Check

Die Rentenkommission liefert solide Vorschläge – aber umschifft das Kernproblem. 57 Milliarden Euro jährlich für ein Privileg, das sich historisch überholt hat. Die Zwei-Klassen-Alterssicherung bleibt bestehen, weil echte Reformen politisch zu heikel sind. Stattdessen: kosmetische Korrekturen bei der Berechnungsgrundlage. Die unbequeme Wahrheit: Solange Beamte außen vor bleiben, bleibt das System ungerecht. Angestellte zahlen ein Leben lang ein, Beamte kassieren ohne Beitrag. Die Doppelbelastungs-Argumentation ist nachvollziehbar – aber auch eine bequeme Ausrede.

Andere Länder haben den Übergang geschafft, Deutschland scheut das Risiko. Für Unternehmen bedeutet das: Der öffentliche Sektor wird weiterhin Milliarden in Pensionen stecken statt in Infrastruktur oder Digitalisierung. Steuerzahler finanzieren ein System, das längst reformbedürftig ist. Die Kommission hätte mutiger sein können – stattdessen liefert sie Realpolitik statt echten Wandel. Immerhin: Die Debatte läuft. Jetzt braucht es politischen Willen statt weiterer Gutachten.

Quellen: Zeit, T Online

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