Work & Winning Die größte Karriere-Lüge: Wer am längsten arbeitet, ist nicht automatisch der Beste

Die größte Karriere-Lüge: Wer am längsten arbeitet, ist nicht automatisch der Beste

Warum Unternehmen den ROI ihrer Mitarbeitenden neu denken müssen

Es gibt einen Satz, der sich hartnäckig in den Köpfen vieler Führungskräfte hält: Wer lange arbeitet, leistet viel. Wer früh kommt, spät geht und jederzeit erreichbar ist, gilt als engagiert. Doch genau dieses Denken wird zunehmend zum Wettbewerbsnachteil.

Wir diskutieren über die Vier-Tage-Woche, Homeoffice und Fachkräftemangel. Die eigentliche Frage stellen wir jedoch viel zu selten: Was kaufen Unternehmen eigentlich ein, wenn sie Menschen beschäftigen – Zeit oder Wirkung?

Dass diese Frage berechtigt ist, zeigen auch aktuelle Studien. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) untersuchte gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse die Produktivität von rund 11.000 Beschäftigten anhand realer Leistungsdaten. Das Ergebnis: Mitarbeitende im Homeoffice bearbeiteten durchschnittlich rund 20 Prozent mehr Kundenanliegen als ihre Kolleginnen und Kollegen im Büro – vorausgesetzt, Zusammenarbeit und Wissensaustausch waren gut organisiert. Entscheidend war also nicht die Anwesenheit, sondern die Qualität der Arbeitsorganisation.

Auch das Statistische Bundesamt misst Produktivität längst nicht mehr über Arbeitszeit allein, sondern definiert Arbeitsproduktivität als wirtschaftliche Wertschöpfung pro geleisteter Arbeitsstunde. Selbst auf volkswirtschaftlicher Ebene zählt also nicht die Dauer der Arbeit, sondern das Ergebnis, das in dieser Zeit entsteht.

Trotzdem messen viele Unternehmen Leistung noch immer mit den Maßstäben des Industriezeitalters. Damals war das logisch: Mehr Arbeitszeit bedeutete mehr Produktion. Heute entsteht Wertschöpfung durch Wissen, Kreativität, Entscheidungen und Zusammenarbeit. Ein kluger Impuls kann mehr bewirken als ein ganzer Tag voller Meetings.

Der wahre Return on Investment

In nahezu jedem Unternehmensbereich wird der Return on Investment gemessen. Marketing wird an Conversions bewertet, Maschinen an ihrer Auslastung und Software an Effizienzgewinnen. Nur beim Personal dominiert oft noch eine erstaunlich einfache Kennzahl: Arbeitszeit.

Dabei müsste die entscheidende Frage lauten: Welchen wirtschaftlichen Beitrag leistet ein Mensch für das Unternehmen?

Der Wert einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters entsteht nicht durch Anwesenheit, sondern durch Wirkung. Wer Probleme löst, Kunden gewinnt, Innovationen ermöglicht oder Teams erfolgreicher macht, schafft echten Unternehmenswert – unabhängig davon, ob dafür sechs oder acht Stunden benötigt werden.

Wir verwechseln dabei häufig Output mit Outcome. Output sind erledigte Aufgaben, verschickte Angebote oder geleistete Stunden. Outcome ist das, was daraus entsteht: zufriedene Kunden, bessere Entscheidungen, höhere Produktivität oder nachhaltiges Wachstum. Output lässt sich leicht messen. Outcome entscheidet über den Unternehmenserfolg.

Recruiting braucht ein neues Leistungsverständnis

Als Personaldienstleister erleben wir diesen Wandel täglich. Die besten Bewerber fragen heute nicht mehr nur nach Gehalt oder Homeoffice. Sie wollen wissen, wie Führung funktioniert, wie viel Vertrauen sie erhalten und woran ihre Leistung gemessen wird.

Die attraktivsten Arbeitgeber der Zukunft werden nicht diejenigen sein, die möglichst viele Benefits anbieten. Sie werden diejenigen sein, die Leistung über Ergebnisse statt über Präsenz definieren. Gerade leistungsstarke Menschen möchten Verantwortung übernehmen – und nicht ihre Sitzzeit rechtfertigen.

Der Mut, Leistung neu zu definieren

Immer mehr Unternehmen beginnen, tradierte Arbeitszeitmodelle zu hinterfragen. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus einer betriebswirtschaftlichen Überlegung: Wenn Prozesse effizienter werden, Digitalisierung Routinen übernimmt und Mitarbeitende mehr Eigenverantwortung tragen – warum sollte Produktivität zwangsläufig an eine feste Zahl von Arbeitsstunden gekoppelt sein?

Auch wir beschäftigen uns derzeit intensiv mit dieser Frage und werden unsere vertragliche Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich reduzieren. Nicht, weil wir weniger Leistung erwarten, sondern weil wir Leistung anders verstehen. Entscheidend ist nicht, wie viele Stunden gearbeitet werden, sondern welche Wirkung in dieser Zeit entsteht.

Ein solches Modell ist kein Selbstläufer. Es verlangt klare Ziele, konsequente Priorisierung und eine Führungskultur, die auf Vertrauen statt auf Präsenz setzt. Vor allem aber fordert es ein Umdenken: Wer den Erfolg eines Unternehmens künftig steigern will, sollte nicht fragen, wie sich mehr Arbeitszeit organisieren lässt, sondern wie sich mit derselben oder sogar weniger Zeit mehr Wertschöpfung erzielen lässt. Genau darin liegt aus meiner Sicht eine der wichtigsten Managementaufgaben der kommenden Jahre.

Die Währung der Zukunft heißt Wirkung

Künstliche Intelligenz und Automatisierung werden Routineaufgaben zunehmend übernehmen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie wir die frei werdende Zeit wieder füllen, sondern wie wir sie nutzen, um mehr Wert zu schaffen.

Vielleicht ist die größte Karriere-Lüge unserer Zeit tatsächlich die Vorstellung, dass Erfolg vor allem eine Frage der Arbeitsstunden ist. Die Unternehmen der Zukunft werden nicht diejenigen sein, deren Mitarbeitende am längsten arbeiten, sondern diejenigen, deren Mitarbeitende die größte Wirkung entfalten.

Die Debatte über moderne Arbeit sollte deshalb mit einer neuen Kennzahl beginnen: Nicht Zeit ist der Maßstab für Leistung, sondern der Return on Investment, den Menschen für ein Unternehmen schaffen.

Autor: Tobias Dietze ist ein erfahrener HR- und Personaldienstleistungs-Experte mit über 15 Jahren Branchenerfahrung. Seit 2007 prägt er die Entwicklung der DIEPA Personal GmbH, einem führenden Personaldienstleister in Deutschland, maßgeblich mit. Seine Karriere begann im Bereich Kommunikation und Marketing, bevor er über Stationen im Qualitäts- und Personalmanagement zur Geschäftsführung aufstieg.

In seiner Rolle als Geschäftsführer verantwortet Dietze die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens, insbesondere im Kontext innovativer Personalstrategien, kundenzentrierter Lösungen und der Begleitung von Unternehmen in herausfordernden Arbeitsmarktphasen. Sein Fokus liegt auf maßgeschneiderten Personal- und HR-Konzepten, die echten Mehrwert schaffen und langfristige Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Fachkräften ermöglichen.

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