Work & Winning Wir reden vom Fachkräftemangel – und sortieren Bewerber mit 23 aus

Wir reden vom Fachkräftemangel – und sortieren Bewerber mit 23 aus

Wir diskutieren seit Jahren über Fachkräftemangel. Unternehmen finden keine passenden Bewerberinnen und Bewerber. Und gleichzeitig lesen junge Menschen in Stellenanzeigen, dass sie für eine Einstiegsposition bitte drei Jahre Berufserfahrung mitbringen sollen.

Der Widerspruch, über den wir zu selten sprechen

Laut amtlicher Statistik des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales suchen Berufseinsteiger inzwischen deutlich länger nach ihrer ersten festen Stelle als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig melden viele Branchen Engpässe bei qualifiziertem Personal. Das ist kein Randphänomen, sondern ein struktureller Widerspruch.

Wir sprechen von Mangel, aber wir erwarten fertige Profile. Wir wünschen uns Motivation, belohnen aber lückenlose Lebensläufe. Und wir wundern uns, warum junge Menschen frustriert sind.

Die Akademisierungsfalle und das Missverständnis von Karriere

In Deutschland studieren so viele junge Menschen wie nie zuvor. Bildung ist wichtig, keine Frage. Aber wir haben Karriere über Jahre sehr einseitig definiert. Studium gleich Aufstieg, Startup gleich Tempo, Konzern gleich Prestige. Praxisnahe, verantwortungsgetriebene Rollen abseits von Startup-Bühne und Konzernzentrale tauchten in dieser Erzählung selten als attraktiver Karriereort auf.

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass Teilqualifikationen ein erhebliches Potenzial zur Deckung von Fachkräftebedarfen bieten. Das zeigt: Viele Kompetenzen lassen sich nicht allein an formalen Abschlüssen ablesen. Genau das erschwert es Unternehmen, Potenzial richtig zu erkennen.

Ich erlebe in Gesprächen mit jungen Bewerberinnen und Bewerbern häufig Verunsicherung. Viele haben studiert, Praktika absolviert, Nebenjobs gemacht und fühlen sich trotzdem nicht ausreichend. Sie haben gelernt, dass Karriere geradlinig sein muss. Dass man früh wissen sollte, wo es hingeht. Und dass man bitte keine Umwege macht.

Dabei verlaufen Lebensläufe heute selten gradlinig. Und das ist nichts Schlechtes.

Verantwortung beginnt nicht im Startup Loft

Karriere findet nicht nur im Coworking Space statt. Sie findet auch zwischen Warenannahme, Kundenkontakt und Kasse statt. Führung entsteht überall dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und bereit sind, den nächsten Schritt zu gehen – und wo ein Arbeitgeber ihnen das nötige Vertrauen und die Unterstützung dafür gibt.

Eine unserer jüngeren Kolleginnen ist dafür ein gutes Beispiel. Sie wollte ursprünglich nie in den Einzelhandel. Ihre Bewerbung kam eher aus pragmatischen Gründen zustande. Branchenbegriffe und Abläufe waren ihr anfangs völlig fremd. Was sie bekam, war Vertrauen. Während ihrer Weiterbildung übernahm sie früh Verantwortung, wurde  zunächst Store Manager und übernahm später als Store Opening Manager die Verantwortung für Neueröffnungen in einer größeren Region.

Was mich an ihrem Weg beeindruckt, ist nicht nur die Geschwindigkeit, sondern die Haltung dahinter. Sie hat die Chance genutzt, die sie bekommen hat. Und wir haben gelernt, dass Entwicklung nicht zwingend mit dem perfekten Lebenslauf beginnt, sondern mit Zutrauen.

Ein anderes Beispiel ist ein Kollege, der viele Jahre als Fleischer gearbeitet hat. Mit fünfzig entschied er sich für einen Neuanfang im Handel. Heute trägt er Verantwortung für mehrere Mitarbeitende in einem Store. Solche Wege sind keine Ausnahmen mehr. Sie zeigen, dass Kompetenzen übertragbar sind, auch wenn sie auf den ersten Blick fachfremd erscheinen.

Warum wir als Unternehmen umdenken mussten

Auch wir bei Woolworth stehen vor offenen Stellen und ehrgeizigen Wachstumszielen. Wir expandieren stark und schaffen jedes Jahr rund 2.000 neue Arbeitsplätze. Das funktioniert nur, wenn Menschen Verantwortung übernehmen wollen und dürfen.

Uns wurde schnell klar, dass wir nicht darauf warten können, dass der perfekte Lebenslauf vor der Tür steht. Wenn wir weiter nur nach abgeschlossenen Ausbildungen, exakt passenden Stationen und möglichst viel Erfahrung suchen, schließen wir genau die aus, die wir eigentlich brauchen. Junge Menschen mit Energie. Quereinsteiger mit Lebenserfahrung. Menschen, die vielleicht nicht alles mitbringen, aber bereit sind zu lernen.

Das bedeutet nicht, Standards zu senken. Es bedeutet, Potenzial ernst zu nehmen. Wir schauen genauer hin, stellen Fragen, hören zu. Wir prüfen nicht nur Abschlüsse, sondern Motivation, Verantwortungsbewusstsein und Lernbereitschaft.

Das kostet Zeit. Aber es zahlt sich aus. Viele unserer Führungskräfte haben ihren Weg im Unternehmen begonnen, ohne von Anfang an alle formalen Voraussetzungen erfüllt zu haben. Entscheidend war, dass sie die Chance bekommen haben, sich zu beweisen.

Jobsicherheit ist kein Karrierekiller

In wirtschaftlich unsicheren Zeiten verändert sich auch das Verständnis von Karriere. Startups entlassen Mitarbeitende, Märkte schwanken, Insolvenzen nehmen zu. Stabilität wirkt plötzlich weniger langweilig als noch vor ein paar Jahren.

Sicherheit ist kein Zeichen mangelnder Ambition. Sie schafft die Grundlage, um Verantwortung zu übernehmen und sich weiterzuentwickeln. Wer nicht permanent um den eigenen Arbeitsplatz bangen muss, kann mutiger entscheiden, sich ausprobieren und wachsen.

Was sich ändern muss

Wenn wir ehrlich über Fachkräftemangel sprechen wollen, müssen wir auch über unsere Erwartungen sprechen. Müssen Einstiegspositionen wirklich Erfahrung voraussetzen, die man nur in genau dieser Position sammeln kann? Müssen Lebensläufe perfekt sein?

Ich glaube, wir stehen vor einer kulturellen Aufgabe. Unternehmen müssen lernen, Potenzial früher zu erkennen und mutiger zu fördern. Junge Menschen brauchen echte Einstiegschancen, keine theoretischen Karriereversprechen. Und wir sollten aufhören, Karriere ausschließlich in Titeln und Branchen zu messen.

Der 23-jährige Bewerber ohne drei Jahre Berufserfahrung ist kein Risiko. Er oder sie ist eine Investition. Bei Woolworth haben wir uns entschieden, genau dort anzusetzen und Potenzial früher zu erkennen.

Karriere beginnt nicht mit einem perfekten Profil. Sie beginnt mit einer ersten Chance. Und vielleicht liegt die Lösung für einen Teil des Fachkräftemangels genau dort, wo wir bisher zu schnell aussortiert haben.

Über den Autor:

Eike Habben ist Head of HR‑Service/-marketing bei Woolworth. Er startete bei der Marine, wechselte danach in den Handel und wurde dort durch das Vertrauen seiner Führungskraft gefördert. Später leitete er eine Akademie in der Windkraftbranche und ist seit 2022 Teil des Woolworth‑Teams – erst im Vertrieb, heute im HR. Credo: „Menschen entwickeln sich, wenn man ihnen zuerst vertraut – nicht, wenn man sie sortiert.“

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