Warum Netzneutralität jeden etwas angeht – auch dich

Netzneutralität – ein Begriff, so sexy wie trockenes Weißbrot. Dass Netzneutralität aber ein Thema ist, bei dem man alle Antennen ausfahren und sich nicht weiter dem wohligen Zustand des Nichtwissens hingeben sollte, zeigen aktuelle Entwicklungen. Allen voran die Meldung aus den USA, dass die dortige Internet-Regulationsbehörde Federal Communications Comission (FCC) kürzlich einen Plan veröffentlicht hat, der vorsieht, die Netzneutralität in den Vereinigten Staaten abzuschaffen. Warum die Netzneutralität so wichtig ist und warum sie aktuell gefährdet ist, erklären wir hier:

Was ist Netzneutralität genau?

Netzneutralität sichert einen offenen und gleichberechtigten Internetzugang für alle oder  – technisch gesprochen – die Gleichbehandlung von Datenpaketen im Internet, unabhängig von Absender, Empfänger oder Inhalt. Die Netzneutralität wird dann verletzt, wenn ein Internetdienstanbieter wie beispielsweise die Telekom bestimmte Datenpakete bevorteilt. Ein (fiktives) Extrembeispiel: Dein heißgeliebtes Netflix lädt langsam, dein Mitbewohner bekommt aber keine nervigen Ladesymbole bei EntertainTV angezeigt. Der Grund: Ihr habt den Anbieter Telekom und der will, dass ihr auch die eigenen Produkte konsumiert. Dieser räumt also den eigenen Datenpaketen eine Präferenz ein. Im Endeffekt würde das ein Zwei-Klassen-Internet bedeuten, ohne Netzneutralität keine Egalité im Internet.

Wird die Netzneutralität in Deutschland verletzt?

In Deutschland ist die Netzneutralität durch ein 2017 verabschiedetes Gesetz des Bundestags und durch EU-Recht vermeintlich gut abgesichert. Die Bundesnetzagentur ist dafür zuständig, dass die entsprechenden Regelungen eingehalten werden. Okay, alles safe soweit. Denkt man. Und sieht dann diesen Influencer-Marketing-Beitrag von Lena Meyer-Landrut, in dem sie das neue Zero-Rating-Angebot „Stream On“ der Telekom bewirbt.

Zero-Rating heißt, dass bei der Nutzung kein Datenvolumen verbraucht wird. „Stream On“ kann zu einem Telekom-Mobil-Tarif dazugebucht werden und ermöglicht, abhängig vom Tarif, unlimitiertes Musik- oder Videostreaming. Das ist von einem Netzneutralitäts-Standpunkt her bedenklich, da Netzbetreiber wie die Telekom oder auch Vodafone für diese Angebote nur mit bestimmten Partnern wie Youtube zusammenarbeiten. Andere Dienstleister wie Vimeo werden aber außen vor gelassen. Zudem verstößt „Stream On“ laut “Netzpolitik.org“ gegen die 2015 verabschiedetet EU-Verordnung zur Netzneutralität, unter anderem, da der Service auf kommerziellen Interessen beruht.

Deregulierung in den USA – Gäbe es Konsequenzen für deutsche Verbraucher?

Um es kurz zu machen: Höchstwahrscheinlich. Kommt die Deregulierung in den USA, könnte es zu Nachteilen und Preissteigerung für deutsche Konsumenten kommen. Wie “Gamesindustry.biz“ berichtet, wäre es durchaus möglich, dass Game-Plattformen wie Steam oder das Playstation Network Geld von ihren Kunden verlangen, wenn diese eine schnelle Verbindung für das Online-Gaming oder das Herunterladen von Inhalten wollen. Denkt man noch weiter, könnte es auch sein, dass Streaming-Services mit Sitz in den USA – wie zum Beispiel Netflix – extra an die Netzanbieter zahlen müssten, um weiterhin einen ruckelfreien Seriengenuss möglich zu machen. Das könnte sich da im Endeffekt auch wieder in einer Preissteigerung auswirken.

Quo vadis, Netzneutralität?

Wie es mit der Frage nach einem drohenden Zweiklassen-Internet weitergeht, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. In den USA steht die Entscheidung schon ziemlich fest, da die Gegner der Netzneutralität im Entscheidungskomitee der FCC in der Mehrheit sind. Für Europa und Deutschland ist die Lage relativ ungewiss, da die existierenden EU-Regelungen nicht zwingend ausreichen. Portugal zeigt, was passiert, wenn freier Datenverkehr nicht mehr gewährleistet ist: Der Anbieter Meo hebelt die Netzneutralität komplett aus, da er die Kunden für jedes Social-, Messaging-, oder Video-App-Paket einzeln zur Kasse bittet. Das ist nicht als Präzedenzfall für Deutschland zu werten, aber auch hier wird sich noch zeigen, ob die Netzneutralität auf festen Füßen steht; dass die Bundesnetzagentur die Zero-Rating-Angebote von Telekom und Vodafone bis jetzt weder groß sanktioniert noch verboten hat, ist kein gutes Signal für das freie Internet wie wir es kennen.

Wem jetzt das Lachen vergangen ist, der sollte sich zur Reaktivierung seines Zwerchfells das großartige John-Oliver-Video ansehen. Und wer weiß, vielleicht gibt es noch Hoffnung. Er hat das freie Internet schon einmal quasi gerettet.


Paul Siethoff

Paul hat Kommunikation studiert und sieht seine Stärken vor allem im Kommunizieren. Da er einen Job braucht, in der er seine kommunikative Ader voll ausleben kann, zieht es ihn in den Journalismus. Hat er gerade mal Sendepause, zieht er ein paar Bahnen (im Wasser) oder versucht, politisch informiert zu wirken.

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