Rhetorik: Heilige Kuh schlachten? Wir sollten mit Redeklischees brechen

Wenn eine Universität sich von allen Alumni ausgerechnet den einen Komiker als Graduationsredner aussucht, dann ist das einerseits verständlich: Tim Minchin ist berühmt. Andererseits ist er vor allem berühmt dafür, dass ihm nichts heilig ist. Der Australier hatte kaum seine Dreadlocks übers Pult drapiert, da schlachtete er unter den Augen des gleichermaßen irritierten wie amüsierten Dekans schon die erste heilige Kuh – nämlich das Motivationsredner-Klischee, das ihn an dieses Pult getragen hatte: „Diese Firma, die Buchhaltungssoftware herstellt, schaufelte 12.000 Scheine für einen Extremsportler-Typen als Motivationsredner raus, dem ein paar Gliedmaßen abgefroren waren, als er auf einem Felsvorsprung festgesteckt hatte. Ich fand das merkwürdig. Software-Verkäufer, finde ich, sollten jemandem zuhören, der eine lange und glückliche Karriere als Software-Verkäufer gemacht hat. Nicht einem übermäßig optimistischen Ex-Bergsteiger. Irgendein armer Verkäufer hoffte darauf, etwas über Verkaufstechniken zu hören – und ging mit Sorgen über den Blutfluss zu seinen Extremitäten nach Hause. Das ist nicht motivierend. Das ist verwirrend.“

Er sei kein Motivations- oder Inspirationsredner, fügte Minchin an, aber immerhin habe er einen Abschluss von dieser Uni. Und es trotz Perspektivenmangels mit einem geisteswissenschaftlichen Abschluss zu irgendetwas gebracht. „Du musst keinen Traum haben“, lautete denn auch die erste seiner neun Lebenslektionen, die alles waren, nur keine Erfolgsmantren. Mal ehrlich: Wann hast du in deinem Unternehmen den letzten Vortrag, die letzte Präsentation gehört, die nicht auf irgendeinem Klischee festhing? Und hast du selbst schon mal in Erwägung gezogen, rhetorisch andere Saiten aufzuziehen?

Es stimmt nicht, dass eine Motivationsrede klingen muss wie eine Motivationsrede. Es ist nicht wahr, dass eine Rede nicht funktioniert, nur weil sie bestimmte Klischees nicht bedient. Ganz im Gegenteil: Einem Uni-Absolventen, der sein Leben noch nicht bis zur Gruft durchgetaktet hat, tut ein Redner gut, der ihm den Druck mal für ein paar Minuten abnimmt. Und es ohne Weltveränderungsvision selbst zu etwas gebracht hat. Also schnapp dir bei nächster Gelegenheit mal eine heilige Kuh, die dir schon immer auf die Nerven geht, und schneid ihr den Hals durch.

Spar dir zum Beispiel die unsäglichen Begrüßungsfloskeln, die die meisten Vorträge und Präsentationen schon versauen, bevor sie begonnen haben. Sprich beim Verkaufen zur Abwechslung mal über den Kunden, nicht übers Produkt. Lass beim Meeting mal die Kommastellen weg und zitiere ein paar coole Kundenfeedbacks (die Zahlen kannst du auch in ein Memo packen). Und tu es um Himmels willen mit Humor. So wie Minchin bei der Schlachtung der heiligen Glückskuh, einer sehr ernsten Angelegenheit: „Such nicht nach dem Glück. Das Glück ist wie ein Orgasmus: Wenn du zu viel darüber nachdenkst, geht es weg. Zufriedene Urmenschen wurden aufgefressen, bevor sie ihre Gene weitergeben konnten.“


René Borbonus

René Borbonus ist Trainer, Buchautor und Vortragsredner und zählt zu den gefragtesten Experten für professionelle Kommunikation im deutschsprachigen Raum. Er ist einer der meist gebuchten Redner zu seinen Themen Rhetorik und Kommunikation.

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