Travis Kalanicks temporärer Rücktritt könnte der Dolchstoß für Uber sein

Ein Unternehmen wie Uber muss so aggressiv sein, wie Travis Kalanick es bisher vorlebte. Dass er jetzt auf unbestimmte Zeit geht, ist daher denkbar schlecht für den Transportgiganten.

Nachdem, was über ihn bekannt ist, zeichnet sich in der öffentlichen Wahrnehmung ein klares Bild: Der gerade auf unbestimmte Zeit pausierende Uber-CEO Travis Kalanick ist ein Enfant terrible, ein Chauvinist und Egomane, dessen aggressive Unternehmensstrategie auf Rücksichtslosigkeit und zu einem Teil darauf beruht, gegen Gesetze in aller Welt zu verstoßen. Viele Menschen fragten daher, so wie Kadhim Shubber in der Financial Times’ Alphaville: “How [was] a person so lacking in basic human and corporate ethics allowed to run a company for so long?“

Eine gerade veröffentlichte Untersuchung, die Uber eine unangenehme und sexistische Unternehmenskultur attestierte, war nun mit ein Auslöser dafür, dass Kalanick am Dienstag auf unbestimmte Zeit seinen Hut nahm. Zuvor wurden wegen Sexismusvorwürfen bereits 20 Mitarbeiter gefeuert, am Montag schmiss Kalanicks rechte Hand und Chef-Fundraiser Emil Michael hin.

Medienwirksames Skandalnudelgesicht

Logisch einerseits: Das Unternehmen kommt zu dem Schluss, dass die Führung nicht geeignet ist und zieht daraus personelle Konsequenzen, um Schaden von sich abzuwenden. Außerdem beschloss der Verwaltungsrat auf Grundlage des Reports weitere massive Änderungen bezüglich Ubers Managementstils, hin zu mehr Transparenz und Gleichberechtigung. Trotzdem: Man kann sich über den chauvinistischen Führungsstil Kalanicks im Klaren sein, kann all die Skandale und Vorwürfe im Sinn haben, die den 40-jährigen Kalifornier seit Langem begleiten und trotzdem feststellen, dass sein Rückzug für das Unternehmen selbst denkbar schlecht ist.

Das ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass Travis Kalanick genau so ist, wie oben beschrieben: Der anscheinend skrupellos treibende Kopf hinter Uber und das medienwirksame Skandalnudelgesicht eines Unternehmens, das mit seinem Geschäftsmodell alles andere als einzigartig ist. Dieser Mann verkörpert das Unternehmen. Und das gefällt vielen Investoren, die oft nicht in Ideen, sondern in Köpfe dahinter investieren. Wer die Geschichte Ubers kennt, weiß, dass Investoren bereitwillig das Geld hinterherschmissen – trotz Skandalen, trotz massiver Konkurrenz daheim und trotz Underdog-Status gegenüber dem Konkurrenten Didi in China. So schnell Uber das Geld auch verbrannte, Google, Microsoft, Blackrock – sie alle legten immer noch ein fettes Brikett drauf. In jüngsten Finanzierungsrunden wurde das Unternehmen laut verschiedener Medienberichte mit bis zu 69 Milliarden Dollar bewertet.

Kalanick, der Geläuterte?

Zwar dürfte bei Kalanicks Entscheidung auch der tragische Tod seiner Mutter und die schweren Verletzungen seines Vaters bei einem Bootsunfall einen Anlass gegeben haben. Dieser Verlust ist eine persönliche Tragödie, die eine Auszeit allzu verständlich macht. Doch dürfte am Ende vor allem der öffentliche und innerbetriebliche Druck nach dem vernichtenden Urteil des Berichts über ihn selbst dazu geführt haben, dass Kalanick nun den Geläuterten geben muss und kein Datum für seine Rückkehr nennt. In der Mail, die diesbezüglich seine Mitarbeiter informierte, hieß es nur: „See you soon„.

Nur, die Rolle eines reuigen Unternehmens, das Besserung gelobt, nimmt man Uber nicht so schnell ab. Und Kalanick selbst erst recht nicht, wenn er ganz selbstkritisch in seiner Mail schreibt: „If we are going to work on Uber 2.0, I also need to work on Travis 2.0 to become the leader that this company needs and that you deserve.“

Falls es dem Unternehmen jedoch tatsächlich ernst ist mit einer Kurswende, mit dem Kampf gegen Diskriminierung und seinem angeblichen Abgesang auf die Aggression, ist das zwar eine überaus lobenswertes und zu förderndes Vorhaben. Doch kann Uber es sich leisten, die Galionsfigur Kalanick von Bord zu werfen?

Geldverbrennungsmaschine

Denn Uber muss vielleicht dieses aggressive Unternehmen sein, um überhaupt überleben zu können: Zum einen macht Uber nicht wirklich Geld – das Unternehmen hat 2016 rund 2 Milliarden Dollar verbraten. 60 Prozent einer Uber-Fahrt sind subventioniert. Die Burn-Rate des Unternehmens wird auch dieses Jahr im Milliardenbereich bleiben. Ein massier Pivot (unwahrscheinlich) oder weiteres Durchboxen bis zum Ende des Tunnels scheinen da die einzigen Möglichkeiten.

Doch vielleicht spielt kaum etwas davon eine Rolle – schließlich könnte das ganze Geschäftsmodell in sich zusammenfallen, sobald Uber ein wichtiges Gerichtsverfahren (Fahrer gegen Uber, Passagiere gegen Uber, Staaten gegen Uber) verliert und einen Dominoeffekt schafft. Dass Uber all das bisher ausgehalten und weitergemacht hat, ist zu großen Teilen dem Führungsstil eines radikal-liberalen Travis Kalanick zu verdanken, der mit dem Vorschlaghammer in einen Markt eindringt und ein klassisches Geschäftsmodell zerschmettert.

Andererseits ist auch die Frage berechtigt, ob es ein solches Unternehmen überhaupt braucht. Eines, das ausschließlich auf Konfrontation statt Kooperation setzt. Wenngleich vielleicht progressiv, nachhaltig ist das nicht. Klar lässt sich argumentieren, dass das Geschäftsmodell Taxi gegenüber neuen Ideen kein alleiniges Existenzrecht haben sollte, nur weil es schon hundert Jahre alt ist. Aber muss deswegen jeder Markt gleich radikal umgestürzt werden? Muss deswegen wirklich ein Krieg gegen das „Arschloch namens Taxi“ geführt werden?


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

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