Selbstoptimierung: Vom Wahn zum Sinn

Und dann stellt sich die Frage nach dem Sinn. Wieso das alles, und wie lange noch? Ein Leben lang? Nur um besser zu werden, nur um endlich auch mal glücklich zu sein, so wie alle anderen mit ihren endgeilen Insta-Shots? Sloterdijk schrieb in seinem schwer verdaulichen „Du musst Dein Leben ändern!“ über die Bedeutung der Lebenspraxis, der Disziplin. Die leichter verdauliche Grund-Botschaft macht Angst und wird gern ignoriert: Ändere es nicht einmal, sondern immer. Jeden. Einzelnen. Fucking. Tag.

Und das ist nicht beileibe nicht leicht. Sich zu verändern ist Arbeit, Disziplin, Machen. Denken, Wünschen und Hoffen ist schön und lieb. So wie die Zopfpullihände, die auf den Zeitschriftencovern die dampfende Kaffeetasse umschließen. Aber, leider, hilft es nicht.

Monkey Legs, Monkey Mind

Nochmal aus einer anderen Perspektive: Der Job deiner Beine ist Laufen. Der Job deines Geistes ist Denken. Denken ist leichter als laufen, deshalb denken viele Leute dauernd in der Gegend rum. Sie denken, wünschen, wollen, und fallen dann auf den hundersten Heilbringer herein, der ihnen die Lösung für ihr Leid in „Three Easy Steps“ verspricht. Immer neue Kühe werden durchs Dorf getrieben, die Wurst bleibt die gleiche.

Auch nach „nur mal ein paar Tagen“ Fitnessstudiopause bilden sich die Muskeln wieder zurück, weil who the fuck cares? „Wer braucht uns schon?“, sagen sie, leeren ihre Energie in Richtung Gürtellinie und verschwinden. In unserem Innersten ist das nicht viel anders. Unsere Gewohnheiten, mentalen und emotionalen Prozesse, die wir uns so hart aufgebaut haben, verkümmern schon am ersten Tag, an dem wir sie nicht mehr nutzen.

Kontrolle an der Identitätsgrenze

Und am Ende geht’s oft nur um eines: Kontrolle. Ich will glücklich werden. Ich will reich sein. Ich will diesen oder jenen Zustand leben. Das Unkontrollierbare kontrollieren zu wollen, scheitert jedoch schon am Chef, der sich partout nicht so verhalten will, wie es eigentlich besser wäre. Irgendwann geben wir auf und sagen, „ach, naja so isser halt“ und schenken ihm auf der Weihnachtsfeier nochmal Glühwein nach. Noch größer scheitert das Kontrollierenwollen am Leben, das sich genau dadurch auszeichnet, nicht kontrollierbar zu sein. Mein Biolehrer sagte mal, es gäbe ein Wort für ein organisches System, das sich nicht mehr bewegt: tot.

Zweitens: Sich selbst optimieren heißt vor allem, sein Selbst zu optimieren. Versuchen, krampfhaft womöglich, zu einem neuen Selbst zu werden, kann kaum mehr sein als ein netter Versuch. It’s all about comparing one’s insides to other people’s outsides. (Anne Lamott, „Bird by Bird“)

Und sind unsere Eigenheiten nicht das, was uns ausmacht? Ein lieber Kollege von mir ernährt sich seit Jahrzehnten ausschließlich von Chips, Erdnüssen, Gummibärchen, Schokolade und Kaffee. Und ist dabei gesund, fit und erstaunlich sozial verträglich. Ich komme fast immer eine Viertelstunde zu früh zu Verabredungen. Selbst die U-Bahn, die mich exakt pünktlich anliefern soll, fährt gefühlt viel zu schnell und torpediert mein neues Selbst, das doch so gern auf die Minute genau aufschlagen will oder – wie die Anderen, die Coolen, die Verwegenen – auch mal fünf Minuten zu spät.

Optimieren innerhalb der Identitätsgrenze ist nicht nur leichter, als sich eine neue Identität zu basteln. Es ist tatsächlich das einzig Mögliche, wenn man nur ein einziges Leben zur Verfügung hat.

Ein kluger Abschluss

Der Redakteur schlug mir vor, den Artikel mit einer „klugen Aufbereitung von wirklich nützlichen Tipps“ zu beschließen. Mit Erinnerung an die einleitende Warnung hier meine aktuellen Top Two der Selbstoptimierungsslogans:

1. Auf den Fels in der Brandung kacken die Möwen.
2. Sei ein Eichhörnchen.

Der Fels erinnert an die Unsinnigkeit, felsenfest werden zu wollen, einen Zustand erreichen zu wollen. Wer fest steht, ist allem ausgeliefert.

Und das Eichhörnchen? Baum rauf, Baum runter, Nüsschen sammeln, neuen Baum suchen, rumhüpfen. Wenn man in diesem Fluss mal drin ist, kann sich das alles tatsächlich ziemlich gut anfühlen, irgendwie lebendig.


Mathias Maul

Mathias Maul debuggte erst Software, später Menschen. Nach zehn Jahren in seiner Praxis für Psychotherapie führt er heute eine Content-Strategie-Agentur und coacht seine Klienten in den Dünen von Sylt oder Londoner Parks.

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