Leadership & Karriere Vom Sportplatz bis zum Exit: Die Gründerstory von Freeletics

Vom Sportplatz bis zum Exit: Die Gründerstory von Freeletics

„Wir zeigen in unseren Videos Leute, mit denen wir gemeinsam Sport treiben und mit denen sich die Menschen wirklich identifizieren können“, sagt Yilmaz. „Anders wäre es auch nicht gegangen“, ergänzt Cornelius. Promis hätten sie sich gar nicht leisten können. „Als wir Freeletics entwickelt haben, hatten wir nicht nur ein bisschen kein Geld. Wir hatten gar kein Geld“, sagt er. Sie ließen sich von Mama oder Freundin durchfüttern. „Kaufen wir uns zum Mittagessen Thun sch oder Hüttenkäse für einen Euro – das waren die Entscheidungen, mit denen wir uns rumgeschlagen haben“, sagt Yilmaz.

Die über soziale Medien verbreiteten Videos ließen Freeletics schon während der Testphase wachsen. Die drei gründeten Facebook-Gruppen für verschiedene Städte, wo Menschen sich zu Trainings verabreden konnten. Ständig lockten sie User mit Links auf ihre Homepage, wo sie sich in einen Newsletter eintragen und einen kostenlosen, sechswöchigen Trainingsplan abonnieren konnten – zu Testzwecken. Vorbereitung für die perfekte Sport-App, die Cornelius, Yilmaz und Matijczak entwickeln wollten.

Ein Jahr bastelten sie an ihrem Konzept, sprachen mit Sportwissenschaftlern, analysierten Videos ihrer Sessions. Bald gab es zig Workouts, von deren Wirkung die drei überzeugt waren. Dank ihrer Newsletter, Facebook-Gruppen und den ersten Transformationsvideos hatten sie zudem eine fanatische Fangemeinde im Netz aufgebaut. „Die Leute haben danach gelechzt“, erinnert sich Matijczak. „Die haben uns gemailt und angefleht, bitte gebt uns was, womit wir trainieren können.“ Das einzige Problem: Keiner von ihnen konnte programmieren.

An einem Donnerstagmittag im April 2013 mochten sie sich nicht mehr zwischen Hüttenkäse und Ein-Euro-Thunfisch entscheiden, sondern hatten Bock auf – nein, natürlich nicht saftiges Steak, sondern: richtig teure Salate. Sie beschlossen jedenfalls, auf ihrer Website den ersten Freeletics-Coach anzubieten. Ein etwa 50-seitiges E-Book für 30 Euro mit einem Trainingsplan für 15 Wochen. Am Montagmorgen startete der Verkauf. Montagmittag waren die Geldsorgen Vergangenheit. Und auch ein Programmierer konnte bezahlt werden.

Die erste Version der Freeletics-App war Mitte 2013 für 5 Euro zu haben. Heute kostet der virtuelle Coach monatlich 13 Euro, das Jahresabo gibt es für rund 80 Euro. Ein intelligenter Algorithmus fragt nach Schmerzen und Muskelkater und passt die Work-outs an. Wer will, kann einen Ernährungsplan dazubuchen. Aus den Brainstorming-Sessions auf dem Bolzplatz ist ein richtiges Business geworden. Endlich.

Der verbesserte Mensch

Das Büro, in dem die Gründer Besucher empfangen, hat eine Glaswand. Durch die Scheibe hat man einen guten Blick auf die Trainingsfläche. Immer wieder kann man Menschen beobachten, die Pull-ups, also Klimmzüge, machen oder im rasanten Tempo Liegestütz und sich danach wieder hinter ihren Laptop klemmen. Gerade hängt sich einer an die Klimmzugstange. „Das ist ein Muscle-up“, kommentiert Yilmaz, „die stärkere Version von einem Pull-up.“

„Chapeau“, sagt Matijczak.

„Chapeau“, sagt Cornelius.

„Chapeau“, sagt Yilmaz.

Die drei sehen es mit Genugtuung, wenn ihre Mitarbeiter sich reinhängen. Und sie erwarten es auch. Täglich trainieren die Kollegen, Dienstagabend immer alle zusammen, um 16 Uhr veranstalten die Programmierer einen Pull-up-Challenge. Freiwillig, versteht sich. „Um das größte digitale Sportprodukt der Welt zu werden, haben wir ein starkes Team aufgebaut“, sagt Yilmaz. „Und wir bauen ein noch stärkeres.“ Es klingt wie eine Kampfansage.

Drei Grundsätze gelten in der Firma, erklärt Cornelius. Erstens: „We find purpose“, zweitens: „We are a family“, drittens: „We outperform“. Der Deal: ein schönes Büro und Teambuilding-Maßnahmen auf Fuerteventura gegen die Bereitschaft, alles für die Company zu geben. In den zahlreichen Jobanzeigen auf ihrer Website versprechen sie: „The chance of playing a crucial role and being part of something really BIG.“ Und das meinen sie ganz genau so. „Wir wollen jeden Menschen zu der besten Version seiner selbst werden lassen“, sagt Cornelius. Nicht nur physisch, sondern auch mental. Es geht also gar nicht um den perfekten Körper?

„Überhaupt nicht“, sagt Matijczak.

„Überhaupt nicht“, sagt Cornelius.

„Überhaupt nicht. Uns treibt wirklich unsere Vision an“, sagt Yilmaz.

Auf Facebook veröffentlicht Freeletics fast täglich Motivationsnachrichten. Meist mit Bildern von trainierenden Menschen mit schmerz- verzerrtem Gesicht. Viele Kunden teilen die Sprüche. Zusätzlich werden sie ermuntert, ihren Körper zu fotografieren und die Bilder auf Facebook zu posten. So werden Tausende einerseits zu kostenlosen Testimonials, andererseits stacheln sie sich gegenseitig an.

Das Sixpack ist die Einstiegsdroge. Es gibt Leute, die schreiben, dass sie anfangs nur dafür gekommen seien. Jetzt wollten sie nur einfach immer stärker werden und sehen, dass sie viel mehr erreichen können. Umgekehrt berichtete eine Frau in einer Facebook-Gruppe, dass sie von ihrer Geld-zurück-Garantie Gebrauch gemacht hat. Der Shitstorm von anderen Nutzern war eindrucksvoll. So ist das wohl, wenn einer aussteigen will. Denn viele, die mit Freeletics trainieren, machen nicht einfach nur Sport. Sie werden Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft, die nach eigenen Ritualen und Regeln funktioniert, die Cornelius, Yilmaz und Matijczak ihr gegeben haben.

Das oberste Gesetz der Athleten lautet: Workouts werden nicht abgebrochen. „Aufgeben ist keine Option!“, brüllt die Trainerin auf der Theresienwiese. Das gilt mir: Die anderen Frauen sind längst fertig. Die Stoppuhr meines Handys zeigt 43 Minuten, als ich die Übungen endlich geschafft habe. Vor meinen Augen flimmert es, ich muss fast kotzen. „Deine erste Dione, direkt unter 45 Minuten! Super!“, lobt mich die Trainerin. Die anderen bekunden mit einem doppelten Handschlag – dem Freeletics-Gruß „Clap-Clap“ – ihren Respekt.

Was den Suchtcharakter erhöht: Bereits nach zwei trainingsfreien Tagen setzt der Muskelabbau ein. Also hört für Freeletics-Kunden die Arbeit am eigenen Körper nie auf. Sportpsychologen zufolge fördern alle Sportarten, die auf das Formen des Körpers abzielen, narzisstisches Verhalten. Bei Freeletics sei es extrem, sagt der Münchner Sportpsychologe Jürgen Beckmann, weil die Sportler ihren Körper ständig präsentieren.

Wer Freeletics ernst nimmt, geht bei jedem Work-out an seine körperliche Belastungsgrenze – oder darüber hinaus. Bis die Mädchen weinen und junge Männer sich übergeben. Manchmal verabreden sich Freeletics-Athleten zu Hell Days oder Hell Weeks. Bei einem Hell Day trainieren sie dreimal am Tag.

Warum fordert Freeletics diese gnadenlose Härte gegen sich selbst? Weil es vielen Menschen schwerfalle, sich Ziele zu setzen und wirklich hart für sie zu arbeiten. Willenskraft, glauben die Gründer, helfe, ein glücklicheres, gesünderes und selbstbestimmtes Leben zu führen. „Durch das Training deines Körpers lernst du Sachen zu machen, die du nicht machen willst“, sagt Matijczak. Sie hätten alles gelesen, was es in der Psychoecke zum Thema gibt. „Du lernst: Wenn du irgendwo viel Arbeit reinsteckst, kommt auch was raus“, ergänzt Cornelius. Was für Freeletics gilt, gilt auch für den Beruf, die Beziehung, für das ganze Leben.

Alles unter Kontrolle

Man kann das jetzt für esoterisches Geschwurbel irgendwo zwischen Bodybuilding und NLP halten oder nicht. Im Fall von Cornelius, Yilmaz und Matijczak hat es geklappt. Investoren belächelten sie, trotzdem schufen sie ohne Startkapital aus simplen Zutaten – klassische Turnübungen, etwas Programmiercode, dazu Gruppendruck und Narzissmus – ein skalierbares und vermutlich ziemlich lukratives Business. Wie lukrativ, darüber wollen sie nicht reden, und sie sagen, was Gründer so sagen: „Unser ganzes Geld steckt in der Firma“, so Matijczak. „Du kannst einen Wirtschaftsprüfer fragen, was er glaubt, wie viel unser Unternehmen wert ist, aber von uns wirst du keine konkreten Zahlen erfahren.“

In Gedanken sind sie eh schon weiter als beim Tagesgeschäft. Seit Januar 2014 ist Daniel Sobhani, ehemals Berater bei der Boston Consulting Group, CEO der Freeletics GmbH. Trotzdem, erfährt man, wollen sie in alle wichtigen Entscheidungen einbezogen werden – klar. Sie kommen aber nur noch sporadisch ins Büro, arbeiten an neuen Projekten. Woran? „Stay tuned“, sagt Cornelius. Die Gründer halten alle Anteile am Unter- nehmen. „Investoren können Druck au auen, aber wir wollten uns nie verbiegen“, sagt Matijczak. Und jetzt braucht Freeletics sie nicht mehr.

Nach meinem ersten Freeletics-Workout kann ich mich kaum bewegen. Gleich morgen weitermachen? Ich bitte in der Facebook-Gruppe „Freeletics Femme“ um Ratschläge. „Magnesium vor dem Schlafengehen und viele eiweißhaltige Sachen essen! Manchmal hilft auch eine Aspirin“, empfiehlt Marina. „Du hast ganz toll durchgehalten“, lobt mich Anja. „Der erste Muskelkater ist meistens der schlimmste“, schreibt sie. Dann fügt sie noch etwas hinzu: „Genieß es!“


 

Der Artikel ist die Titelgeschichte aus unserer Ausgabe 02/15. 

 

 

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