Techcrunch-Redakteur Mike Butcher: „Brexit wird andere europäische Städte stärken“

Mike Butcher ist Editor-at-large beim Nachrichtenportal Techcrunch und berät unter anderem die britische Regierung zu Startup-Fragen. Wir haben mit dem ausgewiesenen Experten für die europäische Tech-Industrie über den Brexit und die Folgen für den Startup-Standort UK und inbesondere London gesprochen.

Viele Leute glauben, Frankfurt wird nach dem Brexit Europas neuer Finanz-Hotspot Europas. Auch Paris meldet Interesse an. Zugleich setzen Amsterdam, Barcelona, Berlin und viele weitere Städte auf die Förderung von Startups. Was macht London – Brexit hin oder her – einzigartig?

London hat noch immer die größten Risikokapitalgeber. Im Vergleich erscheinen die Venture-Capital-Volumen anderer europäischen Städte klein. Das bedeutet natürlich nicht, dass sich das nicht ändern kann. Es ist ein bisschen wie mit einem großen Tankschiff: Es ist sehr schwer, das zu steuern. Wenn du anfängst zu lenken, braucht es eine halbe Stunde, um nach links oder rechts zu drehen, weil es so groß ist. So ist London. Realistisch gesehen wird das eine Weile so bleiben. Doch natürlich wird der Brexit auch andere europäische Städte stärken.

Auf welche Weise?

Einige Staaten haben erkannt, dass London und das UK einen Vorteil hatten und gestalten nun ihre Gesetze etwas flexibler für Startups. Was aber für lange Zeit Londons Vorteil bleiben wird, das ist die hohe Diversität: Es gibt nicht nur den Finanzsektor. Da ist die Filmindustrie, die Musikindustrie, die Tech-Industrie. Mit Cambridge und Oxford gibt es in der Nähe Biotech, Bio-Engineering. London, Oxford und Cambridge bilden außerdem ein KI-Zentrum.

Klingt alles weniger nach Crash, als nach fließenden Übergang. Und dass es nun darauf ankommt, wie gut die künftigen Verträge zwischen dem UK und der EU ausgehandelt werden.

Richtig, ich könnte mir vorstellen, dass sich Fintech vielleicht mehr in Frankfurt ansiedeln wird. Aber Frankfurt ist auch sehr teuer und Startups brauchen geringen Einsatz von Mitteln für Büroräume, um sich anzusiedeln. Wenn es dich also viel Geld kostet, überhaupt in Frankfurt anzufangen, dann ist das ein Problem. Es ist nicht so, das Frankfurt plötzlich das neue Fintech-Zentrum sein wird. Die Stadt wird eher von Finanzinstituten profitieren, die dorthin umziehen, als von Fintech-Startups. Jedenfalls sehe ich das im Moment nicht so kommen.

Die Wirtschaft liebt Berechenbarkeit. Wie gehen die Firmen damit um, immer noch nicht zu wissen, was nach dem März 2019 genau passieren wird?

Ja, das ist richtig. Viele Top-Unternehmer sind ja auch an die Öffentlichkeit getreten und haben sich für ein neues Referendum ausgesprochen. In diesem Jahr habe ich die Interessensgruppe Tech for UK initiiert, in der sich 150 Tech-Leader, CEOs und Gründer für eine Volksabstimmung zum Brexit ausgesprochen haben. Im Moment herrscht völlige Unsicherheit darüber, ob es einen Deal geben wird, einen No-Deal-Brexit oder irgendetwas anderes. Das heißt, dass im UK angesiedelte Unternehmen momentan einfach diese Unsicherheit verwalten. Aber – und das ist nicht repräsentativ – mir sind einige Startups bekannt, die bereits entschieden haben, gar nicht erst ins UK zu gehen. Als britischer Staatsbürger finde ich das traurig. Aber die Sache ist die: Man kann nicht leugnen, dass es in irgendeiner Weise einen Effekt haben wird. Allerdings kann man keine Startups tracken, die hier gar nicht erst herkommen. Es geht eher über das Gefühl. Das Netzwerk Tech Nation führte dazu vor Kurzem eine Untersuchung unter Startup-Foundern im UK durch und selbst diese von der Regierung finanzierte Organisation kam zu dem Schluss, dass unter den Top-3-Problemen bei der Entscheidungsfindung der Brexit das aktuellste war. Das große Problem ist, dass der Brexit ja nicht ein einziges Event ist, sondern ein Vorgang, der sich über Jahre hinzieht.

Wenn Sie gerade über das Gefühl der Leute sprechen – gibt es Stimmen in der Startup-Szene, die in die andere Richtung tendieren? Die sagen, der Brexit ist gut für uns oder wir wollen gerade deshalb ins UK?

Die Umfragen unter Startup-Gründern haben ergeben, dass eine große Mehrheit in der EU verbleiben will, irgendwo zwischen 75 und 85 Prozent. Auch ich habe lautstark geäußert, dass das nicht gut fürs UK und die Tech-Industrie ist. Mir sind vier, vielleicht fünf Leute begegnet, die öffentlich immer noch Pro-Brexit sind. Damit will ich nur verdeutlichen, dass der Support innerhalb der Tech-Industrie für den Brexit sehr gering ist.

Bei der Diskussion um den Brexit geht es oft um den Effekt auf die europäische Wirtschaft. Der Populismus und der Aufstieg rechter Gruppierungen wird dagegen weniger thematisiert. Denkt man in den Unternehmen darüber nach?

Die Tech-Industrie war immer sehr international und es gab immer eine große Akzeptanz gegenüber Gender, Ethnizität und so weiter. Nun kann man die rassistischen Übergriffe oder die Sichtbarkeit der Rechten in Deutschland oder im UK nicht übersehen. Die Kriminalitätsstatistik zu rassistisch motivierten Übergriffen ist nach oben geschossen. Das ist sehr besorgniserregend und ich denke, diese beiden Dinge hängen zusammen. Ich bin mir sicher, die Tech-Industrie ist sich dessen überaus bewusst. Nach den mir bekannten Zahlen sind über ein Fünftel der dort Beschäftigten im UK Bürger der EU. Natürlich sind die in der Regel gut ausgebildet und die Regierung wird sie, zum Beispiel mit einem speziellen Aufenthaltsstatus, eher an Board halten wollen. Die Sache ist aber die: Entrepreneurship kann von überall her kommen. Jemand, der vielleicht kein so hohes Einkommen hat und nicht so gut ausgebildet ist, kann plötzlich trotzdem mit einer neuen Technologie oder einer Businessidee um die Ecke kommen. Das ist möglich und ich denke, wenn man sich dieser Möglichkeit entzieht, dann entzieht man sich auch der Zukunft.

Das ist doch ein riesiger Standortfaktor für Unternehmen und Arbeitnehmer. Die Regierungen müssen sich die Frage stellen, wie restriktiv der Aufenthalt für Ausländer geregelt ist.

Das wird vermutlich einen großen Unterschied ausmachen. Es gibt wahrscheinlich viele Entrepreneure in Kontinentaleuropa, die Entscheidungen auch aufgrund des Aufenthaltsstatus treffen. Ich bin sicher, dass viele in den nächsten Jahren gar nicht erst im UK aufschlagen. Und wir haben keine Ahnung, wie viele das sind. Wenn du als Startup im UK etwa auf der Suche nach einem CEO oder CTO aus, sagen wir, Polen bist und der- oder diejenige hat Familie, werden sie sich vielleicht denken: Wird das UK mir erlauben zu bleiben? Das ist ein Problem.

Welches Bild zeichnen die britischen Medien mit Blick auf die IT-Branche vom Brexit?

Die Medien hier sind nicht wirklich fokussiert auf die Tech-Industrie im Speziellen. Aber wohin Firmen nach dem Brexit gehen würden, das ist tatsächlich eine interessante Frage. Generell hat sich ganz Europa in den vergangenen Jahren gut gemacht. Die Stockholmer Tech-Szene ist momentan sehr groß, Berlin ist groß, Barcelona und so weiter. Das hat sich überall gut entwickelt. Es kommt also auf den gesetzlichen Rahmen an. Wie ein Unternehmen registriert ist, woher man Leute einstellen kann. Und natürlich, wie teuer es ist. Ich denke Berlin wird eine Anziehungskraft auf Entrepreneure haben, denn es ist eine billige Stadt, sie ist jung, dynamisch, es gibt VCs und Fundings dort. Aber es wird eben ein paar Jahre dauern, bis wir wissen, wie sich alles gestaltet und wie es das UK und damit seine Startups trifft.


Mike Butcher ist am 29. und 30. November auch im Rahmen der diesjährigen Techcrunch Disrupt-Konferenz in Berlin, wo sich auch diesmal wieder Tech-Startups um Fundings bewerben werden.


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

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