Tumblrs Pornoverbot trägt zur Diskriminierung und Kriminalisierung von Sexarbeitern bei

Tumblr galt als sicherer Raum für marginalisierte Gruppen wie queere Sexarbeiter. Nun lässt der Blogger-Dienst diese Community fallen. Damit entfällt für sie die wichtigste Plattform, um ihre Arbeit zu vermarkten.

„Mein erstes Portfolio war auf Tumblr“, sagt uns die feministische Pornodarstellerin und Stylistin Anneke Necro. Die Anfänge ihrer Karriere führt sie auf Tumblr zurück, mittlerweile arbeitet sie unter anderem mit der erfolgreichen feministischen Pornoproduzentin Erika Lust zusammen. Sie erklärt uns, was die Blogger-Plattform nicht nur für sie selbst so wichtig machte: „Man musste nicht in eine Website investieren, es war voller User, die einen sehen wollten und es war umsonst. Für SexarbeiterInnen oder freie Produzenten, die nicht genügend Geld haben, sind Orte wie Tumblr essenziell für unsere Existenz.“

Damit ist es bald vorbei. Am Montag kündigte die Plattform an, keine Pornografie mehr zu erlauben. Entsprechende Inhalte werden nun markiert und anschließend in den Privatmodus überführt, hieß es in einem Statement. Damit, so der Verdacht, reagiert Tumblr auf den Rausschmiss aus dem Apple Store im November, worüber das Tech-Portal The Verge zuerst ausführlich berichtete. Auf der Plattform waren Bilder aufgetaucht, die gegen die Richtlinien gegen Kindesmissbrauch verstießen. Tumblr hatte damals verkündet, der entsprechende Content sei durch ihre Filter gerutscht.

Maßnahmen zum Kindeswohl begründen aber nicht die Verbannung von Erwachseneninhalten insgesamt, die man nun mit Algorithmen durchsetzen will. Es scheint, Tumblr beugt sich dem prüden Apple-Dogma, dass pornographischer Content an sich böse ist. Damit beraubt sich die Blogger-Plattform aber nicht nur sich selbst seiner Besonderheit, nicht so zu sein wie quasi alle anderen Social-Media-Dienste, wo jeder Frauen-Nippel zensiert wird. Sie diskriminiert damit auch ganze Gruppen, die auf Tumblr lange Zeit einen Freiraum zur Selbstentfaltung – auch ihrer wirtschaftlichen – vorfanden.

Sehr deutlich beschreibt uns das die ebenfalls feministische Pornodarstellerin Lina Bembe in einer Mail: „Es ist, als käme jemand in dein Büro und sagt dir, dass dein Business nicht mehr existieren darf, dass du alles räumen musst, die Arbeit unterbrechen, deine Netzwerke schließen.“ Freien SexarbeiterInnen, denen Dienste wie Facebook oder Instagram für ihre Arbeit verschlossen bleiben, erschwere das, mit ihren Communities in Kontakt zu treten, Infos zu teilen und schlicht, ihre Arbeit zu promoten, so Bembe.

„Verlust für die LGBTQ-Community“

Für die Tumblr-Community war der Dienst nämlich immer ein Raum selbstbestimmter, freier Entfaltung und das gerade auch für durch Diskriminierung gefährdete Gruppen. Sie werden nun ihrer Sichtbarkeit beraubt. Das betrifft nicht nur einzelne Privatpersonen, sondern gefährdet auch die Existenz von Unternehmerinnen wie Necro oder Bembe, die auf Tumblr ihre Brand aufgebaut haben. „Dass Tumblr Erwachseneninhalte verbannt ist ein großer Verlust für die LGBTQ-Community“, sagte die queere Aktivistin und Pornodarstellerin Kitty Stryker dazu bereits am Montag zu Motherboard. „Für viele ist das der eine Ort, an dem wir Pornografie finden konnten, die uns repräsentiert, gemacht von Indie-Performern, die ihren Content außerhalb einer rassistischen, transmisogynen und fatshamenden Industrie produzieren konnten.“

Am Ende fügt sich das Pornoverbot auf Tumblr ein in die traurige Tradition der Jahrhunderte langen Kriminalisierung von Sexarbeit, bei der Behörden, Gesellschaft und Medien letztendlich keinen Unterschied machen zwischen den Phänomenen Prostitution, Menschenhandel, Kindesmissbrauch, Zwangsprostitution – und eben selbstständiger Sexarbeit als Escort, PornodarstellerIn oder -ProduzentIn. Im Zweifel muss eben alles weg. Dass dabei aber die Existenzen Selbstständiger und sogar kleine Businesses vor immer mehr Schikanen stehen, stört niemanden. Sexarbeit hat keine Lobby. Nun scheint also auch Tumblr einen großen Teil seiner Community den Vorgaben Apples zu opfern. Zu dieser Einschätzung kommt, neben anderen Beobachtern, auch Lina Bembe. „Apple spielte immer eine Rolle in der Zensur. Indem sie alle Apps aus dem Apple Store verbannen, die sexuell expliziten Content beinhalten, können sie die Richtlinien der Plattformen mitbestimmen, die mit ihnen zusammenarbeiten wollen.“

Doch in der Community gibt es noch einen weiteren Verdacht, was Tumblr zu dem Schritt veranlasst haben könnte: „Das riecht nach SESTA/FOSTA“, sagt Anneke Necro auf die Frage, weshalb Tumblr nun diesen Schritt geht. Das sind Gesetze in den USA zur Bekämpfung von Menschenhandel und Zwangsprostitution, denen jedoch vorgeworfen wird, zwischen Sexarbeit und Zwangsprostitution keinen Unterschied zu machen. Für Necro sind diese Gesetze aber auch direkt gegen Menschen wie sie und ihre Community gerichtet. „Ich denke, die wirklichen Gründe sind es, unseren Kampf für Feminismus, LGBTI-Rechte, Antirassismus, Antifaschismus und Antikapitalismus für die Gesellschaft unsichtbar zu machen. Sie wollen nicht, dass Sexarbeiter reden und kämpfen – und dass die Gesellschaft sie dabei hört.“

Algorithmenbasierte Content-Schleudern

Auf Tumblr konnten sich bisher Menschen – selbst Unternehmen – weitgehend frei selbst darstellen und ihre Brand und Community aufbauen. Für einen Teil der Tumblr-Community gilt das nicht mehr, sie werden nun von Algorithmen aussortiert. Für SexarbeiterInnen bedeutet das, was sie ohnehin gewohnt sind: mehr Ausgrenzung. Und für den Rest der Social-Media-Nutzer? Dass Tumblr nun ein Stückchen mehr das wird, was alle anderen schon sind? Algorithmenbasierte Content-Schleudern? Gähn.

Bemerkenswert ist auch, bis wann Tumblr die Regelung durchsetzen will: am 17. Dezember. Das ist auch der „internationale Tag gegen Gewalt gegen SexarbeiterInnen“.


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

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