Booming Spooning: Die Kunden rennen dem Berliner Startup ­Spooning die Bude ein

Welche Kraft in Keksteig stecken kann, zeigt sich, wenn Blut fließt. Diana Hildenbrand hat ihren Sohn vom Kindergarten abgeholt, weil er sich beim Spielen eine Schmarre auf der Stirn zugezogen hatte. Man sieht dem Dreijährigen den Schreck noch an, Tränen und ein Blutstropfen sind noch nicht ganz getrocknet. Er kuschelt sich nun in die Arme seines Vaters.

„Tut weh?“, fragt Constantin Feistkorn und küsst den Jungen aufs Haar. „Willste Cookie Dough essen?“

„Mit Erdbeersoße!“, ruft der Kleine. Damit ist alles wieder gut.

Und damit ist das Konzept von Spooning erklärt, Hildenbrands und Feistkorns Startup. Roher Keksteig, das ist Stoff gewordener Trost, das ist die Heimeligkeit von Mamas Küche, wo die Kinder ihre Finger in die Schüssel stecken. Gesund ist es natürlich nicht: Zucker, Fett und Weizenmehl, aber da­rum geht es nicht. Es geht um: Gönn es dir.

11.59 Uhr

„Forget your diet“, vergiss deine Diät, hängt folgerichtig als Neonschriftzug in der Spooning Cookie Dough Bar in Berlin, wie eine Eisdiele, altrosa gestrichen und von der aufgeräumten Retro-Ästhetik eines Wes-Anderson-Films. Hier hat der Siegeszug von Spooning begonnen.

Es ist ein Oktobertag wie gemalt. Mild scheint die Sonne durch goldgelbe Blätter, und der Laden öffnet erst in einer Stunde. Ein guter Zeitpunkt, sich vor die Tür zu setzen und Revue passieren zu lassen, was in den Wochen seit Ausstrahlung des „Löwen“-Auftritts passiert ist. „Danach ist man ein bisschen wie auf Drogen“, erzählt Hildenbrand. „Ich will nicht sagen, dass wir müde sind“, sagt Feistkorn. „Aber wir sind seit anderthalb Jahren unterwegs, es ist sozusagen Kilometer 42 im Marathon – und jetzt kommt noch ein Sprint.“

12.03 Uhr

Die beiden haben gerade erst in Liegestühlen vor ihrem Laden Platz genommen, als die erste Kundin auftaucht. „Gibt’s schon was?“ Nee, eigentlich nicht. Aber weil du es bist. Hildenbrand steht auf.

Alles fing damit an, dass die passionierte Bäckerin und Teignascherin Hildenbrand schwanger war und beim Backen eben nicht naschen durfte, weil der Teig rohes Ei enthielt. Also experimentierte sie mit Rezepten ohne Ei. Die ­hatten den Nebeneffekt, dass der Teig haltbarer und leichter verdaulich wurde. Und weil Hildenbrand dank ihrer Teigleidenschaft wusste, wie viele andere diese ­teilten, dachte sie: Ein Teig, der lange hält und den man bedenkenlos essen kann – dafür muss es doch Abnehmer geben.

Ab Anfang 2017 stand das Paar sonntags auf einem Streetfood-Markt in Prenzlauer Berg. Merkte, dass die Idee funktionierte. Bekam mit, dass in New York eine Keksteig-Bar eröffnet hatte und blendend lief. Beschloss, es selbst zu wagen. Mitte 2017 machten sie ihren Laden auf. Ein halbes Jahr später der Pitch in der „Höhle“: Dagmar Wöhrl und Ralf Dümmel investierten 210.000 Euro für 38 Prozent.

Seither hat die Arbeit nie aufgehört. Hildenbrand kehrte nach der Elternzeit nicht auf ihre Stelle als Personalreferentin zurück, inzwischen hat auch Feistkorn seinen Job im Business-Development bei einem Autokonzern aufgegeben. „Wir arbeiten sieben Tage die Woche daran, das Ding auszubauen“, sagt er. „Wenn man ein Unternehmen startet, dann gerät man an Grenzen, da muss man rüber. Das ist mit Schmerzen verbunden. Mehr Arbeit, mehr Risiko, mehr Kapital.“12.16 Uhr

Fünf Touristen mit identischen roten Rollkoffern bleiben stehen und machen lange Hälse. „Are you open yet?“ Sorry, immer noch nicht. Sie drehen ab.

Schön: Der Laden lief von Tag eins an wie geschmiert. Schlecht: Keks­teig ist leicht zu kopieren. Bevor Nachahmer aufpoppen und zu viel Marktanteil erobern, muss Spooning expandieren, Präsenz erarbeiten, zur Marke werden. Alles muss jetzt schnell gehen. Sie brauchten den Schub der Show.

12.34 Uhr

In der Bar fuhrwerkt eine Angestellte mit einem Staubwedel, dann öffnet sie die Tür, um ein Schild rauszustellen. Strategischer Fehler. Sofort stehen zwei Männer in der Tür, komplett in Schwarz, lange Haare, Iron-Maiden-T-Shirt. „Eigentlich haben wir noch zu“, protestiert Feistkorn schwach. „Aber jetzt is auch egal.“

In der Sendung konnte man zusehen, wie die Investoren die Sache weiterdachten. Schnell ausrollen das Ding, sagte Dümmel. Im September hat das erste Spooning-Franchise aufgemacht, in Wöhrls Dormero-Hotel in Stuttgart.

Mehr ist in Aussicht. Sie haben Anfragen von 600 Interessenten, die eine Spooning-Bar eröffnen wollen. Hamburg, München, Köln, da wollen sie hin, später weitere Großstädte. So sollen zu den Erlösen aus dem Keksteigverkauf noch Franchisegebühren kommen.

12.36 Uhr

Eine junge Frau tritt an die Liegestühle heran. „Eine Frage: Kann man den Teig eigentlich auch abgepackt kaufen?“

„Normalerweise schon“, sagt Hildenbrand, „aber wir sind ausverkauft.“

„Nur hier?“

„Überall: Rewe, Edeka, Budni.“

Ursprünglich plante das Paar, einen fertigen Teig in die Kühlabteilungen zu bringen. Noch in der Show rieten die „Löwen“ davon ab: Im Supermarktkühlschrank ist der Platz zu knapp! Macht es als Trockenware! So kam es. Ihrer Teigmischung, die heute im Einzelhandel vertrieben wird, müssen noch Margarine und Wasser zugefügt werden. In vier Wochen sind 400.000 Becher weggegangen. Einen Millionenumsatz wird Spooning 2018 „auf jeden Fall“ machen.

„Wir sind ein Superschnellboot“, sagt Feistkorn. „Ich glaube, dass heute der Schnellere den Langsamen frisst, nicht der Große den Kleinen.“ Also kein Problem, falls Aldi mit einer Hausmarke nachzieht? „Am Ende ist es okay. Wir wollen, dass Keksteig zum Löffeln eine eigene Produktkategorie wird.“

12.57 Uhr

An einem Tischchen auf dem Bürgersteig nehmen zwei kleine Mädchen und ihr Vater Platz. Auch sie haben schon Teig ergattert. In drei Minuten macht der ­Laden offiziell auf, es bildet sich eine kleine Menschentraube. Die fünf Rollkoffer­touristen sind auch wieder da.

Neue Ausgabe: Die Höhle der Löwen #2

Die zweite Ausgabe zur neuen Staffel von „Die Höhle der Löwen“ ist da. Ein Heft über Gründer, ihre Ideen und Produkte – das die Geschichten hinter der erfolgreichsten deutschen Gründershow erzählt und erfolgreiche Unternehmer porträtiert. Für alle Fans der TV-Show und alle die davon träumen, etwas Eigenes zu wagen. Ab 13. November am Kiosk erhältlich – oder hier direkt online.


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